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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Verbandsentwicklung am Beispiel der DGSF

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Tom Levold, Köln:

Die Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten“, die seit einiger Zeit im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht unter der Herausgeberschaft von Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe erscheint, umfasst kleinformatige, ca. 90 bis 100 Seiten starke Büchlein, die „kurz, kompakt und anschaulich [beleuchten sollen], wie systemische Beratung zur Lösung alltäglicher schwieriger Lebenslagen in existentiellen Grenzsituationen (»Leben«), intimen Beziehungen (»Lieben«) und im Beruf (»Arbeiten«) hilfreich sein kann“.

In dieser Reihe ist nun ein Band der drei ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF) – Wilhelm Rotthaus, Jochen Schweitzer und Enno Hermans – erschienen, in dem sie ihre Überlegungen zur „Verbandsentwicklung am Fallbeispiel der DGSF“ zusammenfassen. Der launige Titel „Das Ganze Systemische Feld” verdankt sich seinem Akronym DGSF, das er mit der Abkürzung des Verbandes teilt.

In der Einleitung legen die Autoren ihren Anspruch dar, den sie mit diesem Band verwirklichen wollen, nämlich einmal Menschen, die mit Verbandsangelegenheiten praktisch zu tun haben, „Anregungen zu einer Gestaltung ihrer Organisation geben“ zu wollen, Beraterinnen „für Besonderheiten sowie die typischen Stärken und Schwächen der Beratung von vorwiegend ehrenamtlichen, gemeinnützigen, idealistisch motivierten Non-Profit-Institutionen [zu]sensibilisieren“ und der DGSF zu ihrem 20. Geburtstag eine kurze Entwicklungsgeschichte und „kleine ,Geschichtensammlung’“ zu schenken (S. 16). Für 90 Seiten ist das schon eine starke Agenda, die zumindest für den dritten Punkt gut eingelöst wird. Alle drei Autoren tragen zu den von ihnen als Vorsitzende verantworteten Zeitabschnitten wichtige Entwicklungsschritte in der Verbandsentwicklung, Hinweise auf programmatische und organisatorische Kontroversen sowie zahlreiche Anekdoten, z.T. auch von anderen in der Verbandsentwicklung wichtigen Personen zusammen, so dass sich ein lebendiges Bild einer überaus schnell wachsenden sowie kreativ und flexibel auf die damit verbundenen innerorganisatorischen Herausforderungen reagierenden Organisation ergibt.

Die große publizistische Erfahrung der Autoren schlägt sich in einem leichtgängigen, angenehm lesbaren Stil nieder, der eine Lektüre in einem Rutsch erlaubt, ohne dass man das Buch aus der Hand legen müsste.

Am Schluss gibt es ein kleines Glossar, das die wesentlichen Abkürzungen im Text erläutert, leider nicht ganz fehlerfrei. So wurde die DAF nicht 1977, sondern erst 1978 gegründet, die Gründung der Systemische Gesellschaft erfolgte nicht mit sechs, sondern (wie auf Seite 25 richtig beschrieben) mit acht Mitgliedsinstituten. Aber das sind Marginalien.

Als Rezensent, der nicht nur den anderen systemischen Fachverband, die „Systemische Gesellschaft“ (SG) mitbegründet hat, sondern schon seit 1981 Mitglied der DAF war und von Beginn an auch in der DGSF blieb, zudem seit 2005 als Herausgeber der Verbandszeitschrift „Kontext“ fungiert, liest man diese Geschichte natürlich immer auch vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen und Begegnungen, auch wenn ich an den geschilderten innerverbandlichen Aktivitäten und Kontroversen nicht beteiligt war, die ich primär aus der SG-Perspektive beobachtet habe. Insofern hat man das eine oder andere Ereignis doch in etwas anderer Erinnerung als hier geschildert, was wohl bei der Erzählung von Geschichten unabdingbar ist.

