Das Systemische Kaffeehaus der Wiener Lehranstalt für systemische Familientherapie (la:sf) ist eine Veranstaltungsreihe, die sich an systemische Professionelle sowie an die interessierte Öffentlichkeit richtet und die nach Aussage der Veranstalter einen Ort erschließen soll, „wo – gleich einem Kaffeehaus im ,wirklichen Leben‘“’ – Wissenschaft im Zeugungsstadium passieren kann. Es soll ein offener Raum für Lust und Neugierde sein und die Möglichkeit bereitstellen, eigene und ungewöhnliche Ideen, Erfahrungen und Praxiszugänge darzustellen, gemeinsam zu erproben und zu reflektieren.“
Das 53. Kaffeehaus am 20.11.2025 war dem Thema „Geschichten schichten. Systemisches Arbeiten mit Biografien: eine wirkmächtige Kompetenz“ gewidmet. Evelyn Niel-Dolzer, Psychotherapeutin in freier Praxis und Lehrtherapeutin an der Lehranstalt, hat einen schönen Vortrag (den man auch im Video hören kann) mit dem Titel „Erzählend wiederfinden, was verloren gegangen ist“ beigesteuert und dem systemagazin freundlicherweise ihr Manuskript zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Das Lesen lohnt sich!
Evelyn Niel-Dolzer, Wien:
„Das Leben kann einem aus der Tasche fallen, wie eine Glasmurmel beim Hüpfspiel“ (Christine Rinderknecht)
Erzählend wiederfinden, was verloren gegangen ist.
Oder: Die Tragetaschentheorie der Fiktion – ein Vortrag mit anschließendem Gespräch mit der Schweizer Schriftstellerin Christine Rinderknecht
Ich möchte Ihnen in meinem Eröffnungsvortrag noch nichts vom biografischen Erzählen erzählen, sondern vom Geschichten Erzählen. Und zwar mit der Absicht, Ihre Aufmerksamkeit für die Dimension und Tragweite zu gewinnen, die das Erzählen von Geschichten für die Verlebendigung menschlicher Gemeinschaften hat, ja überhaupt eine Bedingung für die Erfahrung ist, als Mensch mit und unter anderen Menschen lebendig zu sein.
Da habe ich es mir mit Ihnen als Zuhörerinnen und Zuhörern natürlich leicht gemacht: Denn es sind ja heute im Wesentlichen psychotherapeutisch ausgebildete oder informierte Menschen anwesend. Und die haben etwas gemeinsam:
Sie alle hören von Berufs wegen gut und gerne zu.
Viele von Ihnen erzählen selbst auch gern (auch ich, natürlich, wie Sie bemerken).
Nicht Wenige in unserer Berufsgruppe schreiben auch gern: Tagebuch, Kurzgeschichten, Gedichte, Romane, Journale und Ähnliches. In literarischen Schreibseminaren stellt die Berufsgruppe der Psychotherapeut:innen den größten Teilnehmer:innenanteil, wie ich recherchieren konnte.
Ausnahmslos alle meine Kolleginnen und Kollegen lesen gern. Und zwar nicht nur Fachliteratur, sondern mit großer Leidenschaft erzählende Literatur – also: Fiktion.
Das ist gar nicht selbstverständlich, und noch viel weniger selbstverständlich ist, dass es in dieser Berufsgruppe diesbezüglich keinen Gender-Unterschied gibt: Auch alle meine männlichen Kollegen interessieren sich für erzählende Literatur.
Das deckt sich nicht mit den Lesegewohnheiten des Gesamtdurchschnitts der Bevölkerung.
Statistiken über die Lesegewohnheiten im deutschsprachigen Raum belegen, dass die überwiegende Mehrheit der Männer – anders als Frauen – ausschließlich Sachbücher liest. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck zitiert im Zusammenhang mit diesem Befund die Begründung eines gefeierten deutschen Talkshow-Masters, der auf die Frage, weshalb er sich denn nicht für fiktionale Literatur interessiere, mit einer Gegenfrage antwortet:
Warum solle er, so der Showmaster, „(…) sich denn auch mit Literatur aufhalten? Nie habe er begriffen, weshalb er sich für erfundene Probleme erfundener Figuren interessieren müsse – was gingen ihn Hänsel und Gretel, Lolita oder Oskar Matzerath an?“ [1]
Ja, warum eigentlich? Warum sollte er …?
Und warum weiß die überwiegende Mehrzahl der Frauen und Männer innerhalb der psychotherapeutischen Berufsgemeinschaft intuitiv, warum sie das tut? Warum dieses große und selbstverständliche Interesse an der Fiktion? An Geschichten schlechthin, am Erzählen von Geschichten, am Zuhören und Lesen von Geschichten, am Erfinden von Geschichten, am Schichten von Geschichten?
Weil wir – das wäre meine Antwort und ich denke, Sie werden heute am Ende dieser Veranstaltung mit vielen Inspirationen für Ihre eigenen Antworten dieses schöne Haus hier verlassen – explizit oder implizit darum wissen, dass „Erfahrung zur Sprache drängt“, wie das der Philosoph und Phänomenologe Bernhard Waldenfels so poetisch ins Wort fasst[2]. Anders gesagt, erlebte Erfahrung möchte für andere sichtbar und hörbar werden. Was wir erfahren und wie wir es erleben „drängt“ zum Ausdruck, zum Mit-Teilen. Erfahrung ist unverzichtbar auf den Austausch mit anderen angewiesen, damit ich sie als „meine Erfahrung“ überhaupt verstehen kann. Dieser Austausch ist die Voraussetzung dafür, nicht nur in einem biologischen Sinn ein Mensch zu sein, sondern auch in einem sozialen Sinn ein Mensch unterMenschen sein zu können. Jeder Säugling kommt deshalb mit der angeborenen Disposition zur Welt, Sprache, die er selbst ja noch nicht spricht, als Sprache zu erkennen und sie nicht etwa für ein Geräusch unter anderen Geräuschen zu halten.
Aber auch hier und jetzt können Sie nachvollziehen, dass und warum Erfahrung zur Sprache drängt. Weil sie selbst nämlich nicht in Sprache stattfindet. Sie wird durchlebt. Während Sie mir jetzt zuhören, durchleben Sie eine Erfahrung, und wenn die für Sie in irgendeiner Weise Bedeutsamkeit hat, werden Sie sich in der Pause, sobald Sie Gelegenheit haben, mit anderen darüber „austauschen“. Ihre Erfahrung wird also „zur Sprache drängen“ (das kann aber natürlich auch ein innerer Austausch, ein innerer Dialog sein).
Was Sie jetzt gerade durchleben, beschäftigt Sie, und in Pausengesprächen werden Sie sich erzählend aneignen, in welche Erfahrung Sie hier eben gerade hineingeraten sind. Diese Aneignung im Erzählen bekräftigt nicht nur, was Sie gerade erlebt haben, sondern vor allem auch, dass Sie es sind (und niemand anderer) die oder der genau das erlebt hat.
Indem „Ihre Erfahrung zur Sprache drängt“, kommen Sie zu sich und zu einer kohärenten Erfahrung, die Sie sinnstiftend in Ihr bisher gelebtes Leben einordnen und integrieren können. Aus dem, was passiert und in das Sie hineingeraten, gehen Sie und Ihre Geschichte hervor: Im doppelten Wortsinn von Narrativ wie von Historizität. Ein schönes Wort: Geschicht-lichkeit!
Hineingeboren zu werden in Sprache, die in und durch soziale Erfahrungen und Beziehungen vermittelt wird, bedeutet eben nicht, von anderen eine Sprache zu lernen, sondern von anderen sprechen zu lernen. Und schweigen. Von welchen durchlebten Erfahrungen ich sprechen werden kann und über welche ich schweigen werden muss, hängt von der Gemeinschaft ab, in der ich aufwachse, und ob sie mir Ausdrucksmöglichkeiten vermittelt, mit denen ich eine Erfahrung, die ich durchlebe, als meine Erfahrung richtig deuten und verstehen kann.
In Situationen, in denen „Erfahrung zur Sprache drängt“, aber keine findet, fehlen mir nicht bloß „Worte“. Es fehlt mir an gemeinschaftlich geteilten „Deutungsmitteln“, die ich benötige, um zu verstehen, was passiert ist – und zwar mir. Und somit fehlt es mir an Möglichkeiten, mich eigenmächtig zu dem, was ich durchlebe zu verhalten und in das, was passiert, handelnd einzugreifen. Ich weiß buchstäblich nicht, „wie mir geschieht“. Sozialen Erfahrungen, die ich durchlebe, ohne sie adäquat verstehen zu können, bleibe ich passiv ausgeliefert. Ich verstumme. Und mit „verstummen“ ist nun ein zersetzend wirkender Prozess in der Kohärenz meines Selbsterlebens bezeichnet, keine momenthafte Sprachlosigkeit.
Silencing[3], ein Begriff, der sich schwer ins Deutsche übertragen lässt, bezeichnet also Prozesse, in denen soziale Gemeinschaften für bestimmte Erfahrungen ihrer Mitglieder keine Deutungsmittel bereitstellen und diese „ihre Geschichte“ nicht erzählen werden können und in aller Regel beginnen, selbst an der Glaubwürdigkeit ihrer Wahrnehmung zu zweifeln.
Die britische Philosophin Miranda Fricker hat diese sozialen Vorgänge mit dem Begriff der „epistemischen Ungerechtigkeit“ präzise und treffend in Sprache gebracht:
Epistemische Ungerechtigkeit findet dann statt, „(…) wenn marginalisierte Gruppen nicht im Besitz der nötigen Deutungsmittel sind – wie z.B. der Begriffe der sexuellen Belästigung oder des Stalkings – um ihre besondere Erfahrung überhaupt als Ungerechtigkeit einordnen zu können.“[4]
„Ich behaupte“, so die Philosophin Miranda Fricker weiter, „dass der primäre Schaden, den man erleidet, wenn man auf diese Weise verletzt wird (also durch Mangel adäquater Deutungsmittel für soziale Erfahrungen; A.d.A), eine intrinsische Ungerechtigkeit ist. Offensichtlich kann sich dieser Schaden mehr oder weniger stark auf die Psyche eines Menschen auswirken. Reicht er tief, so beeinträchtigt er möglicherweise die Selbstentfaltung der betroffenen Person dahingehend, dass diese im wahrsten Sinne des Wortes daran gehindert wird, zu werden wer sie ist.“[5]
Das ist eine starke Aussage! Sie verknüpft die Verfügbarkeit von „Geschichten“, die wir über das von uns Durchlebte erzählen können, mit der Entfaltung authentischen Selbst-Erlebens.
