Sabine Klar, Wien: Wo sich Fremdes hereindrängt, bin ich noch niemals ins Nichts gefallen …
Ein Weg entsteht dadurch, dass ich ihn öfter beschreite. Wenn ich auf ihm unterwegs bin, brauche ich mich damit nicht mehr zu befassen und kann mich auf anderes konzentrieren. In einer bestimmten Gegend aufgewachsen zu sein, alle Wege dort zu kennen, mich mit Vertrautem zu umgeben vermittelt mir Sicherheit. Vor allem wenn ich gestresst oder ängstlich bin, suche ich nach dem Gewohnten und will mir eine Heimat erhalten, die mir gleichzeitig ständig entzogen wird. Die Lage, in der ich mich heutzutage befinde, verlangt mir nämlich ganz anderes ab. Die berufliche Umgebung fordert Flexibilität und Mobilität im Hinblick auf den Arbeits– bzw. Wohnort, alles verändert sich sehr schnell, ich muss mich ständig mit Neuem konfrontieren. Manchmal ärgere ich mich über das Befremdliche, darf es aber nicht zeigen, weil ich es nicht korrekt fände und den eigenen Auffassungen auch gar nicht entsprechend. Bestimmte politische Parteien schaffen mir mittels ihrer Parolen dann Erlaubnisräume für meinen Frust – in ihrem Schutz darf ich ungestört dagegen wüten und schäumen und mich an abgedroschenen Phrasen erfreuen.
Gewohnheiten zu durchbrechen, von ausgetretenen Wegen abzuweichen, um unbekannte Gegenden zu erkunden, ist aus meiner Sicht nur möglich, wenn ich mich nicht in gewohnheitsmäßiger Weise an einengenden und schädigenden Vorstellungen und Beschreibungsformen festhalte. Die geistige und sprachliche Blase erwartet eine Situation, die gewissen Ideen und Bildern entspricht, aber durch die Konfrontation mit anderen und mit der Wirksamkeit der konkreten Lebenslage fallweise auch enttäuscht wird. Metaphorisch ausgedrückt, bekommt meine Welt dann Risse, Beulen und Brüche – sie erscheint

Sabine Klar
(Foto: oeas.at)
mir nicht mehr so sinnhaft oder verstehbar wie früher. Risse, Beulen, Brüche gibt es an Grenzen – in Böden, Wänden und Mauern etwa, in Tüchern, Haut, Kleidern, die etwas bedecken, in Gefäßen, die etwas halten, in Zäunen, die etwas abwehren. Gedanken, die an bestimmten Ideen und Vorstellungen bauen, setzen solche Grenzen, indem sie unterscheiden, bewerten, zu- und einordnen. Ich merke die Grenzen, die ich gesetzt habe, erst dort, wo sie löchrig werden und das, was ich draußen haben wollte, nicht mehr abhalten. Der Riss im Verstehen, die Enttäuschung der Erwartung, die Frustration beim Hoffen – sie alle sprechen von einer Verletzung und Verbiegung jener (über Wahrnehmung, Urteil und Sprache) selbst erschaffenen Welt, die mein Sein wie eine Hülle umgibt, es konstituiert und schützt, Befremdliches draußen und Vorhandenes erhält. Die Brüche, Risse und Beulen in den diversen Weltkonzepten können die Basis meiner Existenz erschüttern, als kränkender Angriff auf meine eigene Person wirken und zu diversen Verteidigungs- und Rückzugsbewegungen führen. Hier habe ich einerseits die Chance zu begreifen, was ich unbedingt erhalten will, was mir also besonders wichtig ist. Andererseits werde ich mit dem Anderen, dem Fremden konfrontiert, das Grenzen überschreitet und auflöst. Deshalb sind die Brüche, Risse und Beulen, die mir das Leben oder die anderen von Zeit zu Zeit zumuten, zwar erschreckend, bestürzend und zutiefst verunsichernd – gleichzeitig aber auch eine Chance, mich mit ihrer Hilfe in einer Weise verwandeln zu lassen, an die ich ohne solch aufgezwungene Störungen nie auch nur ansatzweise herangekommen wäre. Wenn es mir gelingt, der Verletzung meines geistigen Gefüges etwas abzugewinnen, kann ich daraus gestärkt hervorgehen und erlebe mich in der Folge freier und beweglicher. Zumindest bekomme ich so unmittelbar mit mir selbst und meinen Grenzen zu tun, dass ich mich nachher besser kenne – was auch dabei hilft, andere Menschen zu verstehen.
Das Problem ist aus meiner Sicht nicht grundsätzlich die Angst oder Wut, die solche Verletzungen und Verbiegungen der eigenen Welt mit sich bringen können, sondern nur jene Gefühlslagen und Zustände, die dabei helfen, bestimmte Gedanken aufrecht zu erhalten – nämlich solche, die sich auf illusionäre Erwartungen und Vorstellungen beziehen und ein der eigenen Eigenart und Lage nicht angemessenes Selbstbild wichtiger nehmen als den nüchternen Blick auf die Gegebenheiten und das, was sich daraus ergibt. Üblicherweise verändert sich nicht nur die Situation, sondern auch die damit im Zusammenhang stehenden Wahrnehmungen und Empfindungen – schon allein bedingt durch den jeweiligen Zustand des Körpers, aber auch durch die sich ständig wandelndem Eindrücke und Erlebnisse in einer sich wandelnden Welt. Empfindungen und Wahrnehmungen kann ich nicht festhalten – sehr wohl aber manche Gedanken, die ich mir dazu mache. Dadurch interpretiere ich die sich verändernden Situationen, Empfindungen und Wahrnehmungen immer nach demselben Schema und missverstehe sie so unter Umständen oder erhalte mittels meiner Gedanken etwas aufrecht, das nur in meinem Kopf existiert. Es ließen sich viele Beispiele dafür finden, wie solche Ideen und Vorstellungen Probleme und Leiden hervorrufen können. Sie vermitteln unter anderem die Botschaft, dass irgendetwas anders sein sollte, als es ist. Ich distanziere mich von dem, was meinen Vorstellungen nicht entspricht, was aber gegeben und vorhanden ist, und entwickle ängstliche, misstrauische, ärgerliche, empörte, ungeduldige Gefühle, begründe sie – und festige damit den gewonnenen Eindruck. Ich bemerke nicht mehr, wo ich bin, sondern nur, wo ich lieber wäre.
Solche Gedanken lösen sich manchmal ganz von alleine auf, wenn ihnen die emotionale und geistige Nahrung entzogen wird, wenn sie sozusagen nicht mehr durch Identifikation mit „Ich-Energie“ gefüttert werden. Dann kann ich mich dem, was gerade da ist – auch dem „Gesicht des Fremden“ – unmittelbarer und achtsamer zuwenden und mich darin vertiefen. Darum geht es, denn das erfordert – besonders in schwierigen Lebenslagen – meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit.
Ins Museum für Ostasiatische Kunst gehe ich gerne, um mich befremden zu lassen. Wie beim Reisen in unbekannte Gegenden kann ich hinterher nicht sagen, ob ich mehr über das Fremde erfahren habe oder mehr über mich selbst. Oder mehr über etwas ganz anderes.

