systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen

| 7 Kommentare

Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen

Wolfgang Loth hat sich in Heft 1/2019 der Zeitschrift systeme mit der Neuauflage eines 10 Jahre alten Buches von Sigrun-Heide Filipp & Peter Aymanns beschäftigt, die 2018 erschienen ist: „Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens“. Es ist kein „systemisches“ Buch im engeren Sinne, aber dennoch Loth zufolge für Systemiker zu empfehlen: „Gerade im Kontext der nun in die Gänge kommenden Verankerung systemischer Therapie im Gesundheitswesen dürfte das dem Profil systemischer Therapie nützen. Forschungsergebnisse, wie die im vorliegenden Buch beschriebenen, aufzugreifen und sie in explizit systemische Fragestellungen zu übersetzen, könnte der systemischen Therapie dabei helfen, im real existierenden Gesundheits-Organisations-Wesen erkennbar zu bleiben. Systemische Therapie ist mehr als die von ihr propagierten Methoden. Der konsequente Blick auf Sinnentfaltung im Kontext darf nicht verloren gehen. Erstaunlicherweise finde ich in diesem, der Reflexion empirisch gewonnener Erkenntnisse gewidmeten Buch manchmal eine nachdenklichere, selbstkritischere Haltung als in manchen Publikationen systemischer Provenienz, die Wirksamkeit reklamieren oder über Stolperstellen huschen, die bei redlicher Betrachtung immer wieder vorkommen“.


Wolfgang Loth, Niederzissen:

Die Erstauflage des vorliegenden Buches erschien vor 10 Jahren. Die Welt, so scheint es, ist in der Zwischenzeit noch unübersichtlicher geworden, schneller und fraktionierter zugleich, ein Tummelplatz galoppierender Orientierungsreaktionen. Das Private, das Refugium und Medium der Wünsche nach Unversehrtheit, Selbstwirksamkeit und wohltuenden Beziehungen bleibt davon nicht unberührt. Insofern wundert es nicht, dass das vorliegende Buch auch in seiner Wiederauflage nach wie vor aktuell erscheint. Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen – „an sich“ erwartbar – erhalten durch die angedeuteten Entwicklungen fortlaufend wahrnehmungsverschärfende Differenzhinweise: Man kann sich nicht abschließend daran gewöhnen.
Sigrun-Heide Filipp und Peter Aymanns stehen für die profilierte Trierer Forschung zur „Entwicklung der Lebensspanne“ und man kann insofern erwarten, dass sie ihr Thema nicht nur punktuell beleuchten, sondern in seinem weitverzweigten Netz zeitlicher und kontextueller Bedingungen reflektieren. Das bringt ihren Beitrag aus meiner Sicht in unmittelbare Nähe zu den Themen und Prämissen systemischer Therapie und lädt daher dazu ein, über Möglichkeiten nachzudenken, das hier versammelte Wissen in den systemischen Diskurs einzubeziehen, auch wenn das vorliegende Buch den Begriff „systemisch“, wenn überhaupt, nur marginal verwendet und es nicht zum Kanon genuin systemischer und systemtheoretischer Literatur gehört. Noch nicht, möchte ich sagen. Aus meiner Sicht spricht einiges dafür, dies zu ändern. Dazu später.

