systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

28. März 2012
von Tom Levold
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Die Wirklichkeit der Universität

Im vergangenen Jahr ist Rudolf Stichweh 60 Jahre alt geworden. Er hat bei Niklas Luhmann in Bielefeld studiert und ist gehört zu den wichtigsten Vertretern der Systemtheorie in der Gegenwart. Bekannt geworden ist er unter anderem durch seine Studien zur Entwicklung der Professionen und der Unversitäten. Er ist gegenwärtig Professor für Soziologische Theorie und Allgemeine Soziologie an der Universität Luzern und Mitherausgeber der Zeitschrift„Soziale Systeme“, die ihm zum 60. Geburtstag ein Themenheft über„Die Wirklichkeit der Universität“ gewidmet hat. Das Heft 2/2010 (die Jahrgänge hängen immer etwas hinter dem Kalender hinterher) bietet in 19 durchweg spannenden Beiträgen systemtheoretische Reflexionen der Universität als Ort von Wissenschaft, Forschen, Lehren und Lernen, Rezipieren und Publizieren, Denken und Verwalten, Leben und Arbeiten. Eine schöne Lektüre für die Osterferien!
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26. März 2012
von Tom Levold
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Mitleid für die FDP

Die FDP hat im Saarland 1.826 Mitglieder. Bei der Landtagswahl am Sonntag hat sie 5.871 Stimmen erhalten. Das heißt, dass auf jedes Mitglied der FDP 3,22 Wählerstimmen gekommen sind. Wenn wir einmal annehmen, dass jedes Mitglied bei der Wahl für die eigene Partei gestimmt hat (wobei natürlich auch das eine nicht zu bestätigende Hypothese ist), bleiben etwa zwei Personen pro Mitglied übrig, die zusätzlich die FDP gewählt haben. Gehen wir weiter davon aus, dass die meisten Mitglieder einer klassischen Mittelstandspartei wie der FDP auch im Saarland keine völlig isolierte Singles sind, sondern in Beziehungen leben oder Familien haben und zudem beruflich und sozial eher gut vernetzt sind. In diesen Zusammenhängen dürfte besonders intensiv darüber nachgedacht werden, ob man nicht zugunsten des Verwandten, der Freundin oder des Geschäftspartners das Kreuzchen bei der FDP machen sollte. Es spielen dabei vielleicht auch neben Überzeugungen auch Gesichtspunkte wie innerfamiliäre Bindungen, Loyalitäten oder einfach Mitleid eine Rolle.
Selbst wenn nur noch das Mitleid bleibt, hielt es sich bei der Landtagswahl im Saarland offensichtlich in Grenzen. Jedenfalls hat es nicht zum Wiedereinzug in den Landtag gereicht. Bei der Bundestagswahl sind ca. 62.200.000 Menschen wahlberechtigt. Wenn davon 60 % zur Wahl gehen, bleiben noch 37.320.000 Menschen übrig. Davon müssen 1.866.000, also 5 %, eine Partei wählen, damit sie in den Bundestag kommt. Die FDP hat im Bund 63.123 Mitglieder. Pro Mitglied bräuchte sie 29,56 Stimmen, um wieder ins Parlament gewählt zu werden. Wenn die FDP also ihre klassische Wählerbasis nicht mehr überzeugen kann, wofür so manches spricht, müsste jedes Mitglied etwa 30 Personen dazu bewegen, aus Mitleid mit ihm FDP zu wählen. Da die Mitglieder wahrscheinlich aus Selbstmitleid (und manche auch immer noch aus Überzeugung) ihre eigene Partei wählen, bleiben noch 28,56 Wähler pro Mitglied übrig, die Mitleid haben müssten.
Der Mitleidsfaktor Bund müsste also den Mitleidsfaktor an der Saar um mehr als das zehnfache übertreffen, nämlich um das 12,86fache, damit die Partei wieder in den Bundestag einziehen könnte. Womöglich sind ja die Saarländer 13mal so hartherzig wie der bundesrepublikanische Durchschnitt. Oder aber die Saarländer FDP-Mitglieder haben überproportional wenig mitleidige Verwandte und Freunde. Wie auch immer: die FDP braucht im Bund dringend 1.800.000 mal Mitleid. Aus dieser Perspektive betrachtet, werden dann die aktuellen Auftritte von FDP-Politikern sofort viel verständlicher.

25. März 2012
von Tom Levold
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Unruhige Kinder – Eine Übung in epistemischer Konfusion

1991 hat Kurt Ludewig in der„Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ eine„Übung in epistemischer Konfusion“ hinsichtlich des Problems„unruhiger Kinder“ vorgenommen, die mittlerweile auch online zu lesen ist:„Vor dem Hintergrund des systemischen Denkens (sprich: konstruktivistischer Systemtheorie) werden in groben Zügen die Annahmen untersucht, die das Phänomen der kindlichen Unruhe („Hyperaktivitätssyndrom“) als eingeständige nosologische Einheit begründen und den bisherigen Behandlungsansätzen zugrundeliegen. Im Einklang mit zeitgenössischen Auffassungen wird dieses soziale Phänomen als ein interaktionelles betrachtet. Ausgehend dann von zwei Beispielen aus der Praxis des Verfassers werden Bestandteile für ein Verständnis der kindlichen Unruhe zusammengetragen, die, unter Vermeidung von extremen Sichtweisen, die das Phänomen allein „medizinisieren“ oder sozio-normativ werten, die Möglichkeiten systemischer Betrachtung nutzen, um den Therapeuten zu helfen, eine nachvollziehende und respektvolle Haltung zu ihren kleinen Klienten und deren Angehörigen einzunehmen“
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24. März 2012
von Tom Levold
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Die soziale Konstruktion von Halluzinationen

