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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Rudolf Wimmer wird 80

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Heute wird Rudolf Wimmer achtzig Jahre alt und systemagazin gratuliert von Herzen. Er zählt zu den Persönlichkeiten, die die systemische Organisationsberatung im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich geprägt haben. Sein Beitrag liegt in der Verbindung von theoretischer Reflexion, praktischer Beratung und akademischer Lehre.

1946 in Wien geboren, studierte Wimmer Rechts- und Staatswissenschaften, Politikwissenschaft und Philosophie. Diese fachliche Breite verweist auf ein Interesse an sozialen Ordnungen, institutionellen Strukturen und den Bedingungen kollektiven Handelns, das seine Arbeiten von Beginn an bestimmt hat. Nach Tätigkeiten im universitären Bereich und Forschungsaufenthalten im Ausland wandte er sich früh der Gruppendynamik und Organisationsentwicklung zu, beides Themen, die für sein späteres Werk kennzeichnend blieben.

1973 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Österreichischen Gesellschaft für Gruppendynamik und Organisationsberatung ÖGGO, für die er als Lehrberater und Lehrtrainer tätig war. Mit der 1988 erfolgten Mitgründung der Beratungsfirma OSB wurde er zu einer zentralen Figur in der Professionalisierung systemischer Organisationsberatung. Die OSB war nicht nur Beratungsunternehmen, sondern auch ein Ort konzeptioneller Entwicklung und methodischer Ausbildung. In diesem Zusammenhang hat Wimmer das Feld über viele Jahre hinweg inhaltlich und institutionell mitgestaltet.

Seine wissenschaftliche Laufbahn ist eng mit der Universität Witten/Herdecke verbunden. Dort hatte er von 1999 bis 2004 den Lehrstuhl für Führung und Organisation inne und blieb der Universität anschließend als außerplanmäßiger Professor verbunden. Seit 2012 wirkte er zudem als Vizepräsident für Wissenschaftstransfer. In Witten fand auch seine langjährige Beschäftigung mit Familienunternehmen einen prägenden institutionellen Rahmen. Am Wittener Institut für Familienunternehmen hat er dazu beigetragen, diesen Unternehmenstypus systematisch als eigenständige Organisationsform zu untersuchen.

Ein zentrales Merkmal von Wimmers Arbeit ist die konsequente Rezeption systemtheoretischer Denkfiguren für die Organisationsberatung. Er hat dazu beigetragen, Organisationen nicht primär als steuerbare Einheiten, sondern als komplexe soziale Systeme zu verstehen, die ihre eigenen Beobachtungs-, Entscheidungs- und Veränderungslogiken hervorbringen. Diese Perspektive hat Folgen für das Verständnis von Beratung: Intervention erscheint hier nicht als lineare Steuerung, sondern als Angebot zur Selbstbeobachtung und zur Irritation eingespielter Muster. In dieser theoretischen und praktischen Klärung liegt ein wesentlicher Teil seiner Wirkung.

Seine wichtigsten Publikationen lassen sich drei Themenfeldern zuordnen. Ein erster Schwerpunkt betrifft die Grundlegung systemischer Organisationsberatung. Besonders hervorzuheben ist hier Organisation und Beratung. Systemtheoretische Perspektiven für die Praxis, ein Werk, das die theoretischen Voraussetzungen und Grenzen beraterischer Intervention in Organisationen bündelt. Seine Arbeiten haben das Feld nicht nur begrifflich geschärft, sondern auch zu einer kritischen Selbstverständigung über Rolle, Reichweite und Professionalität von Beratung beigetragen.

Ein zweiter Themenbereich betrifft Fragen von Führung und Strategie unter Bedingungen organisationaler Komplexität. Wimmer hat Führung nicht normativ über Eigenschaften oder Führungsstile bestimmt, sondern als Funktion innerhalb komplexer Entscheidungszusammenhänge analysiert. Dazu gehören Arbeiten wie Die Steuerung komplexer Organisationen, Die Zukunft von Führung sowie das gemeinsam mit Reinhart Nagel verfasste Buch Systemische Strategieentwicklung, in denen Führung und Strategie als relationale, kommunikative und organisationell eingebettete Prozesse untersucht werden.

Ein dritter und in der breiteren Rezeption besonders wirksamer Schwerpunkt liegt in der Beschäftigung mit Familienunternehmen. Wimmer hat diese weder als bloße Sonderform noch als defizitären Mischtyp beschrieben, sondern als eigenständige Organisationsform, in der familiale und organisationale Logiken dauerhaft aufeinandertreffen. Gerade aus dieser strukturellen Verschränkung ergeben sich besondere Chancen, aber auch spezifische Konfliktlagen. Zu den einschlägigen Veröffentlichungen gehören Familienunternehmen – Auslaufmodell oder Erfolgstyp?, Mehr-Generationen-Familienunternehmen sowie zuletzt Führung und Organisation in Familienunternehmen. Diese Arbeiten haben die wissenschaftliche und beraterische Diskussion über Nachfolge, Governance und Kontinuität in Familienunternehmen wesentlich mitgeprägt.

Rudolf Wimmers Werk ist damit in einem doppelten Sinn bedeutsam. Es hat zum einen theoretische Klärung geleistet, indem es systemisches Denken für Organisation, Führung und Beratung im deutschsprachigen Raum anschlussfähig gemacht hat. Es hat zum anderen institutionell gewirkt, indem es Ausbildungszusammenhänge, Beratungsformate und Forschungsdiskurse mitgeprägt hat. Seine Arbeit steht für eine Form der Professionalisierung, die praktische Relevanz nicht gegen begriffliche Genauigkeit ausspielt.

Lieber Rudi, zum 80. Geburtstag gratuliere ich dir ganz herzlich und wünsche dir für die kommende Zeit weiterhin Schaffenskraft, Gesundheit und uns viele weitere Impulse für die inhaltliche Weiterentwicklung des Feldes. Let life be good to you!

Ein Kommentar

  1. Dr. Arist von Schlippe sagt:

    Lieber Rudi,
    auch an dieser Stelle möchte ich Dir herzlich zum Geburtstag gratulieren. Wir kennen uns, seit ich an der Uni Witten gelandet bin und wir sind schnell gute Freunde geworden. Ich fand ein gut bestelltes Themenfeld zu Familienunternehmen vor, auf dem ich aufbauen konnte – „auf der Schulter von Riesen“, sagt man ja – und irgendwie paßt das auch zu Dir.
    🙂
    Herzlichst
    Dein
    Arist

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