systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

16. Juni 2012
von Tom Levold
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Warum lesen Psychotherapeuten keine Forschungsliteratur?

In einem Beitrag für das Psychotherapeutenjournal 1/2012 macht sich der Berliner Psychotherapeut Thorsten Padberg Gedanken darüber, warum Psychotherapeuten keine Forschungsliteratur lesen, und kommt zu folgenden Ergebnissen:„Da die Produktion dieser Texte einen großen Teil der wissenschaftlichen Aktivitäten ausmacht, die Rezeption zugleich aber so sehr zu wünschen übrig lässt, ist dies Anlass genug, zu betrachten, was diese Texte wirklich leisten (können). Die Untersuchung kommt zu den folgenden Ergebnissen: 1. Forschungsliteratur instruiert nicht, 2. Forschungsliteratur informiert nicht und 3. Forschungsliteratur inspiriert nicht. Als gemeinsame Wurzel dieser drei Mängel wird ein Missverständnis bezüglich der Rolle der Schriften und Begriffe im Wissenschaftsbetrieb der Psychologie benannt. Sie transportieren keine allgemeingültigen Psychotherapieregeln. Vielmehr sind sie Werkzeuge im Ablauf professioneller Praxis“
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15. Juni 2012
von Tom Levold
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Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur

Viele Entwicklungspsychologen und Bindungstheoretiker gehen davon aus, dass sie anthropologische Universalien untersuchen. Dass die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen einer biologischen Matrix unterliegt, dürfte unbestritten sein. Allerdings ist die kulturelle Varianz von Entwicklungsverläufen und Eltern-Kind-Interaktion so beträchtlich, dass die Entwicklungspsychologin Heidi Keller den Begriff der Entwicklung„als Konstruktion und Ko-Konstruktion kultureller Inhalte auf der Grundlage biologischer Prädispositionen“ definiert:„Kultur definiert die Inhalte von Entwicklungsprozessen und ist somit das Medium des Menschen zur Anpassung an die Umwelt. Sie umfasst dabei die reale, soziale und mentale Auseinandersetzung mit der physikalischen, kommunikativen und spirituellen Umgebung sowie den daraus entstehenden Produkten. Dabei wird deutlich, dass Kultur sowohl innerhalb als auch außerhalb des Menschen existiert und ein Kontinuum der Übergänge beinhaltet. So wie Entwicklung ein Prozess der Veränderung ist, ist auch Kultur ein ontogenetischer und historischer Prozess von Veränderungen“. Gemeinsam mit Athanasios Chasiotis (Fotos: www.uni-osnabrueck.de) hat sie 2008 einen Beitrag für die von M. Hasselhorn & R. Silbereisen herausgegebene Enzyklopädie der Psychologie (Göttingen: Hogrefe) verfasst, der in Band 4„Psychologie des Säuglings- und Kindesalters“ erschienen ist. In diesem Text werden„zunächst drei Kategorien der Betrachtung der Beziehung zwischen Kultur und Entwicklung skizziert (…): die kulturvergleichende, die kulturpsychologische und die indigene Sichtweise. Danach werden die Grundlagen für eine integrative Betrachtung im oben definierten Sinne vorgestellt, nämlich die Natur des Menschen und die kulturellen Variationen. Im Hauptteil dieses Kapitels wird dann die Entwicklung in der frühen Kindheit in verschiedenen Sozialisationspfaden nachgezeichnet, die prototypische kulturspezifische Modelle für universelle Entwicklungsaufgaben darstellen, die dennoch auf verschiedenen Dimensionen variieren können“
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14. Juni 2012
von Tom Levold
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Coaching-Magazin 2/2012

