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systemagazin Adventskalender: Von „under cover“ zu „public“

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16adventAndreas Wahlster, Ladenburg: Von „under cover“ zu „public“ – Kurzgeschichte eines Theaterprojektes

10 sogenannte Laien, die jedoch vielmehr ExpertInnen ihrer selbst sind, und 2 professionelle Schauspieler gehen auf die Bühne und spielen, so als wäre es selbstverständlich. Doch nichts ist selbstverständlich, sie erzählen ihre eigenen „Depressionsgeschichten“. Geschichten vom Leid, nicht mehr leben zu wollen, Versagensängsten, Schuld und Scham, dem Glauben alleine zu sein. Also kein Boulevard, kein Gefälligkeitstheater.

Das kleinste Stadttheater Deutschlands in Moers am Niederrhein, schon seit langem eine feine Adresse für theatrale Grenzgänge und Überschreitungen, bot dafür den professionellen Rahmen. Wer erwartet hatte, einem Theaterabend mit Blut, Schweiß und Tränen beizuwohnen, wurde überrascht. Vielmehr konnte man sich als Zuschauer dem Sog der Spielfreude, der Ernsthaftigkeit und dem subtilen Humor nicht entziehen. Es ist eine Collage aus vielen Erzählungen, die allesamt gekennzeichnet sind vom Zuviel:

  • Dem Zuviel des Erreichensollens von Lebensoptimierung
  • Dem Zuviel an Anpassung an Erwartungen, seien es selbstgesteckte oder fremdgesteckte
  • Dem Zuviel an Unterlassung der Unterlassung, nichts oder wenigstens weniger zu tun
  • Dem Zuviel an der Unterdrückung autonomiestärkender Handlungen
  • Dem Zuviel an Schweigen darüber
Andreas Wahlster

Andreas Wahlster

Wie kann dieses Projekt entstehen? Es braucht einen mutigen politischen Intendanten Ulrich Greb, eine erfahrene kreative und sensible Regisseurin Barbara Wachendorff, die die Geschichten der Experten in den Mittelpunkt stellt und es braucht mutige sogenannte Betroffene, die ihre Geschichten öffentlich machen und so miteinander den berühmten Unterschied machen, der einen Unterschied macht.

Ich hatte das Privileg und Vergnügen, dieses Projekt schon in seiner Entstehensgeschichte als teilnehmender Beobachter verfolgen zu dürfen. Mich hat interessiert und fasziniert, wie es die Beteiligten geschafft haben, einen Rahmen zu schaffen, der dieses Stück hervorbringt. Ich habe mir von den ExpertInnen (spezifische Begrifflichkeit siehe oben) die Erlaubnis eingeholt, sie mittels eines kleinen Fragebogens nach dem Projekt zu ihren persönlichen Erfahrungen interviewen zu dürfen.

Einige Ergebnisse dieser Befragung seien hier vorstellt.

Alle ExpertInnen nannten als wesentlichen Grund für ihr Mitwirken den Wunsch, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen, der „Krankheit“ ihre Dramatik zu nehmen. Sie wollten der Scham entgegentreten, Mut machen, auch sich selbst. Sie berichteten von sehr intensiven Reaktionen der Zuschauer, die sich beeindruckt zeigten vom Mut der Akteure. Die Auswirkungen im familiären Umfeld und im Freundeskreis waren mannigfaltig, jetzt sei wirklicher Kontakt möglich und Verständnis für scheinbar komisches Verhalten. Die psychische Befindlichkeit war auf einer Skala von null bis zehn im Durchschnitt bei einem Wert von 6,5 zu Beginn des Projektes und nach dem Projekt bei einem Wert von 8,5.

Die hohen Anforderungen im Projekt (neben Beruf, Schule noch abends und am Wochenende Proben bzw. Vorstellungen) wurden von allen gut bewältigt, geholfen haben dabei der Spaß am Spiel und die Überzeugung, Teil eines bedeutsamen Projektes zu sein.

Viele der ExpertInnen nahmen während des Projektes eine Psychotherapie in Anspruch. Es wurde als unterstützend erlebt, dass sich die PsychotherapeutInnen neutral bis positiv zustimmend hinsichtlich der Teilnahme gezeigt haben.