Damit kontrastiert sie zum Diskurs bezüglich „Erzählung“ und „Fiktion“, wie er in der Gründungszeit der Systemischen Familientherapie in den 1980er Jahren geführt wurde. Eine konstruktivistische Theorie konnte die Wechselwirkungzwischen „Erleben und Erzählen“ nicht in den Blick nehmen und räumte der Erfindung glücklicher Selbsterzählungen eine Veränderungsmächtigkeit über die eigene Vergangenheit ein, die die Fiktion nicht einlösen kann.
„Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben“[6], lautete damals die euphorische Formel, und konstruierte eine Erzähler:in, der als „Autor:in ihrer Geschichte“ die Verantwortung für eine „glückliche“ oder „unglückliche Identität“ allein überlassen wird: In der Wahl der Geschichte, die sie sich erfindet.
Mehr als fünfzig Jahre sind seither vergangen und die Einflüsse der Narrativen Therapie und einer phänomenologisch fundierten Theoriebildung innerhalb des Systemischen Paradigmas lassen uns heute die wechselseitige Durchdringung von „durchlebter Erfahrung“ und „erzählter Geschichte“ differenzierter in den Blick nehmen: nicht von Biografie als Fiktion ist hier die Rede, sondern von der sozialen Verwobenheit meiner Geschichte mit allen erzählten Geschichten. Und mit den Unerzählten, den „verstummten Geschichten“.
Ich denke, deshalb lesen wir Psychotherapeut:innen so gerne „Fiktion“: Weil wir intuitiv wissen, dass Romane nicht bloß von „Erfundenem“ handeln, sondern benötigte Narrative für das Verstehen menschlicher Erfahrungen bereitstellen – eindrücklicher, nachhaltiger, und anschaulicher als das von Fachliteratur erwartet werden kann. Und: Weil wir beim Lesen etwas einüben, was im Praxisraum unverzichtbar ist, nämlich uns vom „Wie“ und nicht nur vom „Was“ der Erzählung ansprechen zu lassen. Beim Lesen von erfundenen Geschichten – unter der Voraussetzung, dass sie von sprachmächtigen Autor:innen erzählt werden – üben wir unmerklich die Sensitivität ein, im „Wie“ des Erzählens un-erhörte Geschichten „herauszuhören“. Denn das Verstummen, kann man hören.
Ich möchte Ihnen an einem Textausschnitt des fiktiven Romans Ein Löffel in der Luft von Christine Rinderknecht zeigen, wie das Verstummen selbst in ein Narrativ gebracht werden kann: Als kollektiv vollzogenes Geschehen, in das – wie in dieser Geschichte – eine ganze Familie hineingerät. Weniger was erzählt wird, sondern vor allem wieerzählt wird, macht eindrucksvoller als jede theoretische Beschreibung das Verstummen hörbar. Als „Zeigegeste“[7]gewissermaßen, die uns wortlos zu verstehen gibt: Hier ist etwas passiert, das mein Fassungs- und Auffassungsvermögen übersteigt. Hilf mir, es zu fassen, damit ich es lassen und in die Vergangenheit ent-lassenkann.
Ich steige ganz zu Beginn des Romans[8] ein, in ein Dorf in der Schweiz der beginnenden 1950er Jahre:
„Mein Bruder Severin war eine Frühgeburt. Sieben Wochen zu früh. Das Fruchtwasser brach und lief meiner Mutter in die Schuhe hinein. Nach Severin kam Philipp. Dann war ich an der Reihe. Nach mir kam Sabine. Vier Kinder, das war genug. Wir wohnten in einem Haus mit einem Garten neben anderen Häusern, die ebenfalls von Gärten umgeben waren. Als ich drei Jahre und vier Monate alt war, wurde Severin von einem Auto überfahren. Es war ein Samstag, so gegen Mittag. Meine Mutter hatte ihn zum Einkaufen geschickt. Als das Telefon klingelte, lief ich meiner Mutter hinterher, die von der Küche ins Wohnzimmer zum Tischchen neben dem grünen Sofa eilte. Ich hörte einen Laut und sah, wie sich ihre Wangen rot verfärbten. Sie wurde immer rot, wenn etwas Unerwartetes geschah. Sie warf den Hörer auf die Gabel, stürzte an mir vorbei und zog den pfauenblauen Mantel an. ‚Passt auf Sabine auf‘. Tür auf und zu. Etwas war geschehen. Ich wußte nicht, was.“ [9]
Von welcher Situation hier erzählt wird, begreife ich als Leserin/Zuhörerin sofort. Wie es erzählt wird, gibt mir entscheidende Hinweise darauf, wie es für diese Ich-Erzählerin war, in dieser Situation eine Erfahrung gemacht zu haben. Mein Eindruck ist: Sie hat gar keine Erfahrung gemacht, eher spricht sie zu mir wie eine Augenzeugin, die nicht betroffen ist, die einen sachlichen Augenzeugenbericht zu einem Ereignis eines Autounfalls mit Todesfolge zu Protokoll gibt. Der Tote ist zufällig ihr Bruder.
Die Distanz der Ich-Erzählerin zur „durchlebten Erfahrung“ erfasse ich zuhörend über meine Resonanz auf die Weisedes Erzählens: Ich bin selbst völlig distanziert zu den Geschehnissen, die mir hier mitgeteilt werden. Sie betreffen mich so wenig wie sie die Ich-Erzählerin treffen, weder ich, noch sie sind „betroffen“, so mein Eindruck. Das liegt nicht nur am Erzählstil: einem mechanisch anmutenden Aufzählen von „Tatsachen“, die so unverbunden aufeinanderfolgen wie die Sätze, in denen sie ausgedrückt werden. Vor allem liegt es am Fehlen jeglicher Eigenschaftswörter, mit denen „üblicherweise“ mit-geteilt wird, welche affektive Tönung ein Ereignis für mich hatte. Eine Erfahrung ohne „Eigenschaften“ ist noch keine eigene Erfahrung. Eine Erzählung ohne affektive Qualitäten, ohne Ausdruck subjektiver Anmutungen, ist noch nicht meine, sondern irgendeine Geschichte, die Irgendjemanden betrifft – nicht mich.
„Ich hörte einen Laut“ – sagt die Ich-Erzählerin. Einen Laut. Ohne Eigenschaften.
Ging er ihr durch Mark und Bein? Jeder von uns hätte in diesem Raum „einen Laut“ gehört, aber welchen hat dieses Mädchen gehört? Welcher „Laut der Mutter“ ist unauslöschlich in ihrem Gedächtnis aufbewahrt und doch ohne Eigenschaft, den er zu dem Laut machen würde, den sie gehört hat? Eine Erinnerung ohne Erinnernde, eine Erfahrung ohne Eigenschaft: ein irrlichternder Laut, mit dem etwas zu geschehen hat, damit er an seine Zeit und seinen Ort zurückfindet. Herta Schindler wird darauf – nämlich auf das autobiografische Gedächtnis, das hier angesprochen ist – später zurückkommen.
Noch einmal zurück zum Roman. Ich überspringe einige Zeilen und setze auf der nächsten Seite fort. Während die Ich-Erzählerin auf die Rückkehr der Eltern wartet, verändert sich die Struktur ihrer Wahrnehmung:
„Das Sonnenfenster kroch über die roten Steinplatten. Im Licht wurden die Rottöne lebendig, helles und dunkles Rot flossen ineinander, machten Wolken, und winzige schwarze Krümel traten wie Sommersprossen auf der Haut hervor. Die Ränder des Fensters zitterten und bewegten sich hin und her wie in einem stummen Kampf. Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich einzelne Dinge ganz genau sehen und mich später daran erinnern konnte. (…)
In dieser bedrohlichen aber noch völlig unklaren Atmosphäre, in der das Kind wartet und nicht weiß worauf, entfremdet sich ihr die bislang vertraute Welt: Was bisher so selbstverständlich als zusammengehörige Welt wahrgenommen wurde, als vertraute Gesamt–Gestalt, zerfällt in lauter „einzelne Dinge“. Nichts gehört mehr wie von selbst zusammen. Und damit auch sie selbst nicht. Die „einzelnen Dinge“ tun auf unheimliche Weise, was sie nie getan haben: Fenster kriechen, Ränder bewegen sich zitternd, die eigene Haut entfremdet sich ihr. Ein Kampf spielt sich ab – der ersteHinweis für mich als Zuhörende, was dieses Mädchen in diesen Stunden wirklich erlebt hat. Einen Kampf nämlich, obwohl niemand das bezeugen kann. Das könnte ein Anfang sein für die Suche nach ihrer Geschichte und nach dem, womit sie gekämpft hat. Erst wenn sie das weiß, kann sie sicher sein, dass der Kampf vorbei ist. Und dass sie noch lebt.
Ich überspringe wieder einige Zeilen und lese weiter im Roman:
Als die Tür wieder aufging, kamen zwei aufgezogene Puppen herein. Es waren meine Eltern. Sie gingen wie die Figuren im Spielzeugladen und hatten dieselben starren Gesichter. Mein Vater hatte ein schwarzes Einkaufsnetz in der Hand, in dem eine orange Büchse lag. Ohne etwas zu sagen, stellte er die Büchse mit dem Netz auf den lindgrünen Küchentisch mit dem dunkelbraunen Karo. Die Büchse stand schief. Der dunkelblaue Schriftzug, Ovomaltine, sah aus wie ein zusammengeschobener Vorhang. Darunter verschwand die rote Schrift in einer Einbuchtung. (…) Ich hätte gern gewußt, was mit dieser Büchse geschehen war. Ein Auto hatte Sevi überfahren, und auch die Büchse war überfahren worden. Ich fragte mich, ob Sevi auch so verbeult aussah wie diese verbeulte Büchse mit dem verbeulten Blechdeckel.“[10]
Nach fünf Tagen verstirbt der Bruder im Koma.
„Es klingelte. (…) es war mein Vater, er stand mit hängenden Armen auf der Türschwelle und guckte ins Helle, hineingestreutes Licht, mein Vater sah aus wie eine Puppe und sagte mit einer fremden Puppenstimme: ‚Jetzt ist Sevi gestorben.‘
Ich trug meine karierte Spielhose, den gelben Pullover mit dem Lochmuster, meine Tigerpantöffelchen und wollte mir gerade meinen gefüllten Löffel, Hörnli mit Rührei, in den Mund schieben, als die Worte meines Vaters ein Geräusch machten. Der Löffel war zwischen meinem Teller und meinem Mund und blieb in der Luft stehen.“[11]
Und so bleibt es auch.
