systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Kontext 2026

Heft 1

Barbara Kuchler, Barbara Bräutigam & Wiebke Gronemeyer (2026): Editorial. In: Kontext  57 (01), S. 3-4.

Nicole Maria Bauer (2026): Das Gefühl der »Besessenheit«? Religiosität als Herausforderung und Ressource in der systemischen Psychotherapie. In: Kontext  57 (01), S. 5-24.

abstract:  Religiöse Deutungen psychischen Leidens stellen Psychotherapeut:innen vor besondere Herausforderungen. Der Beitrag diskutiert anhand einer systemischen Fallvignette mit einer hochreligiösen Klientin das Phänomen »dämonischer Besessenheit« aus religionssensibler Perspektive. Dabei wird aufgezeigt, wie systemische Methoden wie Reframing, Genogrammarbeit und narrativ-traumatherapeutische Interventionen genutzt werden können, um religiöse Wirklichkeitskonstruktionen ernst zu nehmen, ohne sie zu pathologisieren. Der konstruktivistische Ansatz ermöglicht die Integration spiritueller Narrative als Ressource für den Therapieprozess. Der Beitrag plädiert für eine stärkere Verankerung religionssensibler Kompetenz in der psychotherapeutischen Ausbildung.

Silvia Wiedebusch & Stephan Rietmann (2026): Erziehungs- und Familienberatung in der Klimakrise: Ein Konzept zur Selbststeuerung bei klimabezogenen Beratungsanlässen. In: Kontext  57 (01), S. 25-41.

abstract:  Angesichts des stetig voranschreitenden Klimawandels ist bei Kindern, Jugendlichen und Eltern ein Anstieg negativer Klimaemotionen und Zukunftssorgen sowie hieraus resultierender psychischer Gesundheitsbeeinträchtigungen zu beobachten. Dies führt bei psychosozialen Versorgungsangeboten insgesamt, aber auch in der Erziehungs- und Familienberatung zu veränderten Beratungsanlässen und neuen Herausforderungen, die in diesem Beitrag aufgezeigt werden. Als praxisorientiertes und systemisch fundiertes Beratungskonzept wird eine Intervention zur Verbesserung der individuellen und familiären Selbststeuerung vorgestellt, die auf den Umgang mit der Klimakrise angewendet werden kann. In den acht Dimensionen der Selbststeuerung werden bei den Familienmitgliedern Erlebens- und Verhaltensänderungen angestoßen. Diese können in Familiensystemen den innerfamiliären Austausch fördern, Bewältigungsstrategien verbessern und Ressourcen im Umgang mit der Klimakrise aufbauen. Schließlich werden Aus- und Weiterbildungsbedarfe von Fachkräften thematisiert, die sich bislang unzureichend auf klimabezogene Versorgungsbedarfe vorbereitet fühlen und sich die Vermittlung spezifischer Kompetenzen und Interventionen wünschen, um angemessen auf diese neuen Beratungsanlässe eingehen zu können.

Stefan Jooß (2026): Systemische Paartherapie mit Paaren nach der Familiengründung. In: Kontext  57 (01), S. 42-56.

abstract:  Das erste Kind ändert das Zusammenleben des Paares umfassend. Hiermit einher geht eine Neuverteilung der Rollen in der Beziehung, meist in Form einer Traditionalisierung. Zudem kommt es im Durchschnitt zu einem deutlichen Absinken der Partnerschaftszufriedenheit, einer Verschlechterung der sexuellen Beziehung und oft auch der generellen Lebenszufriedenheit. Da die elterliche Paarbeziehung die Grundlage einer funktionalen Elternschaft bildet, ist von diesen Problemen auch grundsätzlich das Kind mit betroffen. Daher benötigen diese Paare schnelle und passende Unterstützung, um eine solche schwierige Situation zu meistern und ihr Kind angemessen versorgen und erziehen zu können. Der in diesem Artikel beschriebene integrative Ansatz einer Paartherapie, der auf einer systemischen Grundhaltung beruht, soll das Elternpaar darin unterstützen, den Übergang zu Triade besser zu meistern. Neben Unterstützungen bei der Neugestaltung des Alltags wird hierfür insbesondere die Mentalisierungsfähigkeit und das Verständnis für sich selbst und das Gegenüber gestärkt.

