Bis 1991 und dem Heft Nr. 20 wurden die Kontexthefte mit durchgehenden Heftnummern bezeichnet. Das Heft 20 war das letzte Heft, das im Dortmunder Verlag modernes lernen erschien. Seit Heft 2/1991, das gemeinsam mit Heft 1/1992 als Doppelheft erschien, wird die Zeitschrift bei Vandenhoeck & Ruprecht verlegt.
Heft 20
Renate Feierfell & Christine Sauer (1991): Vernetzung und Wechselwirkungsprozesse zwischen Systemen aufgezeigt am Beispiel von Schulschwierigkeiten – Ein Praxisbericht -. In: Kontext 20 (1), S. 3–15.
abstract: Die systemische Betrachtungsweise wird mehr und mehr vom sozialen System Familie ausgeweitet auf andere soziale Organisationen und Institutionen. Die Schule ist neben der Familie eines der wesentlichsten Bezugssysteme im Leben und in der Entwicklung eines Kindes. So erscheint es sinnvoll, für die beraterische und therapeutische Praxis die verschiedenen Perspektiven in der Vernetzung dieser Systeme aufzuzeigen und am Einzelfall verständlich zu machen. In der Zwischenzeit gibt es eine Fülle von Literatur, die die Notwendigkeit systemischer Betrachtungsweise für die Schule begründen (HEYSE, u.a., 1988; BETZ & BREUNINGER, 1987; BRAUCKMANN, 1985; HESS & MÜLLER, 1985; HESS, 1989; OSTERHOLD & ECKHARD, 1985; PIEPER, 1986). Wir wollen weniger die Schule als Institution bzw. Organisation betrachten, sondern den Fokus auf den Schüler legen, der im Schnittpunkt des Systems Familie und Schule steht.
Wilfried Hosemann, Klaus Burian & Christa Lenz (1991): Familienarbeit und Erwerbsarbeit. In: Kontext 20 (1), S. 16–26.
abstract: Die Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit stellt Paare vor Entscheidungssituationen und ist häufig Ursache oder Anlass für familiäre Krisen und Konflikte. Die Auseinandersetzungen zwischen den Partnern stehen in einem engen Zusammenhang mit den Möglichkeiten, einerseits Einkommen und soziale Anerkennung im Beruf erzielen zu können und andererseits für Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen zuständig zu sein. Kurz gesagt: Der Tisch, auf den die Familienkonflikte kommen, steht auf ökonomischen Füßen. Das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Familienarbeit korrespondiert mit den Geschlechtsrollen und entsprechend sensibel wird auf das Thema reagiert. Zumal die gegenseitigen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen von keiner Position aus auf die Dauer einen einseitigen Einfluss ermöglichen. Wie sehen und erleben Familien die Wechselwirkungen von Erwerbs- und Familienarbeit? Welche Erwartungen werden an das Erwerbs- und Familienleben gestellt und wie wird im Alltag der Familien die Aufteilung zwischen Familien-, Haus- und Erwerbsarbeit organisiert? Diesen Fragen geht der folgende Beitrag auf der Grundlage der Ergebnisse einer Untersuchung von 40 Familienfallstudien nach. Befragt wurden Facharbeiter und Ingenieure und ihre Partnerinnen zu ihren Vorstellungen über die Aufteilung von Haus-, Familien- und Erwerbsarbeit sowie zu ihren Strategien, den Familien- und Erwerbsalltag zu bewältigen.
