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Daniel N. Stern (16.8.1934 – 12.11.2012)

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Daniel Stern

Daniel N. Stern

Heute wäre Daniel Stern 80 Jahre alt geworden. Leider kann er diesen Tag nicht mehr erleben, am 12. November 2012 starb er im Alter von 78 Jahren in Genf. Ich erinnere mich noch gut, mit welcher Aufregung ich sein erstes Buch („Die Lebenserfahrung des Säuglings“) verschlungen habe, das 1992 zum ersten Mal in deutscher Sprache bei Klett-Cotta erschien. Es vermittelte nicht nur auf unglaublich spannende Weise die damals noch umwälzenden Erkenntnisse der neueren Säuglingsforschung, sondern präsentierte gleichzeitig eine besondere Form des konzeptuellen Denkens, in der die vorgestellten empirischen Daten immer als Potenzial zur Theoriebildung genutzt wurden. Hier begegnete ich einer Form kreativen wissenschaftlichen Denkens, die für mich vorbildhaft bleiben sollte.

Seine Theorie der Selbstentwicklung, die er aus den Säuglingsbeobachtungen heraus entwickelte, konnte ich unmittelbar für meine therapeutische Praxis nutzbar machen. Eine faszinierende Verbindung von Forschung, Theorie und Praxis, wie sie in dieser Form nur sehr wenige Menschen beherrschen, von seiner angenehmen und lesbaren Art der Vermittlung noch ganz abgesehen.
Ähnlich erging es mir auch mit seinen anderen Büchern und Aufsätzen, ganz egal, ob ich sie im Deutschen oder in der Originalfassung las. Mit seinen Ideen und Konzepten überschritt er schnell seinen ursprünglichen psychoanalytischen Ausgangskontext und bezog zunehmend systemische Konzepte und andere theoretische Grundlagen in seine Überlegungen ein. Es gelang ihm, nicht nur die interaktionale Perspektive in der Psychoanalyse zu stärken (von der psychoanalytischen Entwicklungslehre aus der Zeit vor der Säuglingsforschung, die ich noch im Studium kennengelernt habe, ist nicht mehr viel übrig geblieben), sondern auch zunehmend Anschluss an systemische Diskurse zu finden. Ich habe seiner Arbeit immer als eine ausgezeichnete Brücke zwischen psychodynamischen und systemischen Ansätzen empfunden.
In den neunziger Jahren lernte ich ihn persönlich kennen. Zunächst im Rahmen eines Workshops, der in Bonn von Sabine Trautmann-Voigt organisiert worden war, die bei der Suche nach Möglichkeiten der Einbeziehung einer Arbeit mit dem Körper und seinen Affekten auf Stern gestoßen war. Dort präsentierte er einige Forschung-Videos, und auch hier war ich fasziniert von seiner Fähigkeit, zwischen Beobachtung und Theoriebildung jederzeit spannende Verbindungen herstellen zu können. Im März 1997 veranstaltete Rosmarie Welter-Enderlin in Zürich einen internationalen Kongress zum Thema „Gefühle und Systeme“, der maßgeblich das systemische Feld für das Thema der affektiven Kommunikation öffnen sollte. Daniel Stern hielt den Eröffnungsvortrag. Es war schon Abend, draußen war es dunkel: Nachdem er seine Blicke über das Publikum schweifen gelassen hatte, eröffnete seinen Vortrag mit der Frage: „Was machen Ihre jetzt in diesem Moment?“. Sofort wurde an der Haltung und Mimik einer ganzen Reihe von Zuhörerinnen sichtbar, wer im Publikum zu den Eltern gehörte, die sich von dieser Ansprache spontan aktivieren ließen.
Mit dieser Frage führte er in sein Konzept der Mutterschaftskonstellation ein, eine besondere interpersonale, systemische Verbindung von Mutter und Kind, aus der er u.a. die Forderung ableitete, das Kind in die Einzeltherapie der Mutter einzubeziehen und zu einer Art Mutter-Kind-Therapie werden zu lassen.