Sandra Gabler, Julia Festini & Eva-Maria Rodler (2026): Jugendliche in Pflegefamilien: Ressourcen, Unterstützungsbedarfe und Bewältigung aus systemischer Perspektive. In: Kontext  57 (01), S. 57-79.

abstract:  Jugendliche in Pflegefamilien gelten als besonders vulnerable Gruppe, weil sie durch aversive Vorerfahrungen in ihren Herkunftsfamilien und durch den Prozess der Unterbringung multiplen Risiken begegnen. Ihre Lebensgeschichte kann zudem mit Phasen der Unsicherheit und Neuorganisation einhergehen. In dieser empirischen Arbeit beleuchten wir aus systemischer Perspektive, wie Jugendlichen in Pflegefamilien die Bewältigung von alterstypischen Entwicklungsaufgaben gelingt und welche Ressourcen und Bewältigungskompetenzen sie haben. Zudem interessieren uns ihre Unterstützungsnetzwerke und Anliegen für das Helfersystem. Dies erfassen wir mit Hilfe quantitativer Methodik, vor allem aber in einem selbstentwickelten, halbstrukturierten Interview, das systemische Methoden für den Forschungskontext adaptiert. Wir berichten über die Belastung, Identitätsentwicklung und Beziehungsgestaltung von 15 Jugendlichen in Pflegefamilien und die Ergebnisse des Interviews mit sechs dieser Jugendlichen. Es ergibt sich ein detailliertes, mehrdimensionales Bild über das Aufwachsen der Jugendlichen, welches zahlreiche Ressourcen und ihre Verselbstständigungsziele aufzeigt. Herauszustellen sind die Bewältigungskompetenzen und Ressourcen im sozialen Netzwerk, die Jugendliche in Pflegefamilien in unserer Stichprobe auszeichnen. Prozesse der Identitätsentwicklung scheinen zu variieren und erfordern besondere Aufmerksamkeit durch das Helfersystem. Weitere längsschnittliche Forschung ist notwendig und systemische Methoden sollten integriert werden.

Barbara Bräutigam (2026): Genogrammatische Lektüre: »Fenster ohne Aussicht – Tagebuch aus Tel Aviv« oder das Aushalten von Unaushaltbarem von Dror Mishani (2025). In: Kontext  57 (01), S. 82-83.

Jule Thermann & Johannes Herwig-Lempp (2026): Sozialarbeit kann in systemischen Weiterbildungen (noch) mehr vorkommen. In: Kontext  57 (01), S. 84-88.

Elisabeth Kandziora (2026): Rezension – Klaus Eidenschink (2025): Das Verunsicherungsbuch – warum das Gute auch schlecht ist. Für Coaches und andere Mutige. Heidelberg (Carl-Auer). In: Kontext  57 (01), S. 89-89.

Claudia Dickhäuser (2026): Rezension – Guy Bodenmann & Corinne Bodenmann-Kehl (2024): Paartherapie. 75 Therapiekarten. Weinheim (Beltz). In: Kontext  57 (01), S. 91-93.

Silvia Scholz (2026): Rezension – Günter Schiepek, Bettina Siebert-Blaesing & Marcus B. Hausner, M. B. (Hrsg.)(2025): Systemische Fallkonzeption: Idiographische Systemmodellierung und personalisierte Prozessgestaltung. Göttingen (Hogrefe). In: Kontext  57 (01), S. 93-94.

Franziska Gaube (2026): Rezension – Walter Schwertl (2025): Vertrauen in sozialen Systemen – Gefahr oder Chance? Ein Lesebuch für Coaching, Beratung und Therapie. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Kontext  57 (01), S. 94-95.


Heft 2

Martina Hörmann (2026): Editorial: Beratungskontexte und Beratungssettings – systemisch betrachtet. In: Kontext  57 (02), S. 123-124.