Den Anspruch, einen berufsgruppen- und arbeitsfeldübergreifenden Verband (…), in dem sich „»das ganze systemische Feld« (= DGSF) (…) unter dem gemeinsamen Sammelbegriff »systemisch« (…) erlebt“ (S.45), gestaltet zu haben, darf man der Euphorie der Autoren über ihre Erfolgsgeschichte zugute schreiben, es klingt aber doch schon ein bisschen prahlerisch, denn „das ganze systemische Feld“ repräsentierte die DGSF natürlich noch zu keinem Zeitpunkt – und schon mal gar nicht zu Beginn.

Die Systemische Gesellschaft (SG) wurde sieben Jahre vor der DGSF 1993 aus der Taufe gehoben – und zwar aus einer kritischen Absetzbewegung aus der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie DAF heraus, die dann später im Jahre 2000 gemeinsam mit dem Dachverband für Familientherapie und Systemisches Arbeiten DFS zur DGSF fusionierte.

An den Vorgesprächen zu den Fusionsverhandlungen war die SG beteiligt, letztlich aber nicht an der Gründung der DGSF. Jochen Schweitzer, der zur damaligen Zeit stellvertretender Vorsitzender der DAF war, aber auch mit der IGST zu den Gründungspersönlichkeiten der SG gehörte, erinnert sich in diesem Band folgendermaßen an das gemeinsame Vorgespräch 1998 in Heidelberg: „Gegen Ende wünschen Kurt Ludewig und Tom Levold, vom Vorstand der SG, der Fusion der beiden anderen Verbände »viel Glück« – für die SG sei dies aber »nicht das Richtige«. Über die Motive halten sie sich bedeckt, was bei den Anderen zahlreiche Hypothesen anregt. Ich formuliere, leicht verärgert, meinen Eindruck, die SG sehe anscheinend aus der Fusion von DAF und DFS einen Volkswagen entstehen (große Mengen, niedriger Preis) und wolle selbst ein Porsche sein (kleine Mengen, hoher Preis). Dem stimmen die beiden amüsiert zu. Der Kontext dieses Bonmots: Damals versuchte Porsche, Volkswagen aufzukaufen. Am Ende allerdings kaufte Volkswagen Porsche auf; das war aber im Frühjahr 1998 noch nicht vorauszusehen (S. 27).“

Dass wir uns über unsere Motive bedeckt gehalten hätten, ist natürlich nicht richtig, was Jochen Schweitzer als SG-Mitglied auch bekannt gewesen sein dürfte. Die DAF war damals ein äußerst heterogener Verband mit Einzelmitgliedern sehr unterschiedlicher inhaltlicher Orientierungen und einem gemeinsamen Interesse an der Arbeit mit Familien, aus der sich die Gründungsmitglieder der SG 1993 mit der Idee herausgelöst hatten, eine klare systemische Perspektive zum verbindlichen gemeinsamen Fokus zu machen. Diese klare Perspektive war zu diesem Zeitpunkt aus Sicht der SG bei den anderen Verbänden auch in 1998 noch nicht vorhanden, was sich dann auch bei der Namensgebung des fusionierten Verbandes wiederspiegelte, als es darum ging, die „Familientherapie“ als Label im Verbandsname zu erhalten (die psychoanalytisch orientierten Familientherapeuten haben den Verband erst danach verlassen). Genau diese Überlegung, bei einer kleineren, aber deutlicher systemisch positionierten Organisation zu bleiben, brachte ja die Porsche-VW-Metapher von Jochen Schweitzer überhaupt ins Spiel. Aber wie es bei Metaphern so ist, lassen sich eben nicht sämtliche ihrer Strukturelemente übertragen. Es ging ja schließlich weder darum, dass die SG die DGSF hätte aufkaufen wollen noch darum, dass die DGSF angesichts ihrer Größe die SG je hätte übernehmen können. Unabhängig davon gab es von Beginn an bereits Doppelmitgliedschaften, eben auch die von Jochen Schweitzer.

