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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Arist von Schlippe wird 75!

| 6 Kommentare

(Foto: Tom Levold)

Heute feiert Arist von Schlippe seinen 75. Geburtstag, und systemagazin gratuliert – wieder einmal, und wieder von Herzen. Vor fünf Jahren habe ich an dieser Stelle versucht, sieben Jahrzehnte eines außergewöhnlichen Lebens zu würdigen, was keine einfache Aufgabe ist, gehört Arist doch zu den Menschen, die unser Fachgebiet durch ihre Präsenz und Produktivität immer wieder immens bereichert haben.

Das Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, das er zusammen mit Jochen Schweitzer erstmals 1996 bei Vandenhoeck & Ruprecht vorgelegt hat, ist seit bald drei Jahrzehnten das meistzitierte deutschsprachige Werk im systemischen Feld – über 2.400 Zitierungen im akademischen Schrifttum sprechen eine eigene Sprache. Auch wenn seitdem eine Reihe weiterer Lehrbücher erschienen ist, hat dieses Buch nicht nur einen Standard gesetzt, sondern eine Generation von Therapeutinnen und Therapeuten geprägt, die ihr Handwerk an und mit diesem Text gelernt haben. Dass ein solches Werk dreißig Jahre nach seinem Erscheinen nicht einfach fortgeschrieben, sondern grundlegend neu durchdacht wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Februar dieses Jahres ist die völlig überarbeitete Neuauflage erschienen – mit neuen Kapiteln, erweitertem Stichwortregister und einer Darstellung der systemischen Therapie, die dem gewachsenen Integrationsstand des Feldes Rechnung trägt. Die Fertigstellung dieses Bandes konnte Jochen Schweitzer (1954-2022) leider nicht mehr erleben.

Die publizistische Energie, die hinter den zahllosen Büchern und Aufsätzen steckt, die Arist von Schlippe in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht hat, ist kaum zu ermessen. Als Mitbegründer der Zeitschrift des Weinheimer Instituts für Familientherapie, systhema, als langjähriger Mitherausgeber der Familiendynamik, als Herausgeber der Buchreihe Leben.Lieben.Arbeiten bei Vandenhoeck & Ruprecht und als Beirat zahlreicher Fachzeitschriften – von Kontext über Familiendynamik bis hin zu Organisationsberatung, Supervision, Coaching – hat Arist immer auch institutionell gedacht: Was braucht das Feld, damit es sich weiterentwickelt? Was fehlt, damit Theorie und Praxis in Kontakt bleiben? Diese Fragen haben sein Schaffen durchzogen, lang bevor er 2005 nach Witten berufen wurde und dort nochmals einen Kurswechsel wagte – vom klinischen Psychologen und systemischen Therapeuten zum Beforscher von Unternehmensfamilien.

Am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) hat Arist zwischen 2005 und 2025 als Nachfolger von Fritz B. Simon eine eigene Forschungstradition begründet. Die systemtheoretische Perspektive auf Familienunternehmen – als Orte, an denen zwei grundlegend verschiedene Soziallogiken aufeinandertreffen und täglich neu ausgehandelt werden müssen – war damals im betriebswirtschaftlichen Mainstream kaum verankert. Arist hat diesen Rahmen weiterentwickelt, in Begriffe gefasst und in der Praxis erprobt. Das Konzept der „verdoppelten Familie“ gehört heute zum Standardvokabular der Familienunternehmensforschung. Im vergangenen Sommer hat er Witten nach zwanzig Jahren verlassen – gewürdigt durch einen feierlichen Abschied, der dem Institut zu Recht schwerfiel.

Ein zentrales und verbindendes Thema für Arist ist die Frage, wie Familien – als Therapiefamilien, als Unternehmerfamilien, als Erziehungsgemeinschaften – mit Widersprüchen und Paradoxien leben und diese, wenn nötig, produktiv bearbeiten können. Die Bücher mit Haim Omer zur elterlichen Präsenz und zum gewaltlosen Widerstand, die Arbeiten zur systemischen Konfliktberatung – das sind Variationen eines Themas.