Carsten Hennig (2026): Systemische Haltung und Kontext: Eine diskursive Annäherung. In: Kontext  57 (02), S. 125-138.

abstract:  Der Beitrag untersucht den Diskurs zur »systemischen Haltung« in Beratung, Coaching und Supervision und fokussiert deren kontextuelle Abhängigkeit. Als narrativer Literaturreview rekonstruiert er zentrale Beiträge zum Haltungsdiskurs und verknüpft sie diskursgenealogisch miteinander. Ziel ist, verschiedene Argumentationslinien, implizite Voraussetzungen und Spannungsfelder aufzuzeigen, in denen »systemische Haltung« an Bedeutung gewinnt. Die Analyse verdeutlicht, dass Haltung im Diskurs unterschiedlich gefasst wird: als heuristische Orientierungsfigur zwischen Theorie und Praxis, als ethisch-normative Grundposition, als biografisch geprägte innere Disposition und als prozessuales, performatives Geschehen beraterischer Praxis. Diese Perspektiven werden im Kontext verschiedener Beratungssituationen, sowie ihrer Handlungslogiken und organisatorischen Rahmenbedingungen betrachtet. So zeigen sich wiederkehrende Unklarheiten und Widersprüche, etwa im Verhältnis von Erkenntnistheorie und Normativität, Innerlichkeit und Kontextualität sowie situativer Offenheit und impliziten Wirksamkeitsansprüchen. Der Beitrag reflektiert abschließend die diskursive Funktion des Begriffs »systemische Haltung« als Integrationsfigur in einem zunehmend differenzierten Feld von Beratungspraktiken, das durch den Druck von Legitimation, Identitätsbildung und Kontextvielfalt geprägt ist.

Emily Engelhardt (2026): Zwischen Innovation und Verantwortung – Künstliche Intelligenz in der Systemischen Beratung. In: Kontext  57 (02), S. 139-148.

abstract:  Der Beitrag untersucht das Spannungsfeld zwischen Innovation und Verantwortung beim Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der systemischen Beratung. Ausgehend von aktuellen Anwendungskontexten wird gezeigt, wie KI in der systemischen Beratung eingesetzt werden kann und welche Entscheidungen beim möglichen Einsatz zu treffen sind. Gleichzeitig wird KI in unserer Alltagswelt zunehmend zur Mitgestalterin von Prozessen und kann nicht mehr ausschließlich als technisches Werkzeug verstanden werden. Bezogen auf Beratung findet eine Verschiebung professioneller Rollen statt: Fachkräfte übernehmen neue Aufgaben wie die Interpretation KI-generierter Ergebnisse, während Fragen nach Verantwortung, Haftung und ethischer Entscheidungsfindung an Bedeutung gewinnen. Chancen wie Effizienzsteigerung, evidenzbasierte Entscheidungen und Entlastung von Routinetätigkeiten stehen Risiken gegenüber, etwa Bias und Diskriminierung, Datenschutzproblematiken, Entmenschlichung sozialer Beziehungen sowie fehlende Standards im professionellen Umgang mit KI. In den aktuellen Debatten bislang kaum betrachtet werden zudem sozialwissenschaftliche Perspektiven auf digitale Teilhabe, Nachhaltigkeit, ökologische Kosten sowie Fragen der Arbeits- und Bildungsgerechtigkeit. Abschließend wird ein Ausblick auf notwendige Kompetenzen von systemischen Berater:innen im KI-Zeitalter geworfen, die kritische Medienkompetenz, ethische Reflexionsfähigkeit und strukturelle Systemkenntnisse miteinander verbinden, um einen gemeinwohlorientierten, verantwortungsvollen und inklusiven KI-Einsatz in der systemischen Beratung zu ermöglichen.

Katharina Gerber (2026): Familienbegleitung im Pflichtkontext – Chancen und Risiken aus einer beraterischen Perspektive. In: Kontext  57 (02), S. 149-158.