Am Abend saßen wir beim Referentenessen im wunderbaren Zürcher Restaurant von Peter Brunner zusammen und diskutierten seine Thesen und seine Forschungserfahrungen. Seine sympathische, uneitle freundlich-zurückhaltende Art ist mir bis heute nachdrücklich in Erinnerung. Er lebte bereits zu dieser Zeit mit seiner zweiten Frau Nadia Bruschweiler-Stern fest in der Schweiz und war leitete eine Forschergruppe in Genf, wenngleich er noch ein Standbein in New York hatte.
Sein Stil und seine angenehme Art des Auftretens hatten auf jeden Fall etwas ausgesprochen Distinguiertes, er wirkte eher europäisch als amerikanisch.
Als einige KollegInnen und ich 2004 den Kongress der Europäischen Familientherapie-Vereinigung EFTA im Berliner ICC mit 3.500 Teilnehmern ausrichteten, gelang es uns, Daniel Stern als Hauptredner zu gewinnen. Als ich ihn anrief, um ihn einzuladen, war ich zunächst unsicher, ob er sich an mich erinnern würde und ob er Lust habe, zu kommen. Zu meiner Überraschung sagte er aber schnell zu und hielt dann auch einen ausgezeichneten Vortrag am ersten Kongresstag, gleich im Anschluss an Maria Aarts. Nach der Vortrags-session war es meine Aufgabe, eine Podiumsdiskussion mit Daniel Stern, Maria Aarts und Rosmarie Welter-Enderlin zu moderieren, nicht gerade eine glückliche Idee, wie sich alsbald herausstellte. Es wurde schnell deutlich, dass Stern wenig von Maria Aarts und ihrem Ansatz hielt, was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruhte. Beide hatten keine Fragen aneinander, fanden ihre jeweiligen Vorgehensweisen für sich nicht anschlussfähig und ließen sich nicht wirklich auf eine Diskussion ein, auch als Rosmarie Welter-Enderlin ein Fallbeispiel beisteuerte. Auch schriftlich eingesammelte Fragen de Publikums konnten das Eis nicht brechen. Die Chemie stimmte einfach nicht. Am Ende entschloss ich mich schweren Herzens, die Diskussion schon vor der Zeit abzubrechen und in die Pause zu gehen.
In den letzten Jahren hat sich Stern auf besondere Art und Weise mit der Bedeutung von Vitalität, Kraft, Zeit und Raum. also den „nicht-digitalen“ Aspekten von Erleben und Kommunikation für die Erfassung der dynamischen Aspekte in der therapeutischen Arbeit beschäftigt. Im Verlag Brandes & Apsel sind die beiden ins Deutsche übersetzten Bücher „Ausdrucksformen der Vitalität“ und „Der Gegenwartsmoment“ erschienen, die demnächst auch im systemagazin besprochen werden.
Erstaunlicherweise ist sein Tod in der deutschsprachigen Öffentlichkeit nur wenig zur Kenntnis genommen worden. Ich selbst habe eigentlich erst durch Zufall Anfang 2013 davon erfahren, obwohl er ja über die Medien auch einem größeren Publikum bekannt war. In den Tages- und Wochenzeitungen habe ich keine Nachrufe finden können. Im Psychotherapeutenjournal ist aber ein sehr schöner Text erschienen, der von Christiane Ludwig-Körner von der Internationalen psychoanalytischen Universität Berlin verfasst worden ist. Diesen Nachruf können Sie hier lesen. Die Bedeutung seiner Arbeiten für eine Psychotherapie, die sowohl psychodynamische als auch systemische Perspektiven vereinigt, ist m.E. noch längst nicht in vollem Umfang erkannt worden. Seine Arbeiten werden uns auch in Zukunft noch manche Wege weisen. Ich denke gerne an ihn zurück!

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Ein Kommentar

  1. Danke für diese eindrückliche und schöne Erinnerung an DS. Deine Würdigung erfasst genau das, was mir als glückhaftes Übereinstimmen von Person und Werk erscheint.

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