Zum Inhalt: In 12 Kapiteln erschließen Filipp und Aymans ihr Thema. Zunächst spüren sie den wesentlichen Begriffen nach und gelangen zu einer plausiblen Beschreibung kritischer Lebensereignisse: Sie seien „dadurch charakterisiert, dass sie ein hohes Maß an Veränderungen im Leben mit sich bringen, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben aufgebaute Passungsgefüge zwischen der Person und ihrer Umwelt attackieren und im Zuge des Bewältigungsverhaltens eine mehr oder minder grundlegende Neuordnung dieses Passungsgefüges erzwingen“ (S.58). Das geht in der Regel einher mit ausgeprägter emotionaler Bewegung.
In einem nächsten Schritt unterscheiden sie zwischen kritischen Lebensereignissen als Stressoren und als „Typus der Lebenserfahrung“. Bereits hier wird für mich deutlich, dass es in der Zusammenstellung der Forschungsergebnisse nicht in erster Linie um das Erkunden von Reaktionen unter Laborbedingungen geht, sondern um das Hinwenden zum gelebten Leben.
In der Folge stehen zwei Fragen zur Debatte: „Machen kritische Lebensereignisse krank?“ (stresstheoretische Perspektive) und „Machen kritische Lebensereignisse stark?“ (entwicklungstheoretische Perspektive). Die AutorInnen wägen in guter akademischer Tradition ab und liefern Kategorien möglicher Erkenntnis. Beeindruckend finde ich, dass sie in der Lage sind, die Begrenztheit bisherigen Wissens aufzuzeigen. Sie hegen zwar die Hoffnung auf Reifung und Stärkung im Kontext lebenskritischer Herausforderungen. Das hindert sie jedoch nicht, ihre bisherigen Erkenntnisse in dieser Richtung zu relativieren: „vielleicht überschätzen wir ja auch die Belastungskapazität des Menschen, wenn wir erwarten, dass diejenigen, die sich auf den Schattenseiten des Lebens befinden, in diesem Schatten auch noch „reifen“ und „wachsen“ sollen“ (S.140). Für mich ein Beispiel für seriösen Umgang mit Empirie – und implizit eine Querverbindung zum Beobachten 2. Ordnung.
Ein zentraler Begriff ist „Bewältigung“. Dazu gibt es vier Kapitel: Es geht um Bewältigung als „Schlüsselkonzept“, als „mentales Geschehen“, als „sozial-interaktives Geschehen“ und schließlich um „Personale Ressourcen und Risiken im Bewältigungsgeschehen“. Unter der mentalen Perspektive steht das Thema Sinn im Zentrum, das Ringen um hilfreiche Antworten auf die Fragen nach dem „Warum?“ und „Wozu?“. Besondere Bedeutung gewinnt die Fähigkeit, sich von unerreichbaren Zielen zu verabschieden, im weitesten Sinn Flexibilität im Umgang mit dem, was Orientierung gibt. Dass dies nicht einfach ist, verdeutlicht der Abschnitt über „Bewältigung als Konsistenzsicherung und Verteidigung des Selbst“. Auch hier zeigt sich die Bereitschaft der AutorInnen, die Forschungslage und erwünschte Schlussfolgerungen kritisch gegen den Strich zu bürsten.
Die im Prinzip geborene Nahtstelle zu systemischen und familientherapeutischen Perspektiven bildet das Kapitel über Bewältigung als sozial-interaktives Geschehen. Hier ist eine Vielzahl von Forschungsergebnissen aufgeführt, die geradezu darauf warten, ihre Relevanz in der systemischen Praxis zu erweisen – oder relativiert zu werden, d.h. im Kontext neu bewertet. Auf jeden Fall ergeben sich hier wie von selbst vielfältige Impulse.
Die letzten drei Kapitel reißen professionelle Hilfen, insbesondere Krisenintervention an und untersuchen mögliche Hinweise auf das, was kritischen Lebensereignissen vorausgeht. Im letzten dieser Kapitel geht es um das autobiographische Gedächtnis, ein Thema, das im Zusammenhang mit dem Fokus auf der Lebensspanne als Entwicklungsgeschehen nahe liegt. Da darf auch Herr K., der erbleichende, nicht fehlen, wenn Veränderung geleugnet wird, und sei es, um irgendwie doch „der Alte“ geblieben zu sein, während man nicht jünger wurde (und das Leben einen geprägt hat). Soweit zum Inhalt.
