Als Kind und Jugendlicher habe ich Lesen als eine Art Rettung erfahren. Mit fünf verbrachte ich ein Woche im Krankenhaus, weil mir die Mandeln entfernt wurden. Ich habe noch heute den Geruch der Äthermaske in der Nase. Besuche der Eltern waren nur einmal am Tag für 30 Minuten erlaubt, was für mich als Säuglingsheimkind mit großen Trennungsängsten nur schwer auszuhalten war. Die Schmerzen im Hals in Verbindung mit meinem Heimweh führten dazu, dass ich praktisch den ganzen Tag weinte. Das war natürlich eine Zumutung für die anderen fünf Kinder im Krankenzimmer, die sich teilweise dort sehr wohl fühlten. Sie drückten mir daher alle verfügbaren Comic-Heftchen in die Hand, um mich abzulenken und ein bisschen Ruhe zu haben. Da ich noch nicht lesen konnte, hatte ich die Hefte zum Schrecken der anderen Kinder viel schnell durchgeblättert. Die Bilder sagten mir nicht viel. Mir wurde klar, dass sich mir der eigentliche Reiz der Geschichten nur erschließen würde, wenn ich schnell lesen lernen würde.
Ich habe dann bereits vor Schulbeginn alles zu lieben und zu lesen begonnen, das Buchstaben enthielt. Kinderlektüre interessierte mich eigentlich nur am Rande. Ich wollte schnell in die Lesewelt der Erwachsenen hineinwachsen. Im dritten Schuljahr ackerte ich mich durch die Karl-May-Romane, natürlich nicht ohne von endlosen Landschaftsbeschreibungen gelangweilt zu werden. Mit der Einschulung im Gymnasium begann ich, täglich die Zeitung zu lesen, eine Gewohnheit, die ich auch heute noch – trotz aller Online-Informationsbeschaffung – genieße. Mit 14 legte ich mich regelmäßig mit der Bibliothekarin der Stadtbücherei an (ich nehme an, es war die Chefin), die mir keine Erwachsenenbücher ausleihen wollte und mich an die Regale mit Kinderbüchern verwies. Gottlob fand sich eine junge Bibliothekarin, die mir, wenn die Chefin nicht präsent war, alle möglichen Geschichtsbücher auslieh – zu der Zeit beschäftigte ich mich geradezu zwanghaft mit dem zweiten Weltkrieg und seiner Vorgeschichte (in meiner Psychoanalyse fiel mir dann auf, dass mein Vater zum Zeitpunkt des Kriegsausbruches 14 Jahre alt war, mit mir aber nie darüber sprach). Mit 15 hatte ich dann auch das Bücherregal meiner Eltern weitgehend durch.
In dieser ganzen Zeit wurde das Lesen zur Tür in ein Paralleluniversum, das mich jederzeit aus meinem bescheidenen real life erretten konnte. Das betraf schon immer Romane und Sachbücher gleichermaßen. Bücher waren und sind für mich Symbol dieser zweiten Welt, in der alles möglich und alles miteinander zu verbinden und kombinieren ist – auch wenn ich beim Arbeiten mittlerweile PDFs und das Lesen auf meinem iPad bevorzuge, weil ich hier besser festhalten und speichern kann, was mir wichtig erscheint. Bücher wegzuwerfen fällt mir
entsprechend schwer, obwohl auf meinen Regalen nicht mehr viel Platz ist.
Meine Begeisterung für Theorie hat viel mit diesen Leseerfahrungen zu tun. Dass man nicht nur erlebt, sondern dieses Erleben durch Beobachtung und Beschreibung literarisch oder wissenschaftlich auf eine neue Ebene hebt, die sich ihrem Gegenstand gegenüber weitgehend autonom verhält, fasziniert mich bis heute.
Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre floss meine Theoriebegeisterung als Schüler in die marxistische Literatur, die auf den baldigen Umsturz der kapitalistischen Gesellschaft vorbereiten sollte. Viel Marx & Engels im Original, dazu Ernest Mandel, Paul M. Sweezy usw., aber natürlich vor allem ohne Ende marxistische Sekundärliteratur, die die Welt klassenkämpferisch in Gut und Böse vorsortierte. Daneben viel Psychoanalyse als Gesellschaftskritik: Freud, Reich, Reiche usw. Freilich wurden aber unter der Flagge eines neuen Denkens wieder schnell neue Denkverbote installiert bzw. Vertreter anderer Modelle und Konzepte geächtet. Die Kritik bürgerlicher Wissenschaften entlastete einige Jahrgänge revolutionärer Studenten davon, bürgerliche Wissenschaften im Original zu lesen, da man schon vorgekaut wusste, was man davon zu halten hatte. Diese Reminiszenz an meine Stadtbibliothekserfahrung führte bei mir zu einer gewissen Trotzhaltung, aus der heraus ich begann, mich für bürgerliche Autoren zu interessieren. Für mich überraschenderweise waren diese offensichtlich nicht so dumm, wie sie der Kritik ihrer Theorien nach hätten sein müssen – auch (und gerade) wenn man theoretisch mit ihnen nicht übereinstimmte.
Jedenfalls führte das dazu, dass ich mich 1976 entschloss, meine sozialwissenschaftliche Diplomarbeit über einen besonders reaktionären und an der Universität Bochum deshalb sehr verachteten Theorieansatz zu verfassen – die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Im Unterschied zu den gängigen emanzipatorischen und kritischen Theorien schien mir die Systemtheorie in erster Linie eine Theorie sozialer Kontrolle zu sein – und das wollte ich herausarbeiten. Immerhin habe ich in dieser Zeit so gut wie alles von Luhmann gelesen, was bis dato von ihm veröffentlich war, und das war schon eine Riesenmenge – lange vor der autopoietischen Wende.
Trotz meiner sehr kritischen Haltung, die ich konsequent durchgehalten habe, begann mir die Lektüre Luhmanns immer mehr Spaß zu machen. Sein Spiel mit Theoriearchitektur, seine für mich völlig neue Begrifflichkeit, die vielen überraschenden Einsichten, die oft eher beiläufig daher kommen oder sich aus der Anwendung seiner abstrakten Konzepte auf konkrete Phänomene ergeben, haben mir von Anfang an Lust bereitet (auch wenn es eine gewisse Einarbeitungszeit erforderte). Das hat sich bis heute gehalten. Den ganzen Überblick habe ich natürlich nicht mehr, was bei einem Werk dieser Größenordnung kaum verwundern kann.
Zwar las ich im Studium auch einen Sammelband, der bei Suhrkamp erschienen war und einige kommunikationstheoretische Arbeiten der Gruppe um Gregory Bateson enthielt (und u.a. von Niklas Luhmann und Jürgen Habermas herausgegeben wurde), allerdings wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, dass Luhmann in meinem späteren Leben als Therapeut eine Rolle spielen könnte, dass sich überhaupt Therapeuten für Luhmann interessieren könnten – ebenso wenig wie ich mir überhaupt vorstellen konnte, ein paar Jahre später selbst therapeutisch zu arbeiten. Es kommt halt anders als man denkt. Für meine systemische Entwicklung war allerdings die soziologische Basis und die frühe Beschäftigung mit Luhmann von außerordentlicher Bedeutung und es vermittelt außerordentlichen Spaß und Zufriedenheit, auch einer mittlerweile fast 40jährigen Lektüre immer noch neue Facetten abgewinnen zu können.
11. Dezember 2013
von Tom Levold
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Systemisch bin ich in den frühen achtziger Jahren von den reflexiven Ideen und kollaborativen Dialogen Harlene Andersons, Harry Goolishians und Tom Andersens berührt worden. Letzere meine Mentoren sind verstorben, aber ihr Geist beseelt noch jetzt Forscher und Praktiker skandinavischer Länder und einige deutschsprachiger Kollegen. Als solch eine treue Seele bemühe ich mich, den Studentinnen in der systemischen Ausbildung den relationalen Dialog und das Reflexive des Systemischen Ansatzes gegenüber dem von ihnen erwarteten Werkzeugkoffer für Studenten zu vertreten. Andererseits, wenn ich reflexiv ehrlich zu mir bin, dann muss ich zugeben, dass ich Harry Goolishian zwar faszinierend fand, dass ich seine Interventionen jedoch nicht erkennen und damit auch nicht umsetzen konnte. Nicht umsonst wurde sein Tun öfters als unsichtbare Therapie bezeichnet. Tom Andersen fand ich humorig, seine unendliche Reflexivität jedoch manchmal nervtötend. Ich erlebte eine verzwirbelte blutlose therapeutische Haltung und fand für mich keine Verkörperung im Spiel mit den Worten. Da sprach meine bilinguale spanische Seele aus mir und sagte: Zu trocken, zu verkopft, zuwenig Rhythmus, plätscherndes therapeutisches Geplänkel. Was bleibt denn da beim Gegenüber hängen?
