David Warzecha, Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut i.A. an der Akademie für systemische Therapie in Dortmund und gegenwärtig in einer Beratungsstelle für Einzel-, Paar-, und Familienberatung tätig, setzt sich in einem Beitrag für systemagazin mit der im kassenfinanzierten Psychotherapiesystem oft unhinterfragten Vorherrschaft des wöchentlichen Therapierhythmus auseinander. Ausgehend von seinen Erfahrungen in der psychotherapeutischen Ambulanz zeigt er, wie institutionelle Vorgaben, Ausbildungslogiken, Abrechnungssysteme und Erwartungen von Klienten ein Setting nahelegen können, das systemischer Neugier und gezielter Irritation nicht immer förderlich ist.
David Warzecha: Nur die Woche fragt sich, wie die Woche war
„Lösungen“ von Watzlawick, Weakland & Fisch – ein Klassiker der systemischen Literatur. Ich habe ein altes, gebrauchtes Exemplar gekauft, von der Haptik her vergleichbar mit meinem 90er-Jahre Impfpass. Zumindest wurde es kräftig durchgearbeitet – überall Notizen, Ausrufezeichen und Markierungen. Und nostalgisch, wie ich bin, überträgt sich hierdurch förmlich die Aufregung der Hochjahre der systemischen Therapie. Ich habe mich anfangs durch unerwartet mathematische Grundlagen gewälzt, die anscheinend einen von vielen Zugängen zu therapeutischem Handeln darstellen können, und bin auf Seite 137 angelangt, wo ich lese: „Wir stimmen mit jenen Therapeuten überein, die festgestellt haben, dass eine von vornherein zeitlich begrenzte Behandlungsdauer die Aussicht auf Erfolg erhöht, während die sogenannten großen, zeitunabhängig geführten Therapien sich meist solange hinschleppen, bis der Patient einsieht, dass die Behandlung auch lebenslänglich sein könnte, und sie aufgibt“. Innerlich bejahe ich vehement und denke teils angestrengt, teils stolz an die letzten anderthalb Jahre, in denen ich die 600 Stunden meiner Ambulanztätigkeit absolviert habe, und in denen ich wirklich einiges gelernt habe – was mich unter anderem dazu bewegt, ein weiteres Ausrufezeichen an eben zitierte Stelle zu setzen.
Aber langsam: ich spule zurück zu meiner ersten Ambulanzpatientin, meinem ersten Gespräch. Ich habe innerlich das strenge Vorhaben ins Erstgespräch mitgenommen, keine wöchentlichen Termine anzubieten, da ich denke, dass der von mir angebotene Rhythmus, in dem die Therapie stattfindet, wahrscheinlich eine der stärksten Interventionen sein kann, die anfangs geschehen können. Ich habe leider ohne die Patientin gerechnet und daher das Pech, dass diese ihren Wunsch nach einem wöchentlichen Rhythmus gut vertreten kann. Ich entgegne vorerst: „Darüber muss ich nachdenken“ – was in meinem Kontext so viel heißt wie: „Das nehme ich mit in die Gruppensupervision“. Aber schon in Zwischengesprächen im Büro des Instituts wurde bedacht: für die anfängliche Auftragsklärung und das Kennenlernen könnte ein wöchentlicher Rhythmus dienlich sein. Gleichzeitig lief in meinem Hinterkopf wahrscheinlich der leise Gedanke mit, dass ich eigentlich möglichst schnell auf meine 600 Therapiestunden kommen wollte – und der Vorschlag der Klientin dem nicht wirklich entgegenlief. Gesagt getan, ich warf meinen mittlerweile laut schreienden Vorsatz über Board. Wöchentlicher Rhythmus. So willigte ich eigentlich auch bei allen weiteren Klient:innen ein. Das lief erstmal eine Zeit. Aber es kam der Punkt, an dem ich in einem Gespräch bemerkte, wie ich folgende Frage stellte:
„Wie war Ihre Woche?“.
Ich hörte nicht mehr die Antwort meines Klienten, weil ich selbst bemerkte, wie schockierend langweilig ich selbst diese Frage fand. Die Gruppen- und auch die Einzelsupervision waren beide der Meinung, dass diese Frage auch eine starke Intervention ist – nur keine allzu gute. Ich stimmte stark nickend zu. Dabei passte diese Art und Weise, „Therapie zu geben“ eigentlich gar nicht zu dem, was mich an systemischer Therapie bisher begeisterte. Bis dato war es mir wichtig, dass ich ein Gespräch führe, das an einem konkreten Anliegen ansetzt und einen irgendwie gearteten Unterschied für die Menschen macht. In den meisten Gesprächskontexten erfüllte die Frage „Wie war Ihre Woche?“ beides in keinster Weise. Es schlossen sich so in den kommen Wochen und Supervisionen weitere Überlegungen an: wie veränderungsneutral und auch neugierig bleibe ich, wenn ich Klienten wöchentlich sehe? Wieviel Platz hat Besonderheit und damit auch Inspirationsfähigkeit in diesem Rhythmus? Wie formen wöchentliche Gespräche meine Sicht auf mich als Therapeut? Bin ich jemand, der punktuell angemessen verstört, oder bin ich jemand, der Woche für Woche über Wasser hält? Und welche Rolle spielen dabei nicht nur die Klient:innen und ich, sondern auch „probatorische Sitzungen“, PTV-Formulare und „das Gesundheitssystem“.