„Etwas“ bleibt für immer stehen.
Von außen freilich, ist nichts zu sehen. Das Leben geht weiter. Im Roman. Im Leben. Das erfundene Mädchen isst. Sie wächst. Und doch- wer genauer hinsieht, sieht: ihr Mund bleibt aufgerissen und schließt sich nicht mehr. Der Löffel bleibt auf halbem Weg zu ihrem Mund in der Luft stehen, die dringend benötigte Nahrung findet nicht in den Mund des Kindes. Es sind nicht „die Hörnli mit Rührei“, die sie benötigt. Das Mädchen spricht. Durchaus! Über alles Mögliche, nur nicht, worüber nicht gesprochen werden kann.
„Die gravierendste Form der Inkorporation in das Leibgedächtnis stellt das eigentliche Trauma dar (…).“, schreibt Thomas Fuchs[12]. „Als ein Ereignis, das sich nicht aneignen, symbolisieren und in einen Sinnzusammenhang integrieren lässt, lässt das Trauma nur noch den Rückzug in eine Emotionslähmung, eine ‚Totstellreaktion‘ zu. (…) es reißt, wie Bernet formuliert, ein ‚Loch in das symbolische Gewebe, aus dem die Geschichte des Subjekts besteht.‘“[13]
Das Netz für den Einkauf ist beim Unfall des Bruders heil geblieben. In das Netz aber, aus dem die lebendigen Beziehungen der Familienmitglieder gewoben ist, um die Familie zusammenzuhalten, hat der Unfall ein Loch gerissen. Und auch – das vergisst die sprachmächtige Autorin nicht, das Mädchen erzählen zu lassen – in das Beziehungsnetz mit allen anderen: den Nachbarn, Freund:innen, Bekannten und Verwandten. Die aus der Welt gefallenen Familienmitglieder gehören von diesem Tag an einer fremden Welt an. An einer gemeinsamen Welt haben sie nicht mehr teil, sie spielen von nun an stattdessen „als Puppen“ mit.
Reine Fiktion? Ein erfundenes Mädchen, das mich nichts angeht?
Ich – für meinen Teil – schärfe lesend meine Wahrnehmungssensibilität für das Hören verstummter Geschichten in erzählten Geschichten. Auch in meinen.
Christine Rinderknechts meisterinnenhaft und wortmächtig erzählter Roman „Ein Löffel in der Luft“ und die Erzählstimme des „erfundenen Mädchens“ befähigten mich, eine versunkene Erfahrung, die durch ein Loch in meinem biografischen Erinnerungsnetz gefallen war, in meine Geschichte zu integrieren.
Das will ich Ihnen nun anvertrauen:
Das erfundene Mädchen, deren erfundener Bruder in einer erfundenen Familie stirbt, bekommt einige Zeit nach dessen Tod ein erfundenes Asthma. Und zwar obwohl – oder vielleicht auch weil – es seit dem Tod des Bruders unausgesprochen verboten ist, krank zu werden. Es durfte ja ab sofort niemand mehr sterben. Der Zeitstillstand seit dem Tod des Familienmitglieds leistete dafür ebenfalls gute Dienste. Aber trotz – oder wegen – dieser Todesbannung in der Familie liegt da die ganze Zeit ein Schatten auf allem und auf allen und dann irgendwann auch auf der Lunge des erfundenen Mädchens, deren erfundene Probleme mir natürlich auch egal sein könnten. Sind sie aber nicht. Ich lese also weiter:
„Mit dem Schatten mußte ich tagsüber auf dem grünen Sofa liegen neben dem Tischchen mit dem Radioapparat. Im Frühling durfte ich in eine Wolldecke gewickelt in den Liegestuhl auf die Terrasse. Mit dem Schatten war es verboten, draußen herumzugehen, auf keinen Fall rennen, das war gefährlich, vom Rennen konnte man tot umfallen. Wenn mir vom ewigen Liegen langweilig wurde, kroch ich leise unter der Wolldecke hervor und spazierte auf Zehenspitzen im Garten herum. Ich setzte mich unter den Apfelbaum und sah den Wolken beim Fahren zu. Ich vergaß, daß es verboten war, streng verboten, sich auf den Boden zu setzen. Ich rannte durch den Garten zum Liegestuhl. Ich hatte vergessen, daß ich nicht rennen durfte. Ich legte mich unter die Wolldecke und war fast sicher, daß ich tot war, gestorben beim Rennen oder beim Am-Boden-Sitzen. Ich war gestorben und hatte es gar nicht bemerkt. Ich war ein Engel und flog zusammen mit Sevi im Himmel herum, und gleichzeitig lag ich unter der Wolldecke im Liegestuhl.[14]
Und jetzt horchen Sie bitte auf den nächsten Satz im Roman:
Das Leben kann einem aus der Tasche fallen, wie eine Glasmurmel beim Hüpfspiel.“[15]
Dieser Satz drehte am Schlüssel im Zündschloss meiner Raum-Zeit-Maschine und im Bruchteil einer Sekunde sprang ich von einer erfundenen Geschichte, erzählt von einem erfundenen Mädchen, erzählt von einer ganz und gar nicht erfundenen Schriftstellerin in meine eigene Geschichte:
Ich war fünf Jahre alt, als meine Mutter an einer Krebserkrankung starb, im Jahr 1971. Für ein halbes Jahr kam ich daraufhin in ein Heim, eine für damaliges Dafürhalten pädagogische Einrichtung, aus heutiger Sicht eher eine Strafanstalt für Kleinkinder, über die der Schriftsteller Bodo Kirchhoff aus wiederum seiner eigenen Internatserfahrung in derselben Zeit so trefflich schrieb: Es handelte sich dabei damals um eine Umgebung „(…) die eine geheime Fortsetzung des dritten Reichs genannt werden darf“[16], Orte ungehinderten sexuellen Missbrauchs und „(…) sich nicht den Außenstehenden, sondern nur den Ausgelieferten, Wehrlosen (also den Kindern, A.d.A.) offen zeigenden Ungeist in Form versteckter und nackter Gewalt“[17].
„Das Leben kann einem aus der Tasche fallen wie eine Glasmurmel beim Hüpfspiel.“
Unvermutet erinnerte sich mir beim Lesen dieses Satzes folgende Begebenheit: Eines Montagmorgens, nach einem Wochenende zu Hause, nach dem ich wieder für eine weitere Woche von meinem Vater an diesem Unort abgeliefert wurde, schenkte er mir beim Abschied ein Sackerl „Sportgummi“. Die Zuckerl waren ein hilfloser Bestechungsversuch, um mich dazu zu bewegen, meinen Widerstand gegen das Abgeliefertwerden aufzugeben. Natürlich gab ich auf. Und verwahrte die Sportgummis danach in der Tasche meines Kittels, den zu tragen zur Anstaltsregel gehörte. Niemalshätte ich sie gegessen! Denn sie blieben – bis ich meinen Vater wiedersehen würde – meine einzige Verbindung zu einer Welt, die für mich bis Samstag Früh aufhören würde zu existieren (und bis dahin würde es auch mich nicht geben). In dieser Woche aber, klammerte ich mich an die vom Vater mitgegebene Gabe in der Kitteltasche, um mich zu vergewissern, dass die Welt nicht für immer verschwunden ist. Sobald ich die raschelnde Packung berührte, konnte ich zaubern, dass ich nicht selbst verschwinde. Ich berührte sie sehr oft.
Das unheimliche Heim grenzte an das Gänsehäufel, in das wir Kindergartenkinder bei Schönwetter routinemäßig verbracht wurden, damit wir uns bewegten. Bewegen half – zugegebenermaßen – auch, um nicht zu verschwinden. Mit den Sportgummis in der Kitteltasche begann ich, auf der Wiese Räder zu schlagen. Das konnte ich hervorragend und stundenlang, denn dabei spürte ich, dass ich noch am Leben war. Aber – Sie ahnen es bereits! – das Zuckerlsackerl folgte anders als ich beim Räderschlagen dem Gesetz der Schwerkraft. Während ich räderschlagend himmelwärts flog, fielen die Sportgummis aus meiner Tasche und von mir unbemerkt zu Boden. Das fiel mir erst auf, als ich selbst wieder auf dem Boden gelandet war und entdeckte, dass es in meiner Tasche nicht mehr raschelte, während ich gleichzeitig sah, dass eine der Erzieherinnen (die von uns allen am meisten gefürchtete) genüsslich Sportgummis – schön langsam und damit es meinem Blick auf keinen Fall entgehen konnte – Stück für Stück, eines nach dem anderen, in ihren Mund steckte.
Es waren MEINE.
Ich stellte mich vor sie hin – auf Augenhöhe, denn sie saß im Schneidersitz auf der Wiese – und sagte: „Das sind meine. Sie sind mir aus der Tasche gefallen.“
Sie sah mir direkt in die Augen und ich spürte in ihrem gesamten Ausdruck, in ihrem Blick und in ihren Worten, die nun folgten, etwas, wofür ich erst sehr viele Jahre später ein Wort finden würde, denn damals fehlte es mir an Deutungsmitteln für diese Erfahrung: Sadismus.
Aber gespürt habe ich ihn. Und er blieb – ohne Worte – in meinem Leibgedächtnis.
Sie grinste mich an, die Erzieherin – voll Häme, aber auch dieses Wort kannte ich damals nicht, sondern spürte nur die Scham, die in diesem Moment meine Haut verbrannte. Sie grinste mir direkt ins Gesicht und sagte nur einen einzigen Satz: „Kannst du das beweisen?“
Hätte mich dieser Satz nicht bereits ausgelöscht gehabt, wäre ich in diesem Moment an meiner Scham verbrannt, während die Erzieherin, ohne mich aus dem Blick zu lassen, genüsslich weiter mein Leben auffraß, das mir aus der Tasche gefallen war. Drops für Drops fraß sie meine Welt auf, an die ich mich seit Montag Früh geklammert hatte. Stück für Stück, genüsslich und schamlos, steckte sie sich ein Zuckerl nach dem anderen zwischen ihre gebleckten Zähne und ließ es hinter ihnen verschwinden.
Rot.
Gelb.
Grün.
Violett.
Orange.
Farben ohne Eigenschaften.
