
Heute feiert Filip Caby seinen 70. Geburtstag und systemagazin gratuliert von Herzen. Im systemischen Feld ist er vor allem als Vorsitzender der DGSF von 2019 bis 2022 bekannt geworden, nachdem er schon zuvor sechs Jahre im Vorstand des Verbandes tätig war.
Filip Caby kam in Belgien zur Welt und absolvierte an den Universitäten Kortrijk und Leuven seine medizinische Ausbildung. Seine weitere klinische Laufbahn führte ihn nach Deutschland, wo er an den Westfälischen Kliniken in Marl und Dortmund als Assistenzarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig war. 1987 erhielt er seine Facharztanerkennung, 1989 die Zusatzbezeichnung Psychotherapie.
Ein wichtiger Wendepunkt in seiner beruflichen Entwicklung stellte Anfang der 1990er Jahre seine familientherapeutische Weiterbildung dar, die richtungsweisend für sein gesamtes weiteres Schaffen war. Er wurde er Oberarzt und stellvertretender Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. In dieser Zeit lernte ich ihn bei einem Seminar am Institut für Systemische Studien in Hamburg kennen.
Ab 1993 gestaltete Filip Caby den Aufbau einer Fachabteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Marienkrankenhaus Papenburg-Aschendorf, die er bis zu seinem Ruhestand leitete – ein ganzheitliches Klinikkonzept, das systemische, lösungs- und ressourcenorientierte sowie konstruktivistische Konzepte nicht nur in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen umsetzte, sondern auch in der Kooperation des multiprofessionellen Teams – eine wirkliche Pionierleistung, die ich ein paar Jahre als Supervisor des Leitungsteams begleiten durfte.
Unter seiner Führung entstand eine Vollversorgungsstruktur, die Ambulanz, Tagesklinik, psychotherapeutische Station und spezialisierte Bereiche für schutzbedürftige Kinder und Jugendliche umfasste. Die Abteilung wurde nicht nur ein Ort der Behandlung, sondern ein Testgelände für systemisches Arbeiten als gelebte Praxis: als alltägliche Haltung im Umgang mit Familien und ihren Systemen.
2012 übernahm Filip Caby zusätzlich die Rolle des Ärztlichen Direktors des Marienkrankenhauses – eine Position, die er bis zu seinem Rückzug 2021 nach annähernd 28 Jahren an der Spitze der Fachabteilung innehatte.
Parallel zu seiner Arbeit am Marienkrankenhaus wurde er schnell zu einer zentralen Stimme für systemische Ansätze in der psychiatrischen Fachöffentlichkeit. Über viele Jahre hinweg leitete er den Arbeitskreis Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie.
2013 wählte die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) ihn in ihren Vorstand. In dieser Position wirkte er daran mit, dass Systemische Therapie 2018 als sozialrechtliche Leistung anerkannt wurde.
Ein besonderes Anliegen war ihm die Erweiterung der Kassenzulassung auf Kinder und Jugendliche. Mit Nachdruck setzte sich Caby dafür ein, dass auch junge Menschen von diesem Verfahren profitieren könnten – was 2024 dann schließlich auch vom Gemeinsamen Bundesausschuss so entschieden wurde.
Neben seinen administrativen Funktionen hat sich Caby intensiv als Lehrender für Systemische Therapie und Beratung (DGSF und SG), als Supervisor und als Autor profiliert.
Frühzeitig erkannte Caby, dass systemisches Denken für den Kinderschutz zentral ist. Besonders als Vorsitzender der DGSF engagierte er sich dafür, ein dialogisches und hilfeorientiertes Verständnis von Kinderschutz zu fördern – nicht als Kontrolle und Machtausübung, sondern als partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Familien.
Die unter seiner Mitwirkung entwickelte Broschüre „Systemischer Kinderschutz – Kontexte, Wechselwirkungen und Empfehlungen“ zeigt diesen innovativen Zugang: Sie wirbt für „Leitplanken“ anstelle dogmatischer Vorgaben, für Respekt vor der Autonomie von Eltern und Kindern und für effektive Netzwerkarbeit.
Was seine Arbeit auszeichnet – und dies ist hervorzuheben – ist nicht allein die Vielfalt und Reichweite seiner Tätigkeiten, sondern die erkenntnisleitende Haltung, die darunter liegt. Er betrachtet Familiensysteme nicht abstrakt, sondern beobachtet die konkreten Kontexte, in denen sie sich bewegen: Job, Partnerschaft, Umfeld, finanzielle Belastungen. Kinder gelten in diesem Verständnis als „Botschafter“ ihrer Systeme – ihre Symptome und Verhaltensweisen sind Zeichen der Systeme, denen sie angehören.
Diese Perspektive öffnet den analytischen Blick erheblich. Sie sieht Eltern nicht als Versager, wenn Schwierigkeiten entstehen, sondern würdigt sie als Menschen, die in Kontexten agieren und handeln. Sie interpretiert Verhaltensauffälligkeiten von Kindern nicht primär als Pathologie, sondern als Form der Kommunikation: „Es stimmt etwas nicht in unserem Umfeld, und ich zeige es euch.“
Diese lösungs- und ressourcenorientierte Sicht durchzieht sämtliche Arbeiten Filip Cabys – seine Publikationen, seine Lehrtätigkeit, die Workshops, die er leitet. Seine gelassene und freundlich-zugewandte Art, verbunden mit aufrichtigem Interesse am Gegenüber, die Bereitschaft, kritisch die eigene Arbeit in den Blick zu nehmen, hat vieles in Bewegung gebracht und vielen Menschen, Klienten wie Kollegen, Wege eröffnet und Entwicklungen ermöglicht. Oft ging das an seine gesundheitlichen Grenzen. 70 ist vielleicht ein gutes Alter, auch der Eigenfürsorge etwas mehr Platz einzuräumen.
Lieber Filip,
In den vergangenen Jahren sind wir gute Freunde geworden. An unsere vielfältige Zusammenarbeit und an meine Begegnungen mit dir (und deiner Frau Andrea) auf Tagungen, Versammlungen, schönen Geburtstagsfeiern und anderen Events (nicht zuletzt in Marokko) denke ich immer gerne zurück und freue mich auf zukünftige gemeinsame Erfahrungen.
Zum 70. Geburtstag wünsche ich dir alles Gute – Gesundheit, Vitalität, Zeit zum Genießen, zum Lesen, zum vertieften Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, mit Freunden. Ich freue mich, dich zu kennen und mit Dir im systemischen Feld unterwegs zu sein. Lass es dir gut gehen und pass auf dich auf!