
Am 15. Oktober 1926 wurde Paul Michel Foucault geboren. Sein 100. Geburtstag ist ein Anlass, an einen Autor zu erinnern, auf den sich der gegenwärtige systemische Diskurs gern als Gewährsmann einer „machtkritischen“ Haltung beruft. Das ist verständlich: Foucault hat die Aufmerksamkeit für die subtilen Wirkungen institutioneller Ordnungen, wissenschaftlicher Wahrheitsansprüche, normierender Sprache und professioneller Praktiken entscheidend geschärft. Sein Werk wäre allerdings missverstanden, wenn man ihn auf die Rolle eines bloßen Kritikers repressiver Macht reduzieren würde.
Foucaults Machtanalyse besagt gerade nicht, dass Macht vor allem dort zu suchen sei, wo Jemand andere unterdrückt, diszipliniert oder zum Schweigen bringt. Macht ist bei ihm kein Besitz, den einige haben und andere nicht – und auch keine von oben nach unten verlaufende Kraft. Sie ist ein bewegliches Geflecht von Beziehungen, in denen Menschen fortlaufend auf die möglichen Handlungen anderer einwirken. In Gesellschaft zu leben heißt, aufeinander Einfluss zu nehmen; eine Gesellschaft ohne Machtverhältnisse wäre Foucault zufolge eine bloße Abstraktion.
Diese Sicht ist dem systemischen Ansatz keineswegs fremd. Sie entspricht der Einsicht, dass Beziehungen nicht aus isolierten Akteuren bestehen, sondern aus wechselseitigen Bezugnahmen, Erwartungen, Zuschreibungen und Anschlussmöglichkeiten. Macht ist aus dieser Perspektive keine spezielle Pathologie sozialer Beziehungen, sondern eine ihrer universellen Dimensionen. Wo Menschen miteinander handeln, kommunizieren, sich abstimmen, überzeugen, widersprechen, führen, folgen, helfen, diagnostizieren oder beraten, werden bestimmte Möglichkeiten eröffnet und andere eingeschränkt. Nicht jede solche Einflussnahme ist problematisch; ohne sie gäbe es weder Erziehung noch Kooperation, weder Beratung noch Therapie.
Die Foucault-Rezeption im systemischen Feld dürfte sich zu einem guten Anteil den Arbeiten von Michael White verdanken, der in seinen Arbeiten zum narrativen Ansatz immer wieder auf Foucault Bezug genommen hat, um gegen die unsichtbare Macht normalisierender Wahrheiten, Identitäten und Selbstverhältnisse und gegen die unreflektierte Definitionsmacht therapeutischer Professionen Stellung zu beziehen. Weniger ausgearbeitet hat er jedoch die positive, funktionale und ethisch verantwortbare Seite therapeutischer Autorität und Einflussnahme.
2007 erschien in der Zeitschrift systhema ein Aufsatz von Kerstin Schmidt und Tanja Bous unter dem Titel „Macht ist nicht gleich Macht! – Der Gewinn eines differenzierten Verständnisses von Macht“, in dem die Autorinnen zentrale Einsichten Foucaults auf systemische Therapie und Beratung beziehen. Es ist die Zusammenfassung ihrer Diplomarbeit, die neben den theoretischen Analysen eine Befragung von Lehrtherapeuten und Weiterbildungsteilnehmern zum Thema Macht in der Therapie enthielt, deren Ergebnisse in ihrem Aufsatz kurz zusammengefasst werden.
Dieser Text bietet einen guten Einstieg in Foucaults Machtverständnis, dessen Vorzug darin besteht, Macht weder auszublenden noch moralisch vorab zu verurteilen, sondern ihre unterschiedlichen Formen, Funktionen und Risiken als universale Beziehungsphänomene zu verstehen.
Schmidt und Bous greifen dafür zunächst Foucaults Unterscheidung von Macht und Herrschaft auf. Während Machtbeziehungen strategische Beziehungen zwischen relativ freien Subjekten darstellen, die voraussetzen, dass die Beteiligten noch Handlungsmöglichkeiten besitzen, sich entziehen, widersprechen, anders entscheiden und Einfluss zurückgeben können. bezeichnet Herrschaft demgegenüber die Verfestigung solcher Beziehungen zu einer einseitigen, blockierten Struktur, in der diese Beweglichkeit zunehmend verlorengeht.
Auch Gewalt ist nicht einfach ein Synonym für Macht. Gewalt zielt auf die unmittelbare Ausschaltung oder Zerstörung von Handlungsmöglichkeiten; Macht operiert demgegenüber im Raum möglicher Handlungen und möglicher Reaktionen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, die möglichen problematischen Wirkungen von Machtverhältnissen zu verharmlosen. Es ermöglicht aber eine präzisere Analyse: Nicht jedes Machtverhältnis ist Gewalt oder Herrschaft, wenngleich Machtbeziehungen in Herrschaft oder Gewalt umschlagen können und gerade deshalb einer kritischen Beobachtung bedürfen.
Für Therapie und Beratung folgt aus der Unausweichlichkeit von Machtbeziehungen, dass es keine machtfreie therapeutische Beziehung geben kann. Schon die gesellschaftlich und institutionell markierten Rollen „Therapeut“ und „Klientin“ weisen auf ein Machtgefälle hin, dass durch fachliches Wissen, diagnostische Kategorien, ökonomische Abhängigkeiten, den Zugang zu institutionellen Ressourcen, die Gestaltung des Settings und nicht zuletzt durch die Macht der Sprache gekennzeichnet ist. Wer fragt, eine Frage für relevant oder irrelevant erklärt, eine Hypothese anbietet, eine Geschichte verdichtet oder einer Beschreibung besondere Plausibilität verleiht, nimmt Einfluss.
