systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

8. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Niklas Luhmann

„Also die Systemtheorie ist sicher keine kausalistische Theorie. Schon deshalb nicht, weil man sonst Politik in die Wissenschaft mit einbeziehen würde. Wenn man sagen würde, wie es richtig gemacht werden sollte, würde man ja Politik machen, eine Art technokratische Vorstellung haben. Das ist sicher nicht der Fall und wird auch durch die Gesellschaftstheorie selber schon desavouiert, indem sie Politik oder auch Intimbeziehungen oder Religion oder Wirtschaft als eigene Systeme beschreibt, die von der Wissenschaft aus nicht gesteuert werden können. Aber es gibt natürlich Veränderungen in den typischen Problemstellungen. Und das kann man relativ deutlich spezifizieren. Wenn Sie z.B. die Probleme der Arbeitslosigkeit, der massenhaften Entlassungen in Europa sehen, dann kann man die Frage stellen: Ist das ein Effekt von Konjunktureinbrüchen? Müssen wir das zwei, drei Jahre durchhalten oder hat das strukturelle Gründe? Und da würde man vielleicht sagen, daß in der modernen Gesellschaft das Interesse an der Unternehmenserhaltung und das Interesse an Vermögenserhaltung auseinander laufen. Wenn ich mein Vermögen halten will, kann ich nicht mein Unternehmen halten. Und das ist auch völlig antimarxistisch gedacht. Ich habe mein Vermögen nicht im Unternehmen. Mein Vermögen fließt je nachdem, wo es angelegt werden soll. Und das Unternehmen ist eine andere Sache. Wenn man diese Tendenz beobachtet – und das läßt sich systemtheoretisch aufhängen – hat man natürlich ganz andere Vorstellungen in Bezug auf Politik und in Bezug auf öffentliche Meinung auch und in Bezug auf Weltkonstellationen, auf das Verlagern von Produktion in Billiglohnländer und dergleichen, als man sie hätte, wenn man sie nur konjunkturspezifisch sieht. Daraus folgt noch keine Handlungsanweisung. Aber ich denke, die Art wie man sich vor Probleme stellt, ist der Schritt, von dem aus man es der Wirtschaft oder der Politik überlassen kann, Konsequenzen zu ziehen“ In:„Interview mit Niklas Luhmann. http://fifoost.org/user/luhmann.html„)

8. Juni 2009
von Tom Levold
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erste Internationale Psychotherapeutische Tagung auf Kuba

Vom 28.-30. April 2009 fand in Havanna die erste Internationale Psychotherapeutische Tagung auf Kuba statt. Die Tagung wurde von der ehemaligen Leiterin der psychiatrischen Abteilung des «Joaquin-Albarran-Krankenhauses» Havanna, Prof. Dr. Reina Rodriguez Mesa, und ihrem Team organisiert. Bisher gibt es in Kuba keine psychotherapeutische Ausbildung – dementsprechend war dieser Kongress auch ein Novum. Durch die ReferentInnen und TeilnehmerInnen aus verschiedenen Ländern (Argentinien, Bolivien, Deutschland, Frankreich, Kanada, Mexiko, Norwegen, Schweden, Spanien, USA) erhielt die Tagung ihren internationalen Charakter und wurde zur Geburtsstätte einer zukünftigen psychotherapeutischen Ausbildung in Kuba. Klaus Deissler und Thomas Keller haben für systemagazin
einen kurzen Tagungsbericht verfasst…

7. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Heiko Kleve

„Die Methode der Inszenierung von Ambivalenz kann jederzeit für das wissenschaftliche Schreiben, für die Genese von Theorien genutzt werden. Sie ist mithin besonders hilfreich, wenn man theoretisch arbeiten möchte. Theoretische Arbeiten gehen zumeist aus von anderen theoretischen Arbeiten, sie beziehen sich auf diese, setzen diese fort oder bieten alternative theoretische Blicke an. Die Methode der Ambivalenzinszenierung hat vor allem das Potenzial, alternative theoretische Deutungen zu produzieren. Sie ist, genau genommen, eine Beobachtung höherer Ordnung, die beobachtet, wie andere Theorien beobachten, und dann versucht, das, was diese durch ihre Begriffe nicht beobachten können, zu beobachten, einzublenden. Dabei werden vor allem zentrale Begriffiichkeiten beobachtet, Begriffiichkeiten, die wie selbstverständlich voraus- oder eingesetzt werden. Die entsprechenden Begriffe werden mit ihren möglichen Gegenbegriffen konfrontiert, und es wird gefragt, ob nicht zugleich auch die Gegenbegriffe Brauchbares über das Thema aussagen, beschreiben und erklären können. Mit der Methode der Ambivalenzinszenierung oder der Ambivalenzreflexion kann in drei Schritten vorgegangen werden: Erstens: Während der Lektüre von Texten, die Phänomene (z. B. der Praxis) beschreiben und erklären, die also Theorie betreiben, wird versucht, die scheinbar eindeutigen Selbstverständlichkeiten aufzuspüren und über sie zu staunen, sich über sie zu wundern. Zweitens: Nachdem die Selbstverständlichkeiten aufgespürt wurden, über sie gestaunt werden konnte, beginnt die Suche nach möglichen Gegenbegriffen zu den vermeintlich selbstverständlichen Begriffen. Dabei geht es darum, alternative Begriffe, Gegenbegriffe aufzuspüren, die einblenden, was ausgeblendet wird. Schließlich sollen die Begriffe, deren Selbstverständlichkeiten offenbart wurde, aus dieser Selbstverständlichkeit entrissen werden, indem mit den Gegenbegriffen aufgezeigt wird. was ebenfalls plausibel eingeblendet werden könnte. Drittens: In einem letzten Schritt erfolgt dann etwas, das mit der Methode der funktionalen Analyse der luhmannschen Systemtheorie (…) verwandt ist: Die Gegenbegriffe werden zunächst in Szene gesetzt, und zwar als auch mögliche Beschreibungen derselben Phänomene, mithin als Alternative zu den Begriffen, die die Selbstverständlichkeiten bezeichnen. Sodann wird eine alternative Erklärung des Phänomens unternommen mithilfe der Gegenbegriffe. Diese Erklärung wird neben die primäre Erklärung gestellt. Beide werden schließlich miteinander verglichen, aber als Pole in ihrer Unterschiedlichkeit belassen, und zwar so, dass die zuvor verborgene Symmetrie dieser Begriffe wieder zum Vorschein kommt und die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen bezüglich eines Phänomens sichtbar wird“ (In: Heiko Kleve: Ambivalenz, System und Erfolg. Provokationen postmoderner Sozialarbeit. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2007, S. 24f.)

6. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Andreas Weber


„In Luhmanns Systemtheorie geht die kategoriale Eliminierung des Subjekts mit der Irrealisierung der Körperproblematik einher. Die Genese der Differenz zwischen organischem System und psychischem System wird nicht prozesslogisch rekonstruiert, sondern absolutistisch gesetzt. Die Frage nach den anthropologischen und soziologischen Bedingungen, unter denen die ontogenetischen Subjektbildungsprozesse stehen, wird bedeutungslos. Bedeutungslos werden damit aber auch die körpernahen Interaktionen und Kommunikationen zwischen Kleinkind und sorgender Bezugsperson, normalerweise der Mutter, im ontogenetischen Bildungsprozess einer sinnstrukturierten Subjektorganisation. Da Luhmann die Bedeutung der körpernahen Interaktionen zwischen Kleinkind und (mütterlicher) Bezugsperson systematisch ignoriert, kann er auch die Sinnkategorie von allen Verstrickungen mit symbiotischen und postsymbiotischen Erlebnissen reinigen und als das »absolute Medium ihrer selbst« (…) bestimmen. Die absolutistisch gesetzte Sinnkategorie wird nun an Kognition und Kommunikation gekoppelt und zu einem Funktionsmerkmal psychischer und sozialer Systeme. Im systemtheoretischen Denken Luhmanns muss es deshalb vollständig unverständlich bleiben, warum die Sinnproblematik des modernen Subjekts auch in somatischer Dimension bedeutsam ist. Luhmann kann weder die psychosomatischen brisanten Implikationen der modernen Sinnproblematik noch die »Wiederkehr des Körpers« (…) als lebenspraktisch relevantem Medium reflexiver Sinngenerierung in einer angemessenen Weise begreifen“ (In: Andreas Weber: Subjektlos. Zur Kritik der Systemtheorie. UVK, Konstanz 2005, S. 84).