Seine sechsjährige Tätigkeit als erster Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft, seine Ehrenmitgliedschaften – bei der Systemischen Gesellschaft, beim BVPPT, bei der Fördergemeinschaft Mediation DACH und u.a. auch beim lettischen Familientherapieverband – zeigen eine verbindende Wirkung, die Arist in der systemischen Szene wie kaum ein zweiter ausgeübt hat. Wer erlebt hat, wie er in einer zugespitzten Diskussion das Verbindende sichtbar macht, ohne die Differenzen wegzubügeln, versteht, warum er ein personifiziertes Gegenmodell zur Lagerbildung verkörpert. Diese Fähigkeiten, nicht zuletzt durch seinen Charme und Humor grundiert, hat er auch als Familientherapeut und Berater von Unternehmensfamilien immer wieder in schwierigen Beratungssituationen einsetzen können.

Auch unsere gemeinsame, mittlerweile über 40 Jahre währende persönliche Geschichte, die sich über unsere verbandspolitische Arbeit in der Systemischen Gesellschaft, unsere gemeinsamen Projekte als Autoren, Herausgeber und Berater entwickelt hat, lebt von dieser Erfahrung einer zugewandten Haltung, wechselseitigem Lernen und fruchtbarem Austausch auch unterschiedlicher Meinungen.

Was ich an unseren persönlichen Treffen  – neben Essen, Wein und Sauna, die seit je dazugehören –, besonders schätze, ist, dass neben den systemtheoretischen Fragen, die wir seit seit vielen Jahren miteinander diskutieren, auch Kunst und Fotografie immer größeren Raum bekommen. Arist ist jemand, der genau hinschaut und präzise fragt – was ein Bild zeigt, was es verschweigt, welche Wirklichkeitskonstruktionen und Kontextverweise es offenbart. Diese  visuellen Aufmerksamkeit entspricht einer intellektuellen Grundhaltung, die in seinem wissenschaftlichen Werk genauso zu finden ist – die Bereitschaft, das Sichtbare nicht für selbstverständlich zu nehmen, sondern zum Ausgangspunkt der Reflexion dessen zu machen, was dahinter stecken kann.

Fünf Jahre sind vergangen seit meinem letzten Geburtstagsgruß an dieser Stelle. Es waren produktive Jahre für Arist – neue Bücher, ein abgeschlossenes Lehrstuhljahrzehnt, eine Festschrift mit knapp vierzig Beiträgen von deutschen und internationalen Kolleginnen und Kollegen. Was mich persönlich freut: Die Freundschaft, die ich damals beschrieben habe, ist seitdem nicht kleiner geworden, im Gegenteil.

Lieber Arist, zum 75. Geburtstag wünsche ich dir die Energie und die Gesundheit, die du brauchst, um das, was du dir noch vorgenommen hast, auch angehen zu können. Auch wenn du in den vergangenen beiden Jahren gesundheitliche Herausforderungen zu meistern hattest und die Schlagzahl etwas kleiner werden soll, ist auch in Zukunft noch viel von dir zu erwarten. Darauf freue ich mich schon. Vor allem aber: genieße das Leben, Eure Reisen und all die anderen Dinge, die in der Vergangenheit vielleicht manchmal viel zu kurz gekommen sind.

Ganz herzlich, Tom

6 Kommentare

  1. Andreas Brenneke sagt:

    Lieber Arist,
    jemanden wie dich nennt man wohl ein „Urgestein“. Herzlichste Glückwünsche zu deinem Geburtstag! Urgestein kommen übrigens aus sehr agilen, feurigen Tiefen und sind aussergewöhnlich beständig.
    Herzlichst
    Andreas Brenneke

  2. M. Ochs sagt:

    Lieber Arist
    Auch von mir nachträglich herzlichste Geburtstagswünsche und -grüße! Und ich pflichte gerne Jürgen Kriz bei – ich habe mich ebenfalls sehr über die Neuauflage des Lehrbuchs von Dir und Jochen gefreut, die vor wenigen Wochen bei mir eintraf, Danke dafür! Yours, Matthias Ochs