In der Tat hat die SG zunächst die systemische Perspektive am besten bei einem reinen Institute-Verband aufgehoben gesehen, allerdings hat sich die SG dann doch – übrigens schon vor dem Inkrafttreten der Fusion von DAF und DFS (und durchaus auch aus wirtschaftlichen Erwägungen) zu einer Öffnung für Einzelmitglieder entschieden, nämlich 1999. Dass „anfangs alle Lehrenden der Weiterbildungsinstitute zu ,Zwangsmitgliedern’ gemacht“ worden seien (S. 28), gehört allerdings ebenfalls in den Bereich der Märchenbildung. Alle Einzelmitglieder der ersten Stunde waren in der Tat Lehrende, weil keine anderen Personen auf der Mitgliederversammlung waren, aber natürlich gab es keine Zwangsmitgliedschaften. Dies sei aber nur am Rande erwähnt, denn im Buch geht es ja in erster Linie um die Geschichte der DGSF.

Die Mühen des Zusammenwachsens zweier so unterschiedlicher Verbände und Kulturen werden plastisch beschrieben und die damit verbundenen Kontroversen auch nicht verheimlicht, auch wenn natürlich aus der Retrospektive die gelungenen Lösungsstrategien im Vordergrund stehen. Und die sind in der Tat eindrucksvoll, gehört die DGSF doch alleine schon wegen einer Mitgliederzahl von ungefähr 8.000 sicherlich zu den größten Verbänden im Lande!

Allerdings bleibt es eher bei der Benennung von Problemen und der Beschreibung ihrer formalen und verbandskulturellen Lösungen – eine genauere Analyse der Interessenlagen und mikropolitischen Kämpfe der jeweiligen Protagonisten, die eine Organisationsanalyse auch soziologisch und unter Beratungsaspekten interessant und aufschlussreich machen würde, findet sich nicht. Das ist sicher nicht nur dem geringen Umfang des Bandes geschuldet, sondern wäre auch ein völlig anderes Projekt geworden – und würde zudem bedeuten, dass mehr aus dem Nähkästchen hätte geplaudert werden müssen, was von einer Geschichtsschreibung durch die Beteiligten nicht erwartet und verlangt werden kann. Verbandspolitik ist ein kompliziertes Geflecht aus inhaltlichen Auseinandersetzungen, persönlichen Ambitionen und Eitelkeiten, Koalitionen, Allianzen und Seilschaften, Zufällen und Zusammensetzungen von Gremien und Mitgliederversammlungen, von Diskussionspapieren und Anträgen, Beschlüssen und Geschäftsordnungsmanövern, Kandidaturen und Kandidatenfindungsproblemen – kurz: Ein Feld der strategischen Wahrnehmung von Handlungsoptionen – noch kürzer: von Machtbeziehungen. Die Selbstbeschreibung der Geschichte von Organisationen, besonders wenn es sich um eine Erfolgsgeschichte handelt, blendet die Machtdimension der spezifischen Prozesse gerne aus – ein Grund, Selbsthistorisierungen als das zu nehmen, was sie sind, aber eben nicht als historische Aufarbeitung. Das ist kein Manko des Bandes, setzt aber dem Anspruch, eben auch für Berater oder Organisationsentwickler komplexere Perspektiven auf die Dynamik von Verbandsentwicklungsprozessen zu ermöglichen, Grenzen.

Die Problematik der Selbsthistorisierung wird von den Autoren durchaus reflektiert. So wird unter der Überschrift „Storytelling“ geschildert, dass zwei Erzählungen auch in der DGSF konkurrierten: „Die eine der »Outsider und Underdogs – viel Feind, viel Ehr!« (…) mit erlebten Episoden von Benachteiligung und Unterdrückung. Bis zur wissenschaftlichen Anerkennung 2008 dürfte dies die herrschende Geschichte gewesen sein. Sie führte verbandspolitisch dazu, dass die DGSF sich hauptsächlich mit solchen Verbänden verbündete, die sich ebenfalls den diskriminierten Underdogs zurechneten. Ab der sozialrechtlichen Anerkennung 2018 wird diese Geschichte möglicherweise Minoritätenstatus erlangen. Es wird spannend sein, zu sehen, wo dann der rebellische Anteil der systemischen Bewegungsgeschichte bleibt“ (S. 87). Die andere – „und die haben alle Vorstände dieser Jahre vertreten“ laute: „»Ja, wir sind anders – wir können aber auch all das, was alle anderen können, und wir tun es auch oft.« Wir können auch Menschen in ihren schon vorhandenen Meinungen bestärken und validieren, wir können auch diagnostizieren, auch störungsspezifisch behandeln, wir können auch Einzeltherapie, mit manchen Patienten arbeiten wir auch in vielen Sitzungen. Und die ergänzende Geschichte dazu lautet: »Und die anderen sind oft auch freundlich zu uns, wenn wir es zu ihnen sind.«“ Garniert wird diese Geschichte gern mit verbandspolitischen Erfolgserlebnissen“ (87).