Matthias Lauterbach (1991): Familienmythen – ein nützliches Konzept? In: Kontext 20 (1), S. 27–32.
abstract: Was ist ein Mythos? Ein Mythos ist ein Erklärungsprinzip (frei nach Bateson). Was es erklären soll, läßt sich für den hier gewählten Kontext – nämlich die Psychotherapie/ Familientherapie – genauer eingrenzen: die Annahme der Wirksamkeit von Mythen ist eines der möglichen Erklärungsprinzipien für familientypische Verhaltensweisen, Denkmuster, Gefühlsqualitäten. Mythen sind definierbar als ein wirksamer vergangenheitsbezogener Plausibilitätsrahmen der deskriptiven und präskriptiven Regeln von Familien. Die Erfahrung in der konkreten therapeutischen Arbeit muss zeigen, ob eine solche Annahme nützlich ist, d.h. ob die Annahme eines Zeichensystems, das der Familie zur Bedeutungsgebung von Ereignissen, zur emotionalen und kognitiven Organisation von Erlebnissen und zur Ableitung von Verhaltensregeln dient, therapeutisch wirksame Interventionen ermöglicht. Es soll hier der Frage nachgegangen werden, ob es sinnvoll ist, in der Familientherapie mit dem Begriff ‚Mythos‘ als Erklärungsprinzip zu arbeiten.
Esther Ringling (1991): Großeltern in der Familientherapie. In: Kontext 20 (1), S. 33–40.
abstract: Für viele junge Therapeutinnen ist die Vorstellung, Menschen im Alter der eigenen Eltern zu therapieren, angstbesetzt. Eigene Erinnerungen werden wach an die Beziehung zu den Eltern, Fragen tauchen auf: Wie offen konnte ich mit den Eltern sprechen, habe ich ihnen verziehen oder grolle ich ihnen noch, bin ich mit ihnen versöhnt. In einer Therapie werden auch intime Dinge besprochen; die Therapeutinnen stoßen an Grenzen, die bei den eigenen Eltern nicht überschritten werden können und nun eine Blockade darstellen (vgl. Massing, 1990). Im Rahmen einer Forschungsarbeit über Mehrgenerationen-Familientherapien an der Universität Frankfurt/M. wurde eine Untersuchung an den hessischen Erziehungsberatungsstellen durchgeführt. 12,7 % der hessischen ErziehungsberatungssteIlen beteiligten sich an der Fragebogen-Aktion (vg!. Ringling, 1990); 28 ausgefüllte Fragebögen über Mehrgenerationen-Familientherapien wurden zurückgeschickt. Bei der Befragung sollten die Therapeutinnen einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie nach ihrem Beruf und ihrer Zusatzausbildung, ihrer familientherapeutischen Arbeitsweise, ihrer Meinung zu Mehrgenerationen-Therapien, der Anzahl der durchgeführten Mehrgenerationen-Therapien und zu der ErziehungsberatungssteIle befragt wurden. In einem zweiten, dem Familientherapie-Bogen, wurden Daten über die Familie und Angaben zu der Mehrgenerationen-Therapie erfragt. In diesem Artikel möchte ich mich schwerpunktmäßig auf die Untersuchungsergebnisse zur Rolle der Großeltern in den erfaßten Therapien beziehen.
Ilona Schöll (1991): Tagungsbericht: Women and Family Therapy: International Colloquium. 22.-25.5.1990. In: Kontext 20 (1), S. 42-42.
Barbara Brink, Ewald Johannes Brunner, Josef Duss-von Werdt, Heiner Ellebracht et al. (1991): Aufruf von Familien- und Systemtherapeuten -therapeutinnen zum Golfkrieg. In: Kontext 20 (1), S. 43-44.
Doppelheft 2/1991 u. 1/1992
Peter Scheib & Michael Wirsching (1991/1992): Editorial: Kontext – in eigener Sache. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 5-5.
Eva Jaeggi (1991/1992): Familien In Deutschland: Therapie und Beratung im Umbruch. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 7-18.
abstract: Das Thema ist umfassend: Allzu umfassend, als dass man es erschöpfend behandeln könnte. Was mir allerdings machbar und sinnvoll erschien: Fragen zu stellen, Leitlinien aufzustellen, damit während der DAF-Tagung die vielen Arbeitsgruppen und Workshops bei der Bearbeitung der Detailprobleme einige Anhaltspunkte aus meinen Fragen herausgewinnen konnten für ihre Diskussion. Meine Herangehensweise an diesen Vortrag war sehr stark geprägt von derjenigen Entdeckerfreude, wie ich sie auch aus der Forschung kenne: Es hat mir – nach einigem Kopfzerbrechen ob der mageren Literatur- und Datenlage in bezug auf die neue Situation in Deutschland – viel Freude gemacht, Neues zu entdecken, es mit Vertrautem zu verbinden und zu einem neuen Verständnis zu verknüpfen.
