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Moral ist kein Erkenntnisinstrument

| 17 Kommentare

Am 4.2. habe ich an dieser Stelle die beiden letzten Hefte des Kontext-Jahrgangs 2025 vorgestellt, in denen zur Frage „Wie politisch ist Systemik?“ debattiert wurde. Stefan Beher hat die Hefte durchgelesen und steuert für systemagazin einen Kommentar aus seiner Perspektive bei:

Stefan Beher, Hamburg: Moral ist kein Erkenntnisinstrument. Warum die Forderungen nach Politisierung dem systemischen Feld nur schaden können

Die jüngsten Rufe nach einer politischen Positionierung der systemischen Szene in zwei Kontext-Bänden sind durchdrungen von Pathos und moralischer Dringlichkeit. Doch wo sie „Haltung“ fordern, zielen sie auf Gesinnung – und wo sie Theorie durch Appelle ersetzen, verlassen sie nicht nur den Boden ihrer eigenen erkenntnistheoretischen Grundlagen, sondern auch den professionellen Rahmen systemischer Arbeit.

Eine Auseinandersetzung in fünf Punkten:

1. Der normative Kurzschluss: Beobachten impliziert keinen Bekenntniszwang

Ein zentrales Argument der Positionierungswilligen lautet: Da Beobachtung nie neutral sein könne, müsse man politisch Partei ergreifen. Das ist ein erkenntnistheoretischer Taschenspielertrick. Aus der Kybernetik zweiter Ordnung folgt lediglich die Einsicht in die eigene Beobachterabhängigkeit – eine Einsicht, die kritisch zu reflektieren, nicht in moralische Imperative aufzulösen ist. Systemtheorie liefert Werkzeuge zur Beschreibung von Komplexität, keinen Katechismus für „richtiges“ politisches Handeln. Wer aus Beobachtungsabhängigkeit politische Verpflichtung ableitet, nutzt Theorie nicht zur Steigerung von Erkenntnis, sondern als rhetorische Kulisse für private Überzeugungen.
Warnungen vor angeblichen „Schweigelöchern“, die eine Analogie zwischen familiären Traumata und verbandlicher Neutralität ziehen, führen hier in die Irre. Ein Fachverband ist keine Familie, sondern ein Zweckbündnis von Professionellen. Was im therapeutischen Kontext sinnvoll sein kann, kann im Verbandskontext schaden. Politische Bekenntnisse erzeugen dort bloß Konformitätsdruck und schließen legitime Differenz aus.

2. Moralische Wellness statt politischer Substanz

Es ist leicht, sich für „Menschenrechte“ und „Demokratie“ auszusprechen. Friede, Freude, Eierkuchen – solche Bekenntnisse kennen faktisch so gut wie keine Gegner. Als abstrakte Wertelyrik bleiben sie jedoch auch im Verbandskontext bloße Gratis-Moral. Sie simulieren politische Relevanz, wo lediglich Konsens-Plattitüden reproduziert werden, aus denen bemerkenswerterweise nichts hervorgeht. Echte Politik beginnt dort, wo es wehtut: bei Prioritätensetzungen, Ressourcenkonflikten und realen Zielgegensätzen. Davon findet sich in den flammenden Plädoyers für „Haltung“ allerdings genau: nichts. Haltung ersetzt dort Klarheit und versteckt sich hinter leeren Begriffen und Slogans („Gegen Ungerechtigkeit“; „Für Frieden“), die keine sinnvollen Gegenpositionen mehr zulassen.

3. Die Hybris der „hilfreichen“ Entscheidung

Selbst wenn Einigkeit über gesellschaftliche Missstände besteht, bleibt systemisch vollkommen offen, welche politischen Maßnahmen konkret „hilfreich“ wären. Jede politische Entscheidung ist ein Eingriff in ein komplexes System mit nicht prognostizierbaren Nebenfolgen.
Die Forderungen aus der DGSF und dem „Themenheft“ etwa, Armut zu bekämpfen, schließen vermutlich nicht an radikale, marktwirtschaftliche Maßnahmekataloge wie die von Javier Milei in Argentinien an. Doch auch dessen Ziel besteht letztlich in der Bekämpfung von Armut, die im Übrigen zuvor durch allerhand staatlichen Interventionismus maßgeblich mit erzeugt wurde. Ob Mileis Gegenstrategie langfristig erfolgreich sein wird, ist empirisch offen; an welchen Indikatoren man dessen Erfolg oder Misserfolg bemisst, wird immer umstritten bleiben und abhängig von eigenen Vor-urteilsstrukturen bewertet werden. Man sieht daran überdeutlich, dass selbst Einigkeit in Zielen keinerlei Einigkeit mit Bezug auf die Mittel zu ihrer Erreichung impliziert und dass noch politisches Handeln im Namen von Gerechtigkeit Armut nicht nur lindern, sondern auch hervorbringen kann – unabhängig von jeder politischen Lagerzugehörigkeit.
Politische Bewertungen solcher Interventionen sind zudem zeitlich kontingent. Die Sozialreformen der Schröder-Ära galten lange als sozialpolitischer Rückschritt und „Armut per Gesetz“. Heute werden sie vielfach als Voraussetzung dafür gesehen, dass der Sozialstaat überhaupt jene finanzielle Tragfähigkeit gewann, auf deren Basis spätere Leistungsausweitungen möglich wurden.
Noch gut gemeinte staatliche Transferleistungen können – abhängig von ihrer konkreten Ausgestaltung – Anpassungsprozesse stabilisieren oder Eigeninitiative mindern und dazu beitragen, dass sich Menschen dauerhaft in Mangelsituationen einrichten, statt diese zu überwinden. Im Extremfall finanzieren sie Mitnahmeeffekte, fördern Missbrauch oder beschneiden über Verschuldung die Handlungsspielräume künftiger Generationen.
Sicher ist nur: Weder national noch international, weder historisch noch aktuell besteht selbst mit gleichen Zielen Konsens darüber, wie man politisch auch erreicht, was man erreichen will, und woran man erkennt, dass man es erreicht hat. Nicht einmal über die Definition zentraler Begriffe wie Armut besteht Einigkeit. Wenn ein Fachverband vor diesem Hintergrund suggeriert, aus moralischer Betroffenheit lasse sich eine sachlich überlegene politische Lösung ableiten, überschreitet er seine Kompetenz.
Er mutiert vom Experten für Prozesse und den Umgang mit Komplexität zum Lobbyisten für vielleicht gut gemeinte, aber unterkomplex gedachte Interventionen, deren dysfunktionale Nebenfolgen er weder antizipieren noch verantworten kann. Systemische Weisheit bestünde hier gerade umgekehrt darin, diese Kontingenz sichtbar zu halten, statt sie durch vermeintliche Gewissheiten zu überdecken.

