
Das aktuelle Heft der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung mit dem Schwerpunkt „Trauma: Folgen und der Umgang damit – unterschiedliche systemische Zugänge“ versammelt eine Reihe von Beiträgen, die das Phänomen der Traumatisierung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
Der Beitrag von Olaf Stähli zur „Differenzierung der Traumafolgestörungsprozesse und deren Bedeutung für die traumasensible Arbeit“ soll Fachpersonen ein heuristisches Instrument anbieten, das es ermöglicht, die komplexen Verhaltensweisen von Menschen mit komplexer Posttraumatischer Belastungsstörung (kPTBS) besser zu verstehen und nicht einfach als Widerstände, Manipulationen oder Charakterdefizite zu pathologisieren. Das Modell unterscheidet vier Bereiche: den roten Bereich der Traumazustände, den gelben Bereich der Schutz- und Kompensationsmechanismen, den blauen Bereich der Verarbeitungsversuche und den grünen Bereich, in dem keiner dieser Prozesse aktiviert ist. Diese Differenzierung soll es Pädagogen ermöglichen, die oft unbefriedigenden Interaktionen zwischen Fachpersonen und Klientinnen neu zu bewerten und die Frustration, die beide Seiten erleben, in ein Verständnis der unterliegenden Prozesse zu transformieren.
Allerdings konzipiert dieses Modell pathologische Traumafolgestörungsprozesse kausal als zwangsläufige Ergebnisse „traumatischer Lebensbelastungen“, die primär im Individuum bzw. seinem Gehirn lokalisiert sind und ebenso zwangsläufig zu Dissoziationen führt. Die Aufgabe der Fachperson bestehe darin, diese internen Prozesse besser zu verstehen. Obwohl Stähli wiederholt die Bedeutung von Beziehungen und sicheren Bindungen betont – besonders in seiner Diskussion der inneren Sicherheit im gelben TAM-Bereich – bleibt die grundsätzliche Struktur des Modells eine, die Trauma als intrapersonelles Phänomen konzeptualisiert, dessen Manifestationen in Verhalten beobachtet werden können. Dies steht in gewisser Spannung zu einer systemischen Perspektive, die Trauma nicht einfach als individuelles psychopathologisches Phänomen verstehen würde, sondern als Phänomen, das in den relationalen Mustern von Familien und sozialen Systemen wurzelt und kontinuierlich durch diese Muster aufrechterhalten wird.
Nichtsdestotrotz ist Stählis Betonung der Bedeutung einer tragenden Beziehung – einer Beziehung, in der die Person sich „gemocht fühlt“ – zuzustimmen. Seine Aussage, dass es eine zentrale Aufgabe der Fachperson ist, mit Selbstkompetenz „immer wieder daran zu arbeiten, das Gegenüber zu mögen“, berührt einen Kern systemischer Arbeit, der oft in der Literatur zu kurz kommt: dass die innere Haltung und emotionale Orientierung der Fachperson nicht einfach eine persönliche oder therapeutische Tugend ist, sondern ein strukturelles Element des Systems, das die Möglichkeit für Veränderung konstituiert. Hier zeigt sich eine genuine systemische Einsicht – dass die Qualität der Beziehung nicht instrumental ist (das heißt, nicht einfach ein Mittel zur Erreichung von Zielen), sondern konstitutiv für das, was möglich werden kann.
Der Beitrag von Ben Furman und Tapani Ahola, „Von der Traumatherapie zum Wahrnehmungscoaching,“ präsentiert einen deutlich anderen Zugangsweg zur Frage, wie man Menschen mit Trauma unterstützen kann. Dieser Beitrag ist deshalb besonders interessant, weil er explizit zwischen zwei Paradigmen wechselt: von der Traumatherapie im klassischen Sinne – verstanden als Heilung und Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen – zu einem Ansatz, der sich stattdessen auf die gegenwärtige und zukünftige Wahrnehmung der Klientinnen konzentriert. Furman und Ahola argumentieren, dass es nicht notwendig ist, den kausalen Zusammenhang zwischen vergangenen traumatischen Erfahrungen und gegenwärtigen Problemen zu verstärken, sondern dass es hilfreicher sein kann, diesen Zusammenhang in Frage zu stellen und stattdessen die Aufmerksamkeit auf Ressourcen, Bewältigungsstrategien und zukünftige Ziele zu richten.
Diese lösungsorientierte Perspektive lenkt den Fokus weg von der Pathologie weg und auf die Ressourcen und Kompetenzen, die bereits vorhanden sind. Die Fragen, die Furman und Ahola vorschlagen – etwa „Wo würden Sie sich auf einer Skala von 1 bis 10 in Ihrem Genesungsprozess einordnen?“ oder „Was haben Sie getan, um von Ihrem früheren Punkt zu Ihrem jetzigen Punkt zu gelangen?“ – ermöglichen es Klientinnen, sich selbst als aktive Subjekte in ihrem eigenen Prozess zu erkennen und nicht einfach als Objekte eines Traumas, das ihnen widerfahren ist.