Die Vergabe der Diagnose Depression wurde nur von einer Expertin als erleichternd erlebt, ein Experte meinte: „Die Diagnose ist eine verharmlosende Benennung für eine Lebenskrise“.

Ausnahmslos alle ExpertInnen haben neue und alte Stärken (wieder) entdeckt und halten theatrale Arbeit mit „Betroffenen“ für eine sehr relevante und nützliche Option.

Im Oktober dieses Jahres haben die Regisseurin und ich alle ExpertInnen zu einem (follow up) -Treffen eingeladen, wir waren sehr neugierig. Alle sind gekommen. Wieder viele Fragen (diesmal ohne Fragebogen), wie es des AkteurInnen jetzt geht, wie sie ihr Leben gestalten, eineinhalb Jahre nach Ende Projektes, eine kleine Katamnese. Die Wirkungen sind nachhaltig und es werden viele Verknüpfungen zu den Erfahrungen im Projekt hergestellt, keine Euphorie, vielmehr Vertrauen in Selbstwirksamkeit. Ein Teilnehmer sagte: „Mich zu zeigen, hat mich in die Welt geholt“.

Als systemischer Therapeut und Ehemann der Regisseurin fällt es mir sozusagen vor die Füße, Verknüpfungen zwischen Therapie und Theater herzustellen. Das Projekt kann als Beispiel für gelungene „Fortsetzungsbedingungen der Kommunikation“ (Peter Fuchs) betrachtet werden. Die ExpertInnen heben die gute Rahmung von Regie und Dramaturgie hervor, diese habe sich gezeigt in einer gelungenen Balance von Interesse, Fürsorge einerseits und Ansporn andererseits. Hier lässt sich ein link zu einem der generischen Prinzipien herstellen, dem Herstellen von Stabilitätsbedingungen.

Und ich denke immer wieder an den Satz meines alten Lehrers Gunthard Weber: „Das Krankheitspaket auspacken“. Die Geschichten der ExpertInnen sind Spiegel einer Gesellschaft, die meint, sich endlos optimieren zu müssen. Byung-Chul Han, Philosoph aus Berlin, sagt: „Die Depression kommt daher, dass wir uns in uns hineinfressen“. Alain Ehrenberg spricht vom „erschöpften Selbst“.

Dieses Theaterprojekt war mitnichten erschöpfend, sondern nachhaltig belebend, besonders für die ExpertInnen. Wunderbar. Einen kleinen Videoclip findet man hier.

Für die, die auf Literatur warten:

Ehrenberg, Alain (2004): Das erschöpfte Selbst: Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Berlin (Suhrkamp)

Han, Byung-Chul: (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=GJr-AIbnZEg)

Han, Byung-Chul (2013): Müdigkeitsgesellschaft. Berlin (Matthes und Seitz)

Fuchs, P. (2011) Die Verwaltung der vagen Dinge. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag)

Rufer, M. (2012) Erfasse komplex, handle einfach. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag)

 

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3 Kommentare

  1. Lieber Herr Wahlster, vielen Dank für die Inspiration! Als Dozent an einer Fachschule für Heilerziehungspflege hätte ich Interesse an einer Videoaufszeichnung des Theaterprojektes. Die Geschichte ist für mich eine große Ermutigung mit “psychisch Kranken” kreativ zu arbeiten und wäre eine optimale Möglichkeit mit meinen Schülern zu den Themen “Leistungsdruck” und “Opimierungswahn” ins Gespräch zu kommen. Gibt es da Möglichkeiten?

  2. Lieber Andreas Wahlster,

    Vielen Dank für das Teilen dieser schönen Erfolgsgeschichte.

    Sie hat mir im Rückblick erhellt, warum du meine Einlassung in Bezug auf deinen Kommentar unter dem “Sich zeigen” Beitrag nicht verstanden hast. Ich selbst habe darin implizit die Position vertreten, dass die prinzipielle Offenheit von Social Media Interaktionen einen Zugewinn für alle Teilnehmenden bedeuten kann. Das kann sicherlich auch ein Zuviel an ungesteuerter Interaktion bedeuten, die sinnvoller Weise besser in einem Drehbuch und mit Hilfe einer Regisseurin koordiniert wird.

    Ein beispielgebendes Projekt. Gut.

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