6. Juni 2009
von Tom Levold
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Interkulturelle Beratung

Vor kurzem erschien im Carl-Auer-Verlag eine„Einführung in die interkulturelle Beratung und Therapie“ von Thomas Hegemann und Cornelia Oestereich, von der im systemagazin ein Vorabdruck veröffentlicht wurde. Im aktuellen Heft der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung, das Thomas Hegemann als Gastherausgeber besorgt hat, widmen sich die AutorInnen ebenfalls diesem Thema. Cornelia Oestereich sieht im systemischen Ansatz ein Modell zur Förderung integrierender statt ethnospezifischer Behandlungskonzepte, Tom Hegemann entwickelt„Ideen zur Entwicklung kultursensibler Service-Dienste“. Neben Anregungen von Mohammed El Hachimi für eine multikulturelle systemische Praxis beschäftigt sich ein Beitrag von Angela Eberding mit der Beratung von Migrationsfamilien mit einem chronisch kranken Kind. Und schließlich zieht Eia Asen in einem Gespräch mit Thomas Hegemann Vergleiche zwischen England und Deutschland, was die Interkulturelle Entwicklung des Systemischen Feldes in beiden Ländern betrifft.
Zu den vollständigen abstracts…

5. Juni 2009
von Tom Levold
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Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

(Kurt Tucholsky 1927)

5. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Merlin Donald

„Sprachliche Bedeutungen haben körperliche Wurzeln. Wenn wir miteinander sprechen, bewegen wir uns keineswegs in einer immateriellen, entsinnlichten Sphäre. Das leibliche »Ich« spricht zum leiblichen »Du«. Der Austausch von Botschaften ist stets körperlich verankert, in dem hochabstrakten Ort, den wir Ich-Mitte oder Selbst nennen. Auch die Aufmerksamkeit gründet im Körperselbst. Im Gespräch entscheidet das Körperselbst darüber, was wir sagen, und die Auswahl der Elemente, die in der Erinnerung abgespeichert werden, geht letztlich allein von ihm aus. Auf indirektem Weg, über Gestik, Mimik, Zwinkern, Verbergen von Intentionen, Lippenbewegungen und so weiter, zeigt das Körperselbst zudem Bedeutungsnuancen an. Alle diese Elemente lassen sich ohne weiteres dem Strom des Bewusstseins einverleiben, weil sie sich alle auf eine gemeinsame semantische Basis beziehen, die durch die körperliche Selbstreferenzialität stets als »zu mir gehörig« markiert ist. Das gilt sogar für Menschen, die eine Amnesie erleiden oder im Zustand einer so genannten Fugue vorübergehend ihre soziale Identität verlieren. Das Körperselbst bleibt dabei unversehrt. Semantische Verarbeitungsprozesse wurzeln also stets in unserer Körperlichkeit. Das häufig zitierte Gedankenexperiment vom »Gehirn im Tank« ist nur ein Spiel mit Begriffen, denn es postuliert, dass ein vom Körper abgekoppeltes Gehirn ein Identitätsempfinden entwickeln und aufrechterhalten könnte. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das eine reale Möglichkeit ist. Wenn bei neurologischen Patienten das Bewusstsein auch nur ansatzweise von körperbezogenen Feedback-Systemen abgeschnitten ist, führt das zu ausgeprägten Bewusstseinsstörungen. Theoretisch gesehen ist unser Bewusstsein vielleicht sogar körperbezogener, als uns lieb ist. Seine körperliche Verankerung ist eine Grundtatsache des mentalen Lebens. Das Bewusstsein kommt ohne ein solides körperliches Fundament des Identitätsempfindens nicht aus, ganz gleich, wie raffiniert seine symbolischen Operationen und Kunstgriffe auch sein mögen. Ohne diese Basis kommt es ins Schwimmen und verliert gleichsam den Boden unter den Füßen. Es gerät außer Kontrolle und verliert den Realitätskontakt“ (In:„Triumph des Bewusstseins“. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 144f.).

4. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Winfried W. Weber

„Eine Alltags- und Arbeitsphilosophie mit den Aufforderungen zur Entrümpelung, zum Zeitmanagement und zu postmateriellen Werten (…) greift zu kurz. Sie unterschätzt die Möglichkeiten aus der Unordnung menschlichen Verhaltens. Die Notwendigkeit, sich laufend an geänderte Rahmenbedingungen anzupassen, ruft nach dem Gegenteil, nach der Verkomplizierung. Fixe Verhaltensmuster (Entrümple!) mögen gegenwärtig von Nutzen sein, sie verhindern als Muster aber zukünftige Chancen. Jeder erfahrene Praktiker schätzt die Potenziale des Unaufgeräumten. Jeder gute Handwerker, dessen Nische die Improvisationskunst ist, kann nicht ohne ein gewisses Potenzial an Unaufgeräumtem tätig sein. Und sollten wir es mit einem ausgesprochen organisierten Handwerker zu tun haben, so ist dies möglicherweise nur ein Hinweis auf seinen modernen Nachfolgeberuf, den Monteur und dessen Montagequalitäten und auch ein Indiz für seine mangelnde Improvisationskompetenz, das kann man nicht mehr reparieren, da müssen wir das Ganze austauschen“). Mechanische Verhaltensmuster verringern Leidenschaft und Kreativität. Der blinde Fleck der Simplify-Philosophie ist das Potenzial, das sich aus dem Unaufgeräumten und Zufälligen ergibt“ (Winfried W. Weber, complicate your life. Verlag Sordon, Göttingen, S. 16f.).

4. Juni 2009
von Tom Levold
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multiperspektivische Ansätze in der Konstruktion von Gesundheit und Krankheit

In der Systemischen Bibliothek ist heute ein Originalbeitrag von Jürgen Beushausen zu lesen, der sich für einen komplexen, integrativen Zugang bei der Konstruktion von Gesundheit und Krankheit ausspricht:„Der Konstruktivismus und die Systemtheorien bilden die erkenntnistheoretischen Grundlagen des hier diskutierten multiperspektivischen Ansatzes. Bei einem systemtheoretischen Verständnis von Gesundheit und Krankheit sind die Erkenntnisse neuerer Systemtheorien aufzunehmen, da diese auf die Subjekteigenschaft des Beobachters Bezug nehmen, während in „klassischen“ systemischen Ansätzen Luhmannscher Prägung die Person in der Theorie eliminiert wird. Systemtheoretiker wie z.B. Kriz (1999) und Schiepek (1999) fordern die Wiedereinführung der Person in die Theorie, um die Subjekthaftigkeit zu betonen und lassen neben der Rekursivität Linearität und Kausalität bei der Betrachtung des Ineinandergreifens von Systemen zu. Die Aufnahme dieser Theorien ist notwendig, um den Spalt zwischen den Systemtheorien Luhmannscher Prägung und einer subjektorientierten Forschung zu überbrücken. In diesem Prozess ist Erkenntnis und Erkenntnisgewinn nicht wertfrei, sondern von „Erkenntnisinteressen“ (J. Habermas) bestimmt. Dieser Sichtweise folgend, ist auch eine Definition von Gesundheit und Krankheit in erheblichem Maße von soziokulturellen Interessen und Kontexten bestimmt. Gesellschaftliche Interessengruppen definieren und bewerten, was krank und gesund ist, Gesundheit und Krankheit sind sozial konstruiert“
Zum vollständigen Text…

3. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Bernhard Pörksen

„Auf den bestenfalls missverständlichen Begriff der Erfindung, der Wirklichkeitskonstruktion als willkürlich und intentional bzw. als Schöpfung eines autonomen Geistes erscheinen lässt, kann man ohne jeden Erkenntnisverlust verzichten. Den Konstruktionsbegriff sollte man, gerade wenn es um die Analyse des Journalismus geht, in ein begriffliches Instrumentarium umarbeiten, das Stufen und Varianten der Konstruktivität sichtbar macht: Diese Varianten sind, wie noch in der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gezeigt werden wird, zwischen den Extremwerten einer unbewusst und unwillkürlich ablaufenden Wirklichkeitskonstruktion, potentiell bewusster Gestaltung, bewusster Inszenierung und schließlich bewusst-gezielter Erfindung von Wirklichkeit anzusiedeln. So wird es möglich, präzise zwischen erkenntnistheoretischen All-Aussagen (Beispiel: man kann nicht nicht konstruieren) und empirisch zu härtenden Trendthesen (Beispiel: Beobachtbar ist die zunehmende Tendenz der Inszenierung von Medienwirklichkeit) zu unterscheiden; die Differenz, die man auf diese Weise in den Blick bekommt, verläuft zwischen dem Pol eines epistemologischen, zeitunabhängigen Apriori und einem gradualisierten Konzept, zwischen der All-Aussage (nach dem Muster: »Immer schon, unvermeidlich …«) und einer Trenddiagnose (nach dem Muster: »Immer mehr, zunehmend. ..«)“ In: Bernhard Pörksen, Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie des Journalismus. UVK Konstanz 2006, S. 51f.)

2. Juni 2009
von Tom Levold
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Zitat des Tages: Buchholz, Lamott, Mörtl

„Der Übergang vom Strafvollzug zur Sozialtherapie kennzeichnet für die Gruppenteilnehmer nicht nur eine Bewegung zwischen verschiedenen symbolischen Räumen, sondern bringt auch eine Reihe von manifesten Veränderungen mit sich, in denen die Bewerber von einem Zustand und Status in einen anderen hinübertreten. Um in die Sozialtherapeutische Abteilung des Justizvollzugs aufgenommen zu werden, müssen sich die Gefangenen selbst bewerben. Ihre Bewerbung wird von verschiedenen juristischen und psychologischen Instanzen geprüft. Es gibt ein Risiko, abgelehnt zu werden. Die Gruppenteilnehmer wissen um dieses Risiko und sie können sich in reflexiver Einstellung denken, dass ihre Motivation zur Therapieteilnahme geprüft wird. Motivation, wie auch immer sie in psychologischer Hinsicht aussehen mag, gerät hier in einen konversationellen Rahmen: sie muss so dargestellt werden, dass dem Bemühen Erfolg beschieden werden kann. Zu wenig Glaubhaftigkeit der motivationalen Darstellung lässt das Vorhaben ebenso scheitern wie ein Zuviel. Die erzwungene Beimischung solcher notwendigerweise strategischen Überlegungen zur Darstellung der eigenen Motivation schafft besondere Schwierigkeiten, die ein Gefangener bewältigen muss, will er in den therapeutischen Raum eintreten. Um über diese Initiationsschwelle zu treten, wird von den Gruppenteilnehmern erwartet, ihre Geschichte zu erzählen. Das Tat-Narrativ hat somit eine wichtige Bedeutung, die auch bei unserer Analyse berücksichtigt werden muss. Es ist zentral im Schnittpunkt einer »vertikalen« Linie der persönlichen Geschichte und Entwicklung, und »horizontal« im aktuellen Kontext des Strafvollzuges und der Gruppe“ (In: M.B. Buchholz, F. Lamott, K. Mörtl: Tat-Sachen. Narrative von Sexualstraftätern. Gießen, Psychosozial-Verlag, S. 45).

