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systemagazin Adventskalender – The world’s too small for walls

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Cornelia Hennecke, Berlin:

Für mich ist der 9. November von Jahr zu Jahr ein denkwürdiger Tag.
Nahezu automatisch stellt sich – mal kürzer, mal länger – ein Moment besonderer Aufmerksamkeit ein. Fühlt sich dann wie ein ‚Spalt-in-der-Zeit’ an, in dem sich Erinnerung, Bilanz und Gegenwart zu einer besonderen Melange von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen mischen. Und – wie das oft mit wiederholt beobachteten Phänomenen ist – gesellt sich zu der Melange auch eine Portion Neugier, wie sich meine Geschichte zu diesem Ereignis wohl in diesem Jahr formt, welche Gedanken und Stimmungen sich irgendwie neu anfühlen und was sich wiederholt.

In diesem Jahr vermehrten sich diese Momente noch dadurch, dass unsere Praxis seit 1997 direkt an der Gethsemanekirche liegt, einem der ‚historischen Orte’ in Berlin, wenn man sich für die Geschehnisse im Herbst 1989 interessiert. Zu der kontinuierlichen Friedensarbeit, die dort – auch für Vorübergehende erkennbar – seit vielen Jahren geleistet wird, gesellten sich in diesem Jahr Lichtinstallationen, Übertragungswagen und jede Menge Veranstaltungen – es schien etwas mit besonderer Bedeutung belegt zu werden.

Zu den sich von Jahr zu Jahr wieder einstellenden Empfindungen gehört für mich zuerst einmal Dankbarkeit: dankbar, diese Zeit miterlebt zu haben, dankbar für das Mehr und grundlegend Andere an Freiheit, die vielen Freundschaften, Begegnungen und Möglichkeiten infolge des Mauerfalls und all die Transformationserfahrungen, die mit dieser Nacht begannen.
(Am 9.11.1989 selbst war das für mich recht unspektakulär: ich hatte bis 20.00 Uhr Spätdienst in der Ambulanz des Griesinger-Krankenhauses in Berlin, fuhr danach noch kurz bei meinen Eltern am Rand von Berlin vorbei und hörte im Radio die Worte von Schabowski. Meinen ersten ‚Westbesuch’ gab es dann am 11.November, wo wir von der Bornholmer Brücke durch den Wedding bis zur Strasse des 17. Juni gelaufen sind und erstmals vor dem Brandenburger Tor von der anderen Seite standen).

Es sind vor allem diese Transformationserfahrungen seit nunmehr 30 Jahren, die ich einzigartig finde und zu denen auch immer wieder neue Aspekte, Überlegungen, Fragen etc. kommen. Die trage ich mit mir wie einen ‚Wissenskörper’, der sich selbst immer wieder erneuert, um wach zu bleiben und nicht nur aufzubewahren – sehr hilfreich auch, wenn ich in der Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien, Teams oder Organisationen gerade nach nützlichen und im besten Fall anschlussfähigen Beobachtungs- und Reflexionskategorien oder Hypothesen suche, welche die Prozesse voran bringen könnten.

Die Erfahrung des friedlich-revolutionären Aufbruchs 1988/ 89 bis zur Volkskammerwahl im März 1990 zählt wohl für viele Ostdeutsche zu der tatsächlich revolutionären Zeit. Diese Erfahrung bleibt den meisten der damals in Westdeutschland lebenden Menschen bis heute verschlossen. Viele störte das wohl im besten Sinne nicht oder sie machten sich auf, ‚blühende Landschaften’ mit geübtem Nutzensblick, einfach aus Idealismus oder andern Gründen im Osten mitzugestalten. Das Wahlergebnis der DDR Bürger im März 1990 sorgte dann mit allem Wohl und Wehe für ein demokratisch legitimiertes Vorgehen der Anschluss- und Beitrittsdynamik innerhalb des (eigentlich neuen) Landes und führte zur Einheit Deutschlands auf der rechtstaatlichen Basis der Bundesrepublik. Wir alle kennen tausend Geschichten und es kommen immer neue Informationen und Um- und Neubewertungen hinzu, wie und was genau dann in den letzten 30 Jahre passierte.

Am 9. November 2019 fütterte ich mein Bedürfnis der Erinnerung und des Rückblicks’ mit einem abendlichen Spaziergang zur Bornholmer Brücke in Berlin. Am ‚Platz des 9. November 1989’ war eine heitere Stimmung. Einige Alte erzählten vielen Jungen, die es wissen wollten, wie das damals war – so wird Wissen wohl über die Generationen am besten weiter gegeben, dachte ich. Die Generationen mischten sich und es war witzig, als mehr und mehr Leute am Straßenrand begannen, die Autos zu begrüßen, die vom Prenzlauer Berg in den Wedding unterwegs waren – gerade mal ein Trabant und ein Wartburg waren darunter in 2 Stunden.

