In meiner Vorstellung von Heft 3/2026 der Familiendynamik wies ich darauf hin, dass ein kritischer Beitrag von Stefan Beher über die Politisierung der Psychotherapie, der sich auf das Rassismus-Heft 1/24 der Familiendynamik bezog, von den Herausgebern erst nach über zwei Jahren veröffentlicht hat, begleitet von einem ungewöhnlichen, distanzierenden Hinweis vor seinem Text. Ihm zur Seite gestellt wurde ein Artikel, in dem der Kritik an diskrimierungskritischen Ansätzen Mythenbildung unterstellt wurde. Im Editorial dieses Heftes wurde darauf hingewiesen, dass die Veröffentlichung der beiden Texte ein „Zwischenschritt in einem Diskurs [sei], der in Zeiten eskalierender Debatten (Migration, Geschlechter, Klima, Krieg…) so nötig ist wie selten zuvor. Wir halten diesen Raum bewusst offen, auch wenn die darin geäußerten Meinungen nicht mit denen des Herausgeber:innenteams identisch sind“. Die Veröffentlichung einer kurzen Replik von Stefan Beher auf den Mythologievorwurf wurde von der Familiendynamik dann aber abgelehnt und ist nun hier im systemagazin zu lesen, ebenso wie ein Text über seine Sicht auf die Hintergründe dieser Auseinandersetzung. Von einem offen gehaltenen Diskursraum, der „so nötig ist wie selten zuvor“ kann aktuell offenbar nicht mehr die Rede sein.
Stefan Beher, Hamburg:
Perspektivenvielfalt und Publikationsmacht im systemischen Feld. Wie die Familiendynamik einen Diskurs ankündigte, den sie längst beendet hat
Zu den Grundüberzeugungen systemischer Therapie gehört, dass jede Beobachtung von den Unterscheidungen des Beobachters abhängt. Aus der Skepsis gegenüber vermeintlich objektiven Wahrheiten hat die Systemik einen wesentlichen Teil ihres professionellen Selbstverständnisses gewonnen.
Anfang 2024 veröffentlichte die Familiendynamik ein Themenheft über Rassismus. Die Beiträge vertraten eine bemerkenswert einheitliche Perspektive: Wissenschaftlich und politisch umstrittene Rassismusbegriffe und Deutungen wurden vielfach nicht als mögliche Beschreibungen behandelt, sondern zur Grundlage professioneller Verpflichtungen gemacht. Auch systemische Grundsätze wie Neutralität und Allparteilichkeit gerieten unter den Vorbehalt eines bestimmten politischen Deutungsmusters.
Das schien mir gerade aus konstruktivistischer Perspektive erklärungsbedürftig. Ich reichte deshalb im Februar 2024 einen Beitrag ein, der die im Themenheft verwendeten Beobachtungsmaßstäbe selbst zum Gegenstand der Beobachtung machte. In meinem Text wurde der breite Rassismusbegriff ebenso kritisiert wie die auf diesem Begriff aufbauenden moralischen Zuschreibungen; einzelne Behauptungen wurden mit widersprechenden empirischen Befunden konfrontiert und nach den Folgen für die professionelle Autonomie der Psychotherapie befragt. Mein zentraler Einwand lautete, dass eine Profession, die politische Weltbilder zum Maßstab ihrer Arbeit erhebt, ihre eigene Zuständigkeit überschreitet und ihre fallbezogene Urteilskraft beschädigt.
Der Text ging am 22. Februar 2024 bei der Redaktion ein. Angenommen wurde er am 12. März 2026. Dazwischen lagen mehr als zwei Jahre redaktioneller Auseinandersetzungen und – trotz der stets sehr zeitnahen Bearbeitungen meinerseits – wiederholter Verzögerungen seitens der FD.
Eine Veröffentlichung mit Vorbehalt
Als der Beitrag schließlich in Heft 3/2026 erschien, war ihm eine redaktionelle Erklärung vorangestellt. Zwischen Autor, Herausgeber und Redaktion habe eine „intensive Auseinandersetzung“ stattgefunden, ohne dass über den gesamten Text Einigkeit habe erzielt werden können. Zur Veröffentlichung habe man sich schließlich auch entschlossen, „um den zeitlichen Abstand zu Ausgabe 1/24 nicht noch weiter zu vergrößern“.
Im Editorial des gleichen Heftes war ergänzend von der „großen Herausforderung“ die Rede, den Austausch von Argumenten fruchtbar zu gestalten, ohne die „Polemik“ „(über-)mächtig“ werden zu lassen. Was damit konkret gemeint war, blieb offen.
