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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Missgeschicke als nützliche Erfahrungsquellen

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Stephan Baerwolff, treuer systemagazin-Leser und -autor, öffnet heute das Kalendertürchen mit einer Rückblende auf seine ersten familientherapeutischen Gehversuche und die dann erfolgende„schockierende“ Begegnung mit Kurt Ludewig – eine Begegnung mit Folgen, denn Stephan Baerwolff hat sich dann dem Hamburger Institut für Systemische Studien angeschlossen, dem er er als Lehrtherapeut bis heute angehört:

Vor 30 Jahren steckte ich mitten in meiner familientherapeutischen Weiterbildung, die ich (noch gezeichnet vom Praxis-Schock meines ersten Berufsjahres in einem Psychiatrischen Landeskrankenhaus) begonnen hatte. Unsere Ausbilderin war eine charismatische Familientherapeutin, die uns mit ihrer Energie, ihrer Erfahrung und dem Mut, sich im Geiste der humanistischen Psychologie in die Begegnung mit den KlientInnen zu stürzen, begeisterte. Ich begann, „in Beziehungen“ zu denken und diese mithilfe der Landkarten von Minuchins strukturellem Ansatz oder Satirs Kommunikations-Typen zu sortieren.
Regelmäßig führte unsere Kursleiterin in Anwesenheit des Kurses live-Sitzungen mit Familien. Zu einem Wochenende brachte eine TeilnehmerIn eine vierköpfige Familie mit, die mit ihrem pubertierenden Sohn Schwierigkeiten hatte. Ich erinnere mich nur noch dunkel an das Geschehen in der Sitzung, weiß aber, dass wir wieder einmal begeistert waren vom Einfallsreichtum der Therapeutin und der hohen emotionale Dichte der Sitzung. Umso schockierter waren wir, als die Mutter in einer Feedback-Runde am Ende der Sitzung meinte: „Über das Eigentliche haben wir ja gar nicht gesprochen!“ Später berichtete die Therapeutin selbstkritisch, sie habe sich dadurch dazu verleiten lassen, die Sitzung noch um 15 Minuten zu verlängern, was aber an der Unzufriedenheit der Familie nichts wirklich verändern konnte. Angesichts der methodischen Brillanz der Sitzung waren wir TeilnehmerInnen über die „Ignoranz“ der Familie empört und stellten anschließend allerlei Überlegungen über die der „Undankbarkeit“ zugrunde liegenden Familienstrukturen an. Irgendwie blieb aber bei mir ein vages Gefühl übrig, dass ich hier etwas nicht verstanden hatte, also gewissermaßen eine „nicht geschlossene Gestalt“, die möglicherweise dazu führte, dass ich dieses Erlebnis zwar zur Seite legte, aber viel später wieder erinnerte.
Im Anschluss an meine Weiterbildung engagierten wir 1983 in der Beratungsstelle, in der ich inzwischen arbeitete, Kurt Ludewig als Supervisor, der die Team-Spannungen zwischen familientherapeutisch und psychodynamisch orientierten KollegInnen bearbeiten sollte. Bei seiner Vorstellung schockierte er mich (der ich doch glaubte mit der familientherapeutischen Literatur vertraut zu sein) mit der Aufzählung von für seine Arbeit bedeutsamen Personen, von denen ich noch nie etwas gehört hatte (Dell, Maturana, von Foerster, von Glasersfeld, Luhmann usw.) und durch deren Werke ich mich bald zu quälen begann, immer mit meinen bisherigen Denkweisen ringend, die heftig gegen die neuen Ideen ankämpften. Zu diesen tumultartigen erkenntnistheoretischen Debatten in meinem „inneren Parlament“ kamen die Verstörungen durch Kurts Interventionen, etwa wenn er beiläufig erzählte, in seiner Klinik hätten Psychoanalytiker und Systemiker (so hießen sie damals wohl noch nicht) aufgehört, miteinander zu diskutieren und begonnen, gemeinsam zu singen! Unmöglich fand ich das!
Trotz dieser Irritationen, gewiss aber wegen Kurts mitreißender Begeisterung und seiner Herzlichkeit, entschlossen sich einige von uns, ihn nach dem Ende der Team-Supervision für eine kleine private Gruppe zu gewinnen, in der er unsere live-Sitzungen mit Familien supervidierte. Diese Sitzungen führten fast regelmäßig dazu, dass anschließend die Therapie beendet war: Während wir uns nämlich von allerlei Ideen und Zielen leiten ließen, die die Familie unseres Erachtens noch  erreichen sollten, richtete Kurt unser Augenmerk auf die Wünsche der Familie. Wenn wir sie dementsprechend befragten, stelle sich bald heraus, dass sie mit dem Erreichten zufrieden waren und die Beratung beendet werden konnte. Auch hier gab es in meinem inneren Parlament einige mächtige konservative Lobby-Gruppen, die sich gegen diese Praxis sträubten, doch auch im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der systemischen Theorie begann mir allmählich zu dämmern, dass in Kurts Konzept „vom Anliegen zum Auftrag“ ein Herzstück des systemischen Ansatzes liegt. (Nicht zufällig finde ich gerade jetzt, da ich Kurts Buch „Systemische Therapie“ aufschlage, auf Seite 133 beim diesbezüglichen Schaubild ein Lesezeichen!)
Ich weiß nicht genau, wann mir das oben geschilderte Erlebnis aus meiner familientherapeutischen Weiterbildung wieder in den Sinn kam,  aber heute benutze ich es gern zur Illustration der Idee der Anliegenorientierung. Dass man damit heute kaum noch jemanden vom Hocker hauen kann, finde ich ebenso erfreulich wie bedauerlich: Natürlich ist es wunderbar, dass sich das systemische Denken so weitgehend durchgesetzt hat, doch manchmal vermisse ich die emotionalen Diskussionen aus den Anfangszeiten, als man z.B. in Weiterbildungen mit systemischen Thesen noch auf heftigen Gegenwind stieß!
Von der Familientherapie heißt es, sie fuße nicht (wie die Psychoanalyse) auf dem Wirken einer Gründerpersönlichkeit, sondern habe mehrere Mütter und Väter. Meine kleine Geschichte zeigt, dass dies auch für meine Entwicklung gilt und dass Lernen nicht nur auf Erfolg gründet, sondern Missgeschicke ebenso nützliche Erfahrungsquellen sein können.  

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