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Helm Stierlin zum 100. Geburtstag

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(Foto: Tom Levold 2012)

Heute würde Helm Stierlin (12.3.1926 – 9.9.2021) 100 Jahre alt – ein guter Grund, einen der einflussreichsten Denker und Praktiker in der deutschsprachigen Psychotherapielandschaft des 20. Jahrhunderts zu würdigen. Sein wissenschaftliches und klinisches Werk dokumentiert einen bemerkenswerten intellektuellen Weg von den Anfängen seiner Karriere als Psychoanalytiker zu seiner späteren Rolle als Mitbegründer und Wegbereiter der systemischen Therapie in Deutschland. Als eine Art intellektueller Brückenbauer verstand er es, die tiefenpsychologischen Erkenntnisse der analytischen Tradition mit den neuen systemischen und kybernetischen Perspektiven zu verbinden, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus ganz verschiedenen wissenschaftlichen Feldern zu entstehen begannen. Die wissenschaftliche Anerkennung und breite klinische Anwendung der systemischen Therapie in Deutschland verdanken Stierlin und seiner Generation von innovativen Therapeuten außerordentlich viel.

Helm Stierlin wurde 1926 in Mannheim geboren und begann seine berufliche Laufbahn in einer Zeit, die sowohl vom enormen Einfluss der Psychoanalyse als auch von der radikalen Umgestaltung der europäischen Gesellschaft geprägt war. Stierlin studierte Medizin und Philosophie, was zu einer lebenslangen Beschäftigung mit der Philosophie Hegels führte.

1950 wurde er in Philosophie bei Jaspers in Heidelberg mit einer Arbeit über den Begriff der Verantwortung promoviert, 1955 in Medizin mit einer Dissertation über Angriffe von gewalttätigen Patienten auf Ärzte und Pflegepersonal.

1957 ging er in die USA, wo er sich auf die Behandlung von Psychosen konzentrierte. In den USA lernte er Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker kennen, die offen für neue Entwicklungen waren und sein Interesse für eine familienorientierte Behandlung von schizophrenen Indexpatienten weckten, z.B. Harry Stack Sullivan, Lyman Wynne, Margaret Singer, Theodore Lidz, Frieda Fromm-Reichmann u.a., ebenso wie viele Pioniere des systemischen Ansatzes wie Gregory Bateson, Milton H. Erickson, Jay Haley, Margaret Mead, Salvador Minuchin, Virginia Satir und John Weakland.

Familie wurde von diesen Kolleginnen und Kollegen zunehmend nicht mehr als eine Ansammlung von Individuen mit ihren eigenen privaten Konflikten verstanden, sondern als ein komplexes Kommunikationssystem, das durch Rückkopplungsmechanismen, homöostatische Prozesse und wechselseitige Abhängigkeiten gekennzeichnet war. Stierlin erkannte früh, dass die Psychosen seiner Patienten untrennbar mit den kommunikativen Pathologien ihrer Familien verbunden waren und setzte diese Erkenntnisse von 1965 bis 1973 als Leiter der Abteilung für Familientherapie am National Institute of Mental Health in Bethesda, Maryland, in die Praxis um.

1974 erhielt er den Ruf nach Heidelberg auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie, den er bis zu seiner Emeritierung 1991 innehatte. In dieser Zeit wurden er und seine Mitarbeiter – wie z.B. Gunthard Weber, Fritz B. Simon, Gunther Schmidt und Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch, denen er für ihre eigene theoretische und praktische Entwicklung ganz weitgehend freie Hand ließ – als „Heidelberger Gruppe“ zu einem zentralen Motor der Entwicklung des systemischen Ansatzes in Deutschland, der sich in den 1980er Jahren schnell in Deutschland ausbreitete.

1976 gründete er gemeinsam mit Joseph Duss von-Werth die erste deutschsprachige familientherapeutische Zeitschrift „Familiendynamik“, die er bis 1995 als Herausgeber in ihrer Entwicklung von einem ursprünglich noch eher tiefenpsychologisch orientierten Journal zu einer dezidiert systemischen Zeitschrift prägte.

Seine internationalen Kontakte ermöglichten eine Vielzahl von Kongressen und Seminaren, die die Heidelberger Gruppe mit berühmten Referentinnen und Referenten wie Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Niklas Luhmann, Francisco Varela, Paul Watzlawick, Mara Selvini-Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und vielen anderen organisierte, was Heidelberg in den 1980er Jahren zum Mekka der systemischen Therapie in Deutschland machte.

Anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahre 2006 haben Wolf Ritscher, Dörte Foertsch, Günter Reich und ich als Herausgeber des Kontext Helm Stierlin ein Themenheft gewidmet, in dem u.a. ein – auch heute noch relevantes – Interview erschien, das Wolf Ritscher mit ihm führte und das hier nachzulesen ist. Der einleitende Artikel in diesem Themenheft ist eine ausführliche Würdigung von Helm Stierlins intellektuellem Werdegang und seiner wesentlichen familiendynamischen Konzepte, die ebenfalls von Wolf Ritscher stammt, der schon Mitte der 1970er Jahre in Heidelberg u.a. bei Stierlin studierte. Hier erfährt man im Detail von Stierlins Begegnungen mit den Pionieren der Familientherapie in den USA ab 1954, seinem Delegationsmodell als zentralem Beitrag zur Theorie der Familiendynamik, seinem an Hegel geschulten dialektischen Konzept der bezogenen Individuation und der Weiterentwicklung zu einer konstruktivistisch orientierten systemischen Therapie. Diese lesenswerte Darstellung kann man hier nachlesen.

Auch bis ins hohe Alter hat sich Stierlin immer wieder mit den Fragen beschäftigt, die ihn schon in früheren Jahren umtrieben. Eines seiner letzten Bücher erschien 2010 als „persönliche Bilanz“ mit dem Titel „Sinnsuche im Wandel“. Darin beschäftigt er sich mit den historischen Entwicklungen der Psychotherapie, der Ausdehnung professioneller und gesellschaftlicher Definition dessen, was als psychische Störung gelten soll, den unterschiedlichen Sinndimensionen psychosozialer Sachverhalte ebenso wie mit der für ihn zeitlebens bedeutsamen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Bedeutung von Loyalität und Individuation für die spätere Sinnsuche und Sinnfindung. Eine abschließende These bezieht sich auf die manchmal konflikthaften Unterschiede zwischen verschiedenen psychotherapeutischen Schulen und Sichtweisen. Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Systemische Therapie, Gestalttherapie – diese alle bieten für ihn unterschiedliche Linseneinstellungen an, durch die psychotherapeutische Probleme verstanden werden. Er argumentiert, dass nicht die eine Sicht richtig und die andere falsch sei, sondern vielmehr erhelle jede Sicht einen gewissen Bereich und lasse dabei notwendigerweise andere Aspekte im Schatten. Die Herausforderung für den einzelnen Therapeuten und für die therapeutische Gemeinschaft liegt für ihn in der Integration dieser Perspektiven, ohne in einen bloßen Eklektizismus zu verfallen. Dies erfordert ein tiefes Verständnis für die Grundannahmen jeder Schule und ein ehrliches Bewusstsein für ihre Grenzen. Es erfordert auch eine gewisse Demut: die Einsicht, dass keine einzelne Theorie das Ganze erfasst.

Die historische Erfahrung mit der Nazizeit gehört ebenfalls zu den Themen, die Stierlin lebenslang beschäftigten. Der Nationalsozialismus illustriert für ihn auf dramatische Weise, wie pervertierte Sinnsuche zu massiven Leiden führen kann. Seine Analyse von „Sinnproduzenten“ und „Sinnbewirtschaftern“ zeigt, wie Sinngewissheit in Gesellschaften geschaffen, aufrechterhalten und manipuliert wird. Parallel dazu eröffnen seine Überlegungen zu Familienloyalitäten und Delegationen ein Verständnis dafür, wie Sinnsuche nicht nur durch politische Konstellationen, sondern auch durch unbewusste familiäre Prozesse geprägt wird.

Stierlins Schlussfolgerungen sind nicht pessimistisch, sondern laden dazu ein, dass psychotherapeutisch orientierte Menschen und die Gesellschaft als Ganze sich darüber bewusst werden, dass Sinnsuche ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist, dass verschiedene Formen dieser Suche möglich sind und dass es zu den Aufgaben von Therapeuten gehört, Menschen dabei zu helfen, ihre eigene authentische Sinnsuche zu betreiben, statt ihnen eine bestimmte Sinnkonstruktion aufzuzwingen. Dies erfordert sowohl „emotionales Bewegtsein“ als auch „reflektierende Vernunft“ und zudem ein Verständnis für das komplexe Zusammenspiel von persönlichem Unbewussten, familiären Systemen und gesellschaftlichem Kontext.

Gegen Ende seines Lebens litt er zunehmend an einer fortschreitenden Demenz. Am 9.9.2021 ist er dann im Alter von 95 friedlich eingeschlafen. Einige Nachrufe von Kollegen aus dem Feld sind auch hier im systemagazin zu lesen.

In vielen Weiterbildungsseminaren mit jungen Therapeutinnen und Therapeuten erfahre ich immer häufiger, dass ihnen der Name Stierlin gar nicht mehr geläufig ist. Das Bewusstsein für die eigene Geschichte ist bedauerlicherweise im systemischen Feld nicht allzu ausgeprägt. Es bleibt zu hoffen, dass das Werk von Helm Stierlin auch über seinen 100. Geburtstag hinaus nicht in Vergessenheit gerät.

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