  3. Lieber Arist,
    Ganz liebe und herzliche Glückwünsche zu Deinem 75. Geburtstag heute!
    Neben Deinen großen Verdiensten im systemischen Feld, denke ich vor allem auch an Deinen wunderbaren Humor und Deine Leidenschaft für Witze. Wie gerne erinnere ich mich an die SG Tagung 2017 in Mannheim, bei der Du einen wirklich witzigen Vortrag zum Thema „Lachen hilft erkennen“ gehalten hast.
    Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir einmal vereinbart, dass wir uns – wenn wir uns treffen – so lange Witze erzählen, bis wir einen gefunden haben, den der andere noch nicht kannte. Einen dieser Witze hast Du in dem Vortrag zitiert:
    Ein Mann sitzt mit seiner Frau im Restaurant.
    Plötzlich bekleckert sich die Frau und sagt: „Ich sehe ja aus wie ein Schwein!“ Darauf der Mann: „Und bekleckert bist du auch noch!“
    Lieber Arist, ich wünsche Dir Gesundheit und weiterhin viel Grund zum Lachen und viel Freude dabei, andere zum Lachen zu bringen!
    Mit lieben Grüßen, Peter

  4. Wolfgang Loth sagt:

    Lieber Arist,
    wie immer: auch auf diesem Weg meinen herzlichen Glückwunsch! Toms Würdigung zeigt Deine Erfolge auf, Dein Können, Dein Engagement, Dein Standing und Deine Verbundenheit in der community. Das Glück des Tüchtigen bedarf da keiner weiteren Wünsche mehr, das ist gegeben. Glück und Segen wünsche ich Dir für das, was darüber hinaus noch Leben ausmacht, was es trägt, Sinn stiftet, der Fragilität und dem Zweifel standhält, und das ist, was verbindet. Für all das mein herzlicher Glückwunsch und ein Hoch auf viele weitere Jahre!
    In alter Freundschaft,
    Dein W.

  5. jürgen kriz sagt:

    liebe Arist.
    Auch auf diesem Wege von mir, die allerherzlichsten Glückwünsche zu einem dreiviertel Jahrhundert, auf das du volle Zufriedenheit und Stolz blicken kannst. wie schön auch, dass du Dir zu diesem bedeutenden Geburtstag – und uns allen! – die Neuauflage deines systemischen Lehrbuches (zusammen mit den ja leider verstorbenen Jochen Schweitzer) schenken konntest. Ich wünsche dir vor allem Gesundheit, weiterhin Schaffensfreude, Und vor allem noch viele Stunden, Monate und Jahre voller erfüllender Erfahrungen
    In herzlicher Freundschaft
    Dein Jürgen Kriz

  6. Martin Rufer sagt:

    Lieber Arist und lieber Tom

    Erstmal Dir, lieber Arist, herzliche Gratulation zu Deinem 75. Geburtstag (für mich wird es in diesem Jahr ja wie. Schnapszahl sein). Und Dir Tom (in loser Verbundenheit mit beiden) nicht weniger Anerkennung für Deine stets persönlichen und umsichtigen Würdigungen von Menschen wie Arist, die sichtbare und unsichtbare Fundamente gelegt haben. Was bleibt, wenn die Pioniere älter werden und sich dereinst – still oder lauthals – verabschieden? Ich weiss es nicht. Dass ihr beide aber das Erbe solange wie möglich weiter getragen habt, bevor es vielleicht doch nur Spuren im Treibsand der Geschichte gewesen sind, die dann hinter dem Mond verschwinden, kann nicht genug gewürdigt werden. Dies auch dann und darum, weil solches heute für die Jungen wohl einen andern Stellenwert hat als für uns Oldies und mit dem Verbleichen auch die systemische Therapie morgen neu geschrieben wird.

    Ganz herzlich aus der Schweiz
    Martin

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