Ich hatte damals keine Deutungsmittel, um die Gewalt und den Sadismus, denen ich hier ausgesetzt war, zu begreifen, oder besser gesagt, um sie als Gewalt und als Sadismus zu begreifen. Jeder Zelle meines kleinen Körpers war klar: Es sind nicht die Sportgummis, die dieser Frau schmecken, sondern meine Ohnmacht, die sie als ihreuneingeschränkte Allmacht auskostet. Jede Faser meines Leibes wusste das. Aber: Ich konnte es nicht beweisen.
Die erste Gelegenheit, diese soziale Erfahrung richtig zu interpretieren, ergriff ich in der Volksschule als ich lesen gelernt hatte. Es waren Christine Nöstlingers Buch Wir pfeifen auf den Gurkenkönig und Mira Lobes Das kleine Ich bin Ich, beide übrigens im Jahr 1972 erschienen, die mich auf die richtige Spur brachten, mein verlorengegangenes Vertrauen in die Glaubwürdigkeit meiner Wahrnehmung zurückzugewinnen. 1972: In den gesellschaftlichen Narrativen waren Kinderrechte noch nicht angekommen. In den Büchern und „erfundenen Geschichten“, die bereits verfügbar waren, allerdings schon. „Lesen hat mir das Leben gerettet. Oft.“, schreibt Denis Scheck[18]. „Lesen heißt genau wie Singen oder Tanzen unsere Todesangst bannen. Literatur lesen schärft unseren Blick für die Nacktheit der Kaiser in neuen Kleidern.“[19]
Ich stimme dem zu.
Fiktion hat mein Vertrauen in die Glaubwürdigkeit meiner Wahrnehmung gestärkt, indem sie mir Deutungsmittel anlieferte, meine eigenen verstummten Erfahrungen zu verstehen. Fiktion hat meine im Heim in Apathie versunkene Neugier darauf, was zwischen Menschen so vor sich geht, wieder zu Leben erweckt. – Naja, Sie sehen es ja: Heute bin ich Psychotherapeutin, forsche im Bereich der Konversationsanalyse (die erforscht, „was zwischen Menschen so vor sich geht, während sie ‚bloß reden‘“) und bemühe mich darum, jene Kompetenz des Zuhörens zu vermitteln, mit der verstummte Geschichten hörbar werden.
Freilich, das war ein langer Weg und was im unheimlichen Heim passiert ist, mir, brannte noch viele Jahre unerzählbar und wortlos unter meiner Haut. Mit weitreichenden Folgen, wie Sie als erfahrene Zuhörer:innen natürlich wissen. Ich jedenfalls habe, nachdem mir im Gänsehäufel das Leben aus der Tasche gefallen war, für lange Zeit zu niemandem(!) mehr über irgendetwas gesprochen, das ich nicht auch beweisen kann. Und Ihnen allen ist die Tragweite, die ein solcher Entschluss für ein Kind hat, natürlich bekannt: Es fällt aus der Welt. Denn die miteinander geteilte soziale Welt ist nicht die Welt beweisbarer Fakten, sondern ein Netz aus Erzählungen und Geschichten, verbundenen Geschichten, in denen wir uns beheimaten können. Oder eben nicht. Sich beheimaten ist keine territoriale, sondern eine soziale Erfahrung. Und dieses Beheimatet-Sein, dieses „(…) [i]n-der-Welt-Sein bedeutet primär auch ein ‚Nicht-aus-der-Welt-fallen-Können‘“, wie Thomas Fuchs das so trefflich ins Wort fasst.[20]
„Literatur“, schreibt Denis Scheck, „war für mich immer so etwas wie eine in einen Kuchen eingebackene Feile.“[21] – Also ein Ausbruchswerkzeug aus Gefängnissen aller Art und aus dominanten Parolen und Erzählungen. „Genau deshalb“, fügt Scheck so überzeugend hinzu, „ist Lesen, ist Literatur, totalitären Machthabern immer ein Dorn im Auge und steht bis heute unter politischem Verdacht.“[22]
Meine eigene Geschichte, soweit ich sie bislang erzählen kann, bezeugt nicht, „dass es nie zu spät ist, eine glückliche Kindheit zu haben“. Mir ist das Leben mit fünf Jahren aus der Tasche gefallen, wie eine Glasmurmel beim Hüpfspiel. Jemand hat es gefunden und aufgefressen, anstatt es mir zurückzugeben. Das ist die wahre Geschichte.
Die Vergangenheit lässt sich nicht reparieren – das hat die deutsche Kulturhistorikerin Aleida Assmann im Februar auf der von Herta Schindlers Institut veranstalteten Biografie-Tagung in Kassel für den gesellschaftlichen Kontext in einem brillanten Vortrag veranschaulicht. Und das gilt natürlich auch für den biografischen Kontext.
Die gute Nachricht: es sind nicht Reparaturen, die not-wendig sind. Not-wendig ist vielmehr, soziale Praktiken des kollektiven und individuellen Erinnerns zu pflegen. Die Ver-GEGENWÄRTIGUNG von Vergangenheit, nicht ihre Reparatur, ist notwendig, damit sie uns nicht unausweichlich in der Zukunft entgegenkommt. Notwendig ist, mit den Worten von Miranda Fricker, dass Barrieren beseitigt werden, die jemanden daran hindern, „(…) eine Erfahrung zu deuten, deren Erschließung in seinem ureigenen Interesse liegt.“[23]
Vielleicht haben Sie Lust, sich nach diesem Tag den TED-Talk der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie anzuhören. Ein brillanter Vortrag mit dem denkwürdigen Titel „The Danger of a Single Story“[24]:
Aufgewachsen mit Geschichten, die ausschließlich von weißen Schriftstellern aus England und den USA „erfunden“ worden waren, schrieb die früh talentierte Schriftstellerin bereits als Kind ihre ersten Geschichten, in denen – wie sie erzählt – alle ihre erfundenen Figuren Weiße waren, obwohl sie noch nie in ihrem Leben einen gesehen hatte; ihre erfundenen Bäume waren Apfelbäume, obwohl sie nur Mangobäume kannte; ihre erfundenen Protagonist:innen tauschten sich in ihren Geschichten kenntnisreich über das wechselhafte Wetter aus, obwohl ihr selbst so etwas wie wechselhaftes Wetter an dem Ort, an dem sie lebte, noch nie untergekommen war. – Aber das Wichtigste dabei: Es fiel ihr und den Menschen rund um sie die längste Zeit gar nicht auf, dass sie „die Geschichten der anderen erzählte“. Nicht ihre.
Um Barrieren zu beseitigen, die jemanden daran hindern, „(…) eine Erfahrung zu deuten, deren Erschließung in seinem ureigenen Interesse liegt“[25], braucht es also Zugang zu Geschichten aller Erzähler:innen und natürlich: Lesekompetenz, denn die „Deutungsmittel“ stehen nicht im Buch, sondern erschließen sich der Leser:in nur im kreativen, eigenmächtigen Gespräch zwischen ihr und dem Text.
Wer sich diese Fähigkeiten einmal angeeignet hat, weiß sehr genau, was sie etwa Hänsel und Gretel, Lolita und Oskar Matzerath angehen und auch, warum ihn deren erfundene Probleme etwas angehen und dass sie durchaus auch einen Showmaster interessieren könnten, weil sie auch ihn betreffen.
Um Barrieren zu beseitigen, braucht es Zugang zur Vielfalt und zum Reichtum unterschiedlicher Erzähltraditionen.
Wer etwa nur den dem höfischen Minnegesang entsprungenen abendländischen Mythos von der „wahren Liebe“ kennt [26] und nicht die orientalischen, afrikanischen, australischen und asiatischen Mythen und Narrative zur „wahren Liebe“, bleibt unnötig eingeschränkt in seinen Glaubensgewissheiten „in Sachen Liebe“. Über den eigenen kulturellen Tellerrand hinaus zu lesen, ist keinesfalls nur ein literarischer Genuss, sondern erweitert auch in der Paartherapie den Horizont verfügbarer Deutungsmittel.
Und wer nur mit der patriarchalen europäischen Erzähltradition der Heldendichtung vertraut ist, kann die Schöpfungsgeschichte der Welt bloß als Geschichte erbarmungslosen Kämpfens, Tötens und Siegens erzählen. Es lohnt sich sehr zu bedenken, dass Heldengeschichten nicht alternativlos sind: The danger of a patriarchal story.
Die amerikanische Science-Fiction Autorin Ursula Le Guin hat eine feministische Theorie zur Fiktion aufgestellt: The Carrier Bag Theory of Fiction, zu Deutsch, Die Tragetaschentheorie der Fiktion[27], in der sie scharfsinnig argumentiert, warum der Roman eine genuin unheldenhafte Art der Erzählung ist. Le Guin wirft die Waffe als Insignie patriarchaler Erzähltraditionen über Bord und tauscht sie gegen die Metapher der Tragetasche aus:
Der erste Gegenstand in der evolutionären Entwicklung der Hominoid:innen, so argumentiert sie geistreich, der von Hand gefertigt wurde, war mit Sicherheit weder ein Messer noch ein Speer noch irgendeine andere Waffe. Das erste kulturelle Gerät war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Behälter.
Um im Leben nämlich gut genährt zu bleiben, wurde gemeinschaftlich gesammelt: Beeren, Samen, Sprossen, Pilze, Körner, Nüsse usw. Was die Menschen dafür brauchten, waren keine Waffen, sondern Behältnisse, „Tragetaschen“, um alles nach Hause zu bringen und dort auch die zu nähren, die noch nicht oder nicht mehr mitsammeln konnten. Möglicherweise erschienen die Geschichten über die tragenden Sammler:innen aber den tötenden Mammutjäger:innen irgendwann zu unheldenhaft, um sie ebenfalls auf den Höhlenwänden zu erzählen.
„Der Roman“, so schreibt Le Guin, „ist eine fundamental unheldenhafte Art der Erzählung. (…) Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die ursprüngliche, richtige und passende Form des Romans möglicherweise ein Sack, eine Tasche ist. Ein Buch hält Wörter. Wörter halten Dinge. Sie tragen Bedeutungen. Ein Roman ist ein Medizinbündel, das Dinge in einer bestimmten machtvollen Beziehung untereinander und zu uns hält.“[28]
Fiktion – im Sinne Le Guins Tragetaschentheorie – ist also ein Narrativ, das mit der Metapher des Netzes am besten ausgedrückt werden kann: In ihm wird etwas aufgehoben, bewahrt und kann darin getragen werden.