Die Beiträge des ursprünglichen Themenheft in 2024 hatten unter anderem der systemischen Praxis eine Beteiligung an der kontinuierlichen Reproduktion von Diskriminierung zugeschrieben. Für solche weitreichenden Bewertungen gab es damals weder einen redaktionellen Vorbehalt noch wurde eine begleitende Gegenposition veröffentlicht. Nun, in 2026, wurde den Lesern ausdrücklich mitgeteilt, dass die Redaktion mit dem Autor eines kritischen Beitrags nicht vollständig übereingekommen war.
Der Mythograph
Darüber hinaus wurde meinem Beitrag ein zweiter Text zur Seite gestellt. Unter dem Titel „Von Mythen zu methodischen Mängeln, von mutwilligen Missverständnissen zur Meinungsinsel“ widmet sich Jonathan Czollek verschiedenen Einwänden gegen „diskriminierungskritische“ Ansätze, ohne näher nachzuweisen, von welchen konkreten Kritikern diese in der beschriebenen Form vertreten werden. Er behandelt dort fünf vermeintliche Mythen: die angebliche Einheitlichkeit der „Diskriminierungskritik“, Sprechverbote, die Absolutsetzung subjektiver Gefühle, die Einteilung in Gute und Böse und schließlich die Unprofessionalität „diskriminierungskritischer“ Ansätze. Ihre Verbreitung führt er unter anderem auf Verallgemeinerungen, selektive Zitate und Strohmannargumente zurück.
Die Kritik an einer bestimmten diskriminierungskritischen Position, so sein Argument, dürfe nicht zur pauschalen Kritik an „Diskriminierungskritik“ schlechthin werden. Dem kann man nur zustimmen. Bemerkenswert ist allerdings, dass ein weiterer Text Czolleks aus 2025 konkrete Beispiele für eben jene Positionen enthält, deren Kritik er nun unter dem Stichwort vermeintlicher Mythen behandelt.
In diesem hatte er in der Familiendynamik unter dem Titel „Leider sind wir nicht die Guten“ für eine „diversitätssystemische“ Neuorientierung der Psychotherapie geworben. Der Aufsatz, der ursprünglich ebenfalls 2024 im Rassismusheft erscheinen sollte und dessen programmatische Orientierung vorführte, enthielt konkrete Verhaltensanweisungen, bis hin zu einer allgemeinen Regel für das Fragen nach der Herkunft von Klienten, und erklärte zudem gesellschaftspolitisches Engagement zum Bestandteil diversitätssystemischer Praxis und nannte als Beispiel die Verurteilung verschärfter Asylrechtsregelungen aus systemischer Perspektive. 2026 behandelt er den Vorwurf, diskriminierungskritische Ansätze politisierten die Profession unsachgemäß, als „Mythos der Unprofessionalität“. Czollek empfiehlt seinen Lesern, mit dem tatsächlichen Gegenüber zu sprechen und dessen konkrete Argumente zu prüfen. Sein eigener Aufsatz illustriert die angeblichen methodischen Mängel der Kritiker allerdings anhand allgemeiner und anonymisierter Beispiele, ohne diese einer Überprüfung zugänglich zu machen. Auf meinen im gleichen Heft abgedruckten Beitrag nimmt Czollek keinen ausdrücklichen Bezug, obwohl dessen zentrale Argumente auffällig mit seinem Mythenkatalog korrespondieren. Ob ihm mein Manuskript bei der Abfassung vorlag, ist nicht bekannt.
Beide Texte wurden auf dem Titel der Familiendynamik als „Kontroverse Reaktionen zum Rassismusheft“ angekündigt. Sie wurden als Positionen einer Kontroverse präsentiert, ohne dass deren redaktionelle Entstehungsgeschichte näher erläutert wurde.
Ein bewusst offener Diskurs?
Im Editorial des Heftes werden die Beiträge von Czollek und mir als „Zwischenschritt in einem Diskurs“ beschrieben, der angesichts eskalierender gesellschaftlicher Debatten nötiger sei denn je. Ausdrücklich erklärten die Herausgeber, diesen Raum „bewusst offen“ zu halten – auch wenn die darin geäußerten Meinungen nicht mit ihren eigenen übereinstimmten.
Das Zurseitestellen des zweiten Artikels sollte, bei allen Fragen, die sich damit verbanden, offenbar nicht den Abschluss, sondern den Ausgangspunkt einer weiteren fachlichen Auseinandersetzung bilden.
Ich verfasste deshalb unter dem Titel „Der Mythograph als Mythos“ eine knappe Replik, die Czolleks Mythographie vor allem an seiner eigenen Veröffentlichung aus dem Vorjahr maß. Der Text blieb bewusst auf die zentralen Argumente beschränkt und wurde bereits am 16. Juli 2026 bei der Redaktion eingereicht.