Furman und Ahola argumentieren bewusst dafür, anstelle des problematischen Begriffs „Trauma“, der heute in vielen Kontexten für fast jede belastende Erfahrung als Platzhalter benutzt wird, Alternativen wie „Prüfung,“ „Qual,“ „Bewährungsprobe“ oder einfach „schwierige Zeit“ zu verwenden. Dies ist eine interessante und in mancher Hinsicht therapeutisch kluge Strategie, insofern sie die medikalisierende Sprache vermeidet und die Klientin nicht auf die Diagnose einer Störung reduziert. Ob das im Kontext von komplexen Traumatisierungen eine hilfreiche Strategie ist, kann wohl nur im Einzelfall beurteilt werden.
Angel Yuens Beitrag „Entdecken, wie Kinder traumatische Erfahrungen aktiv überstehen: Eine narrative Praxis zur Überlebensfähigkeit“ stellt wieder einen anderen Zugangsweg dar. Yuen arbeitet in der Tradition der narrativen Therapie, wie sie von Autoren wie David Denborough entwickelt wurde, und konzentriert sich auf die Identifikation und Würdigung der Überlebensfähigkeiten und Ressourcen, die Kinder bereits in ihrer Bewältigung von Trauma gezeigt haben. Anstatt das Kind als Objekt von Schädigung zu sehen, wird es als jemand betrachtet, der bereits diese aktiv überlebt und bewältigt hat, und die therapeutische Aufgabe besteht darin, diese bereits existenten Kompetenzen zu identifizieren und zu stärken.
Auch die narrative Praxis, wie sie bei Yuen dargestellt wird, konzentriert sich primär auf die individuelle Geschichte und die individuellen Überlebensfähigkeiten des Kindes. Sie fragt nicht, wie die Familie oder das weitere soziale Umfeld in diese Geschichte verwickelt sind und wie sie kontinuierlich die Möglichkeiten und Grenzen strukturieren, innerhalb derer das Kind agieren kann. Die Frage, wie die Systeme Familie, Schule und andere soziale Institutionen einbezogen werden können, um die bereits existenten Überlebensfähigkeiten zu unterstützen und wiederholte Traumatisierungen zu verhindern, bleibt ausgeblendet.
Monika Moß’ Beitrag „Traumasensibles systemisches Elterncoaching – Elterliche Präsenz in komplex belasteten Familienkonstellationen stärken“ konzentriert sich nicht auf das traumatisierte Kind, sondern auf die Eltern und deren Fähigkeit, eine sichere Präsenz zu bieten. Dahinter steht die Einsicht, dass eine Veränderung in den Verhaltensweisen und Reaktionen der Eltern möglicherweise die kontextuellen Bedingungen verändert, innerhalb derer das Kind seine Erlebens- und Verhaltensmuster reproduziert oder verändert. Moß arbeitet im Rahmen des Konzepts der „Neuen Autorität“, das von Haim Omer und anderen systemischen Therapeuten entwickelt wurde.
Freilich erfordert die Konzentration auf die Stärkung elterlicher Präsenz auch Aufmerksamkeit auf sozioökonomische und kulturelle Kontexte, die möglicherweise von Armut, Diskriminierung oder institutioneller Marginalisierung geprägt sind und die Fähigkeit von Eltern, eine sichere und konsistente Präsenz zu bieten, erheblich einschränken. Ein umfassender systemischer Ansatz würde nicht nur die Familie als System betrachten, sondern auch die größeren Systeme – wirtschaftliche, kulturelle, institutionelle – in denen die Familie eingebettet ist.
Jay Efrans Beitrag „Ein Experiment, jemand anderes zu sein. Kann Fixed-Role-Therapie KlientInnen helfen, sich aus festgefahrenen Mustern zu lösen?“ präsentiert eine therapeutische Strategie des „so tun als ob“, mit Hilfe derer Menschen neue Rollen ausprobieren können, um subjektive Erfahrungen und möglicherweise Verhaltensmuster zu verändern. Diese Perspektive, die insofern durch systemisches Denken inspiriert ist, als sie eine starre essentialistische Sicht auf Identität ablehnt, zielt darauf ab, dass die Klientin sich „anders verhält“ und dass diese Verhaltensänderung zu einer Veränderung ihrer inneren Prozesse führt. Dies ist im Grunde eine behavioristisch inspirierte Logik: Ändere dein Verhalten, und dein inneres Erleben wird sich ändern. Aus einer systemischen Perspektive lässt sich allerdings fragen, ob eine solch neue Erfahrung tatsächlich zu stabilen Veränderung führen kann, wenn die systemischen Verstärker althergebrachter Muster bestehen bleiben.
Auch wenn in diesen Artikeln Trauma überwiegend als ein intrapersonelles Phänomen konzipiert wird, was natürlich insofern verständlich ist, als es eine zentrale therapeutische Aufgabe ist, diese inneren Prozesse von Klienten zu verstehen, fehlt, konvergieren doch alle Beiträge in diesem Heft in Bezug auf die zentrale Bedeutung einer tragfähigen Beziehung für die Möglichkeit von gesunder Entwicklung und Veränderung.
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