Das „Systemische“ wird im Buch als die allgemeine Klammer beschrieben, die alle diese unterschiedlichen Meinungen, Konzepte und strategischen Vorstellungen zusammen halten soll. Allerdings habe das natürlich einen Preis, der auch schon in den Fusionsgesprächen eine Rolle gespielt hat: „In der Verbandspraxis sind diese Konflikte meist befriedigend bewältigt worden durch ein sehr weites, etwas diffuses und inklusives, viele Spielarten einbeziehendes »Sowohl-als-auch«-Verständnis von »systemisch«. Die gelebte Unschärfe des Begriffs ermöglicht viel Inklusion von unterschiedlichsten Meinungen und Charakteren – die aber auch ausgehalten werden müssen (»Ach Gott, jetzt kommen die schon wieder damit an!«). Die positive Konnotation des Begriffs erlaubt eine kollektive Selbstbelobigung und ein gemeinsames stolzes Gefühl: »Wir Systemiker« sind irgendwie die Guten, feiern die schönsten Kongresspartys und haben die inspirierendsten Meetings“ (S. 82). Und: „Manche radikalen Konversations- und Autopoiesetheoretiker traten wegen des allzu breiten Verständnisses von systemisch erst gar nicht ein“ (ebenda).

In der Tat dürfte die Frage, was mit dem Label „systemisch“ eigentlich abgedeckt sein soll, auch noch in der Zukunft eine wichtige Rolle spielen, zumal sich in der Systemischen Gesellschaft ähnliche Debatten abgespielt haben und immer noch spielen. So wird die Zukunft beider Verbände erweisen, ob es noch einen „rebellischen Anteil der systemischen Bewegungsgeschichte“ geben wird (wenn rebellisch hierfür überhaupt das geeignete Wort ist) oder ob mit der Ankunft im Mainstream des Gesundheitswesens die kritische Perspektive auf eben dieses System aufgegeben oder zumindest geschleift wird.

In den letzten Jahren hat die Frage der Notwendigkeit zweier systemischer Verbände immer mehr an Fahrt aufgenommen. Während diese Frage bei den Mitgliedern eher unentschieden beurteilt wurden und die jeweiligen Vorstände die Position eines gemeinsamen Vorgehens in politischen Schlüsselfragen bei Fortbestehen organisationaler Trennung bevorzugten, kommt allmählich neue Dynamik in diese Auseinandersetzung.

In einem eigenen Kapitel am Ende des Bandes entwerfen zwei der Autoren (der Dritte, der ungenannt bleiben möchte, „glaubt nicht, dass eine solche Fusion kommen wird“), das Szenario einer „Deutschen Systemischen Gesellschaft“ DSG mit „20.000 Mitgliedern, zwei Kammern und drei Berufsverbänden“, in der offenbar alle Probleme beseitigt worden sind. Fachpolitische Aufgaben, die von hauptamtlichen Referentinnen bearbeitet werden, und berufspolitische Positionen (die selbstredend von „Berufsverbänden“ repräsentiert sind, denen im Gesamtverband Vorstandspositionen zukommen sollen) leben dann unter einem einheitlichen systemischen Dach wie die Wölfe und Lämmer im Paradies, denn: „Auch sehr heterogene Mitgliedschaften hinsichtlich ihrer Berufsgruppen, Arbeitsfelder, Einkommensklassen oder Generationen können sich in einem gemeinsamen Verband integrieren, solange sie einen zumindest sie selbst überzeugenden Identitätskern wachhalten, pflegen und immer wieder neu aktualisieren“ (S. 95). Das wäre natürlich der systemischen Idee zu wünschen. Ob das aber gelingen kann, ohne dass sie dann nicht noch diffuser und inklusiver formuliert wäre als heute schon (s.o.), ist aber die große Frage. Insofern sehe ich als Verbandspraktiker ebenso wie als Organisationsberater doch auch einige Probleme in diesem optimistischen Szenario, die hier jedoch offensichtlich nicht gesehen werden (wollen).