Am 18. August 2026 teilte mir die Redaktion mit: „Im Auftrag der Herausgebenden teile ich Ihnen deren Entscheidung mit, die Diskussion an dieser Stelle nicht weiterzuführen.“ Auf meine Nachfrage nach den Gründen folgte am 7. September die Klarstellung, die Entscheidung, es bei den beiden veröffentlichten Beiträgen zu belassen, habe „bereits im Vorfeld“ festgestanden. Sie stehe daher „in keinem Zusammenhang mit dem Inhalt“ meiner Replik oder den darin vertretenen Positionen. Der im Editorial angekündigte Zwischenschritt erwies sich als Endpunkt.
Die Macht über die Beobachtung
Dass Redaktionen Beiträge ablehnen, ist ein so normaler wie unproblematischer Vorgang. Bemerkenswert in diesem Fall ist das Zusammenspiel der Entscheidungen: Eine an konstruktivistischen Grundsätzen orientierte Kritik an einem Themenheft benötigt über zwei Jahre bis zur Veröffentlichung und erhält einen redaktionellen Vorbehalt. Daneben erscheint ein weiterer Beitrag, der wesentliche Einwände gegen die kritisierte Position als Mythen behandelt. Die Zusammenstellung wird dann explizit als Ausgangspunkt eines bewusst offenen Diskurses präsentiert. Als daraufhin eine Replik eingereicht wird, erklärt die Redaktion, bereits zuvor beschlossen zu haben, es bei den beiden veröffentlichten Beiträgen zu belassen – unabhängig vom Inhalt der vorgebrachten Argumente.
Systemisches Denken hat die Beobachtung zweiter Ordnung zu einem seiner zentralen theoretischen Instrumente gemacht. Wer beobachtet, kann selbst daraufhin beobachtet werden, welche Unterscheidungen er verwendet, was er sichtbar macht und was seiner Beobachtung entgeht. Das gilt auch für Redaktionen, die über die Veröffentlichung von Beobachtungen anderer entscheiden. Die Macht, eine Perspektive zu vertreten, ist dabei etwas anderes als die Macht, über das öffentliche Auftreten konkurrierender Perspektiven zu entscheiden. Wer sich der Reflexion von Machtverhältnissen verschrieben hat, hätte hier einen naheliegenden Gegenstand der Selbstbeobachtung.
Die ursprünglich für die Familiendynamik verfasste Replik ist diesem Beitrag nun in der am 16.7.26 eingereichten Fassung zur Dokumentation beigefügt. Zusammen mit den drei veröffentlichten Aufsätzen ermöglicht dies, sich unabhängig von der redaktionellen Rahmung ein Urteil über die inhaltliche Kontroverse zu bilden.
Quellen und Dokumentation
Beher, S. (2026). SCHWARZ/WEISS. Zur Beschädigung professioneller Standards in der Psychotherapie durch deren Politisierung – am Beispiel des Themenhefts „Rassismus“ der FD (1/24). Familiendynamik, 51(3), 234–243. https://doi.org/10.21706/fd-51-3-234
Czollek, J. (2025). Leider sind wir nicht die Guten. Diversitätssystemische Therapie und Beratung gegen Rassismus. Familiendynamik, 50(1), 46–52. https://doi.org/10.21706/fd-50-1-46
Czollek, J. (2026). Von Mythen zu methodischen Mängeln, von mutwilligen Missverständnissen zur Meinungsinsel. Spaltende Debatten über Diskriminierungskritik. Familiendynamik, 51(3), 244–253. https://doi.org/10.21706/fd-51-3-244
Ergänzende Dokumentation: Stefan Beher, Der Mythograph als Mythos und die Selbstimmunisierungsstrategien des identitätspolitischen Antirassismus. Am 16. Juli 2026 eingereichte, nicht veröffentlichte Replik auf Czollek (2026). PDF zum Download.
Lieber Lothar, leibe alle hier,
ich wollte das aus einem bestimmten Grund klarstellen, es erleichtert die Diskussion ungemein, weil Luhmannsche Theoriefiguren derart nicht mit Vorstellungen belastet werden, die ihnen zwar nicht anhaften, an sie aber angehaftet werden können, oft nicht zu ihrem Vorteil. Aber natürlich obliegt das ganz dir.
Sobald wir alle unsere theoretischen und annicitätskompetenten Heringe in den Boden des Zeltplatzes unseres Diskurses gerammt haben kann es losgehen, sofern ausser uns jemand Bedarf haben sollte.