Diese Einsicht ist aber kein Argument gegen therapeutische Autorität, sondern vielmehr eine Aufforderung, ihre Bedingungen und Wirkungen zu reflektieren. Autorität kann produktiv sein, wenn sie auf Kompetenz, Verlässlichkeit, Transparenz und einer tragfähigen Arbeitsbeziehung beruht. Sie kann Orientierung geben, neue Perspektiven anbieten und Handlungsräume erweitern. Problematisch wird sie dort, wo sie sich als unfehlbares Wissen ausgibt, den Widerspruch der Klientinnen und Klienten entwertet oder deren eigene Deutungs- und Entscheidungsmöglichkeiten verdrängt. Schmidt und Bous betonen daher, dass der Schutz relativer Autonomie nicht Machtbeziehungen beseitigt, wohl aber deren Verfestigung zu Herrschaft und Machtmissbrauch entgegenwirken kann.
Zu ihrem vollständigen Text geht es hier…
Der gegenwärtige machtkritische Diskurs hat seine Berechtigung, wenn er auf reale gesellschaftliche Asymmetrien, institutionelle Zwänge und die Folgen professioneller Definitionsmacht hinweist. Er bleibt jedoch naiv, solange er Macht ausschließlich bei den jeweils kritisierten Anderen entdeckt: bei Institutionen, tradierten Hierarchien, Diagnosen, Professionen, politischen Gegnern oder vermeintlich überholten therapeutischen Ansätzen. Eine solche Kritik verbleibt in der Beobachtung erster Ordnung. Sie sieht Macht, beobachtet aber nicht, dass sich auch das eigene Beobachten, Benennen, Kritisieren und Moralisieren als Machtverhalten beschreiben lassen muss.
Wer etwas als „machtvoll“, „übergriffig“, „diskriminierend“ oder „nicht machtkritisch genug“ bezeichnet, konstruiert nicht nur eine bestimmte Wirklichkeit. Er oder sie positioniert sich zugleich in ihr, fordert Rechtfertigungen ein, verschiebt Anerkennungsgrenzen und definiert mit, welches Sprechen als legitim, sensibel oder problematisch gilt. Das macht Machtkritik keineswegs illegitim. Es macht sie nur selbst reflexionsbedürftig. Die Kritik der Macht ist nicht außerhalb ihres Gegenstandes angesiedelt; sie ist selbst eine Form sozialen Handelns mit Folgen für Teilhabe, Deutungsautorität und Widerspruchsmöglichkeiten.
Genau hier liegt die Pointe einer systemischen, an Foucault orientierten Haltung, neben die Kritik der Macht auch die Reflexion der Machtkritik zu stellen. Der Hinweis auf Machtmissbrauch kann Befreiung, Schutz und Erweiterung von Handlungsspielräumen ermöglichen. Er kann aber auch als moralisches Machtmittel fungieren, wenn er Gegenpositionen vorab delegitimiert, komplexe Konflikte in eine einfache Täter-Opfer-Grammatik zwingt oder die eigene normierende Praxis unangreifbar macht.
Der ethische Anspruch systemischer Praxis liegt folglich weder in der Illusion, man könne machtfrei handeln, noch in der Selbstermächtigung, die eigene Macht für das vermeintlich Gute zu beanspruchen. Sie besteht in einer fortlaufenden Arbeit an der Art und Weise, wie Einfluss ausgeübt wird.
Das Ziel von Beratung und Therapie wäre nicht die Auslöschung von Einfluss, sondern die Vermeidung vorzeitiger Schließungen, die Erweiterung von Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten und die Stärkung der Akteurposition aller Beteiligten: nicht Machtmaximierung auf der einen, Machtverlust auf der anderen Seite, sondern die Ermöglichung eines hinreichenden Vermittlungsraums zwischen Zwang und Freiheit.
Schmidt und Bous erinnern uns in ihrem Text an etwas, das im aktuellen Diskurs leicht verloren geht: Macht ist nicht gleich Macht. Machtkritik wird erst dann systemisch im starken Sinn, wenn sie die Macht der anderen ernst nimmt, ohne die eigene aus dem Blick zu verlieren. Foucault wäre nicht dadurch angemessen gewürdigt, dass man ihn zum moralischen Kronzeugen einer Kritik macht, die immer schon weiß, wo Macht sitzt. Angemessener wäre eine Praxis, die auch die eigene Kritik als Eingriff in ein Feld von Machtbeziehungen beobachtet – und sich gerade dadurch der Verantwortung für ihre Folgen stellt.
Das Schöne und zugleich Schwierige an einer systemischen Auseinandersetzung mit jeder beliebigen Thematik ist, dass immer auch die Selbstreflexion mitgedacht werden muss und dadurch eine ethische Komponente erhält und enthält.
[…] Kritik der Macht und Reflexion der Machtkritik. Zum 100. Geburtstag Michel Foucaults (Tom Levold … […]
Eine wichtige Klärung der – wie ich es in Anlehnung an Ludwig Wittgensteins Begriff hier nennen möchte – Sprachspiele der Macht. Danke.