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Die Unausweichlichkeit des Sozialen – Alois Hahn wird 85!

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Heute feiert Alois Hahn seinen 85. Geburtstag. Er studierte u.a. bei Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Thomas Luckmann, hatte von 1974 bis 2009 er eine Professur für Soziologie an der Universität Trier inne und lehrte darüber hinaus auch an verschiedenen anderen Universitäten im In- und Ausland. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der Religionssoziologie, der Soziologie des Körpers, der Beichte und der Biografie, der Soziologie des Alltags und der Lebensführung. Seine Vorlesung zu Grundbegriffen und theoretischen Ansätzen der Soziologie, die Hahn Mitte der 1990er Jahre hielt, ist in der Autobahnuniversität im Carl-Auer-Verlag als 14teilige Audio-Serie erschienen. In der Ausgabe 50(4) der Zeitschrift Familiendynamik hat Stefan Beher diese Vorlesung 2025 gewürdigt. systemagazin bringt seinen Text aus Anlass des 85. Geburtstages von Alois Hahn, zu dem systemagazin herzlich gratuliert.

Stefan Beher, Hamburg: „Die ganze Pracht des Frühlings ist der Zecke schnurz“

In der digital mumifizierten Carl Auer Autobahnuniversität lassen sich wahre Schätze heben – etwa die phantastische Vorlesung zur Einführung in soziologische Grundbegriffe von Alois Hahn aus dem Wintersemester 1993/94 an der Universität Trier, die sich nun kostenfrei in 14 Teilen streamen lässt.

Systeme verfolgen bekanntlich eigene, evolutionär gewachsene Strategien, sich in einer Umwelt zu behaupten, die oft nicht gut auf ihre Bedürfnisse eingestellt ist. Das zeigt sich etwa am Organismus einer Zecke, deren Welt im Wesentlichen aus einem einzigen Schlüsselreiz, einer einzigen Unterscheidung besteht. Unbeeindruckt von fast allem sonst lässt sie sich fallen, sobald sie den Geruch von Schweiß identifiziert – in der Hoffnung, auf einem Wirt zu landen, der sie nährt. Scheitert dies, beginnt das in den Körper der Zecke eingeschriebene Buttersäureidentifikationsprogramm von vorn. 

»Die ganze Pracht des Frühlings«, so Alois Hahn, sie »ist der Zecke schnurz«. In seiner zu unserem großen Glück von der Autobahnuniversität dokumentierten Vorlesung entwickelt er seine soziologischen Perspektiven nicht nur im Abgleich mit früheren Kulturen und anderen Gesellschaftstypen, sondern ebenso anthropologisch, im Vergleich verschiedener Spezies. Die Zecke hat, abseits von beschränkten Schlüsselreizen, kein weiteres Interesse an ihrer Umwelt. Für den Menschen, das nicht festgestellte Tier (Nietzsche, 1887), gilt demgegenüber, dass er gerade nicht in dieser Weise auf Instinkte festgelegt ist. Anstelle der Instinkte tritt beim Menschen eine konstitutive Offenheit seiner Sinne auf die Welt. Er nimmt, im Gegensatz zur Zecke, viel mehr wahr, als ihm lebensdienlich ist, als er handlungsmäßig verarbeiten kann. Keine »organischen Filter« (Tenbruck, 1989) reduzieren seine Wahrnehmungen aufs Handlungsdienliche. Und auch wenn seine Sinnesorgane nicht alle physikalisch gegebenen Reize aufnehmen, findet er sich einer Überflutung von Reizen ausgesetzt, die einer aktiven Fokussierung bedarf. Während Tiere in eine Umwelt wie hineingebaut erscheinen (Uexküll), die aus überlebenssichernden Auslösesignalen besteht, ist dem Menschen nicht bloß eine Umwelt, sondern eine ganze Welt gegeben. Sie konfrontiert ihn mit einer Daueraufforderung zum Handeln, die ihn überfordert, weil die notwendigen Handlungsweisen oft unbekannt bleiben. Die Welt wird ihm so zu einem überkomplexen Reizgenerator, die erst noch aktiv auf ein handhabbares Format zusammengeschnurrt werden muss. 