Bzgl. der Autopoiesis gebe ich dir recht. Luhmann hatte eine kindliche Freude daran, Maturana zu ärgern und darüber nicht bemerkt, dass Theoriefiguren, wie du sie vorschlägst, allemal brauchbarer gewesen wären. Aber inzwischen sieht sich Niklas die systemtheoretischen Radieschen ohnehin längst von unten an und wir können uns – welch dreiste Selbstüberschätzung 😉 – von jeglicher Autopoiesis befreien. Außerdem hatte er uns Therapeuten ohnehin kaum vor Augen.
Schauen wir auf das, was weniger theorielästig auch als „systemischer Holzweg“ bezeichnet werden. könnte. Da Felder sich nie verirren, sondern höchstens mal brach und dann wieder bestellt liegen oder mit Gülle überschüttet vor sich hin stinken, müssen es die Feldbestellenden sein, die sich womöglich im Funktionssystem verirrt haben und sich unterschiedlichste Ernteergebnisse um die Ohren hauen mit Fokus auf dem Kollegen Beher und dem Kollegen Levold, die einzig und allein getan haben, was man von Systemikern auch erwarten kann: Kritisch hinterfragen, paradoxisieren, tetralemmatisieren, problematisieren und neu konstruieren usw.
Mir scheinen z.B. folgende Fragen beantwortenswert:
Haben sich die systemischen Erntearbeiter gleich in ein anderes funktionales System verirrt, weil sie eher Bekenntnisse als Diskursbeiträge formulieren und somit die Elle der Moral, also den Code gut/böse an die diversen Elaborate nicht nur, aber auch der lieben Kollegen Beher und Levold anlegen? Wird nun unbotmäßiges auf den Index gesetzt und geächtet, wie es anderswo – eine weitere mögliche Verirrung – gewöhnlich lehramtlich verbindlich geschieht?
Spielt die strukturelle Kopplung mit dem System der Wirtschaft eine tragende Rolle sprich ‚Wo kommen wir denn da hin, wenn nun gleich alle an jene Fleischtöpfe kämen, die durch die sozial- und berufsrechtliche Anerkennung verlockend vor sich hindampfend geöffnet worden sind‘?
Die Frage in der DGSF, ob denn nun ein 12.000-Mitglieder-Verband, der zu 80% oder mehr aus nicht approbationsfähigen, geschweige denn kassensitzerwerbsfähigen Mitgliedern besteht, sich jenen 20 oder womöglich nur 10% ganz überwiegend finanziell und aktionell zuwenden wolle, habe ich öfter schon in den letzten Jahren, bereits in vorpandämischen Zeiten, vernommen. Eine Antwort darauf habe ich derzeit nicht, weil ich immer ein großer Freund der wiss. Jahrestagungen war, die nun nicht mehr stattfinden und nach den Pandemiejahren die Nase voll habe von distanzsaffinen Settings.
Oder haben sich einige fleissige Landwirte auf den systemischen Feldern eines unangemessenen Mediums bedient, entliehen aus dem System der Politik (Macht), der – s.o. – Religion (Glaube) und/oder der Wirtschaft (Geld)?
So knüpfe ich wieder an Arists Frage an. „Wo ist die Leichtigkeit geblieben?“ Oder anders gefragt, bevor wir ihr Versteck gefunden und sie dort aufgesucht haben werden, um sie zu befragen, indem wir einen ferneren Schritt nicht vor den näheren wagen: „Wie ist uns die Leichtigkeit abhanden gekommen?“ Dann bekämen wir möglicherweise zunächst Informationen über das Wie und beobachten 2. Ordnung und überblicken damit auch denkbare und mögliche künftige Vermeidungen solcher Verluste und wären sodann gestärkt für die abschließende Befragung der Leichtigkeit. Aber vlt. ist die Leichtigkeit auch längst als Bestellende auf anderen systemsichen Felder Unterwegs und pfeift uns lieber was, auf der Panflöte?
Oder: Wäre es möglich, dass wir hoch annicitären gerade den Beginn eines generationsbedingten Paradigmenwechsel miterleben, der uns irritiert in Lauerstellung verharren lässt? Geht es euch nicht auch oft so wie mir, der sich darüber wundert, dass man beim ÖRR inzwischen blutjunge Korrespondent:innen in die brandgefährlichen Krisengebiete dieser Welt entsendet, obwohl diese doch noch weit mehr Leben vor sich haben, als wie bereits hinter uns, und dann erreicht mich eine Nachricht, das xy, vormals Kairo, nun im Ruhestand sei und z, vormals Teheran, zwar den islamistischen Gottesstaat kommentierend überlebt hat, um sodann als Pensionist schnöde im sicheren heimischen Bett seinen Geist auszuhauchen?
In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein entspanntes Wochenende und grüße euch alle ganz herzlich.