Norbert Wetzel (1991/1992): Therapeutische und gesellschaftliche Kontexte. Zum Verhältnis von Therapie und Politik. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 19-26.
abstract: Von jeher kam es für Familientherapeuten entscheidend darauf an, den Kontext ihres therapeutischen Umgangs mit einer Familie kritisch zu reflektieren. Paare und Familien (und auch Einzelne) können aber nicht wie Leibniz’sche Monaden von ihrem gesellschaftlichen Umfeld getrennt gedacht werden. Jede Form von Psychotherapie, erst recht die systemische Familientherapie, muß die komplexen Kräfte berücksichtigen, die von außerhalb des Therapiezimmers den Prozess der Therapie mitbestimmen. Darin liegt nun die Herausforderung an die Familientherapie: Es genügt nicht, dass wir uns von unserer Kontextsensitivität innerhalb der Therapie dazu führen lassen, über den Therapieraum hinaus zu sehen und die Vorgänge im Kontextumfeld der Familie mitzubeachten, d.h. dass wir Therapie nicht als Glasperlenspiel losgelöst von der gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachten. Wir sind vielmehr aus therapeutischen und begrifflichen Gründen herausgefordert, im Interesse der Klientenfamilien direkt an der Umgestaltung des gesellschaftlichen Kontexts, in dem Familien leben, teilzunehmen, d.h. politisch Stellung zu nehmen und zu handeln. Unsere berufliche Verantwortung für die seelische Gesundheit unserer Klienten erfordert Interventionen auch im gesellschaftlichen Bereich, nicht nur im innerfamiliären Raum. Begrifflich lässt sich dieser familiäre Raum nicht mehr säuberlich von der umgebenden Gesellschaft abgrenzen. Gilt nun aber, daß Therapie mit Paaren und Familien nicht nur das gesellschaftliche Umfeld mitberücksichtigen muß, indem sich der therapeutische Prozess vollzieht, sondern auch ein direktes Eintreten für die Wohlfahrt von Familien im Sinne politischen HandeIns erfordert, dann ist damit die Frage aufgeworfen, wie der Beitrag aus der Familientherapie im einzelnen aussehen kann. Welche spezifischen Ideen, Einsichten, Erfahrungen können Familientherapeuten mit beruflicher Legitimität in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen? Was können sie aus der Arbeit mit Paaren und Familien lernen? An welchen ethischen Grundannahmen könnte sich ihre gesellschaftliche und politische Arbeit orientieren?
Michael Wirsching (1991/1992): Braucht die Familien-Therapie einen neuen Kontext? Missverständnisse, Größenphantasien und ungerechtfertigte Resignation. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 27-26.
abstract: Die These vom Funktionsverlust der modernen Familie sagte in ihrer kulturpessimistischen Version den Tod der bürgerlichen Kernfamilie voraus. In der nachindustriellen Gesellschaft ist seit einiger Zeit eine stetig wachsende Bereitschaft zur Akzeptanz unterschiedlichster Formen menschlichen Zusammenlebens zu beobachten. Lebensformen herrschen vor, welche sich nur noch mit Mühe dem Bild gar der „heilen“ Familie zuordnen lassen. Familientherapie gerät damit von zwei Seiten unter Druck: konservative Apologeten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert verdächtigen sie zur „Zersetzung“ beizutragen, sehen in familiendynamischen Erklärungen aller Arten seelischer und körperlicher Gebrechen einseitige Schuldzuschreibungen, Anklagen, vor allem der „psychopathogenen“ Eltern. Apologeten der Jahrtausendwende verdächtigen Familientherapeuten des Beharrens auf dem längst insignifikant gewordenen Teil des Systems, entwicklungsbehindernde Beziehungsklempner, welche die Auflösung des traditionellen Kanons verschlafen haben, mithin nur Übergangsphänomene zu sein in einem Prozess schnellen kulturellen Wandels.
