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Klug sein wollen und eine peinliche Erkenntnis

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Heute öffnet Dörte Foertsch, Lehrtherapeutin am Berliner Institut für Familientherapie und Mitherausgeberin des„Kontext” das Kalendertürchen und berichtet von einem einschneidenden epistemologischen Erlebnis mit Gunthard Weber:

“Wenn ich mich versuche zu erinnern, fällt mir das genaue Datum nicht mehr ein, nur so ungefähr, dass es 1985 war, im Frühjahr, könnte aber auch später in einem Herbst gewesen sein. Erste aufregende Literatur war zu lesen und neue Erkenntnisse gab es zu verinnerlichen. Ich hatte „Paradoxon und Gegenparadoxon“ von den Mailändern geradezu verschlungen, durcheinander geratenes Wissen über die Welt und die in ihr gelehrte Psychologie folgte meinem Studium am Psychologischen Institut an der FU bei Klaus Holzkamp und anderen Vertreterinnen der „Kritischen Psychologie“.
Ein politisches Bekenntnis gegen die naturwissenschaftliche Psychologie war unmittelbares Bedürfnis geworden, wir stellten die Methodenwisenschaften, Forschung und die gelernte Statistik, aber besonders die Diagnostik der Psychopathologie grundsätzlich infrage. Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick, „Ökologie des Geistes“ von Gregory Bateson machten dieser Kritik Beine und das kopflastige Studium erweiterte sich in die Richtung, sich mit Systemischer Therapie, damals ja noch Familientherapie, zu beschäftigen.  Ich hatte Wendezeit von Fritjof Capra gelesen, Derrida und Foucault versucht zu verstehen, war Heinz von Foerster bei einem seiner lebendigen Vorträge begegnet, klein in seiner Statur, groß in seinem philosophischen Einfluss.
Das Berliner Institut für Familientherapie hatte sich als BIF gegründet und eine Anlehnung an die „Heidelberger“ und die „Mailänder“ gefunden. Allerdings sollte auch ein kritischer Geist gegenüber den schon damals immer wieder auftauchenden Ideen um die „wahren“ Systemischen Konzepte und deren Vertreterinnen bewahrt bleiben.
Um diese Idee lebendig werden zu lassen, waren viele dieser Menschen zu Workshops und Seminaren ans BIF eingeladen,  in diesem Jahr auch Gunthard Weber. Zum Thema machte er die Bedeutung von Symptomen im familiären Miteinander, welche Funktion sie haben könnten, welches Gleichgewicht sie herstellen und wie die sogenannten Symptomträger einen wichtigen Beitrag in ihren Familien leisten.
Wir sollten uns ein Video von 30 Minuten Länge anschauen und Hypothesen bilden, mit welchem Problem diese Familie ans Heidelberger Institut gekommen sein könnte. In kleineren Gruppen waren alle Seminarteilnehmerinnen eifrig beschäftigt, herauszufinden, was in dieser Familie los sei. In der Auswertung danach kamen so gut wie alle Möglichkeiten vor, Ehekonflikte bei den Eltern, Trennungsabsichten, außereheliche Beziehungen. Über die Tochter wurde spekuliert, sie könnte eine Essstörung haben, der Sohn könnte drogenabhängig sein. Die Mutter war auch für verrückt gehalten worden, also so ein bisschen psychotisch, der Vater wirkte auf einige depressiv, usw. Jede Teilnehmerin wollte auf einmal ganz klug sein und die beste Erkenntnis über diese Familie produzieren. Es gab ganz aufgeregte Diskussion über die Problematik in dieser Familie.
Und dann kam die Auflösung durch Gunthard Weber.
Das Video zeigte eine Familie, die im Rahmen einer Vergleichsstudie zu Beziehungsmustern in Familien interviewt worden war und es handelte sich um eine ganz „normale“ Familie, die sich in dieser Studie zur Verfügung gestellt hatte, um über sich und ihre Beziehungen ganz „normal“ zu sprechen. Wir alle waren sehr peinlich berührt über unsere Ideen und den ehrgeizigen Antrieb, besonders kluge Analysen machen zu wollen. Mir ist das so sehr in Erinnerung geblieben, dass ich noch heute dieses Gefühl erleben kann, wie sehr ich mich ins Zeug gelegt hatte, auch bei den Klügsten sein zu wollen, um dann diesem peinlichen Vorführeffekt ausgeliefert zu sein. Ein gutes und lang anhaltendes Lehrstück“

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