Im Coaching-Magazin 2/2012, das nun komplett online vorliegt, gibt es ein interessantes und berührendes Interview mit dem Coach Verena Nussbaume, die mit ihren Klienten nach Delphi und in die Wüste geht, um die wirklich wichtigen Fragen zum Vorschein kommen zu lassen. Darüberhinaus gibt es einen Artikel von Haja Molter und Karin Nöcker, unter Systemikern bestens bekannt, die ein Coaching-Tool mit Namen Raummodell als Landkarte für Coachingprozesse vorstellen, das„jenseits von Sprache Selbstorganisationsprozesse anstoßen soll. Innerhalb dieses Modells gibt es einen Wirklichkeits-, einen Möglichkeits- und einen Zielraum. Diese werden als eine von vielen möglichen Unterscheidungen im Kontext von Beratung und Coaching betrachtet. Das Raummodell soll die Komplexität systemischen Denkens und Handelns angemessen ungewöhnlich reduzieren. Voraussetzung dafür ist eine systemisch-konstruktivistische Haltung, der Coach sollte sich als Prozessbegleiter verstehen und mit Ungewissheit leben können. Die Klienten entscheiden darüber, ob es für sie eine hilfreiche Unterscheidung ist und sie der Einladung folgen können“
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11. Juni 2012
von Wolfgang Loth
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Krise der Identität?

Es bleibt ein Thema, das einen angeht. Und wenn ich das auch noch wörtlich nehme, kommt etwas zum Tragen, was im sprachlastig erscheinenden systemischen Denken bisweilen zu kurz kommt – Körper und Leiblichkeit. Kein metaphorisches Sprachspiel, sondern womöglich Methode und im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung cyberweltlicher Kontexte eine interessante Frage: geht uns das noch etwas an? Wenn ich unter „angehen“ das Spüren von etwas mitdenke, bin ich an einer Grenze und an dieser entscheiden sich Blickwinkel und Zugehörigkeiten und auf diesem Weg womöglich Bedingungen für Krieg oder Frieden. Für beide sind der Umgang mit dem Thema „Identität“ wichtig, vielleicht ist es Zufall, dass zur Zeit das Thema „Hells Angels“ en vogue ist und mit ihrer/seiner Hilfe das Thema Ausgrenzung/Zugehörigkeit/Gewalt durchgenommen wird.  „Krise der Identität“ als vielfältig relevantes Thema also, und Hille Haker (Foto: www.ethik.uni-frankfurt.de) setzt in ihrem informativen, spannenden und anregungsreichen Aufsatz ein Fragezeichen dahinter. Sie liefert einen kompakten und dennoch lesbaren Einstieg in eine Fragestellung, die sich an der Grenze zwischen herkömmlicher und Cyberwelt entwickelt hat. Von der herkömmlichen Erzähl-Identität zur Cyber-Identität geht eine Reise, doch was wie eine zunehmende Entfernung aussehen mag, führt doch wieder zu alten Fragen mit neuen Mitteln. „Allerdings kehrt mit dem Internet die Mündlichkeit in ganz neuer Weise wieder“, schreibt Haker. Und: „Zugleich wird aber auch erkennbar, dass die herkömmlichen sozialen Grenzziehungen eine eindeutige Orientierungsfunktion haben, die sie außerhalb des Netzes selbstverständlich noch immer haben, die aber durch den Kontrast der Netzidentität viel stärker wahrgenommen werden kann – und die womöglich durch die flexible Netzidentität zersetzend wirkt. Schapp hatte noch die Leiblichkeit des Menschen auf die Narrativität beziehen wollen – heute stellt sich demgegenüber die Frage umgekehrt: gibt es Narrativität ohne die Referenz der Leiblichkeit? Welche Rolle spielt der Körper im Netz? Ist er überflüssig? Wird er, die ‚wetware‘, mit der ‚hardware‘ des Computers überwunden? Und wäre dies das Ende der Moral? Auffällig ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, die Rezeption der Auto-Erzählungen zu überprüfen. Obwohl der Schein der Interaktivität herrscht, sind die Identitätserzählungen, die etwa auf Homepages dargestellt werden, monologisch. Jenseits der Chatrooms mit ihren flexiblen Identitäten fehlt im Netz weitgehend die intersubjektive Kontrolle, sei es durch die Körpersprache des Gegenübers im Gespräch, sei es durch körperliche Individualität. Wenn die narrative Identitätskonzeption zum einen mit Leiblichkeit, zum anderen mit der Theorie der sozial vermittelten Identität zusammenhängt, ist hier erst noch herauszuarbeiten, was das Fehlen der sozialen Kontrolle für die neuen Identitätskonzepte bedeutet.“ Und schließlich: „Die Imagination und das Spiel mit Imaginationen betrifft nicht zuletzt die ethische Frage der Verletzung anderer – in ihrer individuellen Integrität und in ihrer sozialen Identität.“ Hille Hakers Aufsatz „Krise der Identität? Leiblichkeit, Körper und erzählte Identität in der Informations- und Wissensgesellschaft“ erschien 2005 in : G. Berthoud et al. (Hg.): Informationsgesellschaft. Geschichten und Wirklichkeit. 22. Kolloquium der Schweizerischen Akademie der Geistes – und Sozialwissenschaften. Fribourg: Academic Press, S. 323-340.
[Nachtrag 29.10.2012: Der Text ist mittlerweile nicht mehr an der ursprünglich angegebenen Stelle im Netz zu finden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, den Text zumindest in großen Teilen via google-books einzusehen. hier
link dazu
; WL]