Andreas
Lieber Andreas und mitlesende Kollegen/innen,
aus meiner Sicht verengt die Luhmannsche Brille eher die systemtherapeutischen Möglichkeiten als dass sie welche eröffnet. Ich will das aber hier nicht weiter ausführen, das habe ich früher gelegentlich getan und ich will niemanden langweilen.
Die verlorengegangene Leichtigkeit finde ich persönlich u.a. in mir selber. Der einzige Ort, auf den ich wirklich Zugriff habe und auch das gelingt einem ja bekanntlich nicht immer. Und wenn ich therapeutisch/systemisch arbeite. Therapie bewegt sich jenseits von Ideologie, sie orientiert sich an Wachstum und Entwicklung und nicht an richtig/falsch Kriterien, das macht Freude.
Artikel wie „wir sind nicht die Guten“ vermeide ich zu lesen, weil ich schon weiß, welche ideologische Verengung sie parat haben. Das schlägt mir auf die Verdauung. Ich finde es traurig, derlei ideologische Pamphlete in einer einst so wundervollen Zeitschrift wie der Familiendynamik zu sehen. Mich erinnert diese ideologische Aufladung an Zeiten vor 50 Jahren (Arnold, aufgepasst!) und die maoistischen Grundsatztexte über die richtige Haltung und den Haupt- und Nebenwiderspruch und wie man ihn überwindet, die damals in studentischen Kreise en vogue waren.
Dieser Hypermoral, die sich mittlerweile allen Raum nimmt, kann man argumentativ nicht begegnen, weil sie dagegen immun ist wie das Zentralkommite der KPdSU. Die Partei hat immer recht. Ich sehe da keine kommunikativen Anschlussmöglichkeiten.
Dass Luhmann das Autopoiesiskonzept verwendet hat, um Maturana zu ärgern, finde ich klasse (wenn es denn stimmt). Dass dieser denklastige Mensch eine Theorienbildung vorgenommen hat, die sich aus einem emotionalen Konflikt gespeist hat, finde ich sehr sympathisch.
Herzlichen Gruß, Lothar
Lieber Lothar, lieb Alle,
ich danke dir für deine erdenden Worte, die für mich als hoffnungslos hoffnungsvollem Optimisten stets sehr bedeutsam sind und in deinem Falle auch von einem Kollegen stammen, den ich sehr schätze.
Ich versuche immer zu zeigen, dass in Luhmanns vermeintlich abgefrühstückter Systemtheorie noch Schätze zu heben sind, die systemisches Denken und Arbeiten nicht nur enorm inspirieren, sondern auch wieder zur abhanden gekommen Leichtigkeit verführen könnten.
Ich kann meine Hypothesen natürlich nur bedingt überprüfen, weil Niklas L. sich die bereits früher erwähnten Radieschen schon seit 1998 von unten anschaut. Ich könnte auch eine Biographie über ihn schreiben, was Luhmann derart hassen würde, dass er vermutlich den jüngsten Tag für seine Wenigkeit vorziehen würde. Mindestens müsste ich damit warten, bis auch alle unmittelbaren Luhmannschüler ihren Meister beim Betrachten der Radieschen unterstützen.
Was Luhmanns nahezu unentdecktes Potenzial betrifft beziehe ich mich auf den – für Luhmann erstaunlich philosophisch-spekulativen – Aufsatz „Das Medium der Religion: Eine soziologische Betrachtung über Gott und die Seelen“,
der zunächst 1997, kurz vor seinem Tod, in der theologischen (!) Fachzeitschrift „Evangelische Theologie“ und 2000 posthum in „Soziale Systeme“ erschienen ist. Der Wechsel des Mediums der Religion vom Glauben hin zum Gegenüber der Seelen vor Gott birgt enormes Potential für die Seelsorge.
Der schmale und dennoch gewichtige Band „Niklas Luhmann am OVG Lüneburg. Zur Entstehung der Systemtheorie“ ist aufschlußreich hinsichtlich des Umstandes, dass Luhmann „Menschen“ konsequent aus seiner Theorie herausrechnete, indem er sie der Umwelt Sozialer Systeme zuordnete. Aus den Akten des OVG erfahren wir, das Luhmann sehr an einer Funktion gelegen war, die er – erfolglos – bei jenem Spruchkörper zu etablieren versuchte, dem er ab 1954 diente. Er wollte eine Funktion implementieren, um „Menschen“ vor behördlicher Willkür zu schützen. Zur Belohnung für seinen offenbar unbotmäßigen Vorschlag wurde der übereifrige Justizassessor Luhmann in die Bibliothek des OVG versetzt.