Aber kein Ding ist dieses Netz! Sondern ein Geflecht von Relationen, von miteinander und ineinander verflochtenen Geschichten, die in ihrer Verwobenheit alle Geschichten tragen, indem sie selbst dieses Netz sind – und nicht dessen Inhalt: Eine sich selbst tragende Tragetasche. Eine Matrix, also, in der sich alle Erzählungen ihrer wechselseitig aufeinander angewiesenen Genese und Existenz bewusst sind. Und deren Erzähler:innen auch.
Es ist im Übrigen kein Zufall, dass das lateinische Wort Matrix (von mater) Gebärmutter bedeutet und uns somit an das erste „Behältnis“ erinnert, in dem wir alle überall auf der ganzen Welt als Mensch die Geschichte unserer Verwobenheit in die Geschichte und Geschichten der Welt beginnen.
Fiktion, Science-Fiction, erfundene Geschichten von Hänsel und Gretel oder wem auch immer sind ein realer Teil dieser Matrix. Darauf will Le Guin mit ihrer Tragetaschentheorie der Fiktion hinaus. Fiktion ist, schreibt sie, „wie alle ernsthafte, aber seltsame Literatur, ein Versuch, zu beschreiben, was tatsächlich vor sich geht.“[29]
Es geht also darum – und damit möchte ich schließen – die eigene Geschichte tragen zu können.
Das klingt in meinen Ohren nach einem realistischen Anliegen sowohl der Literatur als auch der Biografiearbeit. Und es ist ein realistisches Anliegen unserer Klient:innen. Und auch ihrer Therapeut:innen.
Die Tragetasche der Fiktion: Eine Matrix in der sich die eigene Geschichte finden lässt. Und die der anderen.
„Das Leben kann einem aus der Tasche fallen wie eine Glasmurmel beim Hüpfspiel.“ Und es kann in der Tragetascheder Fiktion vor dem Verlorengehen bewahrt und aufgehoben werden. Bis es uns eines Tages, im gemeinsamen Geschichtenschichten wieder in die Hände rollt, beginnend mit einem leisen Glasgemurmel, das lauter wird und sich in die hörbare Stimme einer Erzählerin, eines Erzählers verwandelt, die ihre, der seine, Geschichte erzählt.
Ich danke Ihnen sehr für Ihr Zuhören!
Evelyn Niel-Dolzer im Gespräch mit der Schweizer Schriftstellerin und Dramaturgin Christine Rinderknecht
EVELYN NIEL-DOLZER: Erinnerst du dich noch, wann wir das erste Mal miteinander Kontakt aufgenommen haben?
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ich weiß, es war letztes Jahr. Kurz vor Jahresende, glaube ich.
EVELYN NIEL-DOLZER: Ja stimmt! Ich dachte, es ist mindestens schon zwei Jahre her, dann habe ich aber in meinen Mails nachgeschaut, und gesehen: es war am 30. Dezember 2024. Ich fuhr ja dann im Februar nach Kassel auf die Biografie Tagung des SY:IM-Instituts, und da hatte ich deinen Roman Ein Löffel in der Luft bereits in der Tasche. Ich hatte am 30. Dezember einfach beherzt – und aufgewühlt von deinem Roman – an dich geschrieben. Ich wusste da bereits, mit diesem Roman – der so zufällig zu mir gekommen ist, wie du jetzt zu uns nach Wien kommen konntest – muss ich etwas machen: Er bewegt mich nicht nur als Roman, wie man gehört hat. Ich schrieb dir also und du hast so prompt und freundlich zurückgeschrieben! Seit dieser Zeit sind wir uns, ja, irgendwie vertraut, obwohl „wirklich“ gesehen haben wir uns erst vor zwei Tagen im Café Sperl. Aber was heißt schon „wirklich“!
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ja. Das war wie ein Wunder. Ich habe damals im Dezember 24 gedacht, wie komme ich an diese Mail von Wien? Und ich dachte: Was ist das? Ich habe dieses Buch vor fünfundzwanzig Jahren geschrieben. Das Buch ist – ja – ewig vergriffen. Eigentlich tot. Und plötzlich kommt da so eine Lebendigkeit aus Wien, mit einer Frage und einem ganz neuen Fokus für mich und das war eine Art oder ist immer noch eine Art Wunder. Danke für dieses Wunder!
EVELYN NIEL-DOLZER: Oh, das ist schön, was du da sagst! Ich stelle dich jetzt einmal vor: Du hast Germanistik, Romanistik und Literaturkritik studiert, und zwar in Zürich, Paris und Berlin. Du arbeitest als Schriftstellerin aber nicht nur, sondern auch als Dramaturgin am Theater und realisierst seit Ende der 1980er Jahre eigene Theaterprojekte. Und zwar weltweit, habe ich recherchiert. Das erwähne ich in Bezug auf die Bedeutung von Interkulturalität von Kunst und Literatur. Auch in Indien!
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ja.
EVELYN NIEL-DOLZER: Und in Indien hat auch einmal ein Zufall eine Rolle gespielt, hast du mir im Café Sperl erzählt. Möchtest du das hier noch einmal erzählen?
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ja gut! Also es gibt ein Theaterstück von mir, das heißt Shubunkin – Der Fisch im Mond[30] Das ist eigentlich ein Stück für Kinder, basierend auf einer Kurzgeschichte, die ich geschrieben habe. Und seit ein paar Jahren arbeite ich auch in Indien. Immer im Januar und Februar geben wir Workshops und machen kleine Produktionen mit Kindern in Südindien mit einer bestimmten Organisation, CEDAR INDIA. Und ich habe dann gedacht, dieses Stück Shubunkin, oder diese Geschichte, sollte unbedingt nach Indien kommen. Aber ich wusste nicht, wie ich das machen sollte. Und dann habe ich einmal bei einer Reise meine amerikanische Freundin gefragt, ob sie diese Geschichte auf Englisch übersetzen könnte und dann hat sie das gemacht – sehr schnell. Und dann hatte ich diese Geschichte dabei und habe gedacht, vielleicht passiert irgendwas auf dieser Reise, ich weiß es nicht … Dann waren wir in Pondicherry[31] (?) in einem kleinen Hotel, so einem schönen kleinen Hotel, und dann war da der Hotelmanager, ein lustiger Mann und wir haben mit ihm dann so gesprochen und er hat mich gefragt „Was machst du?“. Und ich habe gesagt, ich schreibe. Ich bin Schriftstellerin. Da sagt er: „Ah! Ich bin auch Schriftsteller!“ Dann hat er mir ein paar Bücher gezeigt – er hatte wirklich einige Bücher geschrieben. Auch Übersetzungen und Kurzgeschichten auf Englisch. Und ich habe gesagt: „Du, ich habe auch eine Geschichte auf Englisch, lies sie doch mal.“ Dann hat er sie gelesen und gesagt: „Eine wunderbare Geschichte! Die werde ich auf Tamil übersetzen.“ – Das hat jetzt zwei Jahre gedauert, aber ich habe jetzt diese Übersetzung und wir werden diese Geschichte im Januar/Februar in Madurai in Tamil Nadu[32] mit Kindern realisieren.
EVELYN NIEL-DOLZER: Jetzt hast du mir ein Stichwort geliefert und ich spiele auf etwas an, was wir nachher noch aufgreifen, nämlich deinen Roman Sieben Jahre mit dem Japaner[33]: Also in Indien warst du mit Gewissheit. Möglicherweise warst du auch in Japan, aber ich bin nicht ganz sicher, ob es so ist. Und das soll ja auch so sein: Vielleicht kommen wir auf diesen Aspekt autofiktionalen Schreibens, nämlich auf die Frage, wer ist das denn nun, die diese Geschichte erzählt, zu sprechen. Darauf würde ich später gern mit dir im Gespräch zurückkommen, weil uns das sehr mit dem verbindet, was uns heute hier im Systemischen Kaffeehaus beschäftigt.
Aber vielleicht nochmal zurück zu dir: Ein Löffel in der Luft[34] war dein erster Roman. Es gab davor schon einen Erzählband, es sind drei weitere Romane von dir erschienen und viele Kurzgeschichten, Texte und Veröffentlichen in unterschiedlichen Medien. Du schreibst auch Haikus, habe ich gehört. Und eben, wie du erzählt hast, viele Theaterstücke und Aufführungen.
Ich war natürlich auf deiner Website und habe dort einen Satz gefunden, bei dem ich dachte: Es ist unglaublich, wie viele Schnittstellen es zwischen diesem Satz, der die Besucherinnen und Besucher auf deiner Website willkommen heißt, und dem Thema unserer heutigen Veranstaltung, nämlich Biografie und Geschichten schichten, gibt. Da steht nämlich:
„Daraus nährt sich meine Lust am Schreiben: Erinnern – Suchen – Fragen – Finden – Erfinden“[35]
Ich fand das ganz unglaublich, als ich das las, und ich dachte auch, das sind – jeder für sich – komplexe Prozesse und es ist zum einen gut, dass man sie so einzeln benennen kann, aber man kann den einen nicht losgelöst vom anderen sehen. Ich denke, das wird sich auch in unserem Gespräch so entwickeln und zeigen. Ich denke, man könnte mit diesen Begriffen ebenso gut ganz elementare Prozesse in der Psychotherapie und in der Biografiearbeit bezeichnen, wenn auch in allen diesen Professionen die Kunstfertigkeit dabei eine andere ist.
Du hast mir im Café Sperl – wir haben da natürlich auch über das Schreiben gesprochen – erzählt, dass deine Schreibprozesse sehr unterschiedlich beginnen. Manchmal tauchen zuerst Bilder auf – also tatsächlich tauchen sie auf, das heißt, es ist nicht so, dass man sie sucht, sondern sie suchen einen auf oder suchen einen vielleicht sogar heim. Durch das Auftauchen von Bildern, so habe ich dich verstanden, ist der Roman Ein Löffel in der Luft ins Fließen gekommen. Andere Schreibprozesse beginnen mit einem Gegenstand, also mit einem ganz konkreten Objekt der Erinnerung, so wie das in deinem Roman Sieben Jahre mit dem Japaner der Fall war, wo ein ganz besonderes Kästchen im Familienbesitz auftaucht und Prozesse des Erinnerns – und ich würde auch sagen des Erinnernwollens – in Fluss bringt. Und wie geht das dann weiter? Wenn’s beim Erinnern anfängt, das gar nicht so willentlich entschlossen passiert, sondern man eher durch das Finden eines Gegenstandes hineingerät?