4. Die Gefahr der Entprofessionalisierung

Wirkliche Parteilichkeit für Klienten zeigt sich insofern nicht in politischen Parolen, deren Fernwirkungen niemand kontrollieren kann. Sie zeigt sich darin, Denkräume offenzuhalten, die politische Polarisierung zu schließen versucht. Wer Kontingenz konsequent leugnet, um Handlungsfähigkeit zu simulieren, betreibt weder Therapie, noch Politik – sondern Dogmatik.
Ein Verband, der sich moralisch synchronisiert, verliert zudem die gerade aus systemischer Sicht vielleicht wichtigste Ressource: Anschlussfähigkeit an unterschiedliche Perspektiven. Wird Neutralität pauschal als Schweigen oder Feigheit diskreditiert, schwindet die Fähigkeit, viele gesellschaftliche Kontexte überhaupt nur zu erreichen. Ein systemischer Verband sollte Seismograf gesellschaftlicher Spannungen sein – kein Echoraum für die jeweils herrschende oder milieuspezifische Moral.

5. Politische Bescheidenheit statt Scheingewissheit

Politisch zu sein hieße für die DGSF daher nicht, lauter zu sprechen, sondern konsequenter mit Bezug auf die eigenen erkenntnistheoretischen Grundlagen. Nicht wer schweigt, verliert seine Haltung, sondern wer schreit, seine intellektuelle Redlichkeit. Das schließt nicht aus, präzise zu benennen, wo politische Rahmenbedingungen professionelle Praxis erschweren. Es bedeutet jedoch nicht, Kontingenz durch moralische Eindeutigkeit oder die Illusion einfacher Kausalzusammenhänge zu ersetzen.
Kontingenz auszuhalten impliziert keine Verweigerung von Verantwortung – sondern den Verzicht auf eine Entlastung durch Scheingewissheiten. Solange „Haltung“ als moralisches Distinktionsmerkmal fungiert, bleibt sie professionell wie politisch kontraproduktiv. Ein Verband, der das Sagbare über Gesinnung definiert, schützt nicht die Demokratie, sondern untergräbt eins ihrer wichtigsten Prinzipien, die zugleich als systemische Kernkompetenz gerade verteidigt werden müsste: das angstfreie Denken in Alternativen – gerade dort, wo kein Konsens besteht.

17 Kommentare

  1. walter kopp sagt:

    Guten Tag Herr Beher

    Eigentlich wollte ich nur aufzeigen, dass Systemtheorie, da sie sich durch abstrakte, nicht dem Gegenstand, sondern dem subjektiven Begehren (vgl. Fichte: «welche Philosophie man wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist») des Theoretikers/der Theoretikerin, angemessene Kategorien auszeichnet, immanent gar nicht in der Lage ist, eine diskursive Ethik zu begründen. Insofern ist es eine Scheindiskussion, nach dem Akt des umstrittenen Versuchs eine nomothetische Wissenschaft zu begründen, theorieimmanent die ethische Frage zu stellen, das würden ja Physiker:innen auch nicht tun wollen. Wenn dann ein privater Verein, unter dem sich Psychotherapeut:innen organisiert haben, eine Ethik erarbeitet, dann basiert dies auf völlig unterschiedlichen Zugängen. Wenn ein solcher Verein nun auch politische Stellungnahmen abgeben möchte, basieren diese wiederum auf einer Vielfalt von mehr oder weniger subjektiv gefärbten Alltags- oder philosophischen Theorien, die untereinander kaum kompatibel sind, doch die Interessen fokussieren ohnehin nicht auf eine gemeinsame Sache, da es für die Verbände und die einzelnen Mitglieder nicht von existentieller Wichtigkeit ist, sich zu positionieren, um z.B. Wählerstimmen zu gewinnen oder Popularität zu erhaschen. Bestenfalls für die Einzelperson, doch diese kann ihre politische Aktivität viel effizienter in traditionellen Parteien oder NGOs oder sachbezogenen Bündnissen ausüben. Dies kann dann sekundär wiederum von Einfluss auf ihre professionelle Arbeit sein.
    Der Kontext der Genese und der Kontext der Geltung sind – im Gegensatz zu den Naturwissenschaften – nicht zu trennen, was überhaupt nicht neu ist, die Naturwissenshaft ist eine erklärende oder denotative, die Psychotherapietheorie ist eine verstehende oder «konnotative» (Johann A. Schülein) Wissenschaft. Was systemische Theorien heute auszeichnet sind Binnendifferenzierungen, die so weit gehen, dass nur noch Insider:innen damit etwas anfangen können um den Preis allerdings von «Isolationsschäden», dem Verlust des Kontaktes zur Aussenwelt, zur Praxis. Ihre Argumentation zur sog. «Armutsbekämpfung» von Milei legen auf drastische Weise Zeugnis davon ab. Als Beispiel zitiere ich Ihren Satz: «Auch ‘Sinn’ ist keine moralische Kategorie, sondern bezeichnet die Verarbeitung von Komplexität durch fortlaufende Selektion von Möglichkeiten». Die analytische Philosophie würde antworten: «Es würde kaum jemand behaupten, dass Sinn eine moralische Kategorie sei, doch der 2. Teil ist ein sinnloser Satz, wie will jemand diese Aussage, der nicht überprüfbaren Hypothesen über Prozesse und Zustände empirisch überprüfen, zumal noch eine Art Privatsprache verwendet wird»? Die Sprachphilosophie würde antworten: «Ja, sprachphilosophisch kann niemand behaupten, dass Sinn eine moralische Kategorie sei, ‘Sinn’ gehört zur Semantik, ist eine Kategorie der Bedeutungskonstitution, will aufzeigen, wie wir Sprache verstehen. Und Wittgenstein würde ergänzen, «es gibt keine Metasprache». Aus psychotherapeutischer Sicht würde man sagen, «das Medium der Therapie ist die Sprache, dies ist unhintergehbar, «die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache» (Wittgenstein) eingeschlossen sind auch Körpertherapien, mit sog. Körpersprachen». Der Dichter schliesslich würde sagen: «Da hat sich einer ver-irrt in der Sprache, er sagt jetzt dem Schrank Zeitung, dem Teppich sagt er Schrank, dem Bild sagt er Tisch, etc. (aus Kindergeschichten von P. Bichsel).
    Wenn ich den Systemiker:innen lausche, dann vernehme ich Begriffe aus der Mathematik, nicht-linear (ohne eine mathematische Darstellung!), Attraktoren, Fraktale (aus der Chaostheorie, ohne Ausformulierung der Gleichungen!), was Operationalisierbarkeit suggeriert, wir könnten auch von Abwehr sprechen, nicht akzeptieren zu wollen, dass unser Erkenntnisgegenstand nicht identisch ist, will sagen, er bleibt sich nicht selbst gleich, die «Reduktionskosten» sind dabei äusserst hoch. Vermutlich meinen Sie dies mit «abstraktem Differenzschema». Diese Perspektive führt zu keinem Erkenntnisgewinn, da der Gegenstand, das menschliche Subjekt nie konstant ist, sondern permanent unterschiedliche Faktoren auf unterschiedliche Weise zusammenwirken und nur vermeintlich wegreduziert werden können. Dazu kommt, dass Sie mit Ihrer Systemtheorie immer noch den Blick von nirgendwo (Thomas Nagel) einnehmen, also von aussen (auch der Beobachter des Beobachters bleibt immer draussen, sieht sich nicht als aktiver Teil des Erkenntnis- oder Therapieprozesses). Wenn wir eines von der Psychoanalyse lernen können, so dies, dass mit der Übertragung und der Gegenübertragung die Analytikerin/der Analytiker sich nicht mehr im Guckkasten aufhalten kann, sondern Teil der Psychodynamik ist. Damit schliesse ich nicht Therapietechniken aus, sondern, dass die Wahl solcher Techniken nicht nach dem Schema «jetzt habe ich eine Theorie und deren Mittel will ich nun anwenden und setzte die dazu erworbene Brille auf». Aus meiner über 35-jährigen psychotherapeutischen Erfahrung in stationären und ambulanten psychiatrischen Institutionen und Psychotherapieforschung und in privater Praxis, musste ich immer wieder feststellen, wenn Machtstrukturen und Machtverhalten das therapeutische Geschehen bestimmen, führt dies nicht nur zu qualitativ schlechten Therapieverläufen, sondern zu Abbrüchen, zur Drehtürpsychiatrie und zur Perpetuierung von Macht.
    Deshalb könnte eigentlich kein Therapieansatz ethischen Fragen ausweichen. Dazu brauchen wir uns nur die Geschichte der Psychiatrie und der daraus entwickelten sog. «Therapien» (z.B. Lobotomie, Elektroschocks, Wasserkuren, etc.) zu vergegenwärtigen und dann besteht kein Zweifel mehr daran, dass Therapien immer schon gesellschaftliche und ideologische Machtstrukturen abbilden.
    Das Problem weitet sich insofern aus, als verschiedene Therapieformen, sich gegenseitig isolieren und in Kauf nehmen «Isolationsschäden», wie es J. A. Schülein bezeichnet, anzurichten. Erich Fromm, neben J. Lacan ist einer der wenigen, die zum Thema «Psychoanalyse und Ethik» publiziert haben. Aus der systemischen Therapie ist mir keine Studie bekannt, die eine ethische Theorie entwickelt.
    Die therapeutischen Schulen werden sich auch nicht – aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven und der Gegenstandskonstitution – annähern, es fehlt, obwohl viele von bio-psycho-sozialen Ansätzen sprechen, die Bereitschaft zur Synthese. Es fehlt eine konkrete innere Verbindung dieser drei Register. Wir Psycholog:innen müssten es uns zur Aufgabe machen nicht nur aus der machtbesetzten Beobachterperspektive (mit problematischen, unkritischen Hintergrundtheorien) zu operieren, sondern in einem dialektischen Verhältnis dazu, aus der Perspektive der 1. Person Ansätze zu entwickeln. Wir müssen anerkennen, dass wir nur durch die Andern soziale, gesellschaftliche und auch psychische Wesen sind und einzig über Vermittlung und Teilhabe – und nicht durch Abstraktion, Isolation oder Ausgrenzung – psychische und soziale Prozesse analysieren, bewältigen und verändern können. Daraus würde ein völlig anderer Diskurs über Ethik erfolgen, einer der uns menschlicher werden liesse.
    Walter Kopp

