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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Bedingtheiten und Möglichkeiten

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Das aktuelle Heft des Kontext befasst sich mit unterschiedlichen Themen wie Würde statt Scham, Beratung an einer Hochschule, Kinderwunschberatung und Paarberatung. Im Editorial heißt es: „Würde, so schrieb einmal Karl Kraus: das sei die konditionale Form von dem, was einer ist. Es wird Ihnen also sofort einleuchten, liebe Leserin und lieber Leser, dass wir es hier mit einem Thema von höchster Relevanz für Therapie und Beratung zu tun haben. Bedingtheiten wollen aufgelöst, der Möglichkeitsraum will schließlich vergrößert werden, erarbeitet, durchschritten und erreicht. Erst Möglichkeiten, das glauben Systemtheoretiker, erzeugen in Differenz zu Wirklichkeiten Sinn. Und der Möglichkeits-Sinn war immerhin die paradoxerweise bestechendste Eigenschaft des Mannes ohne Eigenschaften, Ulrich, in Robert Musils gleichnamigen Roman, dem bekannten Standardwerk konstruktivistischen Denkens.

Sie sehen: Wir haben uns allerhand vorgenommen für das neue Heft, das vielleicht auch deshalb ein ziemlich dickes geworden ist. Den Auftakt machen Peter Bünder und Kolleginnen, die Würde allerdings nicht vom Unbedingten, sondern von Scham unterscheiden – also umgekehrt gerade von den Eingeschränktheiten, von Störungen der Selbst-Identifikation. Die Autorengruppe beleuchtet, auch an zwei Praxisbeispielen, wie ein so verstanden würde-voller und Scham vermeidender Rahmen durch die Marte-Meo-Methode gerade bei solchen Klienten erzeugt werden kann, die in ihrer Vergangenheit bereits stark durch Beschämungen verletzt wurden.

Einschränkungen aufzuheben, insbesondere solche räumlicher und geschlechtsbezogener Art, das ist auch ein Ziel von Martina Hörmann. Sie legt uns in ihrem Beitrag dar, welche Themen aus ihrer Sicht den Möglichkeitsraum eines zeitgemäßen Verständnisses systemischen Arbeitens bestücken müssten, und zeigt am Beispiel eines Masterprogramms zur systemisch-lösungsorientierten Beratung an einer Schweizer Hochschule für Soziale Arbeit, wie diese Impulse in eine mehrjährige Beratungsweiterbildung bereits integriert wurden.

Wenn große Wünsche unerfüllt bleiben, dann mag dies als ganz besondere Beschränkung empfunden werden. Unerfüllte Kinderwünsche können gleich auf mehreren Ebenen für Belastung sorgen, vielleicht mag auch hier die Scham eine Rolle spielen. Bettina Klenke-Lüders behandelt dieses wichtige und doch in der Literatur vielleicht oft unterbelichtete Thema und zeigt uns sehr konkret und an einigen Praxisbeispielen auf, wie systemische Interventionen hier eine heilsame Unterstützung bieten können.

Die größte Unbedingtheit, die Abbildung des gesamten Möglichkeitsraumes in der Wirklichkeit: das nennen wir zuweilen auch Liebe. Wenn Liebe uns erwischt, erwischt uns höchste Freude oder höchstes Leid, dann können wir uns nicht mehr erwehren und gleiten unkonditioniert ab in einen Zustand, der vielleicht ein bisschen wahnhaft ist und doch oft genauso wunderbar. Zwangsjackenschön, so hat Paul Celan einmal die Liebe beschrieben; für »liebeskrank« hält uns immerhin der Volksmund. Und trotz der Ähnlichkeit so mancher schwerer Symptomatik diagnostizieren wir hier keine Störung – und brauchen daher auch keine Therapie, sondern, und das auch nur möglicherweise nach dem Abhandenkommen von Liebe: Beratung. Das meinen jedenfalls Walter Schwertl und Maria Staubach, die aus ihrer reichhaltigen Erfahrung nach 40 Jahren Paarberatung und Supervision in Paarberatung für uns ein Resümee ziehen.“

Abgerundet wird das Heft mit einem Kontext-Interview, das Barbara Bräutigam mit Jochen Schweitzer geführt hat – und wie immer zahlreichen Buchbesprechungen. Alle bibliografischen Angaben und abstracts wie immer hier…

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