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Reinhart Wolff (20.10.1939)

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Reinhart Wolff

Reinhart Wolff

Heute feiert Reinhart Wolff seinen 75. Geburtstag. Der Erziehungswissenschaftler und Soziologe kann mit Fug und Recht als der Begründer des modernen Kinderschutzes in Deutschland bezeichnet werden. Schon während seines Engagements in der 68er Bewegung, die ihm auch – gemeinsam mit seinen Brüdern KD und Frank Wolff – eine Episode als Vorstandsmitglieder des SDS bescherte,   wurde er zum bekannten Vertreter der antiautoritären Kinderladenbewegung.

In den siebziger Jahren gründete er in Berlin mit Teilnehmern eines von ihm abgehaltenen Seminars über Kinderschutz an der soziologischen Fakultät der Freien Universität das erste deutsche Kinderschutz-Zentrum als privater Verein. Es gelang ihm, Fördermittel des Bundes für ein Modellprojekt zu akquirieren, das die Gründung eines weiteren Kinderschutz-Zentrums in Gütersloh (als Vergleichsprojekt im ländlichen Raum) ermöglichte und einen Transfer der Erfahrungen in andere Regionen der Republik beinhaltete. Er selbst führte die wissenschaftliche Begleitung durch.

Aus dieser Konstellation entwickelten sich in vielen Städten eine Reihe von Kinderschutz-Zentren, die in den achtziger Jahren ganz wesentlich zur Ablösung des bestehenden repressiven, noch ganz in den autoritären Strukturen der Nachkriegszeit verhafteten Kinderschutzes beitrugen. Das moderne, familienorientierte Konzept „Hilfe statt Strafe“, das anstatt auf Verfolgung auf die Nutzung vorhandener Ressourcen setzt, wurde zum Wegbereiter einer neuen Kinder- und Jugendhilfe, deren Prinzipien auch in die Überarbeitung des KJHG einflossen.

Ein fachlich fundierter Kinderschutz braucht allerdings nicht nur gute Konzepte, sondern auch Geld. Die Einsparungspolitik der letzten 20 Jahre hat im sozialen Bereich so gut wie überall zu z.T. massiven Qualitätsproblemen im Bereich der sozialen Arbeit geführt. Die Spitze des Eisberges sind Todesfälle durch Misshandlung oder Vernachlässigung in frühem Kindesalter, die von den zuständigen sozialen Diensten bei besserer Ausstattung, entsprechender Qualifizierung und anderer Personalstärke womöglich hätten verhindert werden können. War das inhaltliche Profil der „Fürsorgeerziehung“ in den 60er Jahren bis in die 70er Jahre hinein noch durch eine verhängnisvolle Kontinuität autoritärer und faschistoider Erziehungskonzepte bestimmt,  arbeitet heute eine Generation von motivierten und qualifizierten Kolleginnen und Kollegen in der Sozialen Arbeit, die aufgrund der ökonomischen, rechtlichen und bürokratischen Einschränkungen ihrer eigentlichen Aufgabe einer beziehungsorientierten Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien immer weniger nachkommen können.

In Reaktion auf diese Entwicklung gründete Reinhart Wolff in dieser Zeit gemeinsam mit anderen Fachleuten den „Kronberger Kreis für Dialogische Qualitätsentwicklung“, der die Überprüfung und Weiterentwicklung einer professionellen Praxis verfolgt, die oftmals komplex, widersprüchlich und von Wert-, Norm- und Interessenkonflikten gekennzeichnet ist. Im Zuge dieser Aktivitäten hat er einige auch in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Todesfälle von Kindern untersucht und gemeinsam mit den zuständigen Behörden neue Konzepte im Umgang mit Risikofamilien entwickelt (z.B. in Bremen anlässlich des „Kevin-Falles“).

In den vergangenen 50 Jahren hat er überall dort, wo er sich mit seinen Ideen eingebracht hat, wichtige Akzente setzen können. Ich habe ihn 1981 als Mitbegründer des Kölner Kinderschutz-Zentrums kennen und schätzen gelernt. Seit dieser Zeit sind wir freundschaftlich verbunden. 1990 haben wir den Weltkinderschutzkongress in Hamburg mit 2000 Teilnehmern aus über 60 Ländern organisiert, Reinhart Wolff als Kongresspräsident, ich als Kongresssekretär.

Wie kaum ein anderer ist Reinhart Wolff in der Lage, wichtige gesellschaftliche und sozialpolitische Entwicklungen auf den Punkt zu bringen und in brilliante Konzepte zu fassen. Das gilt nicht nur für seine Texte, auch im Gespräch und in Veranstaltungen entwickelt und formuliert er seine Positionen druckreif, in Deutsch wie in Englisch oder Französisch.

Viele seiner zahlreichen Veröffentlichungen haben wesentliche Impulse nicht nur für ein theoretisches Verständnis sozialer Probleme gegeben, sondern auch den Boden für die Entwicklung von Praxismodellen bereitet. Dabei hat er sich mit seinem kontroversen Geist nicht nur Freunde gemacht. Besonders seine kritische Auseinandersetzung mit dem „Missbrauch des Missbrauchs“ in den neunziger Jahren hat ihm eine zum Teil hysterische Feindschaft von KinderschutzaktivistInnen eingetragen. Auch aufgrund seiner 68er Vergangenheit und seiner kritischen Haltung gegenüber dem staatlichen Wohlfahrtssystem wurde er in der politischen Öffentlichkeit immer wieder angegriffen. Gleichwohl setzte sich dann ein Bewusstsein für seine Verdienste auch staatlicherseits durch, 2005 hat er das Bundesverdienstkreuz am Bande für für sein Lebenswerk erhalten.

Bis zu seiner Emeritierung lehrte er – bei seinen Studenten  außerordentlich beliebt – an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin mit den Schwerpunkten Kinder-und Jugend Hilfe, Geschichte und Theorie der Sozialarbeit, Geschichte und Theorie der Erziehung, Familienhilfe, -Beratung und -Therapie, Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung.

Wer ihn kennt, wird ihm seine 75 Jahre nicht abnehmen. Seine immer noch jugendliche Ausstrahlung, seine enorme Energie und Arbeitsleistung sind nach wie vor bemerkenswert. An Plänen für die Zukunft ist kein Mangel. Deshalb möchte ich Dir, lieber Reinhart, für dein neues Lebensjahr und die Zukunft alles Gute wünschen, Gesundheit, Erfolg und viele Momente des Genusses.

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2 Kommentare

  1. Pingback: Aus Kinderschutzfehlern lernen

  2. Lieber Reinhard
    In bester Erinnerung an schoene Tage mit dir in bern vor mehr als 20 Jahren und später in Berlin meine besten wuensche z. Zt. aus dem engadin.
    Martin

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