Warum nun eine Besprechung dieses Buches in einer genuin systemischen Zeitschrift? Mir scheint es nahezuliegen, die in dem hier besprochenen Buch dargelegten Forschungsergebnisse auf ihre unmittelbare Brauchbarkeit für die systemische Praxis zu befragen. Zwar scheint es durchaus angebracht, die Ergebnisse empirischer Forschung nicht unbesehen zu übernehmen, sondern sie kritisch zu würdigen (1). Das kritische Würdigen solcher Forschung scheint mir ein hilfreiches Gegengewicht zu sein zu einer manchmal einseitig auf Tools und Techniken fokussierenden Praxis. Gerade im Kontext der nun in die Gänge kommenden Verankerung systemischer Therapie im Gesundheitswesen dürfte das dem Profil systemischer Therapie nützen. Forschungsergebnisse, wie die im vorliegenden Buch beschriebenen, aufzugreifen und sie in explizit systemische Fragestellungen zu übersetzen, könnte der systemischen Therapie dabei helfen, im real existierenden Gesundheits-Organisations-Wesen erkennbar zu bleiben. Systemische Therapie ist mehr als die von ihr propagierten Methoden. Der konsequente Blick auf Sinnentfaltung im Kontext darf nicht verloren gehen. Erstaunlicherweise finde ich in diesem, der Reflexion empirisch gewonnener Erkenntnisse gewidmeten Buch manchmal eine nachdenklichere, selbstkritischere Haltung als in manchen Publikationen systemischer Provenienz, die Wirksamkeit reklamieren oder über Stolperstellen huschen, die bei redlicher Betrachtung immer wieder vorkommen.
Die weiterführende Resonanz auf das vorliegende Buch scheint mir auch gerade deshalb notwendig, weil es, wie fast alle für die Praxis relevante Forschung nicht auf bestehende systemische Literatur zurückgreift. Vieles, was in systemischer Praxis Alltag ist, lässt sich implizit aus dem vorliegenden Buch herauslesen, ohne dass eine explizite Querverbindung benannt wird. Pars pro toto: „Betroffene sind in der Regel wenig interessiert, die ‚philosophischen‘ Erörterungen anderer über den ‚Sinn des Leidens‘ anzuhören, oder eine neue Deutung dessen, was ihnen widerfahren ist, vorgesetzt zu bekommen“ (S.278). Passung ist das Zauberwort, Reframing keine Kunst der TherapeutInnen, sondern ein gemeinsam erfahrenes auch-anders-können.
Und wenn es heißt: „die Anatomie kritischer Lebensereignisse ist ein komplexes Gebilde“ (S.66), und „das Primat des Subjektiven“ unterstrichen wird (S.33), führt das für mich wie von selbst zu Norcross und Wampold (2018), die eine neue, maßgeschneiderte Therapie für jede einzelne PatientIn vorschlagen – weder die beiden Autoren, noch ihre Forschung zur Bedeutung von Beziehungsvariablen in Beratung und Therapie kommen vor. Da gäbe es einiges an Querverbindungen zu erkunden, scheint mir.
Ebenfalls Gesprächsbedarf ergibt sich für mich etwa aus Reddemanns Platzierung unter „Ergänzende Interventionstechniken“ (S.346) ohne ihren Fokus auf „Mitgefühl“ (das Wort kommt im Index nicht vor) als einen „common factor“ in der Psychotherapie traumatisierter Menschen zu erwähnen (siehe Reddemann 2019). Unter der gleichen Überschrift wird die „sog. Lösungsorientierte Kurzzeittherapie“ erwähnt, mit einer Sekundärliteraturangabe, ohne Verweis auf die Fülle der mittlerweile seit Jahrzehnten vorliegenden Literatur aus erster Hand. Das ließe sich fortsetzen, soll aber an dieser Stelle nur auf die Möglichkeiten hinweisen, den Fokus des vorliegenden Buches und seinen Informationsreichtum mit Ansätzen systemischer Praxis ins Gespräch zu bringen. Filipp und Aymanns ist nicht anzulasten, was ich da angemerkt habe. Es war nicht ihr Anliegen, ein systemisches Lehrbuch zu schreiben. Sie haben das Feld aus ihrer Sicht in Tiefe und Breite umfassend durchgearbeitet und vorgestellt. Das ist schon beeindruckend und man könnte sich darin festlesen.
Mir gefällt auch sehr, dass beide AutorInnen ihr Thema respektvoll behandeln. An vielen Stellen wird deutlich, dass sie ihre und die allgemein vorliegende Forschungsarbeit als etwas betrachten, was weiterer Aufmerksamkeit und weiteren Bemühens bedarf. Die „Geschichte menschlichen Leidens“, schreiben sie, sei „nicht annähernd repräsentiert […] durch die uns zugängliche Forschungslandschaft: Was Menschen in ihrem Leben individuell oder kollektiv zu bewältigen hatten und haben […] überschreitet in der Summe unser aller Vorstellungskraft“ (S.30).
Das Buch enthält eine differenzierte Gliederung, sowie ein umfangreiches Personen- und Sachregister. Zum Ende der einzelnen Kapitel findet sich jeweils ein kurzes Resümee.
Mein Fazit: Das Buch hat zurecht seine Wiederauflage bekommen, es war wichtig und bleibt wichtig. Und dies sowohl im Hinblick auf sein Thema an sich als auch im Hinblick auf seinen Anregungsreichtum für Theorie und Praxis systemischer Therapie, sowie deren eigener Aufgabe, sich gegenüber empirischer Forschung als ernstzunehmendes Gegenüber zu profilieren – über die bislang dominierende Wirkungsforschung hinaus.

