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Rechte Wörter – von Abendland bis Zigeunerschnitzel

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Andreas Graf von Bernstorff ist freiberuflicher Berater für Campaigning und Strategische Kommunikation, war Lehrer, Journalist, Wahlkämpfer, Landtagsabgeordneter und Politikberater. Im Carl-Auer-Verlag hat er ein Buch veröffentlicht, in dem er sich mit Schlüsselwörtern der deutschen Rechten auseinandersetzt. Tanja Kuhnert hat es für systemagazin gelesen und rezensiert.

Tanja Kuhnert, Köln:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein)

Der systemische Theoriediskus erörtert seit seinen Anfängen immer wieder die Beschreibung von Wirklichkeiten und die Bedeutung von Wörtern und Sprache dabei (siehe hierzu verschiedenen Veröffentlichungen von Gregory Bateson, Heinz v. Foerster, Ernst von Glaserfeld, Fritz Simon und anderen). Deswegen erscheint es mir konsequent, dass ein systemischer Verlages auch Raum schafft, die Wirkung politischer Sprache zu reflektieren. Schon in 2008 veröffentlichte der Carl-Auer-Verlag das Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ (George Lakoff & Elisabeth Wehling). Im Jahr 2018 legte Fritz B. Simon im gleichen Verlag das Buch „Anleitung zum Populismus oder Ergreifen Sie die Macht!“ vor. Nun publiziert der Verlag eine dezidierte Auseinandersetzung mit rechter Sprache bzw. „rechten Wörtern“: 

„Die rechte Szene hat ihre ganz eigene Sprache und Sprechweise entwickelt, zum Teil mit neuen Wortgebilden, die im Alltag und in der Sprache der etablierten Medien nicht gebräuchlich sind. Andere, geläufige Wörer haben in dieser – rechten – Welt eine eigene Bedeutung(szuweisung erhalten)“ 
(S. 9).

Tatsächlich habe ich neugierig auf dieses Buch gewartet. Nun ist es Anfang April erschienen und mir ist es gelungen, eines der ersten Exemplare zu ergattern. Hiermit möchte ich allen dieses Buch sehr ans Herz legen!

Es ist ein gut lesbares Buch. Es geht trotz politischer schwerer Kost leicht von der Hand. Die Sprache ist so gehalten, dass viele Menschen einen Zugang dazu finden können, ohne sich in akademische Sphären begeben zu müssen. Das finde ich gerade für dieses Thema sehr angebracht, damit es nicht im theoretischen Diskurs verbleibt, sondern eine weite Verbreitung finden kann. Es wendet sich an alle Menschen, die besser verstehen wollen oder sollten, wie die rechte Szene Wörter und Sprache (be-)nutzt, um ihr politisches Programm, ihre Ideologie (subversiv) in die Welt zu bringen.

Andreas Graf von Bernstorff ist mit diesem Band ein sehr informativer und anregender Einblick in die Welt der „Rechten Sprache“ gelungen. Er hat zahlreiche Wörter aufgegriffen, die in rechten Milieus, aber zunehmend auch in der allgemeinen Öffentlichkeit genutzt werden und zum Teil in die Alltagsprache Eingang gefunden haben. Er zeigt darüber hinaus, wie vermeintlich „harmlose“ und gängige Worte wie Abendland, GEZ, USA, Zigeunerschnitzel im Kontext rechter Ideologie eine neue Bedeutung erfahren und dadurch neue Wirkung erzielen. Wörter, die offensichtlicher als rechts einordenbar sind, wie Asylterror, Asyltourismus, Entvölkerung, Überfremdung, Volkstod, Volksverräter, werden in ihrem ideologischen Zusammenhang untersucht.

Die Lektüre hat in mir zunehmend ein mulmiges Gefühl entstehen lassen. Mit jeder Wortanalyse wurde mir klarer, welche Bedeutung es hat, wenn diese Worte kreiert, aufgegriffen und (um-)genutzt werden. Beim Lesen gewinnt man ein umfassendes Bild rechter Ideologie. Beeindruckend ist die genaue Recherche Bernstorffs, alle Zitate und Ausführungen sind mit Quellen belegt. Akribisch stellt er Dokumente, Artikel und weiterführende Literatur dar. Dabei wird deutlich, dass auch wenige Quellen und ProtagonistInnen ausreichen, um die Verbreitung und Wirkung rechterWörter sehr weit in unsere gesellschaftliche Kultur hinein zu gewährleisten.