Im Eingangskapitel zur Natur von Verbänden heißt es: „Eine wissenschaftliche Gesellschaft ist in der Regel der Zusammenschluss von Personen, die in einem wissenschaftlichen Fachgebiet tätig sind. Sie organisieren in diesem Fachgebiet wissenschaftliche Jahrestagungen und Kongresse, publizieren eigene Zeitschriften oder geben solche über einen Fachverlag heraus. Sie nehmen in ihrem Fachgebiet auch an der politischen Entscheidungsfindung teil, durch Stellungnahmen oder Mitwirkung in Kommissionen. In diesen Fällen können Konfliktsituationen zwischen der notwendigen Berücksichtigung von Sachkompetenz und der Vertretung standespolitischer Interessen entstehen. Die DSGF versteht sich in diesem Sinn als wissenschaftliche Fachgesellschaft, auch wenn man in ihrer Praxis Elemente eines Berufsverbandes entdecken wird“.

In der Tat gibt es einige Aspekte, die den Charakter der DGSF als wissenschaftlicher Fachgesellschaft unterstreichen. Sie kommen aber in diesem Band doch eher zu kurz. So wird die – das wissenschaftliche Profil des Verbandes stärkende – Fachzeitschrift Kontext, die 2019 immerhin (übrigens ohne jede innerverbandliche Resonanz) ihr 40. Jubiläum beging, nur zweimal speziell erwähnt: einmal im Zusammenhang mit einer Abmahnung durch Hellinger wegen einer falschen Behauptung in einem Editorial, das andere Mal im Zusammenhang mit der Erwähnung eines gesellschaftstheoretisch ausgerichteten Themenheftes (nicht Sonderheftes, wie im Band behauptet) im Jahre 2018. That’s it.

Wie also Berufspolitik, d.h. die Interessenvertretung einer spezifischen Profession hinsichtlich ihrer politischen, sozialen und ökonomischen Geltungsansprüche einerseits und Fachpolitik, nämlich die Verbreitung und Durchsetzung systemischen Gedankengutes in Theorie, Praxis und Lehre andererseits in einem einzigen Verband vereinbar sein soll, wird einen möglichen zukünftig fusionierten Verband als zentrales Problem beschäftigen müssen, sobald berufspolitische Interessen miteinander in Konflikt geraten. Wie die Geschichte zeigt, sind diese Konflikte nicht durch Bezugnahme auf einen „gemeinsamen Identitätskern“ aufzulösen, weil in solchen Fällen auch trotz aller Identitätsbekundungen das Hemd immer näher ist als der Rock.

Wie das Verhältnis von wissenschaftlicher Gesellschaft und berufspolitischer Vertretung sich in Zukunft entwickeln wird, wird also eine spannende empirische Frage für Organisationsforscher sein.

Der Anspruch einer „kurzen Entwicklungsgeschichte“ und „kleinen Geschichtensammlung“ ist dennoch voll eingelöst und das Buch schon alleine deshalb angesichts des niedrigen Preises zur Lektüre empfohlen.

Ob es Mitgliedern anderer Fachgesellschaften Anregungen zur Gestaltung ihrer Organisation zu geben vermag oder ob die Geschichte der DGSF nicht doch eine sehr spezifische Organisationsgeschichte in einem sehr spezifischen politischen und sozialen Umfeld darstellt, ist schwer zu beantworten. Zwar empfehlen die Autoren kein „copy and paste“, sondern Analogien (S. 16), aber als jemand, der schon einige Verbände mitbegründet und Ämter in vielen verschiedenen Verbänden ausgeübt hat, tendiere ich doch eher zum Zweifel, zumal mir der Titel „Verbandsentwicklung am Fallbeispiel der DGSF“ hier etwas irreführend vorkommt. Über weite Strecken ist es eben eine Geschichte der DGSF, das Exemplarische sucht man hier vergebens, auch wenn eingangs einige Hinweise auf die Dynamik von Verbänden (Hauptamt-Ehrenamt, Gemeinnützigkeit, Sinn- und Wertefragen etc.) gegeben werden.

