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Resonanz statt Ressourcen?

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In den von der Lehranstalt für systemische Familientherapie in Wien herausgegebenen Systemischen Notizen 2/2019 beschäftigt sich Claudia Gröger-Klein mit möglichen Auswirkungen resonanztheoretischer Überlegungen auf die Praxis systemischer Therapie und geht der Frage nach, inwiefern die Resonanztheorie des Soziologen Hartmut Rosa für die therapeutische Praxis nutzbar gemacht werden kann. In der Einleitung heißt es: „Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa entwirft in seinem 2016 erstmals erschienen Werk Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung eine Theorie, wie (gutes) Leben gelingen kann. Eine Frage, die in vielen psychotherapeutischen Prozessen mehr oder weniger implizit eine wesentliche Rolle spielt. Sei es auf Seiten (systemischer) Psychotherapeutinnen bei der Bildung von Hypothesen und Leitdifferenzen oder auch in den Vorstellungen der Klientinnen, die ihr Leiden und ihre Probleme als Abweichung von jenen Zuständen erleben, die sie mit einem guten, gelingenden Leben verbinden. Resonanz nach Rosa verstanden als ein bestimmter ,Beziehungsmodus zur Welt’ taucht auch in psychotherapeutischen Prozessen in Form der Erzählungen von Klientinnen über An- oder Abwesenheit von, bzw. die Sehnsucht nach Resonanzerfahrungen auf, und bleiben oftmals als bedeutsam in Erinnerung. Welche möglichen Auswirkungen hat es nun bzw. welchen Unterschied macht es, wenn ich als systemische Psychotherapeutin jene Erzählungen vor dem Hintergrund der Resonanztheorie wahrnehme, sie nicht unter Ressourcen bzw. dem Fehlen von Ressourcen subsumiere, sondern resonanztheoretische Überlegungen zur Hypothesen- und Leitdifferenzbildung heranziehe und auch im Rahmen von Interventionen berücksichtige? Dieser Frage widmet sich der vorliegende Beitrag in der Hoffnung, dass er zum Weiterdenken und zu interessanten Diskussionen anregt.

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5 Kommentare

  1. Stefan B. sagt:

    Also ich finde es ja eher ein bisschen peinlich, sich auf so einen auf Rezeption in Massenmedien abonnierten Feuilleton-Zeitdiagnostiker zu beziehen und dessen „Begrifflichkeit“ als großartige Neuentdeckung zu feiern, während „Resonanz“ schon seit Jahrzehnten als viel cleverer und innovativer gefasster Begriff in der Systemtheorie etabliert ist und dies der Autorin nicht einmal bekannt zu sein scheint.

    • Sehr geehrter Herr Kollege B.,
      ich fürchte, ich kann Ihnen in diesem Fall hinsichtlich der Rubrik „peinlich“ nicht folgen. Nur weil Herr Rosa die Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie zu spielen vermag, muss sein Beitrag zum Thema Resonanz nicht schlecht sein, beschämend gar. Er schielt zwar nach publikumswirksamer Aufmerksamkeit, doch hat er immerhin etwas zu sagen. Das würde ich nicht von jedem behaupten, der laut „hier!“ ruft, wenn es um Aufmerksamkeit (und Resonanz-Gewinn) geht. Im Übrigen haben Sie ja recht, dass es auch aus systemtheoretischer Sicht, wenigstens Luhmann’scher Systemtheorie, Interessantes zu Resonanz zu sagen gibt. Doch ist das für die Praxis nicht per se brauchbarer als Rosas Beitrag. Eine schöne zusammenfassende Reflexion, in der u.a. Luhmann und Rosa als Vertreter soziologischer Resonanztheorien diskutiert werden, bietet (pars pro toto) Dietmar J. Wetzel (2017) „Resonanz in der Soziologie. Positionen, Kritik und Forschungsdesiderata“, ein Buchbeitrag online verfügbar hier (https://static1.squarespace.com/static/57dbbbba9de4bb6e1ac4c5ac/t/5bc9d07af9619a71ba4422f1/1539952764903/Wetzel_Resonanz+in+der+Soziologie_2017.pdf; falls es jemanden interessiert).
      Noch zu „peinlich“: als das mutet es mich eher an, wenn in Kauf genommen wird, dass Systemische Therapie (mit selbstbestätigendem Verweis auf systemtheoretische Wurzeln) als prima Ursache-Wirkungs-Verfahren erscheint, weil es sich so leichter „anerkennen“ lässt. Aber was soll’s, praktisch ist Resonanz nicht immer so schön wie in der Theorie.
      Freundliche Grüße
      WL

      • Stefan B. sagt:

        Geschätzter Herr Kollege Loth,

        haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort und auch für den Literaturhinweis, der mich tatsächlich sehr interessiert und den ich mir noch in Ruhe ansehen werde. Man kann ja alle möglichen Begriffe anregend finden und völlig unabhängig von der Beurteilung deren Qualität im ursprünglichen Zusammenhang gut (oder schlecht) mit ihnen arbeiten – und auch darüber noch unterschiedlicher Meinung sein. Ebenso gebe ich gern zu, über die nach meinem Geschmack wirklich unheilsam beschleunigte Karriere des Herrn R. eher nur staunen zu können, mich angesichts seines Themas lieber gleich an Marx‘ Entfremdungsbegriff halten zu wollen und in dem genannten Buch in einem sehr allgemeinen Sinn mehr Anbiederung an Massengeschmack denn ein wissenschaftlich inspirierendes Werk zu entdecken vermag. VIelleicht war das mit der „Peinlichkeit“ auch ein bisschen hart formuliert. Allerdings bezog die sich nun eben insbesondere darauf, dass hier jemand von „systemischer“ Therapie kommend die in der Systemtheorie geprägten Begriffe einfach komplett ignoriert (vermutlich nicht einmal kennt!), und dann mit etwas ganz anderem kommt, das zumindest von der theoretischen Qualität leicht erkennbar „darunter“ liegt. Auch da würde ich ja nicht einmal ausschließen, dass es dafür vielleicht doch gute, möglicherweise in der Praxis überzeugende Gründe geben könnte. Nur müsste man die dann eben auch explizieren und als systemische Therapeutin plausibel begründen, warum man Rosa-Resonanz hier viel besser brauchen kann als die doch irgendwie schon qua Berufsbezeichnung naheliegende Systemtheorie-Resonanz. Mit der man sich ja übrigens auch wunderbar die Eigenlogik des Gesundheitssystems klarmachen kann, an das anzukoppeln keineswegs die Übernahme linearer Ursache-Wirkungs-Prinzipien für die eigene, unpeinliche und auf dieser Grundlage vor allem viel breiter resonanz-fähige Praxis voraussetzt.

        Mit den besten Wünschen
        S:B.

  2. Resonanzpraktische Zustimmung: starke Arbeit, die mich sehr anregt. Ich denke, dass diese Perspektive weiterführen kann, vor allem auch hinsichtlich des in Fußnote 4 ein wenig versteckten fünften Kernmerkmals, der Aufmerksamkeit für das Unterstützen resonanzförderlicher Kontextbedingungen! Für die praktische Arbeit mit denjenigen, die um therapeutische oder beraterische Hilfe nachfragen, erscheint mir die Brauchbarkeit des Resonanz-Ansatzes selbst-evident (und im Hinblick auf das Kernelement „Transformation“ wie von selbst auf „Beobachtung 2. Ordnung“ verweisend). Wesentlich erscheint mir der Hinweis; dass Ressourcen sich erst als Ressourcen-im-Kontext als hilfreich erweisen oder eben als nicht hilfreich. Ich denke allerdings, dass auch „Resonanz an sich“ erst einmal wertfrei ist. D.h., ob mir Resonanz gut tut oder nicht, erweist sich auch erst im augenblicklich als wirklich erlebten Kontext. So scheint mir Resonanz im Bereich der Auseinandersetzung professioneller Schulen, Konzepte, oder beanspruchter Claims bislang eher nicht so sehr im Hinblick auf Ressourcen (gegenseitiges Anregen) angelegt zu sein, sondern eher auf Selbstbetonierung, auf Wettbewerb und Einflussmanagement. Ich bin gespannt, wie sich der Ansatz weiterentwickelt und hoffe auf eine kooperative Belebung der Szene. Danke für den Impuls! Ich bin gespannt auf Weiteres.

  3. Lothar Eder sagt:

    Es ist mE begrüßenswert, wenn der Resonanzbegriff innerhalb des systemischen Feldes rezipiert wird. Allerdings scheint mir, dass Rosa, auf den die Autorin Bezug nimmt, den Begriff zu sehr einengt und seine Verwendung innerhalb der Entwicklungspsychologie/Anthropologie/Bindungstheprie nicht ausreichend rezipiert. Ein guter Resonanzraum, v.a. innerhalb der Mutter-Kind-Symbiose, aber auch mit anderen zentralen Bezugspersonen ist entscheidend für die Herausbildung gesunder seelischer Strukturen. Und wir bleiben ja unser ganzes Leben lang Resonanzwesen. Resonanz ist die implizite Voraussetzung für Psychotherapie. Von daher ist es für mich als therapeutisch arbeitender Mensch zentral, meine Resonanzen in Bezug auf Klienten im BLick zu haben und ihnen wiederum einen Resonanzraum zur Verfügung zu stellen, innerhalb dessen sie v.a. in Resonanz mit sich selbst gehen können.

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