Mit den Darstellungen von 78 Begriffen auf 170 Seiten ist ein Lexikon entstanden, in dem man immer wieder nachschlagen kann, wenn in den Medien oder auch im Gespräch mit FreundInnen oder KollegInnen Wörterauftauchen, mit denen vielleicht indirekt oder direkt rassistische, homophobe, diskriminierende Gedanken und Ideen verbreitet werden sollen. Die dezidierte Analyse der verschiedenen Wörter kann bei diesen Gesprächen sicherlich gut als Argumentationshilfe dienen. 

Am Ende gibt Bernstorff einen Einblick in die „[i]nterne Sprachregelung der AfD“ (S.161 ff.). Hier stellt er mit Quellenverweisen die Entwicklung und Inhalte einer parteiinternen Empfehlung zum Sprachgebrauch dar. Hierin wird darauf hingewiesen, welche Wörter nicht im AfD Sprachgebrauch genutzt werden sollten, damit die Partei nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes gerät. Das macht nochmal mehr deutlich, wie sehr die rechten Intellektuellen ihre Sprache strategisch nutzen und sich der Macht der Worte bewusst sind. 

Das Buch lässt mich – wie schon angedeutet – mit einem schalen Geschmack zurück und gibt eine Ahnung davon, was zukünftig möglich wäre, wenn wir alle nicht wachsam und achtsam sind.  Für mich als Systemikerin ist Sprache ja ein Zugang, mich den Wirklichkeitskonstruktion meiner KlientInnen und Mitmenschen zu nähern und so Begegnung möglich zu machen. Deshalb finde ich es wichtig und notwendig, sich mit Rechten Wörtern auseinanderzusetzen und ihre Bedeutung zu verstehen, um auch dieser Wirklichkeitskonstruktion näher zu kommen. Denn, „daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten“ (Wittgenstein, Tractatus Logo Philosophicus 5.62, Hervorh. i. Orig.). Ich glaube, nur wenn wir uns der Sprache auch von „Rechten“ zuwenden, können wir Begegnung ermöglichen und so Brücken finden, die ermöglichen, die verschiedenen Welten zusammen zu bringen.

Das Buch hat verdient, dass es eine weite Verbreitung findet!

Zur Homepage des Autors

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

Andreas Graf von Bernstorff (2020): Rechte Wörter – von „Abendland“ bis „Zigeunerschnitzel“. Heidelberg (Carl-Auer)

170 Seiten, Kart.
ISBN: 978-3-8497-0340-0
Preis: 19,00 €

Verlagsinformation:

Wer gegen Rechte bestehen will, muss sie zuerst verstehen. Das ist nicht immer leicht, denn die rechte Szene hat ihre ganz eigene Sprache und Sprechweise entwickelt – zum Teil mit neuen Wortgebilden, aber auch mit geläufigen Wörtern, denen ein anderer Sinn zugewiesen wird. Andreas von Bernstorff filtert aktuelle Schlüsselwörter der deutschen Rechten aus dem Strom der Medien und betrachtet sie bei Tageslicht: Was bedeuten sie, woher kommen sie, und wie wirken sie? Von „Abendland“ über „Klimawahn“ bis „Zigeunerschnitzel“ nimmt der Autor rechte Konzepte und alltägliche Diskriminierungen unter die Lupe. Dabei werden immer wieder überraschende Zusammenhänge sichtbar, die manch harmlos wirkende Vokabel in neuem Licht erscheinen lassen. Die einfach gehaltenen Wörterbucheinträge geben schnelle Orientierung und sind dabei sorgfältig belegt. Als Handreichungen für den Alltag schärfen sie unsere Aufmerksamkeit und Urteilsfähigkeit, und sie pflegen den Diskurs, wo andere ihn abschalten wollen. Das Buch wendet sich an Menschen, die in Medien arbeiten, in der politischen Bildung, in Schulen, Gewerkschaften, Verbänden und Kirchen, Stiftungen und Parteien, aber auch an alle anderen politisch wachen und interessierten Menschen.

Über den Autor:

Andreas Graf von Bernstorff ist Cooperating Partner von Heitger Consulting in Wien und freiberuflicher Berater für Campaigning und Strategische Kommunikation. Er arbeitete als Lehrer, Journalist, Wahlkämpfer, Landtagsabgeordneter und Politikberater. Von 1989 bis 2005 organisierte er internationale Kampagnen für Greenpeace. Er ist Autor etlicher Publikationen zu internationalen Umweltfragen und Kampagnenstrategie allgemein und unterrichtet unter anderem an den Universitäten St. Gallen und Heidelberg, an der Humboldt-Viadrina School of Governance und im AMAK-Kontext (Hochschule Mittweida).

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