    • Stefan Beher sagt:

      Lieber Herr Kopp,

      ich schätze Ihr Engagement hier außerordentlich. Zugleich habe ich allerdings erneut den Eindruck, dass sich Ihr Kommentar hier eher assoziativ an meinem Text orientiert. Sie werfen eine Reihe interessanter und diskussionswürdiger Themen auf, die jedoch an anderer Stelle zu klären wären.

      Mein Text richtet sich weder gegen die Unvermeidbarkeit ethischer Reflexion, noch gegen die Notwendigkeit einer Berufsethik – mit allen damit verbundenen erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten. Mit Systemtheorie beanspruche ich im Übrigen keinen „Blick von nirgendwo“, sondern betone gerade die Notwendigkeit zur Mitführung eigener Systemreferenz. Die von mir aufgeworfene Frage betrifft daher keine bestimmte Therapieschule, sondern professionslogisch alle gleichermaßen – auch wenn eine Schule, die sich explizit auf Konstruktivismus und Systemtheorie beruft, hier in besonderer Weise konsistent bleiben müsste.

      Es geht schließlich auch nicht um „Wärme“ versus „Abstraktion“, und nicht einmal primär um berufsethische Fragen im engeren Sinn. Sondern es geht um die Frage, ob therapeutische Expertise als Autorität für komplexe politische Sachfragen jenseits des professionellen Handlungsfeldes und des eigenen Auftrags in Anspruch genommen werden darf – etwa, wie o.g., für konkrete politische Maßnahmen „gegen Armut“, die aus gutem Grund umstritten sind. Inzwischen äußert sich die DGSF aber auch zu migrations- oder energiepolitischen Fragen u.v.m. in ähnlicher, parteipolitisch übrigens meist äußerst vorhersagbarer Weise.

      Diese Vermischung unterschiedlicher Funktionslogiken halte ich für problematisch – nicht aus ethischer Indifferenz, sondern aus professionsethischer Vorsicht und aus Respekt vor jener Arbeitsteilung, aus der sich die eigene Autorität überhaupt erst ableitet.

      Beste Grüße
      Stefan Beher

  2. Rufer Martin sagt:

    Lieber Wale, lieber Stefan

    Dass ihr, ausgelöst durch den einleitenden Text von Dir Stefan, den Diskurs nun auch aus erkenntnistheoretisch wohl unterschiedlichem Hintergrund weiterführt, und die Leser:innen damit hoffentlich zu weiterführendem Mit- und Nach-Denken anregt, ist Verdankens wert.
    Es geht mir im Folgenden auch nicht darum, die unterschiedlichen Sichtweisen zu bewerten, geschweige denn diese durch eine dritte/andere, zu hinterfragen. Dass ich selber weniger dem Konzept der Autopoiese als demjenigen der Synergetik (sensu Schiepek, Kriz u.a) zuspreche, wissen diejenigen, die meine Gedanken an anderen Stellen zu Kenntnis genommen haben. In diesem Sinne stimme ich Günter Schiepek zu, wenn er zu bedenken gibt: „Ob sich eine Psychotherapierichtung an eine bestimmt erkenntnistheoretische Position binden darf, bleibt kritisch zu hinterfragen.“ Genauso wenig, wie wir „Systemiker“ die Kybernetik 2.Ordnung für uns als Definitionsmerkmal von Theorie und Praxis reklamieren können und sollen.. „Dies zu klären) mag wichtig sein“, wie Schiepek resümiert, „durchzieht als Anspruch aber bereits die gesamte Erkenntnistheorie (als wesentlicher Teildisziplin der Philosophie).“ Nicht zuletzt darum orientieren sich heute Neuro-, Umwelt- und Sozialwissenschaften transdisziplinär, also über die Biologie i.e.S. hinaus an einer übergeordneten Theorie komplexer, sich selbst organisierender Systeme.
    Ob es sich dabei in der Beschreibung von Mirkro- und Makroprozessen nur um eine „Erklärungsprinzip“ (in Anlehnung an das Zitat von Jürgen Kriz) handelt, ist m.E. eine letztlich nicht endgültig geklärte, wissenschaftlich aber wichtige Frage.
    Und so rede ich wohl mit Walter Kopp für uns alle, dass sich „aus Therapierichtungen theorieimmanent auch nicht stringent eine Ethik ableiten lässt“, sich aus einem Therapieverständnis allerdings „Schlüsse aufgrund des Menschenbildes und der humanistischen Ausrichtung ergeben“. Politische Stellungnahmen aber bedürfen darüber hinaus eines Diskurses. Dabei gilt es stets zu unterscheiden, wie Stefan Beher (und an anderer Stelle auch Tom Levold u.a.) unterstreichen, dass unterschiedliche Kontexte (Therapie vs. Verband) in der Diskussion um Abstinenz, Neutralität, Parteilichkeit usw. nicht gleichgesetzt werden sollten, wie dies leider immer wieder geschieht. Dabei sollte stets mitbedacht werden, dass auch wir uns als Therapeuten, Berater, Verbandfunktionäre usw. nicht nur in einem intersubjektiven, kommunikativen Prozess „darstellen“, sondern v.a. auch auf dem Boden eigener, oft auch sehr unterschiedlicher biologischer, persönlicher, familiärer und beruflicher Sozialisation „agieren“, stets im Bewusstsein, dass damit auch Erzähltes, Gelebtes und Erlebtes – und damit eben auch viel Unbewusstes – Regie führen, polarisieren, triangulieren oder aber verbinden…
    mit bestem Dank und kollegialem Gruss