Im Bücherregal meines Vaters das Regal, das ich mittlerweile geerbt habe standen diverse Bücher, die mir in frühen Tagen Ehrfurcht einflößten, vor allem Ehrfurcht vor meinem Vater, der diese Bücher offenbar gelesen und verstanden hatte.
Das heutige Kalendertürchen macht Kurt Ludewig mit einem Beitrag zur Entstehungsgeschichte seines Klassikers Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis auf. Dabei soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Autor heute 71 Jahre alt wird, zum Geburtstag gratuliert systemagazin von Herzen und wünscht für die kommenden Jahre alles Gute, Glück und Gesundheit! Aber nun soll Kurt Ludewig selbst zu Wort kommen:
Projekt heranzumachen, und es nach den geltenden Regeln zu erledigen. Das hieß: Eine annehmbare Fragestellung zu entwickeln, ein passendes statistisches Design zu wählen und die Ergebnisse so zu behandeln, dass kein »normaler« Gutachter normal im Sinne von normaler Wissenschaft nach Kuhn die Arbeit ablehnen würde. So schwierig wäre das nicht gewesen, schließlich hatte ich einige Jahre zuvor bei Peter Hofstätter promoviert, der als einer der führenden empirischen Psychologen galt und maßgeblich an der Einführung der statistischen Methoden in die Psychologie beteiligt gewesen war. Bei diesem Gedanken, mich gewissermaßen zu »prostituieren«, um einen Titel zu bekommen, drehte sich mir der Magen um. Deshalb hatte ich vor Jahren beschlossen, weiterhin an der Entwicklung der systemischen Therapie zu arbeiten; ich wollte nicht fremd gehen, um bloß ein paar Streifen auf meine Schulter zu bekommen. Ich wähnte mich eben in einer wie sich zeigen sollte trügerischen Sicherheit.
Ich habe sehr früh mit dem Lesen begonnen, so früh, dass mein Vater prüfte, ob ich berichten bzw. erzählen könne, was ich gelesen hatte. An einem Heiligen Abend, ich mag acht Jahre alt gewesen sein, schenkte er mir, vermutlich in der gleichen Absicht, einen Western, dessen Protagonist Tom Prox hieß, dargestellt als einer jener Männer, die den Colt gedankenschnell ziehen, mit ihm in Bruchteilen von Sekunden ihr Ziel treffen konnten, aber auch in der Lage waren, mittels ihrer Fäuste eine Kneipe mit einem Dutzend Halunken zu räumen.
Ich kreise um das, was ich suche, finde schließlich Begriffe, formuliere, was ich sagen will, und lege mich damit auf eine bestimmte Ausdrucksweise fest. Ich füge unterschiedliche Begriffswelten zusammen und schütze diese Verknüpfungen, indem ich eine Menge Sätze um sie herum baue und Bilder dazu entwerfe. Ich bahne damit Wege und schaffe einen Schein, den ich mag. Die gewählten Worte und damit verbundenen Assoziationen haben eine Selbstwirksamkeit, eine ihnen immanente, unsichtbare Erwartungsstruktur. Am interessantesten wird es in den Bereichen, wo die Begriffe sich reiben, weil sie sich selbst nicht mehr genügen und auf andere verweisen. Mir kommt vor, dass der Inhalt, den viele Begriffe ansprechen, hinter und zwischen ihnen zu finden ist in der Dynamik der Bedeutungen, die umkreisen, was sich eigentlich nicht sagen lässt.