CHRISTINE RINDERKNECHT: Für mich ist Erinnern immer sehr stark verbunden mit Imagination. Weil die Erinnerung ist ja auch ungesichert. Wir alle erinnern uns unterschiedlich: Menschen, die dasselbe erlebt haben, erinnern sich nicht an dasselbe und darum sind für mich diese beiden Prozesse, Erinnern und Imaginieren, sehr miteinander verbunden. Also wenn ich anfange mit einer Erinnerung, dann versuche ich auch in diese Erinnerung hineinzugehen und zu imaginieren. Das heißt, das ist dann auch wie ein aktiverer Prozess, dass ich diese Erinnerung mit meiner Imagination gestalte. Beim Zuhören von deinem Vortrag kam mir was wieder in den Sinn: Beim „Löffel“[36] gab’s so eine Phase, wo ich gedacht habe, ich bin jetzt dabei, Knochen zu putzen. Ich putze Knochen … Ich habe die Struktur sehr vereinfacht, sehr verdichtet und ich habe wirklich so versucht, ja: Ich wollte das Knochengerüst dieser Geschichte erforschen. Das war bei dieser Geschichte so. Beim „Japaner“ war’s dann wieder etwas anderes, da habe ich auch zum Teil versucht, das ganz physisch nachzuleben. Also da habe ich zum Beispiel … aber ich greife da vielleicht gerade vor?
EVELYN NIEL-DOLZER: Nein, ich greife das gern auf. Weil, ich habe erst in den letzten Wochen den „Japaner“ – wir einigen uns auf diese Verkürzung des Titels Sieben Jahre mit dem Japaner, einverstanden? – gelesen, in der Zwischenzeit habt auch ihr, Herta und Tina, ihn gelesen und wir waren uns einig: Das war der zweite Zufall – nach dem ersten, der dich gerade in dieser Woche nach Wien geführt hat – nämlich, dass uns dieser Roman genau jetzt in die Hände fällt. Weil es ein Buch ist, das wie geschrieben ist für die Biografiearbeit. Gerade auch wegen des Genres des Buchs, falls ich mir überhaupt erlauben darf, das einzuschätzen. Aber ich sage mal, was ichgelesen habe: Es ist eine Geschichte, eigentlich eine Suche, eine erzählte Recherche … eigentlich … ich versuche es nochmal: Es ist eine Erzählung über das Erzählen. Könnte man das so sagen?
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ja.
EVELYN NIEL-DOLZER: Das ist eigentlich schon das Faszinierende. Also es wird nicht einfach erzählt in diesem Roman, sondern es wird auch mitvermittelt, wie das Erzählen zustande kommt. Und zwar gibt’s hier einerseits dich, Christine Rinderknecht, als die Autorin, die „ganz real“ einen Verwandten hat. Einen Großonkel nämlich, den Bruder der mütterlichen Großmutter. So. Der ist tatsächlich dein Verwandter. Dann gibt es eine Ich-Erzählerin in diesem Roman, die sich auf Spurensuche begibt: ein japanisches Kästchen ist der Beginn. Sie macht sich auf die Suche und erzählt davon – jetzt bin ich schon beim „Fragen – Finden – Erfinden“ – dass das nicht nur ein lustvoller Explorationsprozess ist, das kennen wir aus der Therapie auch, sondern manchmal quält es einen, dieses Suchen-Fragen-Finden-Erfinden, man kommt an Abbruchkanten, Risse und Sprünge und es geht nicht weiter, aber man kann auch nicht damit aufhören. Man gerät buchstäblich in das hinein, was man sich beim Aufbruch in die Suche zum Vorsatz gemacht hat. Was dieses Genre für uns hier so interessant macht: Weder könnte man sagen, dieser Roman ist eine Autobiografie, noch könnte man sagen, er ist reine Fiktion. Die literarische Form selbst ist es, die für mich als Systemikerin und Psychotherapeutin so unglaublich spannend ist, weil in autofiktionalen Erzählungen nicht versucht wird, Eindeutigkeit über die Frage herzustellen: Ist es erfunden oder nicht? Weil das immer ein gradueller Prozess ist, das wird in diesem Roman sehr deutlich. Also, es bist nicht du die Ich-Erzählerin, aber es bist auch nicht gar nicht du: Es gibt für mich als Leserin Hinweise darauf, dass diese Ich-Erzählerin mit dir zu tun hat und das fand ich unglaublich faszinierend. Und es hat mich aber auch in Spannung versetzt und ich hatte oft den drängenden Wunsch nach „eindeutiger Klärung“ dieser Identitäten, nach einer eindeutigen Antwort auf die Frage: Wer ist das jetzt?! Und dass das genau nicht möglich ist, finde ich ungeheuer anregend! Neben vielem anderen in diesem Buch …
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ja, bei diesem Buch war wirklich die große Herausforderung die Form. Wie erzähle ich? Ja, wer bin ich und wie erzähle ich in diesem Buch? Weil da sehr sehr viel Material zu recherchieren war. Sehr viele Themen, die ich recherchiert habe, aber wie mache ich daraus ein Buch, oder wie kann ich daraus eine Art Roman machen? Ich habe eigentlich lange gezögert, ob ich diese Ich-Erzählerin so stark da hineinnehmen soll, und habe aber etwas gemerkt, als ich mich das endlich getraute: Weil dieses Ich ist ja, sobald ich Ich schreibe, nicht mehr ich. Das Ich ist ein anderes Ich, es ist etwas Neues. Und dieses Ich gibt dann die Richtung an. Das Ichgeht eigentlich mit mir durch das Material. Und das war schon auch eine neue Erfahrung für mich als Schriftstellerin, dem zu vertrauen, dass ich auch so schreiben kann, mit diesem ganz klar gesetzten Ich, das aber eine Figur ist. Diese Figur, die ist ein Teil von mir, ja, sie wird von mir geführt auch, oder gefüttert, macht dann aber wieder Sachen, geht einfach ihre eigenen Wege und ich muss eigentlich dieser Figur folgen. Das war dann eigentlich auch die starke Erfahrung, dass ich gemerkt habe, ich muss ihr folgen. Ich kann ihr nicht vorschreiben, was sie machen soll. Oder wie sie gerade etwas tun soll. Und was noch hinzukommt, beim Schreiben spreche ich auch meistens. Das mache ich schon viele Jahre und am Anfang hat mich das überrascht. Plötzlich dachte ich, was ist los? Ich habe gemerkt, ich spreche die ganze Zeit, ich spreche beim Schreiben. Das passiert wirklich immer wieder. Manchmal denke ich: Jetzt schweige ich. Ich sage nichts. Und plötzlich bin ich wieder am Sprechen. Und es ist auch so, wenn ich anfange, wenn ich wieder einsteige, dann lese ich immer wieder vorangehende Texte und es kommt dann immer wieder, dass ich sie laut spreche. Und dann – über das Sprechen – geht es weiter im Schreiben. Eben: Wer ist dieses Ich, das da spricht? Inzwischen bin ich etwas vertraut mit ihr, ich weiß, ich hab‘ die in mir, die ist da und begleitet mich und ist eigentlich, ja, auch mein Werkzeug.
EVELYN NIEL-DOLZER: Jetzt hast du mir eine Frage beantwortet, die ich noch gar nicht gestellt habe, aber die ich mir sehr oft stelle: In der Psychotherapie gehen wir ja davon aus, dass die Wirksamkeit des Erzählens in einem therapeutischen Prozess sich daraus ergibt, dass die erzählende Person wahrnimmt, dass ihr jemand zuhört, während sie erzählt. Das heißt, das Zuhören mischt sich – hoffentlich in einer gedeihlichen Weise – in das Erzählen und Erzählenkönnen ein. Und jetzt war immer die Frage für mich: Aber wenn man schreibt, wie ist das dann? Mir war natürlich sehr bewusst, oder uns allen, dass es so etwas wie „innere“ Dialoge gibt, aber als du das eben erzählt hast, konnte ich diese „Wirksamkeit“ auch mit dem schreibenden Erzählen verknüpfen. Das heißt, ich erzähle da auch mir etwas, laut sprechend oder leise, weil es immer ein dyadischer Prozess ist, zu sich zu kommen. Alleine geht das tatsächlich gar nicht. Aber ich kann ja auch zu mir sprechen.
Das führt mich zu einem anderen Punkt, der mich ebenfalls sehr freut an deinem Roman Sieben Jahre mit dem Japaner, nämlich dass diese Prozesse des „Erinnerns – Suchens – Fragens – Findens – Erfindens“ keine rein geistig-kognitiven Akte sind, sondern wir leiblich, aktiv, mit allen Sinnen bis hinein in unsere Beweglichkeit und Bewegung in sie involviert sind. Das war auch in deinem Beispiel eben zu hören: Ich spreche „es“ wirklich laut. Ich höre „es“. Ich höre „es“ tatsächlich auch wieder in meinen Ohren und gehe von dem, was ich gehört habe, aus. Und weiter. Es gibt eine Passage im „Japaner“, wo du berichtest, dass du/die Ich-Erzählerin, sich buchstäblich auf den Weg macht. Diese Spurensuche also heißt, sich auf konkrete Wege zu begeben, auf jene nämlich, die dieser Wilhelm einst gegangen ist. Dieses Nachgehen des Weges ist also tat-sächlich ein verkörpertes Erinnern. Ich finde das sehr schön, dass man ja auch sagt, „mir ergeht es“ so oder anders, oder „mir ist es so ergangen“, das ist ja kein Zufall, dass dieses Gehen und Er-Gehen der Wege, die er gegangen ist, auch ein Zu-Gang war. Einer von vielen, zum Beispiel auch der wirklich akribischen Recherche in Archiven, Schriftstücken und so weiter: Wege zu gehen, die ein anderer gegangen ist, als eine Möglichkeit, sich zu erinnern und den Teil zu imaginieren, den wir uns letztlich immer zusammenreimen müssen. Übrigens auch ein schönes Wort in diesem Zusammenhang: zusammen-reimen. Einen langen Weg nach-zugehen, um die Zeiten verschweben zu lassen.
