systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Paare und Paartherapie

| Keine Kommentare

Das zweite Heft des 51. Jahrgangs der Familiendynamik – Systemische Praxis und Forschung (Klett-Cotta, April 2026) widmet sich der Systemischen Paartherapie. Die Gastherausgeberschaft liegt bei Angelika Eck und Angela Wisberger, in Zusammenarbeit mit Mitherausgeberin Christina Hunger-Schoppe. Der Zeitpunkt passt: Beide großen systemischen Dachverbände, DGSF und SG, haben die Zertifizierungsrichtlinien für Systemische Paartherapie jüngst neu gefasst und damit die spezifischen Qualitäten dieses Feldes geschärft. Das Heft verbindet konzeptionell-theoretische Positionierungen, empirische Grundlagenarbeit und Praxisdarstellungen.

Der Themenschwerpunkt

Den Auftakt macht Agostino Mazziotta (FH Münster) mit einem Beitrag über das Öffnen monogamer Partnerschaften (Offen lieben? Motive, Einvernehmlichkeit und Macht beim Öffnen von Partnerschaften). Er bettet das Thema historisch ein – das romantische Ideal der lebenslangen Zweisamkeit ist eine vergleichsweise junge Konstruktion des 18./19. Jahrhunderts – und zeigt anhand von Google-Trends-Daten (Deutschland, 2004–2025) den markanten Anstieg des öffentlichen Interesses an Polyamorie. Empirisch unterscheidet er drei Formen konsensual non-monogamer Beziehungen: offene Beziehungen, Swinging und Polyamorie. Was alle drei Formen verbindet und von bloßer Untreue oder Heimlichkeit unterscheidet, ist das Prinzip der Einvernehmlichkeit – und genau hier setzt Mazziottas zentrales Argument an: Einvernehmlichkeit ist für ihn weit mehr als formale Zustimmung: Ein Ja kann aus Verlustangst,  Anpassung oder Konfliktvermeidung entstehen – und ist dann kein Konsens. Das von ihm vorgestellte FRIES-Modell (Freely given, Reversible, Informed, Enthusiastic, Specific) bietet dafür eine präzisere Orientierung. Für die Beratungspraxis präsentiert Mazziotta ein Acht-Schritte-Modell der achtsamen Beziehungsöffnung sowie ein Reflexionsinstrument zu Machtquellen in der Partnerschaft.

Der Beitrag ist analytisch dicht und verdient Anerkennung dafür, non-monogame Beziehungsformen ohne Pathologisierung in den therapeutischen Diskurs einzuführen. Er enthält aber auch subtile eigene Normativitäten, die es wert sind, benannt zu werden. Das zentrale Bewertungskriterium des Textes ist Authentizität – die Stimmigkeit zwischen innerem Erleben und äußerem Ausdruck. Das klingt nach Wertfreiheit, ist aber selbst eine kulturell geprägte spätmoderne Position, die traditionellen Beziehungslogiken oder ambivalenztoleranten Lebensentwürfen wenig Raum lässt. Das FRIES-Modell operiert mit dem Kriterium Enthusiastic Consent – ein Ja gilt nur, wenn es innerlich stimmig ist und nicht nur Duldung oder tastende Zustimmung. Damit werden Ambivalenzen und Zwischenzustände, die in therapeutischen Prozessen die Regel sind, tendenziell als unzureichend markiert.

Symptomatisch ist auch die Textarchitektur: Dem Wie der Öffnung werden acht differenzierte Schritte gewidmet, während Monogamie lediglich als Rückkehroption im letzten Schritt erscheint – nicht als gleichwertig verhandelte Alternative. Mazziotta registriert dieses Risiko immerhin selbst: Er erwähnt, dass in progressiven Milieus neue Gegennormen entstehen können, etwa Druck zur Öffnung. Diese Beobachtung bleibt aber episodisch; sie entfaltet keine strukturierende Wirkung auf den Text. Am Ende wird der Horizont gesellschaftspolitisch geweitet: Offene Beziehungen erscheinen als Beitrag zu einer „lebensfreundlicheren Gesellschaft“. Das ist eine politische Position – und zwar eine, die im Text nicht als solche kenntlich gemacht wird. Die Dekonstruktion der Mononormativität wird so zur Konstruktion einer neuen, nur diskursiv weniger sichtbaren Norm. Das ist kein Einwand gegen die inhaltlichen Positionen des Autors – aber ein Einwand gegen den methodischen Anspruch der Normfreiheit.