etwas auf, um es dann wieder vergessen und mich mit anderem beschäftigen zu können mit Abzweigungen von den gewohnten Wegen meines Denkens, Wegweisern in eine Richtung, die vielversprechender erscheint, weil sie mir eine andere Haltung zu mir selbst und einen anderen Zugang zu meiner Welt vermittelt. Ich notiere diese Abzweigungen vom Vorgegebenen, weil ich sie beizeiten wieder finden möchte, um sie näher zu erkunden. Leider ist ihre Zahl inzwischen recht groß, so dass es mir schwer fällt, mich zu orientieren. Zehntausend Word-Files umfasst meine Festplatte inzwischen dem gegenüber scheint die Zahl der Texte, die ich veröffentlicht habe, sehr gering zu sein. Das Schreiben dient dem Suchen und bringt das dabei Gefundene in eine nur vorübergehend akzeptable Form. Ich habe damit begonnen, als ich in der Volksschule war zuerst handelte es sich um Geschichten über kleine Mädchen und ihre Abenteuer, dann um Tagebuchtexte, in denen das inzwischen älter gewordene Mädchen in all dem Abenteuerlichen, das sie erlebte, nach Selbstverständnis suchte. Statt als Jugendliche die Lokale unsicher zu machen und mich mit Gleichaltrigen zu vergnügen, verfasste ich einen utopischen Roman. Während meines Zoologiestudiums versuchte ich in einem theoretischen Text Gott und die Evolutionstheorie zu vereinen dies setzte ich zehn Jahre später im Rahmen einer theologischen Diplomarbeit fort, in der es um Gott und den Konstruktivismus ging. Und auch in den letzten Jahren kaue ich in meiner Freizeit an einem Buch über ein ähnliches Thema, das nicht und nicht fertig werden will. Dazwischen habe ich mich um ganz andere Texte bemüht z.B. um Forschungsberichte, Fachartikel oder Skripten für die systemische Ausbildung, in denen ich versuchte, eine mir eigene Sprache für die vermittelten Inhalte zu finden. Glücklicherweise ist mir das Tagebuchschreiben in den letzten Jahren abhanden gekommen hätte ich die Chance, jemals das Interesse einer Biografin zu wecken, dann wäre diese wohl trotzdem sehr beschäftigt und käme vor lauter Lesen zu gar nichts mehr. Ich habe mich in Gesprächen mit einem imaginären Beobachter (in dieser Phase Daimon genannt) aus vielen Problemen herausgeschrieben, habe schreibend die Antwort auf Fragen gesucht und schreibend neue Fragen erfunden. Ich habe Manuskripte von zweihundert Seiten auf ein Viertel zusammengekürzt um sie dann wieder auf das Doppelte zu erweitern. In meinen privaten Dateiordnern finden sich unveröffentlichte Gedichte, ein Theaterstück und ein fast fertiger Roman.
Ich muss gestehen: Als Kind habe ich extrem wenig bis gar nicht gelesen. Mich hat einfach nichts interessiert. Weder Karl May noch Lederstrumpf noch irgendwelche andere sogenannte Kinder- und Jugendliteratur.
langsamer, weniger ballgewandt, beherrschten das Dribbeln einfach nicht. Wen wunderts, die lasen halt.
Das sagt sich so leicht: Vierteljahrhundert. Doch ist es so. So lange ist es her, dass ich mit dem Schreiben begonnen habe. Natürlich nicht: mit dem Schreiben. Es ist das Schreiben mit der Absicht zu publizieren. Ich entsinne mich nicht mehr, was genau der Anfang war. Jedenfalls gab es irgendwann einige Zettel, vollgeschrieben mit Ideen, Querverbindungen zu anderen Ideen und noch unausgegorenen Skizzen, wie die Dinge zusammenhingen. Die Dinge, von denen mir schien, dass sie den Kern unserer Profession ausmachen. Das war schon so, es sollte das Ganze sein. Vision eben. Der Blick also nach oben, nach unten: nix in der Hand. Es fehlte mir eine Schreibmaschine. Schreib-what?! Ja, so hießen diese Geräte, mit denen man schrieb, wenn man nicht mit der Hand Schrift produzierte. An meiner Arbeitsstelle gab es eine, elektrisch. Die lieh ich mir dann über das Wochenende aus, nahm sie mit nach Hause, wenn ich genügend Gedanken gesammelt, durchgespielt, sortiert, auf Zettel verteilt und diese in Ordnung gebracht hatte. Ein Wochenende, drei Durchschläge per Kohlepapier und einiges mehr an zerknüllten Seiten. Wenn mitten im Text eine Passage nicht stimmte, musste die Seite neu eingespannt und von neuem begonnen werden. Am Montag stand die Maschine wieder in unserem Sekretariat. Schreiben und Schlepperei gehörten zusammen. Ebenso wie Warten. Ich entsinne mich, dass ich fast ein dreiviertel Jahr auf eine Antwort der Familiendynamik wartete, nachdem ich der Redaktion eine Besprechung zu Bill OHanlons Taproots geschickt hatte. An Heiligabend 1987 kam dann die Bestätigung und der Ausblick auf den Abdruck im April des kommenden Jahres. Es wurde dann April des Jahres danach. Grausamkeiten müssten am Anfang geschehen, wird Macchiavelli gerne zitiert, und so hat mir das sicher geholfen dabei, Wartezeiten zu überstehen in den folgenden Jahren. Wartezeiten sind Durststrecken für mich.