    • Stefan Beher sagt:

      Lieber Martin,

      hab Dank für Deinen moderierenden Beitrag mitsamt Kontextualisierung unterschiedlicher erkenntnistheoretischer Bezugnahmen. Deinem Hinweis, dass sich Therapieverständnisse nicht zwingend an eine einheitliche erkenntnistheoretische Position binden lassen, kann ich nur zustimmen.

      Die Notwendigkeit einer Ebenendifferenz zwischen therapeutischer Praxis und politischer bzw. verbandlicher Kommunikation scheint mir jedoch auch unabhängig von der Polarität Autopoiesis vs. Synergetik relevant. Viele der Diskussionspunkte beziehen sich aus meiner Sicht weniger auf erkenntnistheoretische Grundsatzfragen als auf die Übertragung politischer Normativität in therapeutische Rollen- und Erwartungsstrukturen. Dass Beobachter biographisch situierte Akteure sind und Therapie implizite Menschenbilder voraussetzt, steht dazu nicht im Widerspruch. Die zentrale Frage für mich ist hier vielmehr, welche normativen Setzungen in welchen Kontexten professionslogisch legitim sind – und welche eben nicht.

      Viele Grüße
      Stefan

      • Martin Rufer sagt:

        Lieber Stefan

        Deine letzte Frage ist gleichsam die Gretchenfrage im laufende Diskurs. Da sowohl in den Verbänden, als auch auch in den Instituten und Praxisgemeinschaften unterschiedliche Berufsgruppen mit je unterschiedlichen professionellen und v.a. berufspolitischen Interessen kooperieren (müssen), werden auch die normativen Setzungen sehr unterschiedlich sein, denn „Wes Brot ich ess, des Lied ich sind“. Meine Erfahrung zeigt nämlich, dass dann, wenn es ans eigene Eingemachte geht, d.h wenn z.B. standespolitische Interessen zur Figur werden, treten (systemische) Glaubenssätze schnell in den Hintergrund. Normative Setzungen werden dann bloss noch Kopfgeburten und „eskalieren“ oft in Scheingefechten.Da solches aber trotzdem Verletzungspotential beinhaltet, kennen viele von uns aus eigener Betroffenheit und ist wohl mit ein (guter oder schlechter?) Grund, warum man sich mit politischen Statements wenn möglich zurückhält. In der (laufenden) Kontroverse um die Kassenzulässigkeit der ST liesse sich diesbezüglich Einiges nachzeichnen… Dass dabei leider die „Vergesellschaftung“ von Psychotherapie, die sozialpolitische Dimension (auch) der Systemtheorie zu wenig kritisch reflektiert wird und darum auch kaum für eine entsprechende (systemische) psychotherapeutische Praxis konzeptualisiert ist, da würde ich Walter Kopp wohl zustimmen ..

        Mit liebem Gruss
        Martin

        • Stefan Beher sagt:

          Lieber Martin, dass Multiprofessionalität die Binnenkomplexität von Verbänden erhöht, ist auch aus meiner Sicht eine ganz eigene und sehr reale Herausforderung – aber keine, die mein Thema betrifft. Für das wäre Berufspolitik von Gesellschaftspolitik zu unterscheiden. Systemtheorie ist gerade in dieser Hinsicht besonders leistungsstark. Was hier als theoretisches Defizit beklagt wird, ist in Wahrheit kein Mangel an Erkenntnis, sondern der vergebliche Wunsch nach einer moralischen Rechtfertigung für das Missachten funktionaler Systemgrenzen. Ein Fachverband dient seiner Profession – auch: seinen Professionen! – am besten, wenn er deren fachliche Grenzen gegen moralische Übergriffe verteidigt, statt sich als politischer Akteur zu überheben.
          Gruß Stefan

          • martinrufer sagt:

            Lieber Stefan

            Obwohl ich mich dem Vorwurf aussetze, rechthaberisch zu sein oder das letzte Wort zu haben, anbei doch noch ein kritischer Gedanke, bzw. eine.offene Frage zu Deiner These, Geselschafts- und Berufspolitik zu trennen. Auch wenn Letztere nicht „Dein Thema“ ist, wie Du nachvollziehbar schreibst, bin ich mir nicht sicher, ob sich dies in der Praxis (!) denn auch trennen lässt und eine Trennung (der Systeme) in der Theorie eben gerade Teil des Problems bzw. der darin entwickelten, offenen oder latenten Polarisierung ist?