Literatur:

Kriz J (1981) Methodenkritik empirischer Sozialforschung. Eine Problemanalyse sozialwissenschaftlicher Forschungspraxis. Teubner, Stuttgart
Norcross JC & BE Wampold (2018) A new therapy for each patient: Evidence-based relationships and responsiveness. J of Clinical Psychology 74(2):1-18; DOI: 10.1002/jclp.22678
Reddemann L (2019) Über Mitgefühl – ein common factor in der Psychotherapie traumatisierter Menschen? Systeme 33(1): 6-23
Wolfgang Loth (Niederzissen)

(1) Kriz (1981) bleibt dabei ein zuverlässiger und blickschärfender Begleiter

(mit freundlicher Genehmigung aus systeme 1/2019)

Eine weitere Rezension von Carsten Rensinghoff bei social.net

Sigrun-Heide Filipp & Peter Aymanns (2018): Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. Stuttgart (Kohlhammer)

2., aktualisierte Auflage, 472 S.
ISBN: 978-3-17-032921-8
Preis: 34,99 €

Verlagsinformation:

Kritische Lebensereignisse gehören zum Erfahrungshorizont fast aller Menschen. Es gilt zu präzisieren, was Ereignisse als kritisch ausweist und welchen Platz sie jeweils im Leben (und auch in Lebenserinnerungen) einnehmen. Nicht selten führen solche Ereignisse zu tiefgreifenden Erschütterungen des Selbst- und Weltbildes, sie erzeugen Chaos im Kopf und drohen die Betroffenen in eine tiefe emotionale Krise zu stürzen. Inwieweit die Betroffenen daraus gestärkt hervorgehen oder in ihrer Handlungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt sind, hängt wesentlich von ihrem Bewältigungsverhalten ab. Dieses wird umfassend – als mentales wie auch als sozial interaktives Geschehen – beleuchtet. Abschließend wird illustriert, wie Hilfe im Umfeld kritischer Ereignisse (v. a. Krisenintervention) gestaltet sein kann. Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen zusammengefasst in einem Kommentar zur 2. Auflage.

Über die AutorInnen:

Prof. Dr. Sigrun-Heide Filipp und Dr. Peter Aymanns waren bis 2008 resp. 2015 im Fach Psychologie an der Universität Trier in der Lehre tätig.

Print Friendly, PDF & Email

7 Kommentare

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zur Werkzeugleiste springen