Diese Spur von Luhmanns Interesse am Schutz der Menschenwürde meine ich in einem Interview wiederaufgefunden zu haben, das
unter dem Titel „Nicht vorschnell verstehen“ im TV ausgestrahlt wurde. Er berichtet sichtlich betroffen von einem Erlebnis im Schützengraben, als er realisierte, dass das Gesicht seines Freundes nach dem Einschlag einer Granate nichts mehr mit jenem Gesicht zu tun hatte, das er zuvor gekannt hatte. Dieses Erlebnis scheint ihn berührt und verändert zu haben.
Luhmann widmete die Schrift „Funktion der
Religion“ seiner Frau mit einem bemerkenswerten Satz: „In Erinnerung an meine Frau, der Religion mehr bedeutete, als Theorie zu sagen vermag.“ Interessant ist, das Luhmann dieses Buch gar nicht schreiben wollte, überhaupt zunächst die Religion als funktionales System auszusparen gedachte, weil es sich an einer hochparadoxen Leitdifferenz orientiert.
Meine Kenntnisse ehelichen Lebens, dass ich erstaunlicherweise seit über 40 Jahren führe, sagen mir, dass wir die brillanten Schriften Luhmanns über Religion allesamt seiner Ehegattin zu verdanken haben, einer strammen Protestantin: „Wenn du nichts über Religion schreibst stelle ich dir deine Koffer vor die Tür“ oder so ähnlich.
Der Ertrag für unser hier zur Dislussion stehendes:
Luhmann – „Ich verweigere mich der Zumutung, zu allem und jedem sofort eine Meinung haben zu müssen.“
Das Problem beim schnellen Urteilen oder Beurteilen ist, dass die Leute eine Seite der Unterscheidung sofort emotional und/oder moralisch besetzen, ohne die Unterscheidung selbst zu hinterfragen. Wer zu schnell urteilt hört indes auf zu beobachten.
Das Phänomen, dass Menschen sofort Partei ergreifen oder moralisch werten markiert eine Form der Komplexitätsreduktion am falschen Platz. Für Luhmann ist vorschnelles Urteilen ein Mechanismus, der das Nachdenken blockiert. Wer sofort urteilt, nimmt sich die Möglichkeit, die Struktur eines Problems überhaupt zu verstehen. Das Gespräch ist vorbei. Es gibt keine Anschlusskommunikation mehr
(womit auch Sinn erlischt), sondern nur noch Kampf oder Schweigen. Deshalb nennt Luhmann in einem Interview (wo genau müsste ich nachschauen, Uni Rostock, meine ich, bin aber nicht sicher) Moral eine hochgefährliche, polemische Angelegenheit, die Konflikte eher generiert als löst.
Damit landen wir einmal mehr bei der Beobachtung des „Wie“ einer Unterscheidung, der Frage danach, also, aus welchen Gründen so und nicht anders unterscheiden wird und welche anderen Möglichkeiten des Unterscheidens es darüber hinaus noch geben könnte bzw. hätte geben können.
Ziemlich viel Ertrag angesichts einer angeblich auserzählten Theorie.
Ich wünsche dir, lieber Lothar und allen hier Beteiligten noch einen illustren Samstag aus dem – erstaunlicherweise sonnigen Bochum
Andreas
Kommunikationstheotetisch interessant und bemerkenswert wie der Gebrauch von Gewichtsmetaphern (Leichtigkeit)und das Äußern von Wertschätzung für alles und alle (von Schlippe) oder die Reklamation von Anncinitätskompetenz (Eder) von relevanten Inhalten und Konflikten ablenken kann.
Als ehemaliger Mitherausgeber der FD verfolge ich die Diskussion , die hier noch einmal aufflammt (sie hat ja eine längere Vorgeschichte) mit ziemlich gemischten Gefühlen. Ich schätze die gegenwärtig aktiven Herausgeberinnen und Herausgeber der FD und ich schätze auch Stefan Beher. Seine gegenwärtige Argumentation kann ich gut nachvollziehen. Wo ist eigentlich inzwischen die Leichtigkeit geblieben, die das systemische Denken auszeichnet (oder sollte ich sagen: ausgezeichnet hat?)? Es hat doch gerade ein Faible für Tabus, hinterfragt ihre Bedeutung und mahnt immer wieder, auf den Kontext zu schauen, in dem ein kommunikatives Geschehen sich abspielt.
Eine Perspektive auf den Kontext führt mich zum Thema Moral. Tom Levold und ich hatten 2024 in einem Aufsatz versucht, am Beispiel des Genderns die Paradoxien aufzuzeigen, in die man gerät, wenn systemische Diskurse durch moralische Argumente in Richtig-falsch-Unterscheidungen hineingezwungen werden.
