Heft 1
Laura Galbusera & Christina Hunger-Schoppe (2026): Editorial: 50 Jahre Mailänder Ansätze. In: Familiendynamik 51 (01), S. 1-1.
Umberta Telfener & Enzo De Bustis (2026): Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft: Das Mailänder Modell. In: Familiendynamik 51 (01), S. 4-12.
abstract: Wir sind systemische Therapeut:innen, Forschende und Lehrende am »Centro Milanese di Terapia della Famiglia«, das von Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin gegründet wurde und sich seitdem fortwährend weiterentwickelt. In unserem Beitrag stellen wir zentrale Aspekte dieser historischen Entwicklung, unserer derzeitigen klinischen Praxis und erkenntnistheoretischen Haltung vor. Als Systemiker:innen sehen wir uns nicht nur als »Therapeut:innen« und fokussieren nicht ausschließlich auf familiäre Beziehungen. Auch vermeiden wir eine Klassifizierung der Therapie nach Art der Klient:innen oder sozialen Systeme, d. h. unsere Beobachtungseinheit ist weder die Familie noch das Individuum oder das soziale Netzwerk. Stattdessen fokussieren wir auf das gesamte Beziehungsgefüge über einzelne soziale Einheiten hinweg. Wir verstehen Wissen nicht einfach als Aufzeichnung von Beobachtungen, sondern als Produkt einer strukturierenden Aktivität des Subjekts. Diese ist nicht nur eine Frage der Wahrnehmung, sondern auch geprägt von spezifischen Verhaltensmustern. Insofern begreifen wir Therapie als eine handlungsbasierte Praxis 2. Ordnung, die das »Verstehen des Verstehensprozesses« (Telfener, 2016) erfordert. Veränderung entsteht demnach als Prozess 2. Ordnung aus der »Koordination der Koordination« (Maturana, 1978) zwischen Menschen in einem gemeinsamen Diskurs- und Handlungsraum.
Laura Fruggeri, Francesca Balestra & Elena Venturelli (2026): Eine Metaperspektive auf den therapeutischen Prozess. Methodische Überlegungen zur therapeutischen Positionierung. In: Familiendynamik 51 (01), S. 14-22.
abstract: Der Forschung zufolge verfügen Therapeut:innen, die wirksame Therapien durchführen können, über vielfältige und komplexe Kompetenzen. Diese Kompetenzen ermöglichen es ihnen, eine Intervention zu planen sowie mit der Einzigartigkeit der laufenden Interaktion umzugehen und unvorhergesehene Ereignisse zu bewältigen. Sie helfen Therapeut:innen dabei, den therapeutischen Prozess zu gestalten. Am Centro Bolognese di Terapia Familiare (CBTF, Bologneser Zentrum für Familientherapie) haben wir sie als Metakompetenzen operationalisiert. Diese Metakompetenzen versetzen Therapeut:innen in die Lage, die Beziehungs- und Interaktionsformen, die sich aus der Begegnung zwischen Therapeut:in und Klient:in ergeben (Beziehungskompetenz), ihre eigene Position im Prozess (epistemologische Kompetenz) sowie den sozio-institutionellen Kontext und die Werte, die in der Begegnung zwischen Therapeut:in und Klient:in zum Tragen kommen (Kontextsensibilität), zu beobachten und zu überwachen.
Liliana Redaelli, Matteo Selvini, Stefano Cirillo & Anna Maria Sorrentino (2026): Mara Selvini Palazzoli und ihre Schule. Epistemologien und Therapiemodelle. In: Familiendynamik 51 (01), S. 24-30.
abstract: Mara Selvini Palazzoli zufolge sind wissenschaftliche Forschung und therapeutische Praxis eng miteinander verknüpft. Die Epistemologie als Erforschen der Modalitäten und Grenzen von Wissen war maßgebend für die Entwicklung ihrer Behandlungsansätze, gleichzeitig regten das Erkennen von Grenzen in der Patient:innenversorgung dazu an, nach neuen Epistemologien zu suchen. In diesem Artikel befassen wir uns mit der Entwicklung von Erkenntnistheorien und Behandlungsansätzen, ausgehend von der therapeutischen und wissenschaftlichen Arbeit von Mara Selvini Palazzoli bis hin zu den jüngsten Überlegungen von Stefano Cirillo, Matteo Selvini, Anna Maria Sorrentino und den Dozierenden der Mara-Selvini-Palazzoli-Schule.