Auf dem Rückweg war ich nach all der Erinnerung dann wieder mehr mit der Gegenwart beschäftigt. Das, was mich 2019 umtreibt, hat deutlich mehr mit Gegenwart und Zukunft zu tun. Dazu gehören viele Überlegungen und Gespräche mit Freunden und Kollegen zu den Polarisierungen und Spaltungen in unserem Land, was sie bedeuten könnten, auch wodurch sie genährt werden. Mit – das mag nun bestimmt an Berlin und meiner ostdeutschen Herkunft liegen – einem besonderen Fokus auf ostdeutsche Entwicklungen. Was ereignet sich hier gerade? Was bedeuten die Phänomene, die sich hier beobachten lassen? Welche Themen verbinden sich damit … im Osten? … im Westen? Wobei hilft die Unterscheidung Ost / West hier überhaupt? Wozu ein scheinbar sich wieder verfestigender Gebrauch dieser Unterscheidung?

Manchmal springen in Gesprächen noch wie automatisch Muster an, die ich schon aus den 90ern kenne, die ich damals aber noch nicht gut an der Leine führen oder gar beobachten konnte. Beispiel: Eine Kollegin aus Köln, mit der mich viele Jahre guter Zusammenarbeit verbinden, fragte mich Anfang diesen Jahres: „Was ist nur bei Euch da im Osten los?“ Ups … denke ich … was will sie? … was meint sie? … und antworte erstmal vorsichtshalber: „Ja, weiß auch nicht.“ … Was meinst Du?“ – es wurde dann später ein interessanter Austausch.

Zum ‚Phänomen AfD’ führt der Zuwachs der Wählerschaft dieser Partei im Westen dabei inzwischen schneller in ein gleichermaßen in Ost und West empfundene ‚Grummel-Gefühl’: Was machen, wenn sich z.B. im Briefkasten eine Postwurf-Zeitung der AfD befindet, die gespickt ist mit extrem rechtsradikalen Begriffen und Beschreibungen? Bei denen wir sofort denken: das geht zu weit – solchen radikalen Kommunikationen jenseits der Rechtsstaatlichkeit müssen wir viel offensiver entgegentreten als wir das gerade tun!!! Ich erlebe allgemein zuwenig an Konsequenz zu solchen Kommunikationsangeboten … und auch zuwenig an Konsequenz bei mir, wenn ich die Zeitung dann doch einfach in den Müll schmeiße und zum Tagesgeschäft übergehe … so ähnlich opportunistisch habe ich mich unter Diktaturbedingungen auch oft empfunden und verhalten … einige Andere waren da ganz eindeutig mutiger als ich!

Ein Teil in mir weigert sich auch, mit diesen und anderen Fragen nur in den eigenen ‚deutschen Spiegel’ zu schauen – ich empfand es sehr wohltuend und erweiternd im Sommer 2019 auf dem Heldenplatz in Wien eine Installation zu den vielen ‚Tönungen’ zum Ende des Kalten Krieges in den einzelnen ehemaligen Ostblockländern anzuschauen. Wäre es an der Zeit, den seit 1989 für uns alle in Ost und West laufenden Transformationsprozess in Europa genauer anzuschauen?

Wie könnte es aussehen, uns in unseren Arbeitswelten zu diesen Themen stärker einzumischen? Wir mögen doch den Satz so ganz gern, dass gerade Systemik zu den Fragen der Zeit etwas beizutragen hat. Es ist an der Zeit …
Konkret fällt mir gerade Folgendes ein:

  • die Erfahrungen, Ideen und Fragen, die Ines Geipel in ihrem Buch „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (Klett Cotta 2019) beschreibt und aufwirft lassen mich noch wacher für Themen mehrgenerationaler Zusammenhänge und den Umgang mit Tabuisierungen in Therapien und Supervisionen sitzen;
  • das FORUM DES IF WEINHEIM UND JAHRESTAGUNG DER SYSTEMISCHEN GESELLSCHAFT 2020 „UND SO WOLLEN WIR LEBEN?!“ wird eine gute Gelegenheit sein, Diskurse über den Tellerrand hinaus fortzusetzen; ein Come_In Gesprächsabend in Berlin wird diese Themen in 2020 aufgreifen.

Ich wünsche allen Lesern und Kollegen eine besinnliche Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel. Mögen möglichst viele Menschen in diesen Tagen in Frieden sein, Freunde um sich haben und das Brot teilen …

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