Tanya Luhrmann (Foto: www.stanford.edu) ist Professorin für Cultural and Social Anthropology an der Stanford University. In einem interessanten Aufsatz mit dem Titel„Hallucinations and Sensory Overrides“, der 2011 in der Annu. Rev. Anthropol. erschienen ist, beschäftigt sie sich mit den sozialen und kulturellen Hintergründen von Halluzinationen. Im abstract heißt es:„Hallucinations are a vivid illustration of the way culture affects our most fundamental mental experience and the way that mind is shaped both by cultural invitation and by biological constraint. The anthropological evidence suggests that there are three patterns of hallucinations: experiences in which hallucinations are rare, brief, and not distressing; hallucinations that are frequent, extended, and distressing; and hallucinations that are frequent but not distressing. The ethnographic evidence also suggests that hallucinations are shaped by learning in at least two ways. People acquire specific representations about mind from their local social world, and people (particularly in spiritual pursuits) are encouraged to train their minds (or focus their attention) in specific ways. These two kinds of learning can affect even perception, this most basic domain of mental experience. This learning-centered approach may eventually have something to teach us about the pathways and trajectories of psychotic illness“
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20. März 2012
von Tom Levold
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Systemisches Denken in der Heimerziehung: Anregungen für Pädagogik, Beratung und Organisation

Heute gibt es mal einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit – mit einem Artikel aus dem Jahre 1991 in der Zeitschrift„Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“. Geschrieben haben ihn Jochen Schweitzer (Foto: Tom Levold) und Dieter Reuter, mit Vorschlägen für eine systemische Heimerziehung. Auch wenn sich in der Heimpädagogik in den letzten 20 Jahren so manches getan hat, lässt sich doch nach der Lektüre resümieren, dass das systemische Potential bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Im abstract heißt es:„Ausgangspunkt dieses Aufsatzes ist eine Analyse charakteristischer Problempunkte in der Heimerziehung auf unterschiedlichen Systemebenen: Familiendynamik, Familie-Heim, größeres Familie-Helfer-System, Heimerziehung als Profession. Neuere Konzepte der Systemtheorie (Selbstorganisation, Beobachterabhängigkeit, „Passen“, Grenzen der Planung in Humansystemen) werden genutzt, um Anregungen für eine mit systemischem Denken konsistente Praxis der Heimerziehung zu entwickeln: Vom Aufnahmeverfahren bis zur Entlassung, von der Krisenintervention bis zur Familienpädagogik, vom Umgang mit Heimmitarbeitern bis zu Organisationsfragen“
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19. März 2012
von Tom Levold
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Talking brains: a cognitive semantic analysis of an emerging folk neuropsychology

Wie verändert sich das Bild mentaler Prozesse im Zeitalter der Hirnforschung in der Alltagspsychologie? Der Forscher Paul Rodriguez, der sich u.a. mit methodologischen Fragen im Zusammenhang mit bildgebenden Verfahren beschäftigt, hat 2006 eine interessante Arbeit veröffentlicht, in der er – in Anschluss an die metapherntheoretischen Konzepte von Lakoff und Johnson – anhand von Beispielen aus den öffentlichen Diskursen zeigt, wie die Idee des Gehirns zunehmend ein Konzept mentaler Zustände ersetzt. Im Abstract heißt es:„What is the influence of neuroscience on the common sense way we talk about behavior and mental experience? This article examines this influence and the diffusion of neuroscience terms as it appears in everyday language that reflects shared cultural knowledge. In an unsolicited collection of speech acts and metaphors I show that the word “brain” often substitutes for “mind” and brain states are often asserted as the cause of mental states. I also present several examples of visual depictions of the brain, including modern brain scans, which have become the basis for new cultural symbols that are identified with mental experience. Taken together, the linguistic and visual brain metaphors highlight the concrete nature of the brain in contrast to the abstract nature of the mind. This, in turn, provides a physical dimension to the way we conceptualize mental phenomena in ordinary language. Thus, a modern folk neuropsychology is emerging which provides an alternative, reductionist, and sometimes competing network of concepts for explaining the mind in comparison to conventional folk psychology“
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18. März 2012
von Tom Levold
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Eine systemtheoretische Neubegründung der Psychopathologie

Man kann nicht gerade behaupten, dass der systemische Diskurs in der Gegenwart reich an neuen Perspektiven sei, was die Fortentwicklung der klinischen Theorie betrifft. Zuviel Energie ist in den vergangenen Jahren in den Versuch geflossen, Systemische Therapie mainstreamkompatibel zu machen. Natürlich gibt es immer wieder gewichtige Ausnahmen, so z.B. das Buch von Peter Fuchs über die„Verwaltung der vagen Dinge„, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Soeben ist im Carl-Auer-Verlag ein Band des Bonner Psychiaters und Psychotherapeuten Roland Schleiffer erschienen, der nichts anderes als eine systemtheoretische Neubegründung der Psychopathologie zum Thema hat. In seinem Vorwort wünscht Fritz Simon, dass das„extrem innovative“ Buch zum„Meilenstein in der Entwicklung der Psychiatrie“ werden solle:„Ein zweiter Band scheint unabdingbar“! Schleiffers Buch ist ein Muss für jeden theoretisch interessierten klinischen Praktiker. Wie er die Systemtheorie Luhmanns mit Säuglings- und Bindungsforschung, Affekttheorie und Entwicklungspsychologie zusammenbringt und die Frage der Pathologie dabei neu fasst, ist äußerst spannend zu lesen und eröffnet der systemischen klinischen Theorie wieder neue Optionen. systemagazin bringt als Leseprobe das Kapitel 7, den Epilog,
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17. März 2012
von Tom Levold
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Mein neuer Entkorker für das Gläschen zum Feierabend