Warum das Buch in Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten“ erschienen ist, was ja auch den dritten Anspruch der Autoren betrifft, ist mir allerdings nicht klar geworden. Die Perspektive der Beratung von Verbänden taucht im Buch nicht wirklich auf. Insofern weckt der Titel des Buches Erwartungen, die es nicht befriedigen kann. Das soll den Wert des sehr lesenswerten Bandes nicht schmälern, ein etwas weniger dick aufgetragener Titel hätte es aber auch getan.

Jochen Schweitzer, Wilhelm Rotthaus, Björn Enno Hermans (2020): Das Ganze Systemische Feld. Verbandsentwicklung am Fallbeispiel der DGSF. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)

106 Seiten, mit einer Abb., kartoniert
ISBN: 978-3-525-40744-8
Preis: ab 6,49 € (ebook)

Verlagsinformation:

Sich in Verbänden zu organisieren, gilt gemeinhin nicht als »sexy«. Dass Verbände und die Arbeit in ihnen nicht langweilig und statisch sein müssen, zeigen die drei Autoren anhand der dynamischen Geschichte der DGSF, eines großen systemischen Fachverbandes. Aus der Perspektive ihrer drei ersten Vorsitzenden erzählen und analysieren Jochen Schweitzer, Wilhelm Rotthaus und Björn Enno Hermans, wie ihr Verband »tickt«.

Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) ist ein reales Fallbeispiel inspirierender und erfolgreicher Verbandsentwicklung. Wer sich mit anderen zusammenschließen will, um über die Grenzen des eigenen Arbeitsplatzes oder der eigenen Region hinaus Unerwartetes, aber Wünschenswertes möglich zu machen, findet in diesem Buch zahlreiche Anregungen. Wie ringt man um einen gemeinsamen Identitätskern des Anliegens? Wie kann ein »fraktaler« Verband viele neue Mitglieder rasch integrieren? Wie können Mitglieder aktiv und wirksam werden? Dies sind nur einige Fragen, zu denen die Autoren Antworten liefern. Sie zeigen aber auch, wie Vorstände ihre Passung prüfen, zusammenwachsen und flott arbeiten können, Mitgliederversammlungen mit atmosphärischer Intelligenz attraktiv werden und widersprüchliche Interessenlagen einer sehr vielfältigen Mitgliedschaft ausbalanciert werden können. Berater und Aktivistinnen anderer Verbände erhalten zahlreiche anschauliche Anregungen für ihre Arbeit.

Über die Autoren:

Prof. Dr. rer. soc Jochen Schweitzer, Diplom-Psychologe, ist hauptberuflich am Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg und freiberuflich als systemischer Coach, Organisationsberater und Dozent tätig. Er ist Mitgründer und derzeit Vorsitzender des Helm Stierlin Instituts in Heidelberg (hsi). Von 1997 bis 2000 war Schweitzer 2. Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF), von 2007 bis 2013 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und ist seither deren gesellschaftspolitischer Sprecher.

Dr. Wilhelm Rotthaus, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Systemischer Lehrtherapeut (DGSF), war von 1981 bis 2004 Fachbereichsarzt der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Viersen. Von 1998 bis 2006 war Rotthaus Gründungs- und Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie (ASK) und von 2000 bis 2007 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF). Er ist Ehrenmitglied des Berufsverbands Kinder- und Jugendpsychiatrie (BKJPP), der DGSF und der SG.

Prof. Dr. rer. medic. Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe, ist hauptberuflich an der MSH Medical School Hamburg und beim Caritasverband Essen sowie freiberuflich als systemischer Therapeut, Coach und Dozent tätig. Zudem arbeitet er als Lehrtherapeut am ifs –Institut für Systemische Therapie und Supervision in Essen und am HISA – Hafencity Institut für Systemische Ausbildung in Hamburg. Von 2013 bis 2019 war Hermans 1. Vorsitzender der der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und ist seit 2010 und aktuell weiterhin berufspolitisch im Auftrag der DGSF tätig.

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