Weil ich so begeistert bin, dass es Leute gibt, die nicht SupervisorInnen und Coaches sind und sich mit genau diesen Fragen beschäftigen, hier zum Schluss ein Zitat und eine ausführliche Literaturangabe.
Hier mein Beitrag zum systemagazin-Adventskalender. In der Einladung wurde um Texte gebeten. Mein Beitrag ist allerdings kein Text und somit vielleicht auch fremd zwischen den vertrauten Formen von Text. Vielleicht kommt jedoch (nichtöffentlicher) Text im Betrachter auf und dann könnte der Beitrag etwas ins Vertraute rücken. Ich bin keine (studierte) Künstlerin und damit ist vielleicht auch meine Art zu zeichnen befremdlich. Dennoch kann vielleicht Fremdes gefallen und Vertrautes missfallen? Oder andersrum…
Liebe Leserinnen und Leser,



Heute würde Heinz von Foerster (Foto: Wikipedia) seinen 105. Geburtstag feiern. 1979 ist ein Artikel von Humberto R. Maturana im Cybernetics Forum erschienen, in dem er unter dem Titel „The wholeness of the unity: Conversations with Heinz von Foerster“ beschreibt, wie ihn die Gespräche mit Heinz von Foerster während seines 10omonatigen Aufenthaltes am Biological Computer Laboratory an der University of Illinois während der Jahre 1968 und 1969 zu seinen Überlegungen hinsichtlich der Begriffe Funktion, Zwecke und Ziele von lebenden Systemen inspiriert haben. Diese Begriffe sind keine Aspekte lebender Systeme (etwa Zellen oder Organismen) selbst, sondern erhalten nur Sinn aus der Perspektive eines Beobachters. Diese Ideen werden anhand von einigen Anekdoten Heinz von Foersters, der u.a. tatsächlich auch als Zauberer aufgetreten ist, verdeutlicht. Der Artikel ist im Konstruktivismus-Archiv der Universität Wien gespeichert und
Heute vor 25 Jahren, am 10.11.1991, ist Harold Goolishian in Galveston gestorben. Der Psychologe, Pionier der Familientherapie und langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie an der Medizinischen Fakultät Galveston der University of Texas gehört gemeinsam mit Harlene Anderson zu den Begründern des narrativen Ansatzes in der systemischen Therapie und gründete 1977 mit ihr, Paul Dell und George Pulliam das Galveston Family Institute in Texas. Im Zentrum ihrer Überlegungen stand die Idee, dass nicht die Therapeuten die Experten für Lösungen seien, sondern die Klienten selbst, eine Perspektive, die eine (oft missverstandene) Haltung des Nicht-Wissens auf Seiten des Therapeuten nahelegt. In einem Aufsatz für das von Sheila McNamee und Ken Gergen 1992 b bei Sage herausgegebenen Bandes „Therapy as Social Construction“ präsentierten Anderson und Goolishian ihre diesbezüglichen Ideen. In diesem Aufsatz wird ein interpretativer und hermeneutischer Ansatz des Verstehens von Therapie beschrieben. Die Idee der therapeutischen Konversation als Dialog, in welchem der Therapeut die Position des Nichtwissens einnimmt, wird dargestellt und erweitert. Insbesondere wird die konversationale Art zu Fragen diskutiert, die den KlientInnen Spielraum läßt, ihre Geschichte zu erzählen – und zwar unabhängig von den zuvor entstandenen Ideen des Therapeuten. Der Therapeut schließt sich der sich natürlich entfaltenden Erzählung der Klienten durch aufrichtiges Bemühen an, um mit grenzenloser Neugier die Bedeutungen des Klienten zu verstehen und kennenzulernen. Das Ziel dieses therapeutischen Kontexts ist nicht das Entdecken von Wissen, sondern die Erzeugung eines dialogischen Konversationsprozesses. Im Verlauf dieses Prozesses entwickeln sich neue Bedeutung und Verstehen wechselseitig, und diese werden immer begrenzt durch die lokal verhandelten Regeln der Bedeutung.