CHRISTINE RINDERKNECHT: Diese Figur, dieser Großonkel, der war Kupferstecher, hat Kupferstich in Bad Säckingen gelernt und wohnte aber in der Schweiz – also Bad Säckingen war damals Deutschland[37]. Er wohnte also in der Schweiz in einer Bauernfamilie und ist jeden Tag anderthalb Stunden zu Fuß hingelaufen und wieder anderthalb Stunden zurück. Und zwar bei jedem Wetter. Das hat mich dann irgendwann fasziniert. Also eben: Ich habe eigentlich schon versucht, diese Geschichte mit allen Sinnen zu erforschen. Und ich habe dann einmal, es war sehr heiß, es war im Sommer, in Bad Säckingen auch eine Recherche gemacht, und hab‘ dann relativ spontan gedacht, ja, ich geh‘ jetzt auch zu Fuß von diesem Bad Säckingen nach Oeschgen, so hieß das Dorf im Fricktal, in dem er wohnte. Ich hatte noch kein Google Maps, ich hatte nur eine ungefähre Richtung, hab‘ irgendwie so gesehen, ja, da ist die Autobahn, da verläuft der Zug, es gibt irgendwelche Radwege, und ich bin da losgelaufen, es war wirklich wahnsinnig heiß. Ich hatte kein Wasser, nichts. Ich hab‘ gedacht, was mach ich da?! Es war wirklich … so ein … mich Aussetzen. Das ist auch etwas, das ich beim Schreiben mache: ich setze mich etwas aus. Ich setze mich einer Geschichte oder einer Bewegung aus oder einer Idee. Und ich versuche dann zu erleben, was passiert, gleichzeitig auch wahrzunehmen: die heutige Zeit, die heutigen Geräusche zum Beispiel und gleichzeitig zu imaginieren: Was für Geräusche hat er gehört, was hat er gesehen … so durch die Zeiten durchzuschauen. Also das ist auch ein Teil meines Schreibens, dass ich wirklich auch physisch versuche, das nachzuempfinden, oder etwas zu … erfahren auch.
Und vielleicht muss ich noch sagen, am Anfang der Geschichte steht ein goldenes Lackkästchen, das dieser Großonkel aus Japan in die Schweiz gebracht hat, meiner Mutter geschenkt hat und ich bin eigentlich mit diesem Lackkästchen groß geworden. Also das hat mich schon als kleines Kind total fasziniert, ich habe es immer angeschaut. Es war ein Goldlackkästchen, es war einfach wunderschön, hat von einer ganz anderen Welt erzählt, von anderen Geschichten und ich wollte als Kind, also, am liebsten wäre ich in dieses Kästchen hineingegangen und hätte dort drin gelebt. Weil, eben, die Familie und was ich erlebt habe, das war nicht alles so schön und diese goldene Welt, das war so wie diese andere Welt. Und da mich hineinzuimaginieren, das hab‘ ich sicher schon als kleines Kind getan. Und eben dann kam diese Geschichte, wo ich diesen Weg gegangen bin und einfach um … ja, wie so Erfahrungen zu machen aus verschiedenen Zeiten.
EVELYN NIEL-DOLZER: Ich finde deine Unterscheidung von Fantasieren und Imaginieren sehr schön, darüber haben wir im Café Sperl gesprochen. Weil ich würde die Weise, wie du über das Imaginieren sprichst … ich würde sagen, ich glaube, da waren wir uns einig, fantasieren wäre ein wirklich völlig offenes „Ausdenken“ oder sich Überlasse. Imaginieren ist dagegen wirklich schon wie ein Dialog. Imaginieren heißt, mit etwas im Dialog zu sein. Das ist mir wichtig, weil das war eine lange Debatte in der Gründungsgeschichte der Systemischen Therapie: Fiktion ist gewissermaßen nicht einfach irgendwas Erfundenes, sondern … wenn man das auf der Ebene der Wahrnehmung beschreibt, ist es vielleicht immer am zugänglichsten: Wir alle wissen, Wahrnehmung ist Gestalt-Wahrnehmung. Wenn ich auf ein Auto zugehe, sehe ich, da meine Wahrnehmung immer perspektiv unvollständig ist, zwar nicht die Beifahrerseite, aber dennoch ein ganzes Auto und muss dafür nicht zuerst um das Auto herumgehen. Das heißt, Wahrnehmung ist bereits auf der basalsten Ebene – da sind wir noch gar nicht beim bewussten Imaginieren – ein Gestaltungsprozess. Das heißt, auch das, was nicht für das Auge unmittelbar sichtbar ist, ist in unserer Wahrnehmung trotzdem da. Aus gutem Grund. Und dieses Gestalten von Wahrnehmung allein macht schon deutlich, dass man nicht zwischen beweisbaren Fakten und subjektiven Wirklichkeiten eindeutig unterscheiden kann. Mir fällt da immer, ich glaube, es war Bernhard Waldenfels, ein, der gesagt hat: Nur Positivisten kennen nackte Tatsachen. – Wahrnehmung selbst kennt keine nackten Tatsachen, gewissermaßen, und darum ist das ein gradueller Prozess, von dem du eben auch gerade erzählst: da gibt es etwas, woran man sich anhält, ein Kästchen, ein Weg und die Erfahrung hat – so wie die Wahrnehmung – Risse und Sprünge. Das ist unser Glück, könnte man sagen. Und Imaginationen sind Versuche sozusagen, an gemachten Erfahrungen mit Gegenständen, mit Erinnerungsstücken, Geschichten zu re-konstruieren, würde hier wahrscheinlich besser passen; immer wissend, dass das, was offenbleibt, uns auch emotional ein Stück quält. Es lässt uns nicht los. Das ist schon auch etwas! Dass es hier keine eindeutig nur so und nicht anders erzählbare Geschichte gibt. Darum geht’s nämlich gar nicht!
CHRISTINE RINDERKNECHT: Das wollte ich gerade sagen! Sonst würde man gar nicht schreiben. Sonst würde ich gar nicht schreiben, wenn ich eine eindeutige Geschichte hätte, die ich jetzt erzählen möchte. Es geht ja immer auch um die Lücken, die Leerstellen, die Brüche, die Risse und da hineinzusehen. Und sonst hätte ich gar keinen Antrieb, eine solche Geschichte zu schreiben.
EVELYN NIEL-DOLZER: Ja! Ich glaube, wir hätten auch alle keinen Antrieb, überhaupt irgendetwas zu tun oder zu sagen, wenn Erfahrung nicht per se Risse und Sprünge hätte. Wie ein Glas, würde Waldenfels sagen. Das sind keine Erfindungen, also, man würde nicht sagen, die Seite vom Auto, die meine Augen perspektivisch nicht sehen, erfinde ich mir dazu. Das stimmt so nicht. Ich finde diesen Prozess, diesen schöpferischen Prozess – das finde ich auch philosophisch am schönsten zu begreifen – wie wir in einer gemeinsamen Welt leben und sie uns subjektiv in unserer Weise gegeben ist; und so müsste man auch über das Zusammenleben nachdenken anstatt über Wahrheiten. Aber das ist wahrscheinlich am schwierigsten, hätte ich so den Eindruck.
(zum AUDITORIUM) Jetzt hätte ich noch die Frage, ob es von euch, von Ihnen, noch ein oder zwei Fragen gibt – einige Minuten haben Sie noch, um mit der Schriftstellerin ins Gespräch zu kommen.
TEILNEHMER: Vielleicht zum Letzten, weil das noch am frischesten ist. Ich habe sehr interessant gefunden, als Siebeide gesagt haben, Wahrnehmung hat Risse und Sprünge; wie in einem Glas. Und habe mir dann die Frage gestellt, was ist, wenn die Risse und Sprünge eigentlich die Wahrnehmungen sind, die aber gestützt werden oder die am Leben haltende Vergessenheit eigentlich das ist, womit die Leute durchs Leben gehen? Und wie geht man dann mit diesen Wahrnehmungen um, wenn sie eigentlich die Risse und Sprünge sind und nicht, wenn sie rissigoder sprunghaft sind.
CHRISTINE RINDERKNECHT: Wenn die Wahrnehmung rissig ist und Sprünge hat … wenn sie selbst der Riss und der Sprung ist … das wäre dann die zersprungene Wahrnehmung? – Das ist interessant! Ich sage mal, auch als Schriftstellerin ist das interessant, mit so einer Wahrnehmung die Welt zu beschreiben. Ich denke, es gibt ja so viele Möglichkeiten der Wahrnehmung, und ich glaube, es ist dieses (zu EVELYN NIEL-DOLZER) „Kannst du das beweisen?!“ – das ist die Geschichte, die dann alles zerstört. Aber eigentlich, in der Kunst gibt es … ich denke, es gibt viele Künstler, Künstlerinnen, die eben … die Wahrnehmung ist der Sprung, die Lücke, der Abbruch, das ist, ja, ich denke, das kann interessant sein. Und gut. Ich denke, dass es dann für andere gut ist, das wahrzunehmen: Das ist jetzt so. Das ist jetzt diese Art von Wahrnehmung. Aber die kann uns dann gleichzeitig auch gerade wieder inspirieren und unsere Wahrnehmung erweitern: Dass wir denken, Ah! Das kann auch so sein!
EVELYN NIEL-DOLZER: Das ist super, das von dir als Schriftstellerin zu hören. Ich glaube, ich sage jetzt dasselbe aber aus einer anderen Profession. Ich finde, es gibt zwei Arten: es gibt den Riss und Sprung, den ich in meinem Vortrag beschrieben habe. Bei dem Mädchen im Roman und auch bei mir, den ich traumatisch nenne. Dann gibt’s (zu CHRISTINE RINDERKNECHT) diesen schöpferischen Sprung, ohne den sich überhaupt nichts bewegen würde, der mehr wie eine Schwelle, wie ein Übergang ist. Waldenfels beschreibt das sehr schön: Es ist nicht zuerst Tag und danach Nacht, es gibt dazwischen einen Schwellenbereich. Das wäre auch ein Bruch, sozusagen, in dem sind die Dinge uneindeutig. (zu CHRISTINE RINDERKNECHT) „Entre le chien et le loup“, sagt man da in Frankreich, oder, zur Dämmerung? Zwischen Wolf und Hund: Man weiß es noch nicht so genau in diesem Zwischenbereich … es bleibt uneindeutig, „zwielichtig“. Das kennen wir alle aus der Wahrnehmung. Und das wäre die Möglichkeit – (zu Studierenden im Auditorium) einige meiner Studierenden sind heute hier – da haben wir jetzt unseren schönen Satz, der uns auf dem Ausbildungsweg immer begleitet: Could it be otherwise? Das ist die gute Seite an den, sag‘ ich mal so „nackten Tatsache“, dass sie Brüche haben. Die Risse, die ich auch beschrieben habe, psychotherapeutisch und die möglicherweise dich interessieren oder sicher sogar: Das ist wirklich paradox und da bin ich selbst erst so deutlich in der Auseinandersetzung mit dem Roman Ein Löffel in der Luft draufgekommen. Es ist paradox: Jener Augenblick der Dis-Soziation, der De-Realisation – ist eigentlich der Moment eines „Risses“, in dem jede Subjektivität fehlt. Darauf wollte ich hinaus: Erfahrung hat keine Eigenschaften mehr. Rot. Blau. Grün. RAL-Farben. Diese Wahrnehmung gehört zu niemandem. Das heißt, etwas zu REALisieren hat diesen schöpferischenAkt, dass es für mich ein blutrot ist oder ein smaragdgrün und jetzt ist es real. Im Erleben. Das wären Grenzsituationen der Erfahrung, traumatisches Erleben, könnte man sagen, in denen nichts mehr subjektive Qualität hat. Erfahrung wird sozusagen gerade dadurch real, dass sie subjektiv ist. Und damit auch, dass sie meine ist. Ich sehe mein Auto, oder ein kaputtes Auto. Ein Fahrzeug ohne derlei Attribute erlebt wäre keine „reale“, keine realisierte Erfahrung, sondern eine de-realisierte Erfahrung. Das finde ich sehr spannend.