10. Juni 2012
von Tom Levold
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Lehren des Nicht-Lehrbaren: Zur Qualität der systemischen Psychotherapie-Ausbildung

In einem sehr schönen Beitrag, den er 1997 in systhema veröffentlicht und der bis heute nichts an Relevanz verloren hat, macht sich Siegfried Essen (Foto: www.siegfriedessen.com) Gedanken über die Ausrichtung der Ausbildung systemischer TherapeutInnen: Sowohl die Entwicklung der psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung als auch die der systemischen Theorie legen nahe, daß angemessene und wirksame Psychotherapie nicht so sehr auf der Anwendung spezifischer Theorie, Methodik und Technik beruht, sondern weit mehr auf der ‚Haltung‘ des Therapeuten und seiner/ihrer Art der Beziehungsgestaltung. Auf der Basis dieser Erkenntnisse werden die Ausbildungsziele systemischer Psychotherapieausbildung neu formuliert und konkrete Ansätze für die Praxis der Ausbildung vorgeschlagen“
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9. Juni 2012
von Tom Levold
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Zitat des Tages: „Der Ball als Sich-vorweg-sein“

„Im Verhältnis des Spielers zum Ball kommt ein existentielles Grundverhältnis zum Ausdruck, das bei Heidegger mit dem Phänomen der Sorge umschrieben ist. Die Sorge beschreibt er als ein ’sich-vorweg-sein‘. Der Mensch ist nie einfach nur da, sondern sich zugleich immer schon selbst vorweg, indem er sich auf seine Möglichkeiten hin entwirft; sich um sich sorgt. [ … ] Hierfür könnte es keine bessere Veranschaulichung geben, als das Verhältnis des Spielers zum Ball. Der Ball verhält sich zum Körper grundsätzlich auf eine Weise, die es nicht erlaubt, ihn in Besitz zu nehmen. Der Spieler kann ihn bestenfalls in die eigene Regie nehmen, ihn vor sich hertreiben oder jemand Anderem zuspielen. Der Ball ist dem Spieler immer schon vorweg, wie die Sorge um uns selbst“ (Aus: Karl L. Holtz: Die Welt ist alles, was der Ball ist. Zur performativen und narrativen Inszenierung eines Spiels. In: Fritz B. Simon (Hrsg.): Vor dem Spiel ist nach dem Spiel. Systemische Aspekte des Fußballs. Heidelberg 2009 [Carl-Auer], S. 158 – Foto: Anton (rp) Winter 2004)