Zunächst aber, was meine Lösung anbelangte: ich brauchte nicht zu lange über das Problem nachdenken, weil mir schnell klar wurde, wie ich gerne arbeiten würde, und weil ich wusste, was mich an systemischer Therapie – so wie ich sie verstehe – inspiriert und begeistert. Zugute kam mir hierbei, dass meine Ambulanzzeit bald endete und ich nur noch zeitlich begrenzte Kapazitäten hatte: die nächsten Anrufe von der Warteliste beinhalteten daher die Information, dass ich bis zu zehn Gespräche mit jeweils einer Doppelstunde anbieten konnte, die alle zwei bis vier Wochen stattfänden. In den Gesprächen würden wir uns auf das vorgebrachte Anliegen konzentrieren. Der Rhythmus und die Länge der Gespräche würden auch bedeuten, dass die Gespräche eine Intensität beinhalten würden, die so angemessen anregen soll, dass vor allem die Zeit zwischen den Gesprächen interessant wird. Diese einfache Vorabsprache half, von vornherein einen Kontext bewusst zu machen, und die Klient:innen waren meist nicht abgeneigt. Die Zusagen, die ich bekam, erwiesen sich so auch als Therapien, die grundlegend anders verliefen als die vorherigen. Nicht weil ich mich verändert habe, sondern weil ein veränderter Kontext mich zu verändertem Verhalten angeregt hat: so irritierte ich beispielsweise akzentuierter, genauso fand meine Wertschätzung für die Klient:innen deutlich mehr Ausdruck. Auch bemerkte ich, dass der Fokus mehr darauf gerichtet wurde, was konkret nach der Sitzung verändert werden wollte – die Zeit bis zur nächsten Sitzung sollte sich ja lohnen.
Nun muss ich sagen, dass ich nicht der Meinung bin, ein wöchentlicher Rhythmus sei kein guter Rhythmus. Für bestimmte Personen (und damit meine ich sowohl Klient:innen als auch Therapeut:innen) mag dieser Rhythmus eine gute Arbeitsgrundlage sein. Doch frage ich mich, inwiefern dieses Setting als „Defaultmodus“ verstanden werden kann. Das läge nicht an der Behandlungsphilosophie systemischer Institute, sondern an dem Kontext, für den ausgebildet wird – und der ist eben nicht nur abhängig von der Lehre, sondern auch von formalen Regularien: eine Probatorik kann nahelegen, dass noch gar nicht richtig angefangen wird. Und wer kurzzeittherapeutisch arbeitet, hat mehr Bürokratie und kommt weniger schnell durch die Ausbildungsstunden. Das sogenannte „Stundenkontigent“ kann hinzukommend eine deutliche suggestive Dynamik annehmen: wo es eine Langzeittherapie gibt, da kann eine Kurzzeittherapie (zu) kurz für bestimmte Probleme sein. Und zuletzt erwarten auch Klient:innen einen wöchentlichen Rhythmus, weil dieser Rhythmus das Narrativ bereits etablierter Therapiesysteme und -richtungen ist, die dem gleichen übergeordneten System angehören, in das ausgebildet wird.
Bei all dem stellt sich die Frage, was wir Systemiker:innen als „attraktiv“ ansehen. Das System, in dem wir arbeiten stellt bestimmte Attraktoren bereit. Wir haben die Verantwortung, zu überlegen, ob wir diese Muster mitbedienen. Ich arbeite nun mittlerweile in einer Beratungsstelle, in der ich so weitermachen kann, wie ich meine Ambulanzzeit beendet habe – und habe für meinen Teil den Eindruck, dass ich Gespräche für meine Klient:innen und mich nun wieder so gestalten kann, dass sie die Neugierde beider Seiten aufrechterhalten. Ich mag nicht mehr nach der Woche fragen. Nur die Woche fragt sich, wie die Woche war. Und wenn ich das nicht fragen will, höre ich besser einfach auf, mich mit der Woche zu beschäftigen.
David Warzecha
Mail: david.warzecha@posteo.de
Bravo!