Rudolf Klein, Merzig: Es lebe das Fremde!
Die Gegenüberstellung der Begriffe „fremd“ und „vertraut“ lädt ein, über die damit verbundenen Implikationen nachzudenken. Mit der Wahl dieses Begriffspaares werden spezifische Bedeutungen nahegelegt: „Vertraut“ bedeutet laut Duden (www.duden.de) so viel wie „wohl bekannt“, „intim“, „gewohnt“, „eng verbunden“ während „fremd“ mit „nicht dem eigenen Land angehörend“, „unbekannt“, „nicht vertraut“, „anders geartet“ assoziiert wird. Das Fremde ist unbekannt und wird daher eher problematisiert während das Vertraute bekannt ist und eher unproblematisch erscheint.
Bei genauerem Hinsehen lässt sich aber das Fremde, das Nicht- oder Noch-Nicht-Bekannte, die Überraschung, der Zufall, kurz: der Unterschied nicht etwa nur außerhalb des Vertrauten verorten. Das Fremde existiert auch in dem Bereich, in dem man es am wenigsten erwartet: Im Vertrauen nämlich. Dabei muss man noch nicht einmal an die Debatte über Globalisierung, Migration o.ä. denken.
Wer in einer Partnerschaft lebt, weiß, wovon ich rede. Da merkt man, wenn man sich im Laufe der Jahre keine emotionale Hornhaut gegen jegliche Irritation angelegt hat (oft eine Ausgeburt pseudoharmonischer, konfliktvermeidender Beziehungsmythologien), dass Partner fast täglich Unberechenbares hervorzubringen imstande sind. Das kann bei dem nichtauffindbaren Joghurt (nein, gerade eben nicht im Kühlschrank!) losgehen und sich über die Themen Geld (wer gibt wofür, wann, wieviel aus und wer verdient es?), Sex (wann, wie oft, wie, womit, mit wem, ohne wen?) bis hin zu plötzlich neu gestalteten Wohn-, Schlaf-, Bade-, und Arbeitszimmern ausdehnen, von neuen Frisuren und Outfits ganz zu schweigen – um nur die harmlosesten Überraschungen zu nennen.

Rudolf Klein
Spätestens dann dämmert einem, dass das Fremde der Normalfall ist und man nur deshalb nicht daran denkt, weil man sich durch die unhinterfragte Idee und Wortwahl des „Vertrauten“ im Gegensatz zum „Fremden“ selber in die Irre geführt hat.
So lange man über solche Unterschiede staunen, sie mit Ruhe hinnehmen, sich über neue neuronale Verschaltungsoptionen freuen und man über die Unterschiede und das Fremde meinetwegen auch debattieren, streiten und Konflikte austragen kann, ist die Sache relativ okay. Ja, es kann sogar eine Quelle der Inspiration und Kreativität sein.
Wenn nicht, wird es mindestens interessant, manchmal sogar riskant: Dann erscheint der Partner nämlich im Laufe der Jahre immer unbekannter. Fremd sozusagen. Obwohl man ihn von Tag zu Tag länger kennt. Man hat, so erklären sich manche dieses Phänomen, möglicherweise den falschen Partner erwischt oder er hat sich im Laufe der Zeit negativ verändert.
Öfter wird die zweite Erklärungsvariante gewählt. Und spätestens jetzt sollte man den Partner wieder auf den richtigen Kurs zu bringen versuchen. Auf den eigenen richtigen Kurs, versteht sich. Dummerweise denkt der Partner oft auch so: Die wechselseitige Fremdheit wird zum Problem und soll dem Vertrauten wieder weichen.
Wenn man es einfach ausdrücken will, entsteht Fremdheit als Problem eigentlich nur aus zwei Gründen: Wenn die Idee geteilt wird, dass aus dem Fremden das Vertraute werden, Gleichheit also die Maxime menschlicher Beziehungen darstellen soll und diese Idee als wahres Wissen konzipiert wird. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Gleichheits- bzw. Vertrautheitsmythologie unhinterfragt geteilt wird. Das Fremde wird somit also nicht bekämpft, weil es anders ist (das wäre trivial), es wird bekämpft, weil es nicht so ist wie ich.
Obwohl es theoretisch klar ist, dass Gleichheit nicht herstellbar ist (Fremdheit und Ungleichheit sind der zu erwartende Fall), wird in der alltäglichen Beziehungsgestaltung die Egalisierung immer wieder gerne angestrebt. Das Fremde soll im Extremfall ausgetrieben werden und wird bekämpft: Mit gut zureden, mit pädagogisch ausgeklügelten Strategien, mit Paartherapien, mit Drohungen, Bestechungen und Erpressungen jeglicher Art.
Man ist dann intensiv damit beschäftigt, erste Vorkehrungen für das Begräbnis der Partnerschaft zu treffen. Manchmal geschieht dies dann leider im wörtlichen Sinne – zum Beispiel nach Gewalttaten, bei denen die empfundene Fremdheit und Ungleichheit des Partners so groß erlebt wird, dass sie mit gewalttätigen Mitteln in Richtung Vertrautheit und Gleichheit verändert werden soll.
Vielleicht besteht die Herausforderung darin, eher mit der Unterscheidung zu operieren, im Vertrauten das Fremde und im Fremden das Vertraute aufzuspüren ohne dabei eigene Positionierungen sofort aufgeben zu müssen und ohne bereits vorab wissend vorzugeben, was man für die richtige Entscheidung hält. Und vielleicht ist es sinnvoller, angesichts des unvermeidlich Fremden im Vertrauten und des Vertrauten im Fremden das Staunen, die Neugierde am Anderssein zu entdecken und weniger von der Überlegung sich leiten zu lassen, wie man am besten, schnellsten und effektivsten Vertrautheit herstellen kann – mit allen gewünschten und unerwünschten Nebenwirkungen.