7. Juni 2012
von Tom Levold
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Strukturauflösung durch Interaktion

Das neue Heft von„Soziale Systeme“, das in diesem Frühjahr erschienen ist (auch wenn es noch unter Heft 1/2011 firmiert), bietet wieder eine Fülle interessanter Beiträge für alle systemtheoretisch interessierten Leserinnen und Leser. Ein Highlight ist ein bislang unveröffentlichter Aufsatz von Niklas Luhmann aus dem Jahre 1975 zum Thema„Strukturauflösung durch Interaktion“, der auch auf der website der Zeitschrift online gelesen werden kann, und zwar hier. Im abstract heißt es:„Die folgenden Überlegungen gehen von der Erkenntnis aus, dass mit der Wahl einer Systemreferenz alle anderen Systeme und deren Umwelten als Umwelt des Bezugssystems impliziert sind. Dies gilt auch für Interaktionssysteme, die sich stets in einer Umwelt anderer Systeme, seien es Personen oder andere Sozialsysteme, befinden. In ganz verschiedenen Kontexten trifft man immer wieder auf die Erwartung, dass eine gezielte Auflösung und Rekombination von Systemstrukturen möglich ist, wobei die Forcierung dieses Prozesses zur Sache eines Interaktionssystems wird, das sich auf die Systemänderung eines anderen Systems spezialisiert. Um zu verstehen, wieso Strukturen Änderungen Widerstand entgegensetzen, muss ein komplexitätstheoretisches Verständnis zugrunde gelegt werden: Ein System ist komplex in dem Sinne, dass es eine Vielzahl von qualitativ verschiedenartigen Elementen in nichtbeliebiger Weise verknüpft. Strukturauflösung heißt dann: Wiederherstellung des quantitativen Überschusses an Relationierungsmöglichkeiten. In dem Maße, als Strukturauflösung gelingt, wird die Aktivierung einzelner Relationen im System zur Sache externer, mit dem System nicht mehr abgestimmter Determination. Ob und unter welchen Voraussetzungen Strukturänderung durch Interaktionen möglich ist, hängt daher nicht nur von den Strukturen selbst ab, sondern auch von der Einwirkungskapazität des Interaktionssystems. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind die eigene Temporalität des Interaktionssystems sowie die Kombination von Wahrnehmung und Kommunikation. Ob die Strukturauflösung durch die Interaktion trotz ihrer beschränkten Systemkomplexität selbst thematisiert werden kann, hängt einerseits davon ab, dass das Interaktionssystem besonderen Bedingungen (Professionalisierung, organisatorische Disziplinierung, Öffentlichkeit) unterliegt, und andererseits davon, dass das von Strukturauflösungen betroffene System in wesentlichen Hinsichten (Interdependenzformen, Geschichtslosigkeit) entgegenkommt, das heißt Strukturauflösung selbst ermöglicht“
Über diesen Artikel hinaus sind u.a. interessante Beiträge zum Thema Affekte und Systemtheorie (von Juliane Riese und Robert Seyfert) und zum Professionsverständnis Luhmanns zu finden. Elena Esposito steuert einen Text zum Begriff der Kontingenz bei und Elke Wagner setzt sich mit der Kultur der Medizinkritik auseinander. Lesen!
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6. Juni 2012
von Tom Levold
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Glossar von Fachbegriffen der Theorie dynamischer Systeme

In der Reihe der Forschungsberichte der Abteilung für Psychotherapie an der Universität Bern hat deren Leiter, Prof. Wolfgang Tschacher, ein„Glossar von Fachbegriffen der Theorie dynamischer Systeme“ online gestellt:„Das vorliegende alphabetische Glossar hat zum Ziel, grundlegende Begriffe der Theorie dynamischer Systeme zu definieren und ihren wechselseitigen Bezug herauszustellen. Gelistet sind auch Begriffe der Psychologie, die in Zusammenhang mit systemtheoretischer Begrifflichkeit stehen. Es handelt sich um die aktualisierte Version des in meinem Buch„Prozessgestalten“ (Tschacher 1997) abgedruckten Glossars. Auf die Aufnahme von Begriffen aus der geisteswissenschaftlichen und soziologischen Systemtheorie, wie auch aus der systemischen Therapie, habe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit und konzeptuellen Klarheit verzichtet. Die Erweiterung könnte einer späteren Auflage vorbehalten sein.Die folgenden Erläuterungen und Definitionen sind vorwiegend natürlichsprachlich abgefasst. Die so versuchte Verständlichkeit geht zu Lasten der Strenge der Begriffsbestimmungen“
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5. Juni 2012
von Tom Levold
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Diskurs systemischer Methodologie

Im April 1988 erschien in der Zeitschrift für Systemische Therapie (Heute: ZSTB) ein Heft zum Thema Systemischer Methodologie, als dessen Gastherausgeber Günter Schiepek fungierte. Zum Heft trugen mit eigenen Beiträgen sowie mit Diskussionsbeiträgen Günter Schiepek, Arist von Schlippe, Ewald J. Brunner, Franz Reither, Helmut Willke, Peter Kaimer, Kurt Ludewig und Uwe an der Heiden bei. Auf der website von www.systemisch-forschen.de kann man das komplette Heft herunterladen, die Lektüre ist empfehlenswert.
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4. Juni 2012
von Tom Levold
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Systemische Familientherapie bei schulverweigerndem Verhalten