Einer der wichtigsten Mechanismen, die dies ermöglichen, sieht Hahn in der Gewohnheitsbildung. Der Mensch kann und muss lernen, was ihm die Natur nicht vorab schon eingebrannt hat. Seine Wahrnehmungen werden nicht vorab reduziert wie bei der Zecke, sondern erst über Lernprozesse handlungskompatibel und überschaubar gehalten. Man könnte den Menschen aus dieser Perspektive als »Mängelwesen« verstehen. Oder, positiv gewendet, als ein in bemerkenswertem Ausmaß plastisches und formbares Geschöpf. Wo Tiere ihren Instinkten folgen, zeigt der Mensch seine »Weltoffenheit« und seinen Antriebsüberschuss. Ihm ist eine Neugierde inhärent, die das bloß Überlebensnotwendige weit hinter sich lässt. Ein Tier ist, wenn sein instinktives Programm abgelaufen ist, oft wie stillgestellt. Die Weltoffenheit führt den Menschen dagegen in eine Dauerbedürftigkeit, die schon Goethe an seinem Faust illustriert hat. In ihm ist gleichsam angelegt, dass er grundsätzlich keine auf Dauer gestellte Befriedigungssituation erhoffen kann. Das gilt schon deshalb, weil jedes erfüllte Bedürfnis in einen Gratifikationsverschleiß hineinführt. Ist der Mensch gesättigt, erwachsen ihm neue Bedürfnisse: »Wir haben Brot, und möchten eine Kawasaki« (Alois Hahn). 

Überhaupt: Bedürfnisse. Die mögen zwar physiologisch präformiert vorliegen, in der Regel auch einer grundlegenden Befriedung bedürfen und müssen insofern in Rechnung gestellt werden. Sie können aber kaum konkretes Verhalten vorhersagen. Es gibt in diesem Sinn keine »natürliche« Ausdrucksformen der Sexualität des Menschen; keine »natürliche« Nahrungsaufnahme; keine »natürliche« Aggression. Auch wenn offensichtlich elementare biologische Impulse zugrunde liegen, lassen sich doch in verschiedenen menschlichen Beziehungszusammenhängen völlig unterschiedliche soziale Prägungen beobachten, hohe Diversität in den Ausdrucksformen, die bis hin zu weitgehenden Unterdrückungen oder den Verzicht auf die biologisch angelegten Triebe reichen. Man kann sich die sozialen Muster, die sich hier ergeben, als Lösung in der Bearbeitung wichtiger Bezugsprobleme vorstellen, die nicht nur, aber auch die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse sicherstellen. 

Dabei wäre es falsch anzunehmen, dass solche Lösungen beliebige Formen annehmen könnten. Schon auf Ebene von einzelnen Formen gibt es auch über physiologische Bedürfnisse hinaus Beschränkungen der Umwelt, nicht nur der körperlichen, die nicht mit jeder Lösung vereinbar sind. Noch mehr gilt aber auf der Ebene des Gesamtzusammenhangs der sozialen Muster, dass diese in einem komplexen Zusammenspiel zueinander in Passung stehen müssen und daher nicht ohne Rücksicht auf diesen Gesamtzusammenhang, ohne Rücksicht auf das, was bereits gegeben ist, einfach verändert werden können. Obwohl keine Form als solche notwendig erscheint, gibt es doch die Notwendigkeit einer wechselseitigen Kompatibilität der Formen untereinander, die jede einzelne von ihnen in Schranken weist. Das lässt sich allgemein an der Evolution unterschiedlichster Systeme exemplifizieren, seien es Ehen, Organisationen, Therapiesitzungen oder Gesellschaften: Zunächst gibt es noch relativ viele Freiheitsgrade in deren Formenbildung. Je mehr Strukturen bereits gebildet wurden, desto mehr müssen die neu hinzukommenden Strukturen aber bereits bestehende beachten und integrieren, was die eigenen Möglichkeiten wiederum beschränkt. 

Luhmann hat in diesem Zusammenhang einmal von »Kontingenzformeln« gesprochen. Ist einmal eine bestimmte Form des Zusammenlebens etabliert – etwa die Vielehe –, so lässt sich diese nicht mehr mit beliebigen religiösen Auffassungen kombinieren. Oder, auf psychische Systeme übertragen: Jeder Lernvorgang beschränkt uns in den Freiheitsgraden unseres weiteren Verhaltens. Wobei dies freilich auf einer höheren Ebene deren Erweiterung nicht ausschließt, sondern im Gegenteil: als wechselseitiges Steigerungsverhältnis einschließt. Reduktion von Komplexität (Verzicht auf andere Möglichkeiten) zu deren Steigerung (Problemlösung). 