            Muit liebem.Gruss
            Martin

          • Stefan Beher sagt:

            Lieber Martin, auch wenn Du gern das letzte Wort haben darfst: Die von mir geforderte Trennung ist im Kern nichts anderes als klassische Rollendifferenzierung. Diese funktioniert gerade in der Praxis nicht nur hervorragend, sie ist soziologisch betrachtet sogar das Fundament moderner Gesellschaften. Vor allem aber schützt sie die Profession davor, zur politischen Arena zu werden. Polarisierung entsteht nicht durch die Unterscheidung von Systemen oder Rollen, sondern gerade durch deren Vermischung. Wer politische Gesinnung in professionelles Handeln presst, gießt selbst genau das Öl ins Feuer, über dessen Hitze er sich später – etwas wohlfeil – beklagt. Gruß Stefan

  3. walter kopp sagt:

    «Moral ist kein Erkenntnisinstrument»
    Dieser Aussage von Stefan Beher wird wohl niemand widersprechen, doch ist sie schon in sich falsch. Moral – vielleicht meint ja der Autor Ethik (?) – ist ja die Praxis: «Was soll ich tun?» aufgrund der Normen und Werte einer Person oder Gruppe.
    Ich kenne die Debatte innerhalb der Systemiker:innen nicht, doch hoffe ich, dass die Begrifflichkeit, die der Autor hier wählt, kein Indikator für das Niveau ist: Beispielsweise die offenbar zwingende Implikation (wenn p, dann q), die der Autor hier wiedergibt: «Da Beobachtung nie neutral sein könne, müsse man politisch Partei ergreifen. Das ist ein erkenntnistheoretischer Taschenspielertrick.» Dies ist weder eine erkenntnistheoretische Aussage, noch berücksichtigt sie die mittlerweile alte Diskussion im Positivismusstreit, um die Wertfreiheit von Wissenschaft. Da gewinnt der Leser/die Leserin eher den Eindruck, der Autor reagiere seinerseits bewusst oder unbewusst auf eine mutmassliche Polemik mit einer Gegenpolemik, mit Ausdrücken wie «Positionierungswillige», «Katechismus für ‘richtiges’ politisches Handeln», «rhetorische Kulisse», «Wertelyrik», etc., dokumentiert er dies. Solche Polarisierungsstrategien führen nicht weiter, schon gar nicht, wenn der Autor nun seinerseits problematische politische Aussagen macht, wie etwa: Javier Mileis Ziel bestehe letztlich darin, Armut zu bekämpfen.
    Leider geht dabei für die Systemiker:innen die viel zentralere gewichtigere Frage verloren, ob denn Systemtheorie nicht von Beginn an ihre zentralen Begriffe gegen Gesellschaftsanalyse- und Kritik immunisiert hat, um den Preis einer Sozialtechnologie, und nun ihre Vergänglichkeit betrauert, wie es beispielsweise dem Strukturalismus aber auch mehreren Psychotherapeutischen Richtungen ergangen ist. Indem sie ahistorisch operieren wollte, holt sie – paradoxerweise – der «Zeitgeist» ein. Erweiterungskonzepte, wie die vom Autor zitierte «Kybernetik zweiter Ordnung», helfen kaum weiter, da ja die Beobachtung der Beobachter, der Beobachter bekanntlich in einen unendlichen Regress führen und immer noch versucht wird, die Position der 3. Person aufrecht zu erhalten. Eher wäre zu empfehlen, für das Psychische, Physische und Soziale angemessenere Kategorien zu entwickeln und dem Involviert-sein in diese Dynamik mehr Rechnung zu tragen.

    Walter Kopp

    • Stefan Beher sagt:

      Lieber Herr Kopp,

      vielen Dank für Ihre temperamentvolle Replik, deren gleichzeitiger Vorwurf mangelnden Niveaus und der Klage über Polemik zumindest eine gewisse performative Spannung erzeugen.

      Systemtheorie versteht Kritik nicht als moralisches Urteil, sondern als Sichtbarmachen von Alternativen. Die Politik Mileis ist in meinem Text ausschließlich in diesem (kritischen!) Sinne erwähnt: als Beispiel dafür, dass identische Zielsetzungen mit unterschiedlichen, teils völlig gegensätzlichen Mitteln verfolgt werden können. Daraus folgt weder Zustimmung noch Ablehnung – sondern lediglich die Beobachtung, dass Werte allein noch keine konkreten politischen Programme determinieren.

      Wenn bereits die bloße Benennung einer solchen Alternative als Parteinahme gilt, dann zeigt sich darin genau jene moralische Codierung, die ich problematisiere: Analyse wird nur dann akzeptiert, wenn sie sich zugleich normativ absichert.

      Sie fordern mehr Ethik und moralische Positionierung. Umso interessanter wäre es gewesen zu erfahren, wie diese nun konkret aussehen und nach welchen Kriterien sie zwischen Analyse und Parteinahme unterscheiden soll.

      Viele Grüße
      Stefan Beher

      • walter kopp sagt:

        Guten Tag Herr Beher
        Was Sie für die Systemtheorie reklamieren, dass sich Kritik nicht als moralisches Urteil begreife, wird wohl niemand bestreiten, doch die 2. Gleichsetzung, dass nämlich Kritik identisch sei mit der Darstellung von Alternativen, klingt doch eher nach symbolischer Kastration. Diesem Begehren nach Wertfreiheit, kann leicht ein irrationaler Kern nachgewiesen werden. Dem hat Niklas Luhmann selbst Vorschub geleistet. Keine gesellschaftlichen, keine psychologischen Kategorien, dafür biologistische Konzepte. Es lassen sich Organismen als selbstregulierende Systeme auffassen. Organismen sind allerdings im Unterschied zu Sozialsystemen auf der Basis von «Leben» organisiert, Sozialsysteme auf der Basis von «Sinn». Doch lässt sich dies so ohne weiteres übertragen? Sinn lässt sich ohne intersubjektive Geltung nicht denken.
        Bereits in den 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts war umstritten, inwiefern die Kybernetik, die erfolgreich war/ist in der Regelungstechnik und der Entwicklung von Computersystemen, aufgrund ihres Abstraktionsgrades, d.h. der Loslösung von jedem konkreten Inhalt, auf jede Wissenschaft, insbesondere auch dort wo intentionales Verhalten eine Rolle spielt – also in den Human- und Sozialwissenschaften – sinnvoll angewendet werden kann. Wissenschaftler, wie Ilya Prigogine und Francisco Varela waren keine Soziologen und auch keine Psychotherapeuten. Varela hatte eng mit Maturana zusammengearbeitet, der die sich selbst-organisierenden Systeme in der Biologie als Autopoiesis beschrieb und Luhmann davor gewarnt hatte, das Konzept auf Gesellschaften anzuwenden, was dieser jedoch überging.
        Diese Immunisierungsstrategie zugunsten einer pseudo-naturwissenschaftlichen, funktionalistischen Theorie, die keine inhaltlichen, sondern nur formale Schlüsse ziehen kann, entbehrt jeglicher ethischer Kategorien und Referenzen. Es gibt nicht wie etwa in der Psychoanalyse eine Metapsychologie, ganz zu schweigen von einer Gesellschafts- und Kulturtheorie.
        Ihr Beispiel des argentinischen Präsidenten zeigt genau diese Begrenztheit, bleibt im luftleeren Raum, in einer Black-Box stecken, da Sie es unterlassen, von einer Analyse dieser Reform von oben auszugehen. Damit ein solcher Vorschlag nicht entweder naiv oder apologetisch oder beides ist, müssten Sie zuallererst die Wirkmacht der Austerität inhaltlich analysieren. Denn noch nie hat ein Diktat von oben die Armut beseitigt, sondern die Menschen, in ihrer Marktabhängigkeit gezwungen, zu niedrigeren Löhnen zu arbeiten, während die Reichsten sich auf Kosten der Armen bereichern (vgl. z.B. Zahlen der Weltbank).
        Um «systemisch» für die Psychotherapie zu retten, müssten wir zumindest davon ausgehen – wie dies Jürgen Kriz in seinem Lehrbuch «Subjekt und Lebenswelt» in Anschluss an Gregory Batson vorzeigt: «Systeme ‘gibt’ es nicht – sondern es handelt sich um Erklärungsprinzipien» (p. 119). Dann ist aber tatsächlich die Frage zu stellen, was bleibt dann mehr übrig als bloss ein «frame of reference»?
        Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich aus der Systemtheorie keine ethische Kategorie oder eine inhaltliche Theorie ableiten lässt. Deshalb ist es begründet, dass über die ethischen Berufslichtlinien hinaus eine Debatte geführt werden muss: Welche ethischen Grundsätze gelten für Systemiker:innen und welche Handlungen implizieren diese? In der Psychotherapie geht es um konkrete Menschen und nicht um Objekte. Die Therapeut:innen treten in Interaktion und anerkennen, dass sie und ihre Patient:innen in gesellschftlich-kulturelle Zusammenhänge eingebettet sind, von denen sie nicht wertfrei abstrahieren können, vielleicht sie selbst oder ihr Gegenüber gerade unter diesen Verhältnissen leiden. Allein funktionelle Strategien «Kontingenz aushalten können» – wie Sie es nennen – werden inhaltliche Auseinandersetzungen nicht überflüssig machen, obwohl gleichzeitig berufsethisch klar sein sollte, dass Indoktrination nicht geschehen darf, im Gegenteil, es muss ja die Autonomie, die Ressourcenerweiterung, die Auflösung der Traumata, u.a.m., aus dieser Dy- oder Tri- oder Multiade: Therapeut:in – Patient:innen das Ziel sein.
        Es braucht im therapeutischen Setting grundsätzlich die Abstinenz der Therapeut:innen. Wie weit diese gehen soll, ist jeweils diskursethisch – nicht universell – einzulösen.
        Zwar lässt sich aus anderen Therapierichtungen theorieimmanent auch nicht stringent eine Ethik ableiten, was auch nicht deren Intention ist. Implizit ergeben sich allerdings Schlüsse aufgrund des Menschenbildes und der humanistischen Ausrichtung. Daraus politische Stellungnahmen abzuleiten verlangt – aufgrund der Ethik, z.B. dem Prinzip Verantwortung – einen weiteren Diskurs.
        Heute tritt noch etwas entscheidend Wichtiges hinzu. In der realen Politik stellen wir mehr und mehr die «Suspension des Ethischen» (Slavoj Zizek) fest, also den Vorgang, dass das Politische das Ethische zu eliminieren droht. Diese Entwicklung wird auch an der Psychotherapie nicht spurlos vorbeigehen, ja hat Aufforderungscharakter, letztlich geht es auch um die Legitimation unserer Profession.
        19.02.2026 Walter Kopp

        • Stefan Beher sagt:

          Sehr geehrter Herr Kopp,

          Sie werfen eine Reihe von Fragen auf, die zweifellos diskussionswürdig sind. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch auf die Thesen meines Textes konzentrieren – wenn auch verbunden mit dem freundlichen Hinweis, dass Ihre Kritik eines vermeintlichen „Biologismus“ bei Luhmann seit Jahrzehnten ausführlich diskutiert wird und sich kaum auf das von Ihnen skizzierte Fazit reduzieren lässt. Autopoiesis fungiert in der Systemtheorie nicht als biologische Erklärung sozialer Prozesse, sondern als abstraktes Differenzschema zur Bestimmung unterschiedlicher Reproduktionsweisen. Auch „Sinn“ ist keine moralische Kategorie, sondern bezeichnet die Verarbeitung von Komplexität durch fortlaufende Selektion von Möglichkeiten. Wer Sinn unmittelbar moralisch besetzt, schließt aber alternative Beobachtungen gerade aus. Darin liegt dann womöglich die eigentliche Kastration. Systemtheorie lässt sich im Übrigen auch weniger als Postulat einer Wertefreiheit und mehr als Metatheorie der Wertdifferenzierung verstehen: Sie setzt keine Werte, sondern beschreibt, wie die moderne Gesellschaft Werte sortiert, funktionalisiert und gegeneinander verschiebt. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch kein Problem darin, explizit wertesetzende Therapieansätze zu vertreten oder zu entwickeln. Sie sollten sich dann aber vielleicht nicht gerade „systemisch“ nennen oder auf konstruktivistische Erkenntnistheorie berufen, da dies bereits auf der Ebene von Selbstdarstellung und logischer Konsistenz einen irgendwie behandlungsbedürftigen Eindruck hinterlässt.

          Ihre fortgesetzte Kritik am Beispiel der argentinischen Reformpolitik illustriert zugleich das im Ausgangstext angesprochene Problem auf beinah beängstigende Weise. Sie fordern eine „inhaltliche Analyse der Austerität“. Eine Analyse, deren Ergebnis – ihre moralische Bewertung – bereits vorab feststeht, operiert jedoch nicht mehr analytisch oder kritisch, sondern affirmativ. Mein Beispiel diente allein dazu, auf die Kontingenz politischer Instrumente hinzuweisen: Selbst (!) bei konsentierten Zielen können unterschiedliche Mittel plausibel erscheinen, ohne dass darüber Einigkeit besteht. Die pauschale Annahme, marktwirtschaftliche Reformen könnten grundsätzlich keinen Beitrag zur Armutsreduktion leisten, stellt dagegen eine starke politische Vorfestlegung dar, die mit der empirischen Vielfalt entsprechender Entwicklungen schwer vereinbar ist.

          In der Psychotherapie geht es, wie Sie sagen, um konkrete Menschen und nicht um Objekte. Gerade deshalb erscheint mir eine weltanschauliche Abstinenz als eine der zentralen Formen professionellen Respekts und damit ethisch vorbildlichen Verhaltens gegenüber der Perspektive von Klienten, die immer legitim von der eigenen abweichen kann. Psychotherapie und Sozialpolitik bilden insofern nicht nur unterschiedliche Gegenstandsbereiche, sondern auch unterschiedliche Erwartungsstrukturen an Legitimation und Intervention, die gerade voneinander zu trennen wären. Die Legitimation der Profession entsteht nicht durch moralische Aufrüstung, sondern durch methodische Strenge – durch die Fähigkeit, auch dort weiter zu beobachten, wo moralische Urteile bereits gefällt sind und damit das Denken zum Stillstand zu bringen drohen.

          Mit kollegialem Gruß
          Stefan Beher

  4. Wäre die Reflektion oder gar Setzung von politisch und gesellschaftlichen Systembedingungen in denen „das angstfreie Denken in Alternativen – gerade dort, wo kein Konsens besteht“ stattfinden kann aus Ihrer Sicht keine sinnvolle Diskussion?

  5. Andreas Wern sagt:

    Ich möchte davon absehen, mich grundsätzlich zum Thema zu äußern, obwohl ich die Möglichkeit, „unpolitisch“ im öffentlichen Raum agieren zu können, zumindest in Frage stellen würde.
    Tatsächlich irritiert mich an Ihrem Beitrag, Herr Beher, in dem Sie immerhin Schäden durch eine Politisierung des systemischen Feldes befürchten, dass Sie selbst in diesem politisch Stellung beziehen. Dass Herr Milei die Bekämpfung von Armut in Sinn hat, dürften nicht alle Menschen teilen und stellt gleichzeitig dessen Politik in ein positives Licht. Das Gleiche gilt für die Kommentierung des „staatlichen Interventionismus“. Da dieser Kommentar für die eigentliche Fragestellung irrelevant ist, kann man auch diesen durchaus als politisches Statement auffassen.

    • Stefan Beher sagt:

      „Free trade capitalism as an economic system is the only instrument we have to end hunger, poverty and extreme poverty across our planet.“ (Javier Milei auf dem World Economic Forum in Davos 2024).

      Die unmittelbare Vorgängerregierung setzte dagegen stark auf staatlichen Interventionismus, begleitet von „Gerechtigkeits-„Rhetorik und Umverteilung – die Ergebnisse waren, soweit ich es sehe weitgehend unstreitig, ziemlich schlecht: auch und gerade mit Bezug auf die Entwicklung von Armut.

      Ich habe zu diesen Entwicklungen im Übrigen selbst gar keine Stellung bezogen, sondern sie auf einer übergeordneten Ebene als instruktives Beispiel für meine Ausführungen, gerade bzgl. Diversität von Mitteln und Unsicherheit von Ergebnissen verwendet.

      Viele Grüße!

  6. Martin Rufer sagt:

    Kluger Text, lieber Stefan Beher (auch wenn ich den Diskurs nicht mitverfolgt habe) und ein wichtiger Baustein, um sich dann letztlich nicht doch in der Absenz einzurichten.

  7. Rainer Hirschberg sagt:

    Vielen Dank, Herr Beher, für Ihr Statement, das ich teile.

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