2003 haben Jochen Schweitzer und Matthias Ochs in der Zeitschrift„Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ einen Artikel über systemische Familientherapie bei schulverweigerndem Verhalten veröffentlicht, der jetzt auch unter Open Access im Internet zu lesen ist: „Der Beitrag beleuchtet systemisch-familientherapeutische Implikationen einer Differentialdiagnostik schulverweigernden Verhaltens. Es werden systemische Therapieelemente, die sich in der Behandlung von Schulangst/Schulphobie bewährt haben, und verschiedene Familieninteraktionstypen, in denen schulverweigerndes Verhalten auftritt, vorgestellt. Abschließend werden zwei Kasuistiken systemischer Familientherapie bei Schulphobie/Schulangst präsentiert“
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1. Juni 2012
von Tom Levold
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„Übergänge“

Ein Blick über den Zaun: Die 2. Psychotherapeutische Herbsttagung des ZSP der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel fand am 8. September 2011 zum Thema »Übergänge« statt und wird im aktuellen Heft von„Psychotherapie & Sozialwissenschaft“ dokumentiert. Die verschiedenen Beiträge reflektierten aus psychoanalytischer Perspektive„Veränderungen und Konstanz in gesellschaftlichen, entwicklungspsychologischen und psychotherapeutischen Prozessen“, wie es im Editorial von Daniel Sollberger heißt. Ein wichtiger Bezugspunkt dabei ist u.a. die Frage, wie sich die Wandlungsprozesse der Spätmoderne auf die Entwicklung individueller Identität auswirken und ob sie mit entsprechenden psychischen Strukturveränderungen einhergehen. Dabei ist eine große Spanne unterschiedlicher Positionen zu erkennen. Martin Dornes postuliert einen solchen Strukturwandel der Persönlichkeit zur„postheroischen Persönlichkeit“, der mit dem sozialen Strukturwandel einhergeht, und den er, wenngleich dieser durchaus ambivalent sei, da er zu größerer intrapsychischer Freiheit, aber auch zu größerer Verletzlichkeit führe, positiv bewertet. Im Unterschied zu früher werde das Es„als weniger triebhaft erlebt, das Überich als weniger triebfeindlich und rigide, das Ich wird flexibler und kreativer“. Die explizite Gegenposition hierzu nimmt Christa Rohde-Dachser in ihrem Beitrag ein, die sich nicht vom„dem Menschen strukturell eingeschriebenen“ Ödipus-Konflikt lösen möchte:„Was wird unter den von Dornes beschriebenen Veränderungen aus den ödipalen Konflikten, die auch heute noch jedes Kind im Rahmen seiner Subjektwerdung durchlaufen muss (!)?“ Als empirisches Material für die Untersuchung psychischer Grundkonflikte unter den Bedingungen der Postmoderne zieht Rohde-Dachser nun keine Studien über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen heran, sondern:„eine zeitgenössische Aufführung von Molières‘ Stück ‚Don Juan’“. Darüber hinaus stützt sie sich bei ihrer Einschätzung der„Phantasmen (…), von denen sich Menschen heute bei der Suche nach der Erfüllung ihres Begehrens leiten lassen“,„vor allem auf Freud (1900) und auf Lacan (1960)“, also zwei ausgewiesenen Spezialisten für postmoderne Lebensverhältnisse.Das liest sich dann so:„Die Sprache (…) unterwirft (das Kind) dem Gesetz des symbolischen Vaters, der das unbeschränkte Genießen der Mutter verbietet“. Nun ja. Kann man so noch im Jahre 2012 reden? Immerhin ist Rohde-Dachser ja auch noch Soziologin. Die Gesellschaft erscheint in ihrem Text aber nur noch als Bedrohung – Chancen und Möglichkeiten des gesellschaftlichen Strukturwandels, gerade auch mit der Entwicklung neuer Kommunikationsformen, tauchen hier gar nicht auf.
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31. Mai 2012
von Tom Levold
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Heinz Kersting würde heute 75!