Auch hier wird man an Luhmann erinnert. All dies führt auf eine Unausweichlichkeit des Sozialen. Dass der Mensch lernen muss, was er nicht von Natur aus hat, um handlungsfähig zu sein, bindet ihn an Gemeinschaften, die ihm das vermitteln. Was dem Tier sein Instinkt, ist dem Menschen seine Gewohnheit – und seine Kultur. Erst im Schoße artspezifischer Gruppen wird er so zum Menschen. Und noch für sich selbst ist er das, was andere ihn gelehrt haben zu sein. Unsere Identität verdankt sich sozialen Spiegelungen. Unser Selbst ist ein Abglanz dessen, was andere von uns halten. Unsere Biografie ist gebunden an fremde Vorgaben. All das, was uns innerlich ist, ist eine soziale Tatsache – so wie die sozialen Prozesse umgekehrt eine innere Wirklichkeit, einen inneren Zwang bilden. 

Diese Prozesse erfüllen unsere Welt mit Sinn. Die Welt selbst ist nie für sich bedeutsam, nie sinnvoll. Sondern sie ist für uns das, was sie sozial vermittelt bedeutet. Die Dinge in ihr sind das, was sie sind, aufgrund der gesellschaftlichen Bedeutungen, die wir erlernen, um uns an ihnen zu orientieren. Man kann der Gesellschaft insofern einen gottgleichen Status zusprechen. Auch dies ist ein alter Gedanke der Soziologie, den einst Emile Durkheim formulierte: Wenn die Menschen von Gott sprechen, dann meinen sie die Gesellschaft. Als allmächtige Instanz, den Göttern gleich. 

Seit Hahn seine Vorlesung in den 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehalten hat, ist einige Zeit vergangen. Sein Vortrag lässt uns immer wieder auch in eine vergangene Zeit eintauchen. Der Tod Fellinis, Helmut Kohls 60. Geburtstag, die Beerdigung von Hahns Doktorvater, dem ebenfalls bedeutenden Soziologen Friedrich Tenbruck – all dies begegnet uns in den andererseits zeitlich übergreifenden Einsichten zu elementaren Formen von Sozialität, die Hahn so dicht, so lebendig und dabei so unterhaltsam, mit so feinsinnigem Witz beschreibt wie nur wenige sonst. Als Zeugnis ihrer Zeit dokumentiert die Vorlesung aber auch umgekehrt Entwicklungslinien in die Gegenwart. So zeigten sich schon damals die Vorstufen eines heute fast allgegenwärtigen »Moralspektakels« (Hübl, 2024), in dem zum Beweis des eigenen Edelsinns anderen sehr großzügig moralische Verfehlungen unterstellt werden, wo mitunter gar keine stattgefunden haben. In der Vorlesung verschaffte sich ein Student Gehör mit der Klage über den angeblichen »Rassismus« von Hahn, der zuvor Zurechnungen auf askriptive Merkmale, wie etwa die Hautfarbe, ausführlich als wenig überzeugendes Kontrastmodell zu seinen soziologischen Erklärungen präsentiert hatte. Hahns treffsichere Reaktion: dass manche Menschen eigentümlich auf bestimmte Signale hin, ohne ihre Einbettung und Differenzierung zu sehen, auf Begriffe wie »Rasse« reagieren. Andere Menschen reagieren wiederum auf schwarze oder gelbe Haut, ohne weiter hinzusehen. Der letztere Fall werde in der Soziologie als Rassismus bezeichnet. 

Die ganze Komplexität der modernen Gesellschaft, das zeigt der schon damals beobachtbare Trend, sie ist so manchem Wichtigtuer, der sich selbst für einen aufgeklärten Kritiker ihrer Strukturen hält, schnurz. Die Vorlesung von Alois Hahn, der sich in seinem weiteren Werk immer wieder mit auch psychotherapeutisch höchst bedeutsamen Themen beschäftigt und sich im Laufe seiner Karriere immer stärker mit Luhmann auseinandergesetzt hat, eignet sich demgegenüber noch heute, mehr als 30 Jahre, nachdem sie an der Universität Trier abgehalten wurde, in besonderem Maß, sich ein fundiertes Bild über gesellschaftliche Verhältnisse und die mit ihnen zusammenhängenden sozialen Beziehungen zu machen. 

Zitierte Literatur:

Hübl, P. (2024). Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht. Siedler.

Nietzsche, F. (1887). Zur Genealogie der Moral: Eine Streitschrift. G. G. Naumann. 

Tenbruck, F. H. (1989). Die kulturellen Grundlagen der Gesellschaft: Der Fall der Moderne. Westdeutscher Verlag. 

(Mit freundlicher Genehmigung aus: Familiendynamik 50(4), 2025, S. 374 – 375. DOI 10.21706/fd-50-4-374)

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