In eine solche Paradoxie scheint mir die Diskussion um die Aufsätze der FD, auf die Beher sie bezieht, auch zu geraten. Paradoxien sind ja nicht lösbar, aber man kann sie kennenlernen, hin- und her bewegen, sie von allen Seiten betrachten und schauen, was dann passiert. Sie nicht zu thematisieren und das Gespräch darüber zu beenden, scheint mir keine gute Option zu sein.
Wie gesagt: wo ist eigentlich die Leichtigkeit geblieben?
Schlippe, A.v., Levold, T. (2024). Welches Problem löst Gendern (nicht)? Sechs Thesen zu „blinden Flecken“ der Genderdebatte. Kontext 55(3), S. 306-312
Lieber Arist,
deine gemischten Gefühle kann ich nachvollziehen. Die Leichtigkeit verschwand meiner Beobachtung zufolge just angelegentlich jener beiden Prozesse, die zur berufs- und sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie (als Richtlinienverfahren) geführt haben.
Dieses neue organisationale Konstrukt gleicht m.E. einer beständigen Gratwanderung, weil – um systemtheoretisch zu beobachten – die Systemische Therapie zumindest mit einer strukturellen Koppelung konfrontiert ist, die sie zu paradoxen Kompromissen zwingt. Zunächst weich, verdient und – hinsichtlich von Erwerbsinteressen zumindest von Ärzten und Psychologen unter den Systemikern – in verheißungsvollen Gefilden gelandet, zeigen sich inzwischen Verwerfungen. Die Codes des Medizinsystems – gesund/krank – und der Wissenschaft – richtig/falsch – wollen nicht so recht zum systemisch-psychotherapeutischen Feld passen, dem binäre Zuschreibungen mit Wahrheitsanspruch ebenso fern liegen, wie eine medizinische Psychopathologie und Beobachtung 1. Ordnung, es sei denn, man beobachtet und nutzt sie als „fungierende Ontologie“ in Anlehnung an Peter Fuchs, der Beobachtung 1. Ordnung zwar als eine notwendige und reibungsfrei funktionierende Maschinerie für alltägliche Kommunikation akzeptiert, sie jedoch insofern als defizitär betrachtet, als sie ihre eigenen Unterscheidungen nicht hinterfragen kann. Erst die Beobachtung 2. Ordnung kann das „Wie“ dieses Prozesses analysieren und sie als fungierend-ontologisches Beobachtungsschema in die Beobachtung der Beobachtung integrieren.
Nun scheint mir die Systemische Therapie zwischen Baum und Borke hängen geblieben zu sein, was grundsätzlich kein Problem wäre, wenn nicht Medizin und Psychologie darauf insistierten, sich zumindest zwischen Baum und Borke von Fall je dauerhaft zu entscheiden. Selbst Oszillation wäre noch viel zu fluid und instabil, der Re-Entry ins Reich der blinden Flecke womöglich zu spekulativ.
In solchen Kontexten muß jede berechtigte Verunsicherung und kritische Infragestellung auf der Ebene der Beobachtung 2. Ordnung, gar Paradoxa, als Gefahr erwittert werden, welche das gesamte Projekt der Etablierung des Systemischen in Medizin und Psychologie letztlich infrage stellte. Es treffen divergente Theorien aufeinander, was man auch als Beobachtung unterschiedlicher und gleichermaßen möglicher Perspektiven beschreiben könnte.
Ich würde mich über einen offenen Diskurs freuen, über eine Rückkehr zu systemischen ‚Tugenden‘. habe aber auch leichter reden, insofern ich nicht als Mediziner und/oder Psychologe unterwegs bin, sondern als soziologisch und philosophisch informierter Theologe, nicht approbierter
systemischer Therapeut und Pastoralpsychologe, der als „Paradiesvogel“ oder „Himmelskomiker“ markiert bald hier, bald dort mehr oder weniger verstanden oder unverstanden, aber meistens erstaunlich unbehelligt seine Kreise ziehen darf.
Ich hoffe, darauf bin ich spezialisiert!
Herzlich
Dr. Andreas Brenneke
Nach meiner Einschätzung korreliert der Leichtigkeitsverlust in der systemischen Szene mit demjenigen in der Gesellschaft. Die Verhärtungen der Diskurse, zunehmender Stress und Angst in der Gesellschaft in den letzten 20-30 Jahren hinterlassen ihre Spuren; sie spiegelt sich in Verengung des Denkens auf 0-1 Logiken wider und führt zu einer Erhöhung von Konventionalität und Anpassung an vermeintliche oder medial ventilierte Mehrheiten und Urteile. Die Leichtigkeit der 70er Jahr, die ich als Student erleben durfte, ist perdu.