Rosmarie Welter-Enderlin (1991/1992): Die Kluft von Forschung und Praxis in der Familientherapie. Ergebnisse einer Befragung von Praktikerinnen und Praktikern. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 37-52.
abstract: Im Herbst 1989 machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses in systemischer Therapie und Beratung am Ausbildungsinstitut in Meilen/Zürich 20 ausgedehnte Interviews bei PraktikerInnen der Familientherapie in der deutschsprachigen Schweiz. Sie benützten dazu einen halbstrukturierten Gesprächsleitfaden, der von der Autorin entwickelt worden war. Es wurden darin auch Ideen eines anderen Mitglieds unseres Ausbildungsteams (Dr. Bruno Hildenbrand) berücksichtigt.
Manfred Cierpka (1991/1992): Der Forscher in uns. Ergebnisse aus der Familienforschung. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 53-62.
abstract: Die empirische Forschung fristet ein Aschenputteldasein in der Familientherapie. Zwar wird von den meisten Therapeuten anerkannt, dass wir eine Familienforschung benötigen, um nach außen die Reputation unseres Faches untermauern zu können, das in die Wege leiten von eigenen Forschungsaktivitäten wird jedoch meist unterlassen. Dies liegt natürlich mit daran, daß man Forschung auch lernen muss – die Methoden, das Studiendesign, die Auswertung und die Interpretation der Ergebnisse. Aber es kommen noch einige wesentliche Gründe hinzu, warum sich Psychotherapeuten und speziell Familientherapeuten mit der Forschung schwer tun. Über diese Gründe sollten wir uns zunächst Klarheit verschaffen, um den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen zu definieren und Hinweise dafür zu bekommen, wie wir die Attraktivität der Familienforschung steigern können. Warum ist die Familienforschung unattraktiv?
Dagmar Hosemann (1991/1992): Kontextgebundenheit familientherapeutischer Forschung. In: Kontext 21/22 (2/91 – 1/92), S. 63-69.
abstract: Die Kontextgebundenheit familientherapeutischer Forschung ist etwas, was mich seit Beginn meines Interesses an Familientherapie beschäftigt. Der Hintergrund dafür ist, dass ich mich den Psychotherapien aus dem Bereich der Sozialpädagogik/Sozialarbeit (SP/SA) genähert habe. Mein Studium der SP/SA war sowohl an der Fachhochschule wie im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Universität, durch eine eher orthodoxe psychoanalytische Sichtweise geprägt, wie es in den 60iger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland üblich war. Die Theoriebasis ermöglichte zwar eine Beschreibung einer Vielzahl von Phänomenen im Bereich der SP/SA (besonders durch die Erweiterung zur gesellschaftskritischen Perspektive, wie sie von der „Frankfurter Schule“ vertreten wurde), es ließen sich mit ihr auch eine Vielzahl von Prognosen erstellen (wie von einer guten Theorie zu fordern ist – vgl. Hawking 1988), es mangelte jedoch an für den Bereich der SP/SA gut umsetzbaren methodischen Möglichkeiten. Hier schien zunächst die Familientherapie (und besonders die systernische) eine erhebliche Erweiterung zu bringen. Doch nach näherem Befassen und einer Vielzahl von Versuchen, Familientherapie im Bereich der SP/SA umzusetzen, wurde mir immer deutlicher, was psychoanalytische Verfahren und Familientherapie gemeinsam haben: Beide sind in den ihren Erkenntnissen zugrundeliegenden Erfahrungen im medizinischen Bereich verankert.