Und während ich das so schreibe, fällt mir mal wieder ein Zitat von Philip Roth ein, das mich seit Jahren begleitet. Er schreibt in seinem Buch „Der menschliche Makel“: „Mit „Jeder weiß“ ruft man das Klischee an und beginnt mit der Banalisierung der Erfahrung, und das eigentlich Unerträgliche sind die Feierlichkeit und das Gefühl der Autorität, mit der die Leute das Klischee aussprechen. Wir wissen nur, dass auf individuelle Weise niemand irgend etwas weiß. Man kann gar nichts wissen. Die Dinge, von denen man weiß, dass man sie nicht weiß. Absicht? Motiv? Folge? Bedeutung? Was wir nicht wissen, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, was wir als Wissen betrachten.“ (S. 235)

Bernd 
Dörte 
Peter 
Dennis
In meiner heutigen psychotherapeutischen Praxis komme ich mit Flüchtlingen kaum in Kontakt und so hatte ich mich entschieden, eine durchaus vorhandene Fremdheit mit einem mir vertrauten Medium aufzulösen. Dies vor dem Hintergrund des Vereins „skate-aid e.V.“ Dieser Verein fördert mit der pädagogischen Kraft des Skateboards Selbstvertrauen, Gemeinschaftsbewusstsein, Eigenverantwortung und Zielstrebigkeit von Kindern und Jugendlichen und ihre freie Entfaltung – unabhängig von sozialer Herkunft, Ethnie, Sprache, Religion, Nationalität oder Kultur. Da ich bis 2001 Skateboard-Profi war, hatte ich als Erinnerung mehrere „Boards“ aufbewahrt. Auch wenn ich mit meinen 39 Jahren nicht mehr der eleganteste Praktiker bin, sind in meinem inneren Erlebnisrepertoire jedoch viele Tricks gespeichert, die durch imaginative Regressionen gut abrufbar sind.
Eine Geschichte aus dem Frühjahr 1987. Keine große Sache. Interessant nur im Nachhinein. Mit dem Wissen von heute. Ich bin mit einem Freund für eine Woche in Ägypten. Herbert und ich wollen auf eigene Faust etwas sehen von Land und Leuten. Wir geraten in die letzte Woche eines Wahlkampfs.
Im Rahmen meiner Arbeit als Lehrerin an einer Grundschule leiste ich einen Beitrag, dass die Seiteneinsteiger-Schüler (Flüchtlingskinder) bereit sind, sich mit einer fremden Sprache, einem fremden Inhalt und Kontext auseinanderzusetzen. Dazu gehe ich den ersten Schritt auf sie zu. Ich gehe freundlich mit Gesten, Mimik und Worten auf sie zu. Ich lade sie ein mit mir in Beziehung zu treten, ihr neues Klassenzimmer zu entdecken und sich mit dessen Gegenständen vertraut zu machen und biete Spielräume; neue Lerninhalte zu entdecken. Dabei geht es ganz häufig darum mit dem Fremden und teilweise Befremdlichen zu kooperieren. Dies gilt sowohl für die Schüler untereinander als auch mit mir.
Eine Klientin erzieht ihr dreijähriges Kind alleine. Sie hat ziemlich aversive Gefühle gegenüber dessen Vater, von dem sie schon länger getrennt lebt. Dieser hat gerichtlich das Umgangsrecht mit seiner Tochter erstritten. Die Patientin sieht in der Begegnung zwischen Tochter und Vater eine Belastung und auch eine Beschädigung für das Kind. Nun übernachtet dieses – gerichtlich erzwungen – regelmäßig beim Vater.
Heute würde Milton Erickson seinen 115. Geburtstag feiern. Grund genug, an dieser Stelle auf einen Autor zu verweisen, der in der Tradition von Erickson steht und arbeitet: Bernhard Trenkle. Für sein neues Buch „3 Bonbons für 5 Jungs – strategische Hypnotherapie in Fallbeispielen und Geschichten“ hat ihn Margarethe Seul-McGee vom Carl-Auer-Verlag interviewt:
Zum Thema Ihres Adventskalenders „Fremd – Vertraut. Begegnungen mit der Fremdheit“ sende ich Ihnen ein Zitat von Franz Michael Felder (1839-1869), das fast so etwas wie eine paradoxe Intervention darstellt.
Ein Weg entsteht dadurch, dass ich ihn öfter beschreite. Wenn ich auf ihm unterwegs bin, brauche ich mich damit nicht mehr zu befassen und kann mich auf anderes konzentrieren. In einer bestimmten Gegend aufgewachsen zu sein, alle Wege dort zu kennen, mich mit Vertrautem zu umgeben vermittelt mir Sicherheit. Vor allem wenn ich gestresst oder ängstlich bin, suche ich nach dem Gewohnten und will mir eine Heimat erhalten, die mir gleichzeitig ständig entzogen wird. Die Lage, in der ich mich heutzutage befinde, verlangt mir nämlich ganz anderes ab. Die berufliche Umgebung fordert Flexibilität und Mobilität im Hinblick auf den Arbeits– bzw. Wohnort, alles verändert sich sehr schnell, ich muss mich ständig mit Neuem konfrontieren. Manchmal ärgere ich mich über das Befremdliche, darf es aber nicht zeigen, weil ich es nicht korrekt fände und den eigenen Auffassungen auch gar nicht entsprechend. Bestimmte politische Parteien schaffen mir mittels ihrer Parolen dann Erlaubnisräume für meinen Frust – in ihrem Schutz darf ich ungestört dagegen wüten und schäumen und mich an abgedroschenen Phrasen erfreuen.