abstract:  Wie kann es Familienbegleiter:innen gelingen, die in der Regel angeordneten Dienstleistungen für eine Familie so zu erbringen, dass sich Familienmitglieder an der Lösungsfindung und -umsetzung beteiligen? Und wie gehen Professionelle damit um, wenn dies in gewissen Situationen nicht gelingt? Diesen Fragen geht der folgende Beitrag nach. Dabei zeigt sich, dass die Arbeit im Pflichtkontext nicht nur eine beraterische Herausforderung darstellt, sondern auch eine Chance ist, um mit dem Familiensystem eine verbindliche Zusammenarbeit aufzubauen. Umgekehrt beinhaltet der freiwillige Kontext immer auch die Gefahr, dass Klient:innen Dienstleistungen »einkaufen«, ohne die Zusammenhänge zwischen eigenem Handeln und den Schwierigkeiten in der Familie ernsthaft zu hinterfragen und gegebenenfalls Veränderungen vorzunehmen. Voraussetzungen, um die Chancen des Pflichtkontextes zu nutzen, sind jedoch die Anerkennung und Bejahung der eigenen Aufgaben und Rollen sowie ein tragfähiges professionelles Helfernetz, auf welches die systemischen Familienbegleiter:innen zurückgreifen können.

Martina Hörmann (2026): Die Bedeutung des Kontextes in der systemischen Beratung. In: Kontext  57 (02), S. 159-179.

abstract:  Der Beitrag thematisiert ausgehend von den Begrifflichkeiten die Idee zur konsequent »verwobenen« Betrachtung des Dreiklangs von Methode, Haltung und Kontext in der Beratung. Dabei wird begründet, weshalb ein erweiterter Einbezug des Kontextes als Rahmung von professioneller Beratung notwendig erscheint. So erhalten Kontextsensibilität und Kontextwissen für die Praxis der Beratung eine besondere Relevanz und es stellt sich die Frage, wo und in welcher Form diese in einem Kompetenzmodell verortet werden und wie diese innerhalb einer Beratungsaus- und -weiterbildung gefördert werden können. Dies wird exemplarisch an einem im Jahr 2025 entwickelten Kompetenzmodell der Deutschen Gesellschaft für Beratung erläutert. Die curriculare Berücksichtigung und die konkrete Umsetzung der Förderung von kontext- und settingbezogenen Kompetenzen werden an mehreren Beispielen aus einem Beratungsmasterprogramm aus der Schweiz veranschaulicht.

Jan Bleckwedel (2026): Rezension – Andreas Fryszer & Thomas Merz (2025): Systemische Therapie im Gesundheitssystem. Praxisimpulse von der Beziehungsgestaltung bis zum Bericht. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Kontext  57 (02), S. 181-182.

Ragna Cordes (2026): Rezension – Dorothee Verbeek & Gunter Groen (2025): Mein Ich hat Gewicht. Stark sein gegen Magersucht. Köln (Psychiatrie Verlag). In: Kontext  57 (02), S. 182-184.

Stefanie Rosenberger (2026): Rezension – Maren Sörensen (2025): Gemeinsam stark als Paar. 120 Impulse für Therapie und Beratung. Kartenset. Weinheim (Beltz). In: Kontext  57 (02), S. 184-186.

Laura Stach (2026): Rezension – Michael Domes & Juliane Sagebiel (Hrsg.) (2024): Die Bedeutung von Theorien Sozialer Arbeit für die Praxis. Exemplarische Fallanalysen. Stuttgart (Kohlhammer). In: Kontext  57 (02), S. 186-187.

Laura Stach (2026): Rezension – Aline Dittmann-Wolf (2023): Jugendamt und Rechtsmedizin im Kinderschutz. Weinheim (Beltz/Juventa). In: Kontext  57 (02), S. 187-189.

Frank Strikker (2026): Rezension – Hans-Jürgen Balz (2025): Teamarbeit in psychosozialen Handlungsfeldern. Kooperation effektiv gestalten. Stuttgart (Kohlhammer). In: Kontext  57 (02), S. 189-190.

Franziska Kraus (2026): Rezension – Ute Zander-Schreindorfer (2025): Toolbox Systemisches Resilienz- und Gesundheitscoaching. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Kontext  57 (02), S. 190-191.

Silvia Beckmann (2026): Rezension – Herbert & Larissa Grassmann (2025): Die polyvagale Hausapotheke. Soforthilfe für angespannte Nerven. Heidelberg (Carl-Auer). In: Kontext  57 (02), S. 192-193.

Daniela Meger-David (2026): Rezension – Georg Milzner (2025). Archetypen in der Familie. Wie unbewusste Bilder die hypnosystemische Arbeit bereichern. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Kontext  57 (02), S. 193-194.