
Seit über 10 Jahren ist das hochinteressante Internet-Kulturmagazin paraplui online. Die aktuelle Ausgabe Winter 2007/08 befasst sich mit dem Thema Autobiografie, das – wie die Herausgeber zu Recht feststellen – in der Postmoderne Konjunktur hat:„Wir gehen davon aus, daß der aktuelle Boom an Autobiographien kein kurzfristiges Phänomen ist, sondern daß er im Kern eine Reaktion auf ein größeres sozialhistorisches Referenzproblem darstellt, das durch die medientechnologische Entwicklung der letzten 20 Jahre einen massiven Katalyseeffekt erfährt. Bedingt durch zunehmende funktionale Ausdifferenzierung und damit einhergehenden zunehmenden Kontingenzerfahrungen (Wahlmöglichkeiten) sieht sich das Individuum gezwungen, eine Instanz zu schaffen, die als Zuschreibungspunkt für die wechselnden Rollen des Alltags dienen kann und in der Zeit mit sich selbst identisch bleibt. Das eigene ‚Innere‘ rückt in den Fokus der Aufmerksamkeit des Individuums, das sich nun mehr und mehr als ‚in seinem Innersten‘ von seiner Umwelt verschieden und damit als ‚einzigartig‘, aber auch als ‚entfremdet‘ erfährt. Die Rede ist mit anderen Worten von moderner Subjektivität. Zur Stabilisierung eines solchen Ichs ist die Autobiographie hervorragend geeignet. Der einzelne kann sich in ihr seiner selbst, seiner eigenen Geschichte (und seines ‚Innern‘ als dem Raum, in dem über nicht realisierte Möglichkeiten reflektiert wird) versichern — und er muß dies in einer Gesellschaft, in der das Ich eine der letzten nicht-kontingenten Instanzen ist, auch zunehmend tun:„Selbstdarstellung, Inszenierung des eigenen Image ist die Devise. Mach dich öffentlich, feature dich selbst oder du bist raus aus dem Spiel“ (Schöpf/Stocker)“. Es gibt online jede Menge interessanter Texte zu lesen, ein Besuch lohnt sich!
Und hier gehts zum paraplui
Für schnellentschlossene Tagungsbucher gibt es hier noch einen Tipp für das Wochenende: am Freitag Abend und Samstag findet im Hospitalhof Stuttgart eine Tagung über theologische und philosophische Fragen der Selbstorganisation unter der wissenschaftlichen Leitung von Günter Schiepek statt. Im Programm heißt es:„In den ersten Jahren einer breiteren Beschäftigung mit den Fragen der Selbstorganisation komplexer Systeme gab es die verbreitete Vorstellung, dass die Selbstorganisation des Universums den Schöpfer ersetzen und ablösen könnte. Dies mag nun so kaum mehr vertreten werden, aber es lohnt sich noch immer, einer differenzierten Betrachtung des Verhältnisses theistischer Schöpfungsvorstellungen und naturwissenschaftlichen Modellen der Strukturbildung in komplexen Systemen nachzugehen. Neben der Frage der Schöpfung und der Bedeutung Gottes in einem naturwissenschaftlichen Weltbild hier sind ja viele Diskussionen im Umfeld der Darwinschen Evolutionstheorie geführt worden sind aktuell Fragen des Menschenbildes, der Ethik und der Werte von Bedeutung, die mit der Theorie und Wissenschaft der Selbstorganisation ins Spiel kommen: Fragen der Freiheit und Schuldfähigkeit in einem deterministischen System Mensch, Fragen der Machbarkeit und Planbarkeit oder umgekehrt: der Bescheidenheit und Demut in komplexen, nur begrenzt vorhersehbaren und steuerbaren Systemen (Natur, Mensch, technische Systeme), Fragen der Intervenierbarkeit in psychische und soziale Prozesse, Fragen der (starken) Emergenz versus reduktiven Erklärbarkeit des Bewusstseins, um nur einige zu nennen“