CHRISTINA LENZ: Evelyn, wir haben vorher ja auch überlegt, wie der Übergang zur Biographiearbeit gelingen kann mit eurem Gespräch. Und in dieser Weise habe ich jetzt zugehört und ich habe mir gedacht, das, was ich jetzt gern noch so zur Verfügung stellen möchte von meiner Sicht aus und als Biografiearbeits-Begeisterte und für alle, die eben auch daran interessiert sind, oder es noch werden wollen: Bei dem „Japaner“, wo ich ja gesagt habe, ich bin kurz vor dem Fünften Jahr – also zum Glück hab‘ ich ihn noch nicht ausgelesen und habe noch etwas vor mir – da ist mir jetzt eben auch stark aufgefallen, dass dieses Ich auch beschreibt, dass das nicht nur sozusagen ein glanzvoller Weg ist, sich zu erinnern und die Dinge zu erforschen, sondern wie das eben wirklich auch an die Substanz geht. Und ich finde, das ist an mehreren Stellen, also eben bis zum Fünften Jahr, sehr deutlich. Zum Beispiel mit diesem Weg, den Sie beschrieben haben, wo Sie – oder die Ich-Erzählerin eben – diese Strecke nachgehen, die er als Lehrling gehen musste, wie es heiß war und beschwerlich und dann gibt es auch noch eine Stelle, wo Sie schreiben, dass Sie schon richtig wütend sind und eigentlich auch diese Recherche schon so anstrengend ist; oder wie eine Freundin sagt, Warum verdienst du nicht mit Theaterstücken besseres Geld und machst das?; oder in Moskau, wenn Sie abgewiesen werden. Und ich habe gedacht, das ist eigentlich, wenn das in einer so hohen Form wie dem Roman auch steht, dann ist das auch etwas Wichtiges: Sich auch erlauben zu dürfen oder sich darauf einzustellen, dass eben diese Biografiearbeit und das Erinnern und das Recherchieren auch etwas ist, wo man wirklich auch an die Grenzen kommt. Es ist nicht nur – wie die Stimmung heute vielleicht von diesem Systemischen Kaffeehaus Fest vermitteln würde – etwas Tolles, Leuchtendes, sondern dass es diese Seite auch gibt.
CHRISTINE RINDERKNECHT: Ich denke, das Leuchtende ist ja immer auch die andere Seite des Dunklen. Es leuchtet nur, wenn man auch die dunkle Seite sieht, sonst merkt man gar nicht, dass es leuchtet, glaube ich, es ist immer so in Gegensätzen. Ja, es ist beides.
TEILNEHMERIN: Ich würde noch gern eine Bemerkung zu dem machen, was ihr da vorhin besprochen habt zu der Frage, ob ein Sprung, ein Riss, wie du gesagt hast, Evelyn, dass das in deiner Beschreibung dann so etwas ist wie da fehlt dann die Subjektivität. Also diese Beschreibung mit Eigenschaftswörtern, die da ja auch so schön rausgekommen ist in Ihrem schönen Beispiel in Ihrem Roman, aus dem Evelyn vorgelesen hat. Und ich habe jetzt auch noch keine klare Antwort darauf, ich wollte das nur als Gedanken dazustellen, über den ich auch noch nachdenken möchte. Weil zumindest aus therapeutischer Sicht – und ich kann ja nur aus therapeutischer Sicht reden und nicht aus schriftstellerischer – wäre die Frage, ob nicht auch dieser Zustand, genau der, der im Roman beschrieben wurde, wo noch keine Eigenschaftswörter da sind und den Klienten oft mit einer Dissoziation, oder den wir wahrnehmen auch mit so einem dissoziativen Zustand und den auch Klienten dann im Nachhinein so beschreiben, ob das nicht ebenso ein höchst subjektiver Zustand ist; wo die Leere und das Nichts, das gefühlte, ebenso ein erlebter subjektiver, sehr zugeschriebener und damit auch mit einem anderen, aber eben auchEigenschaftswort belegter Zustand ist. Also ich würde im Moment eher diese Einteilung für mich stimmig finden. Aber ich wollte es nur dazustellen.
EVELYN NIEL-DOLZER: Ich geb‘ dir total recht. Ich glaube, der springende Punkt ist, dass es ein subjektiver Zustand ist, der aber ohne Intersubjektivität stattfindet, das heißt in einer isolierten, nicht wahrnehmungsmäßig validierten Welt. Er bleibt subjektiv, aber eben leer. Was für mich der Nachweis wäre, dass man sich als Subjekt nur in der Intersubjektivität mit einem anderen Subjekt erleben kann. Und darum will man erzählen und wissen, dass jemand zuhört. Das widerspricht sich tatsächlich nicht.
(zum Auditorium) Gut, dann spreche ich jetzt noch das Schlusswort. Ich finde, wir lassen genau aus dem schöpferischen Grund offen, wer jetzt in Japan war: Ob du es warst, Christine, oder die Ich-Erzählerin. Mich würde das unglaublich beruhigen, wenn diese Unruhe bleibt und wir das nicht wirklich herausfinden.
CHRISTINE RINDERKNECHT: Da stimme ich dir zu. Das ist sehr gut.
EVELYN NIEL-DOLZER: Und es ist gleichzeitig so eine Spannung! (zu CHRISTINE RINDERKNECHT) Ich bedanke mich wirklich sehr herzlich, auch im Namen von uns Dreien – Tina, Herta und mir – und im Namen von uns allen, dass der Zufall dich nicht nur hierhergeführt hat, sondern dass du so bereitwillig hier mit und bei uns warst und beigetragen hast!
CHRISTINE RINDERKNECHT: (zu den Veranstalterinnen) Ich danke euch auch für diese Gelegenheit und überhaupt eben für dieses Wunder. Ich danke (zum Auditorium) euch, dass ihr diesem Wunder beigewohnt habt. Vielen Dank!
[1] Denis Scheck, Schecks Kanon. Piper Verlag, München 2019, S 7
[2] Waldenfels, Bernhard (2019): Erfahrung, die zur Sprache drängt. Studien zur Psychoanalyse und Psychotherapie aus
phänomenologischer Sicht. Berlin: Suhrkamp
[3] Buchholz, Michael B.; Dimitrijević, Aleksandar (2024): Encountering Silencing. Forms of Oppression in Individuals, Families and Communities. Oxfordshire: Karnac
[4] Fricker, Miranda (2023): Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens. München: C.H.Beck/Klappentext
[5] ebd. S 28
[6] Furman, Ben (1999): Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben. Dortmund: bormann publishing
[7] vgl. Buchholz, Michael B.: Pauses are conversations. What they tell us when we listen. In: Dimitrijević, Aleksandar; Buchholz,
Michael B. (2021): Silence and Silencing in Psychoanalysis. Cultural, Clinical, and Research Perspectives. New York: Routledge,
p. 251-274
[8] Christine Rinderknecht, Ein Löffel in der Luft. Pendo Verlag, Zürich, 2002
[9] ebd. S 5
[10] ebd. S 6
[11] ebd. S 12
[12] Fuchs, Thomas: Leibliche Sinnimplikate. In: Gondek, Hans-Dieter; Klass, Tobias N.; Tengelyi, Làszló (2011: Phänomenologie der
Sinnereignisse. München: Wilhelm Fink Verlag, S 298
[13] ebd. S 298
[14] Christine Rinderknecht, Ein Löffel in der Luft. Pendo Verlag, Zürich, 2002, S 24
[15] ebd.
[16] Bodo Kirchhoff, Legenden um den eigenen Körper. Frankfurter Verlagsanstalt, 2012
[17] ebd.
[18] Denis Scheck, Schecks Kanon. Piper Verlag, München 2019, S 9
[19] ebd. S 8
[20] Fuchs, Thomas (2024): Verkörperte Gefühle. Zur Phänomenologie von Affektivität und Interaffektivität. Berlin: Suhrkamp Verlag,
S 124
[21] Denis Scheck, Schecks Kanon. Piper Verlag, München 2019, S 8
[22] ebd.
[23] Fricker, S 31
[24] https://www.ted.com/talks/chimamanda_ngozi_adichie_the_danger_of_a_single_story
[25] Fricker, S 31
[26] Denis de Rougemont, Die Liebe und das Abendland. H. Frietsch Verlag – edition epoché, 2007
[27] Ursula K. Le Guin, The Carrier Bag Theory of Fiction. Literary Trust, 2019.
Deutsche Übersetzung in: Angerer, Marie-Luise; Gramlich Naomie (HG): Feministisches Spekulieren. Genealogien, Narrationen,
Zeitlichkeiten. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2020
[28] ebd. S 38
[29] Ursula K. Le Guin, Die Tragetaschentheorie der Fiktion. In: Angerer, Marie-Luise; Gramlich Naomie (HG): Feministisches
Spekulieren. Genealogien, Narrationen, Zeitlichkeiten. Berlin: Kulturverlag Kadmos, 2020. S 39
[30]https://www.gubcompany.com/content/?page_id=1746
[31] Tamil: புதுச்சேரி – eine Großstadt in Südindien
[32] Tamil: மதுரை – eine Stadt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu
[33] Christine Rinderknecht, Sieben Jahre mit dem Japaner. verlag die brotsuppe, Biel/Bienne, 2021
[34] Christine Rinderknecht, Ein Löffel in der Luft. Pendo Verlag, Zürich, 2002. Vergriffen, antiquarisch erhältlich
[35] https://www.christinerinderknecht.ch/
[36] gemeint ist der Roman Ein Löffel in der Luft
[37] Bad Säckingen ist eine heute deutsche Stadt am Hochrhein, der an dieser Stelle die Grenze zur Schweiz bildet; die Territoriums Zugehörigkeit war in der Vergangenheit lange ungeklärt