Auch bei den Absolventinnen der systemischen Approbationsausbildungen, die ich supervidiere, kann ich die Leichtigkeit kaum feststellen, die sich aus dem systemischen Ansatz eigentlich ergeben sollte. Das ist sicherlich auch dem Prüfungsdruck und der hohen Arbeitslast geschuldet. Allerdings glaube ich eine Bereitschaft wahrzunehmen, vorgegebene Kategorisierungen als „gegeben“ und real hinzunehmen, die ich aus meiner eigenen therapeutischen Sozialisation so nicht kenne.
Die Grundunterscheidung „krank-gesund“ ist eine subjektive. Nur wenn ich mich krank (von mhd kring= gebogen, gekrümmt) fühle gehe ich zum Arzt oder zur Therapie. Eben um wieder einen Zustand von Gesundheit und Wohlbefinden zu erlangen, den mein organismisches System gewissermaßen als konstanten Referenzwert voreingestellt (bekommen) hat.
„Das Gesundheitssystem“ greift diese Leitunterscheidung konsequent auf und das ist zunächst vollkommen stimmig.
Was es aus dieser Leitunterscheidung folgert und macht, steht auf einem anderen Blatt. Es ist eine zunehmende Medikalisierung zu beobachten, um Menschen, die Symptome entwickeln, wieder funktionstüchtig zu machen. In den letzten Jahren gibt es starke Bemühungen der gesetzlichen Kassen, Psychotherapie durch digitale Gesundheitsanwendungen (DIGA) zu ersetzen. Darin und in den Honorarkürzungen liegen die Gefahren für die Psychotherapie.
Ich bin seit 41Jahren als approbierter Therapeut und Supervisor tätig und erlebe den systemischen Ansatz nach wie vor als einen, der mir eine große Leichtigkeit und Bewegungsräume ermöglicht.
35 Jahre habe ich eine Kassenpraxis betrieben. In dieser Zeit konnte ich viele Verengungen in Administration und Richtlinienvorschriften erleben. Allerdings bin ich tatsächlich – abgesehen von der Coronazeit – kein einziges Mal direkt in meiner Vorgehensweise eingeschränkt worden oder hat irgendjemand mir ins Lenkrad gegriffen.
Die (soziologischen und epistemologischen) Konstruktionen, die das deutschsprachige systemische Feld über die angebliche Unvereinbarkeit von systemischem Denken und Handeln und Therapiemachen im Gesundheitssystem anstellt, sind mir nicht schlüssig. Sie stammen idR ja auch von Menschen, die selbst nicht als Leistungserbringer im Gesundheitssystem arbeiten, sondern sich von der Tribüne aus ihre Gedanken machen. Ich bitte das nicht falsch zu verstehen, ich meine das keineswegs als Abwertung.
Aber ich möchte zu bedenken geben, dass die Perspektive des Spielers auf dem Feld eine andere sein kann als die des reflektierenden Tribünenzuschauers.
Ich wäre gespannt auf einen Dialog.
Lieber Lothar Eder,
die Leitunterscheidungen bzw.-differenzen, die Luhmann formuliert hat, können nicht als binäre oder polare hermeneutische Deutungsschemata genutzt werden. Deren jeweilige eine Seite markiert auch nicht einfach das Gegenteil der jeweils anderen. Sie sind rein funktional zu verstehen und markieren die Form der Unterscheidung. Sie orientieren die Beobachtung funktionaler Systeme im System der Gesellschaft, sie interpretieren nicht.
Herzliche Grüße
Andreas
Lieber Andreas Brenneke,
ich danke für den Hinweis und gestehe, dass ich mir gelegentlich eine elastischere Verwendung auch von Luhmannschen Begriffen erlaube. Zumal Luhmann selbst in der Verwendung eines zenralen Begriffs seiner Theorie durchaus „kreativ“ war. Der Gebrauch des Begriffs der Autopoiesis im Zusammenhang mit sozialen Systemen ist mE mehr als kritisch zu sehen. Wie auch der Begriff der Autopoiesis selbst. Maturana verwendete ursprünglich den Begriff der „zirkulären Organisation“ für die Beschreibung zellulärer Vorgänge. Nach meinem bescheidenen Urteil kommt dies den tatsächlichen Vorgängen in einer Zelle sehr viel näher als „Autopoiesis“, weil er implizit und mE Erachtens fälschlicherweise nahelegt, dass Lebensprozesse aus sich selsbt schöpfen.
Varela allerdings drängte ihn zu diesem Begriff und auch dazu, bei dessen Erstveröffentlichung als Erstautor genannt zu werden.
Somit befinde ich mich vielleicht mit meiner „falschen“ Verwendung in garnicht so schlechter Gesellschaft.
Allerdings hätte ich mir anstatt einer Begriuffsexegese eher einen Dialog über die Inhalte gewünscht. aber vielleicht kommt der ja noch – das hofft Lothar Eder