Und ich lernte für mich, wie ich es als Redakteur anders machen wollte. Dazu verhalf mir als erster Arist von Schlippe, den ich in der Zwischenzeit für die neugegründete Systhema mit Texten wohl überschüttet hatte. Da zog er es vor, mich dann auch gleich an der Redakteursarbeit zu beteiligen und so wurde ich Mitglied der Redaktion. Arist ist einer von Zweien, an deren redaktionelle Betreuung von AutorInnen ich immer mit Respekt und Freude denke. Der andere ist Jürgen Hargens, der 1983 die Zeitschrift für Systemische Therapie auf den Weg gebracht hatte das für mich einschneidende und wegweisende Ereignis in systemischer Literatur hierzulande. Das erste Jahrzehnt dieser Zeitschrift ist mir immer noch eine Quelle der Inspiration. Beide, Arist und Jürgen, haben stets sehr bald reagiert, ausführlich, wohlwollend, nachvollziehbar sowohl in Zustimmung wie im Vorschlag von Veränderungen. Ich habe bei ihnen Grundlegendes gelernt über kritische Solidarität zwischen AutorInnen und RedakteurIn. Daran habe ich mich in den mittlerweile vielen Jahren als Redakteur und auch als Beiratsmitglied verschiedener Zeitschriften immer orientiert.
Ich frage mich, was solche Erinnerungen heutzutage bedeuten mögen. Was das Ringen mit den Begrenzungen, aber auch das Getragensein auf den Fundamenten einer analogen Welt heute für einen Eindruck zu machen vermöchte. Was solls heute? Einerseits kommt mir die Schnelligkeit der neuen Medien und elektronischen Kommunikationsformen entgegen. Warten muss ich jetzt weniger (und Schleppen auch nicht). Und wenn, dann bin ich zum Zeitpunkt der (aus meiner Sicht) verspäteten Antwort schon wieder weiter, habe neue Quellen angezapft, neues Material rundgeschickt, hier etwas beigesteuert, da etwas zum Rückmelden erhalten. Das geht schnell heute, und manchmal ist es auch hilfreich. Aber manchmal und das ist die andere Seite – frage ich mich schon, ob im Gewusel der Fülle, auch der publizierten Fülle, nicht manchmal die Substanz fehlt, das Durchgearbeitete, die bewältigte Notwendigkeit mit Durststrecken umzugehen. Es ist schon in Ordnung, der fehlenden Zeit der LeserInnen entgegenzukommen, auf Flüssigkeit und Eingängigkeit zu achten, notfalls Häppchen anzubieten, den Lesestoff zu magazinieren. Doch wenn es nur noch darauf ankäme, einen schnellen Eindruck im Vorübereilen zu ermöglichen, und wenn dabei die ZuMUTung gänzlich aufgegeben würde, auch die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen und Bedrängnissen erkennbar zu machen, und dazu anzuregen, dann fehlte mir doch etwas. Dann wäre der eingebaute Lese-Scanner in Brille oder Brilli effizienter. Nur die Frage: Wozu?, diese Frage würde dann überflüssig, so scheint mir. Literatur, die anregt, ist immer auch unberechenbar, in ihrer Wirkung offen, insofern ein Risiko ein blühendes allerdings. Literatur, die nur noch als Medium zum Briefing gilt, kann dafür nicht mehr offen sein. Sie soll etwas her-stellen, nicht mehr handeln. Ach ja, Hannah Arendt, Vita activa, nun gut.
Liebe Leserinnen und Leser,