2. Juni 2009
von Tom Levold
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Inklusion/Exklusion: Rhetorik – Körper – Macht

In einer beeindruckenden Aufholjagd (mit dem Erscheinen mehrerer Hefte ist es den Herausgebern von„Soziale Systeme“ gelungen, nach langen Verzögerungen wieder an den aktuellen Jahrgangsnamen anzuschließen. Schon vor Ostern erschien das Heft 2/2008 und machte damit den Jahrgang komplett. Eindrucksvoll auch, dass dieses Tempo nicht mit einem Qualitätseinbruch verknüpft war. Im Gegenteil, das aktuelle Heft, ein 250 Seiten starker Band, beweist, dass gerade die systemtheoretische Diskussion in der Gegenwart (im Unterschied übrigens zu den Diskursen innerhalb der systemischen Therapieszene) hoch differenziert und spannend geführt wird und Spielraum für alle möglichen Theorie-Anschlüsse bietet. Die soziologisch und zeitdiagnostisch höchst relevante Fragestellung nach Inklusions- und Exklusionsdynamiken in unserer Gesellschaft ist die zentrale Fragestellung des Heftes. In ihrem Editorial schreiben die Herausgeber Sina Farzin, Sven Opitz und Urs Stäheli:„Die Unterscheidung Inklusion/Exklusion dominiert wie kaum eine andere die zeit- und kulturdiagnostischen Debatten der vergangenen Jahre. Es ist vor allem ihre ‚dunkle Seite‘ der Exklusion, die eine beeindruckende Konjunktur bei der Beschreibung ebenso vielfältiger wie unterschiedlicher sozialer Phänomene erfährt. Die steigende soziale Ungleichheit auch in den sogenannten Kernländern des westlichen Wohlfahrtsstaatsmodels scheint ebenso wie die Abschottung ebendieser Länder gegenüber ungewollter Migration die zunehmende Verfestigung sozialer Binnen- und Außengrenzen zu bezeugen. Zugleich scheinen diese und angelagerte aktuelle Konflikte von einer Refundamentalisierung kollektiver Identitätspolitiken befeuert, die auf eine klare Exklusion des ‚Anderen‘ zielt. Dabei gerät in der öffentlichen ebenso wie in der soziologischen Debatte – zumindest dort, wo sie zeitdiagnostische Ziele verfolgt – häufig die konstitutive Verknüpfung sozialer Inklusion und Exklusion in den Hintergrund. Dass die hier nur stichwortartig genannten Phänomenbereiche zunächst weniger von einer einfachen Zunahme faktischer Exklusion zeugen als von Verschiebungen und Veränderungen innerhalb differenzierter und kontingenter Inklusions-/Exklusionsordnungen wird deutlich, wenn man sich ihnen aus der Perspektive einer differenztheoretisch organisierten Sozialtheorie nähert. Besonders systemtheoretische Ansätze, aber auch das weite Feld der sogenannten poststrukturalistischen Theorien sensibilisieren für die konstitutive Verknüpfung beider Seiten der Unterscheidung und die damit einhergehenden Dynamiken gesellschaftlicher lnklusions- und Exklusionsarrangements (…). Dass der systematische Einbezug einer differenztheoretischen Perspektive dabei auch die Theorien selbst vor zentrale Herausforderungen stellt, wird deutlich, wenn man den differenztheoretischen Anspruch reflexiv wendet und nach den theoriestrategischen Entscheidungen und Unterscheidungen fragt, die dem jeweilligen Inklusions- und Exklusionsverständnis vorausgehen“ Die Aufsätze des Heftes beziehen sich dabei auf unterschiedliche Aspekte der Thematik, die„Fragen der rhetorischen Figurierung, Fragen der Verkörperung sowie Fragen der Machtverhältnisse“ aufwerfen, Gesichtspunkte, die gerade für eine Weiterentwicklung der Systemtheorie unabdingbar sind. Eine anspruchsvolle, aber spannende Lektüre!
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