Angelika Eck vergleicht die beiden einflussreichsten und oft polarisierend verhandelten Strömungen der Paartherapie (Bindungs- und differenzierungsbasierte Ansätze – ein Widerspruch?, S. 118–125): die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Sue Johnson und den Crucible-Ansatz nach David Schnarch. Ihr Analysewerkzeug ist das Tetralemma nach Varga von Kibéd. Sie durchwandert systematisch die Positionen Das Eine, Das Andere, Beides und Weder-noch, um eine konstruktivistisch-systemische fünfte Position zu markieren, von der aus sich die Polarisierung auflöst. Der Beitrag zeigt, dass die scheinbare Unvereinbarkeit beider Ansätze ein konzeptionelles Artefakt ist und praktisch anschlussfähige Interventionen jenseits dieser Pole möglich sind.

Corina Aguilar-Raab (Heidelberg) stellt Mitgefühl als trainierbare Kernkompetenz vor (Mitgefühl in der Partnerschaft und in der Paartherapie, S. 128–137). Sie grenzt Mitgefühl konzeptuell von Empathie und Mitleid ab: Es umfasst die Wahrnehmung von Leid, die Motivation zur Linderung und die konkrete unterstützende Handlung. Eine Literaturstudie mit 72 Studien zeigt durchweg positive Zusammenhänge zwischen Selbstmitgefühl und Beziehungsstabilität, Bindungssicherheit und konstruktiver Konfliktbewältigung. Als Praxisbeispiel stellt sie das Cognitively-Based Compassion Training für Paare (CBCT-fC) vor: In einer Pilotstudie mit Paaren, bei denen ein Partner an Depression litt, reduzierte das Programm depressive Symptome vergleichbar mit Standardbehandlungen und erzielte zusätzlich stabile Verbesserungen in Achtsamkeit und Selbstmitgefühl.

Seiten-Blicke, Über-Sichten, Aus dem Feld

Günter Schiepek widmet sich in den Seiten-Blicken (S. 138–147) dem Verhältnis von Idiographik (Einzelfall) und Nomothetik (allgemeine Gesetzmäßigkeiten) in der Psychotherapieforschung. Mit der Synergetik als Leitparadigma zeigt er, dass beide Zugänge einander nicht ausschließen, sondern ergänzen – ein Plädoyer für personalisierte Therapie ohne Aufgabe generalisierbarer Prinzipien.

In den Über-Sichten berichtet Sonja Brüning (S. 148–159) von einem DGSF-geförderten Forschungsprojekt. In 16 qualitativen Interviews mit erfahrenen Systemischen Paartherapeutinnen fragt sie, was Systemische Paartherapie im Kern ausmacht – und liefert Anknüpfungspunkte für Ausbildung und Qualitätsdiskussion in einem Feld, in dem manualisierte Modelle fehlen und Integration zur Norm geworden ist.

Im Besonderen Fall beschreibt Angela Wisberger (S. 160–163) den Therapieprozess eines Paares nach dem Outing des Ehemanns als homosexuell – nach 33 Ehejahren. Die Darstellung beginnt programmatisch mit dem Ende: Das Paar lebt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in einer stabilen offenen Beziehung. In einem neunmonatigen Prozess (7 Paargespräche, 9 Einzelsitzungen) wurden systemische Grundhaltung, Bindungstheorie, Differenzierungskonzepte und hypnotherapeutische Elemente verbunden. Das Paar benennt vier Faktoren seines Gelingens: Liebe, Humor, Offenheit, Vertrauen. Im anschließenden Interview (S. 164–167) spricht Wisberger mit Justine van Lawick über das systemische Gruppenkonzept Kinder aus der Klemme für Familien in hochkonflikthafter Trennung – mit dem Kerngedanken, das verletzte Kind im Elternteil zu erreichen.

Weitere Beiträge

Das Heft enthält darüber hinaus einen berufspolitischen Beitrag zur Frage ungerechtfertigter Kostenübernahme-Ablehnungen in Privatpraxen (Jan-Philippe von Hagen), eine Institutsvorstellung des ifs Essen, Rezensionen, einen Leserbrief-Austausch zwischen Martin Rufer, Fritz B. Simon und Günter Schiepek zur Frage Systemisch oder systemisch?, eine Replik Christian Roeslers auf das Bindungstheorie-Schwerpunktheft (FD 3/2025) sowie Wolfgang Loths Kolumne „Kraterweg“ zum Schluss.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.