Heute vor 75 Jahren kam Heinz Kersting in Aachen zur Welt. Nach einem Studium der Philosophie in Frankfurt (1958–1960) und der katholischen Theologie in Frankfurt, Bonn und Innsbruck (1961–1964) machte er eine Ausbildungen in Social Group Work (1989–1970) und in Supervision, studierte Sozio-Linguistik, Erziehungswissenschaft und Soziologie an der RWTH-Aachen und promovierte in Erziehungswissenschaften bei Horst Sitta und Louis Lowy über die Kommunikationstheorie der Palo-Alto-Schule. Seit 1970 arbeitete er als Hochschullehrer, ab 1981 als Professor für Didaktik und Methodik der Sozialen Arbeit an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. 1985 gründete er das Instituts für Beratung und Supervision (IBS) in Aachen und leitete es als Wissenschaftlicher Direktor ebenso wie den Wissenschaftlichen Verlages des IBS. Er gehört zu den Wegbereitern der systemischen Supervision in Deutschland und war Mitbegründer und Gründungsvorsitzender (1989–1991) der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv), später deren Ehrenvorsitzender. Als Mitglied der Systemischen Gesellschaft arbeitete er im Supervisionsausschuss der SG mit, dessen Vorsitzender er zeitweise war. In seinem wissenschaftlichen Verlag sind zahlreiche Bücher zur systemischen Supervision und Gruppenarbeit erschienen. Der Volltext des Bandes„Irritation als Plan – Konstruktivistische Einredungen“, den er gemeinsam mit Theodor M. Bardmann, Hans-Christoph Vogel und Bernd Woltmann 1991 veröffentlichte, ist auf der ibs-website nachzulesen:„Heinz Kersting befasst sich im letzten Teil dieses Bandes in seinem Beitrag„Intervention – die Störung unbrauchbarer Wirklichkeiten“, mit Vorgehensweisen, deren sich Planer und Berater bedienen können, um psychische oder soziale Systeme in ihrer Autopoiese unbrauchbarer Wirklichkeiten zu stören. Selbstreferentiell arbeitende Systeme lassen sich durch Interventionen nicht instruktiv verändern, sondern allenfalls in ihrer Wirklichkeitskonstruktion irritieren. Der konstruktivistische Interventionist greift dazu gerne die Geschichten seiner Ratsuchenden auf, hört sie auf seine Art (selbstbezüglich) an und konfrontiert diese mit seiner veränderten Version der„alten“ Geschichte. Er beobachtet und beschreibt, was sein Gegenüber mit dieser Geschichte macht: das ist die Geschichte, die sich der Berater selbst schreiben muss und die er dann„Intervention“ nennt“
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30. Mai 2012
von Tom Levold
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Martin Kirschenbaum (1928-2012)

Von Alexander Korittko erreichte uns folgende Nachricht:„Am 23.5.2012 verstarb Prof. Dr. Martin Kirschenbaum in Orinda, Californien, im Alter von 83 Jahren. Martin Kirschenbaum war einer der ersten Familientherapie-Ausbilder im deutschsprachigen Raum. Er war ein Schüler Virginia Satirs und entwickelte die Systemisch-Integrative Paar- und Familientherapie. Er war Gründer und Leiter der California Graduate School in San Rafael, California. Zwischen 1975 und 2004 leitete er, zunächst zusammen mit Dr. Carole Gammer und Dr. George Downing, Weiterbildungsgänge in München, Berlin, Hamburg, Wiesbaden und in der Schweiz. In den letzten Jahren unterrichtete er zusammen mit seiner Frau Dr. Inger Kirschenbaum. Alle, die Martin Kirschenbaum kennen lernen durften, werden seinen kreativen, warmherzigen und authentischen Stil in Therapie-Sitzungen und seine humorvolle und zugewandte Art in persönlichen Begegnungen gerne in Erinnerung behalten“. Die undogmatische Art von Martin Kirschenbaum kommt auch in einem sehr schönen Gespräch zum Ausdruck, das er 1993 mit Angelika Faas und Thomas Krauß für das„Journal für Psychologie“ führte.
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