Liliana Redaelli, Luca Codecá & Matteo Selvini (2026): Das systemisch-familiär-individuelle Modell (SFI). Ein Fallbeispiel für klinische Supervision im Ausbildungskontext. In: Familiendynamik 51 (01), S. 32-38.
abstract: Supervision bietet Therapeut:innen eine sichere Basis, auf die sie sich in Momenten der Krise, Erschöpfung oder wenn der therapeutische Prozess in eine Sackgasse gerät, verlassen können. Im Rahmen dieser Begleitung unterstützen Supervisor:innen und das Supervisionsteam die Supervisand:innen dabei, bereits Geleistetes zu würdigen und ein therapeutisches Behandlungskonzept zu erarbeiten, das die vorhandenen Ressourcen wie die bestehenden Herausforderungen der therapeutischen Situation berücksichtigt. In Anlehnung an die Epistemologie der Komplexität hat die Mara-Selvini-Palazzoli-Schule ein Modell erarbeitet, das sieben Dimensionen beziehungsweise Zugänge beschreibt, die bei der Fallkonzeption zu berücksichtigen sind. In der Supervision werden Therapeut:innen dabei unterstützt, die einzelnen Dimensionen und ihre Verflechtung zu verstehen, die das systemisch-familiär-individuelle Modell (SFI) ausmachen. In diesem Beitrag wird ein Fallbeispiel für die Anwendung dieses Modells im Rahmen einer Gruppensupervision in der Ausbildung vorgestellt.
Valeria Ugazio (2026): Semantik und therapeutische Veränderung. In: Familiendynamik 51 (01), S. 40-47.
abstract: Dieser Artikel stellt das Modell der familiären semantischen Polaritäten (MFSP) vor, das eine systemisch-konstruktivistische Perspektive auf die Bedeutungsgebung sowie die Entstehung und Behandlung einiger der häufigsten Störungen in der klinischen Praxis bietet. Anders als pragmatisch orientierte Ansätze wie die Palo-Alto-Schule integriert das MFSP semantische Dimensionen und individuelle Positionierungen in die Analyse familiärer Dynamiken. Es geht davon aus, dass Bedeutung durch polare Gegensätze konstruiert wird, die narrative Muster und Identitätskonstruktionen prägen. Vier zentrale Semantiken – Freiheit, Güte, Macht und Zugehörigkeit – werden als konstitutiv für die familiäre Kommunikation und als relevant für phobische, zwanghafte, essstörungsbezogene sowie bestimmte depressive Störungen beschrieben. Psychopathologie wird dabei nicht als Defizit, sondern als bedeutungstragendes narratives Phänomen verstanden, das eng mit intersubjektiven Positionierungen verbunden ist. Die therapeutischen Leitlinien der MFSP zielen nicht darauf ab, dominante Familiensemantiken zu beseitigen, sondern ihre Ressourcen für Veränderungsprozesse zu nutzen und eine transformative therapeutische Beziehung zu ermöglichen. Das Modell stellt somit einen innovativen Beitrag zu systemisch-konstruktivistischen Therapien dar, indem es Psychopathologie, Intersubjektivität und semantische Konstruktionen in den Mittelpunkt stellt.
Valeria Ugazio & Lisa Fellin (2026): Triadische Interaktionen zwischen erlebter und erzählter Geschichte. In: Familiendynamik 51 (01), S. 50-57.
abstract: Der Artikel befasst sich mit triadischem Denken, einem Konzept, das in der Tradition der Mailänder Schule eine zentrale Rolle gespielt hat. Aus konstruktivistischer Sicht wird triadisches Denken als Hermeneutik neu definiert, die den / die Beobachter:in einbezieht und therapeutische Veränderungen fördert. Die Autorinnen vertreten die Auffassung, dass diese Hermeneutik im Hinblick auf therapeutische Veränderungen einen privilegierten Status hat. Sie führt triadische Inferenzfelder ein, die den monadischen und dyadischen Erklärungsschemata, auf denen die Erzählungen der Patient:innen aufbauen, fremd sind. Das Verhalten der Patient:innen kann jedoch von diesen Inferenzfeldern geleitet werden, da unsere erlebte Geschichte mindestens triadisch ist. Empirische Befunde stützen diese These und zeigen, dass Patient:innen meist in explizit monadischer oder dyadischer Form von ihren Erfahrungen berichten, während die implizite Struktur der gelebten Erfahrung triadisch ist. Die daraus resultierende Diskrepanz zwischen erlebten und erzählten Geschichten erweist sich als nützliches heuristisches Instrument, um therapeutische Hypothesen zu generieren und narrative Transformationsprozesse in Gang zu setzen. Diese Perspektive auf therapeutische Veränderung unterstreicht den Wert des triadischen Denkens für eine klinische Praxis, die die subjektiven Erfahrungen der Patient:innen ernst nimmt, iatrogene Risiken minimiert und Therapie als einen Dialog betrachtet, der die kreative Ko-Konstruktion von Bedeutung aufrechterhält.
Norbert A. Wetzel (2026): Die Anderen umarmen. Wiederbegegnung mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen der systemischen Familientherapie. In: Familiendynamik 51 (01), S. 58-64.
abstract: Die systemische Familientherapie entstand in den 1960er bis 1980er Jahren durch die Arbeit innovativer Denker:innen und Kliniker:innen. Trotz ihrer kreativen Beiträge und theoretischen sowie praktischen Innovationen scheint es so, als ob die US-amerikanische und europäische Psychiatrie und Psychotherapie bis heute soziale Beziehungen, den sozialen Kontext und die Einbindung in die Gemeinschaft nicht ausreichend berücksichtigt. Die ambulante und v. a. die stationäre Versorgung stützt sich vielfach auf Medikamente und die Arbeit mit einzelnen Klient:innen. Mit Veröffentlichung des DSM-5 wurde das medizinische Paradigma, oft als »Evidenzbasierung« gerahmt, zur herrschenden Erkenntnistheorie. Es fehlt an einem intrinsischen Zugang, um den Wahrheitsgehalt dieser sogenannten »empirischen Fakten« zu hinterfragen und eine gesunde Skepsis gegenüber der sie hervorbringenden Messmethoden zu entwickeln (Frances, 2013; Johnstone & Boyle, 2020; Scull, 2022). In diesem Beitrag soll ein alternatives Denkmodell vorgestellt werden, das darauf beruht, dass Menschen in Beziehungen zum Subjekt werden, dass sie in sozioökonomische und kulturelle Kontexte eingebunden sind und durch die sozialen Gemeinschaften, denen sie sich zugehörig fühlen, geprägt werden. Ziel ist es, einen Beitrag zu einem erkenntnistheoretischen Ansatz zu leisten, der als zentrales Anliegen Zwischenmenschlichkeit sowie soziale Gerechtigkeit und damit eine Perspektive zum Frieden durch Gemeinschaft formuliert (Goodman & Freeman, 2015; McWilliams, 2019; Waldenfels, 2016).
Christina Hunger-Schoppe, Jochen Schweitzer, Philipp Wichelhaus, Niels Braus et al. (2026): Heidelberger Modell der Symptomverschreibung: »Wenn du ein Symptom hast – nutze es!«. In: Familiendynamik 51 (01), S. 66-68.
abstract: Das traditionelle Mailänder Team (Selvini Palazzoli et al., 1975, 1977) entwickelte in den 1970er Jahren alternative Behandlungsstrategien für komplexe Störungsbereiche. Erkenntnistheoretisch verstanden sie Symptome als Elemente, welche Informationen über die Beziehungsdynamik der Mitglieder eines betroffenen sozialen Systems liefern. Um einen bedeutsamen Unterschied im therapeutischen Prozess einzuführen (Bateson, 2000), regten sie paradoxe Interventionen an, die das gesamte Familiensystem einbezogen: Symptome wurden positiv konnotiert und sollten absichtlich herbeigeführt werden, um so eine Irritation im sozialen System zu erzeugen. Durch die so angestoßenen selbstorganisatorischen Prozesse im Familiensystem konnte ein neues Gleichgewicht entstehen, in dem die eigene System- und Selbstwirksamkeit zurückgewonnen wurde (Hunger-Schoppe et al., 2021).
Christina Hunger-Schoppe & Laura Galbusera (2026): Von Mailand über Umwege nach Berlin. Christina Hunger-Schoppe im Gespräch mit Laura Galbusera über ihre Begegnungen mit der Systemischen Therapie. In: Familiendynamik 51 (01), S. 70-74.
abstract: Laura Galbusera ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Systemische Therapie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg sowie approbierte Psychologische Psychotherapeutin im systemischen Verfahren. Nach dem Studium der Klinischen Psychologie an der Universität Bergamo (Italien) promovierte sie an der Universität Heidelberg im Fach Psychiatrie (Dr. sc. hum). Anschließend war sie als Dozentin und Wissenschaftlerin an der University of Northampton (UK) sowie am Philosophischen Institut der Technischen Universität Berlin tätig. Ihre Forschung bewegt sich an der Schnittstelle von Psychologie, Kognitionswissenschaft, Philosophie und Psychiatrie. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Psychotherapie und Unterstützung von Menschen mit Psychoseerfahrungen.