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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Das Elend der Verschickungskinder

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Vor ziemlich genau 15 Jahren habe ich im systemagazin ein Buch des Spiegel-Journalisten Peter Wensierski rezensiert, in dem sich dieser mit den systematischen Quälereien von Kindern und Jugendlichen in der bundesrepublikanischen Heimerziehung der Nachkriegszeit beschäftigte und mit dem er erstmals eine wirklich weitreichende gesellschaftliche Debatte zu diesem Thema auslöste. Zu Beginn meiner Rezension stellte ich eine Verbindung mit meinen eigenen (kurzen) Erfahrungen mit diesem System als Verschickungskind in einer „Erholungsmaßnahme“ her. Ich schrieb: „Ich bin froh, dass sich meine Erfahrungen mit diesem System als fast Neunjähriger nur auf sechs Wochen beschränkten, die nicht einmal eine Erziehungsmaßnahme darstellten, sondern als Erholungskur deklariert waren. Sie gehörten dennoch zu den schlimmsten Wochen meines Lebens. Wir wurden von den Nonnen nicht geprügelt, aber mehr oder weniger zwangsernährt (schließlich bestand der Erfolg der Maßnahme in der Gewichtszunahme), systematisch gekniffen, geschubst, gedemütigt, beschimpft und eingeschüchtert, nachts brutal geweckt, wenn wir auf der falschen Seite schliefen (um schlechte Träume zu vermeiden!), strengen Strafen für Kleinigkeiten unterworfen (stundenlanges Stillsitzen, für 50 Kinder Schuhe putzen usw.). Das Schlimmste aber war, dass meine heimwehgetränkten Briefe an die Eltern zerrissen und neu diktiert wurden, und die Eltern meine Erfahrungen lange Zeit nicht glauben wollten: „Du hast doch immer so schön geschrieben!“

Mittlerweile ist klar, dass ich diese (und noch viel schlimmere) Erfahrungen mit Abertausenden von Menschen teile, denen ein aktuelles Buch gewidmet ist, dass Anfang des Jahres im psychosozial-Verlag erschienen ist. Die Autorin, Anja Röhl, Jg. 1955, Sonderpädagogin, Germanistin und Autorin, ist die Tochter des Journalisten und Autors Klaus Rainer Röhl und Stieftochter von Ulrike Meinhof. In den frühen 60er Jahren war sie selbst mehrfach der Verschickung in solche Kinderkuren ausgesetzt. Schon 2009 beschrieb sie ihre diesbezüglichen Erfahrungen in einem Artikel für die „Junge Welt“ und startete später eine eigene Website verschickungsheime.de, die ein Sammelbecken für Erfahrungsberichte von vielen Betroffenen wurde. Im November 2019 organisierte sie auf Sylt eine Tagung für Betroffene und legt nun mit ihrem Buch eine erste Bestandsaufnahme ihrer Recherchen vor – eine Veröffentlichung, die es zu diesem Thema und in diesem Umfang bislang nicht gegeben hat. Weit über 3000 Betroffene haben in einen Fragebogen Fragen nach ihrem Jahrgang, den Namen der Heime, den Gefühlen während der Heimverschickungen und ihren Erinnerungen an die drei negativsten Erlebnisse berichtet, die sie aus dieser Zeit erinnern. Eine Vielzahl von frei formulierten Berichten steht noch zur inhaltlichen Auswertung an. 

Die Dimension dieser für viele damaligen Kinder z.T. massiv traumatisierenden Erfahrungen wird einem klar, wenn man sich vor Augen führt, dass für die 1950er bis zu den 1970er Jahren bei den Geburtsjahrgängen von 1949 bis 1969 bei einer Kapazität von etwa 56.000 Betten in 839 Heimen und einem Durchlauf von 7-8 Wochen mit einer Zahl von 8-12 Millionen Kinderverschickungen gerechnet werden muss (189f.), Mehrfachverschickungen von Kindern eingerechnet.

Den Unterschied zu den Kindern, die dauerhaft aus ihren Familien herausgerissen wurden, beschreibt Röhl folgendermaßen: „Außer sie selbst hat ihr Elend niemanden betroffen, meist wurde es nicht einmal bemerkt. Nach den sechs Wochen in der »Hölle«, wie viele es beschreiben, kamen sie zurück in ihr altes Leben, als sei nichts gewesen. Die innerlichen Verletzungen, die sie davongetragen hatten, wurden vom normalen Familienalltag, der wie früher daherkam, überlagert, die Erlebnisse und inneren Verwundungen wurden oft nicht geglaubt, wurden beschwichtigt oder abgewehrt“ (11).

Natürlich befinden sich unter den großen Zahlen viele, vielleicht auch sehr viele Menschen, die ihre Kinderkur positiv erlebt haben. Meine jüngere Schwester beispielsweise war parallel zu mir in einem Erholungsheim in der Eifel und verkündete bei der Wiederkehr gleich, dass sie im folgenden Jahr gerne dort wieder hinfahren wolle. Aber dennoch kann die Annahme, dass es sich nicht nur um eine starke Häufung von Einzelfällen, sondern um ein Massenphänomen handelt, „durch die Fülle der vorliegenden Berichte und deren Detailreichtum sowie die jetzt schon bekannten ersten Fragebogenergebnisse mit einem entschiedenen Ja beantwortet werden“ (12f.). Die Berichte betreffen nicht nur einzelne Häuser oder Regionen, sondern Heime im gesamten Land. 

Als Journalistin, Betroffene und Aktivistin hat Röhl kein primär wissenschaftlich orientiertes Forschungswerk geschrieben, das war auch nicht ihr Anliegen. Gleichwohl hat sie eine unglaublich eindrucksvolle Sammlung an Daten, Befunden und Berichten zusammengestellt, die für sich sprechen.

Das Buch ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Ein einleitendes Kapitel schildert u.a. den Prozess, in dem sich die „Verschickungskinder“ zur Anerkennung und Aufarbeitung ihres Leids gefunden und zusammengeschlossen haben. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass das Thema bislang kein Forschungsgegenstand gewesen ist. Stattdessen sind historische Loblieder auf Mutter-Kind-Kuren und Kinderkurheime zu finden, eine kritische Analyse fand weder bei den pädagogischen noch pädiatrischen Berufsgruppen – auch nicht im Nachhinein – statt.

Das zweite Kapitel zeigt die Kontinuität der Verschickung mit dem Projekt der nationalsozialistischen Kinderlandverschickung auf. Zwar benannten sich die Einrichtungen meist nach dem Krieg anders, aber in Hinblick auf die pädagogische Grundhaltung und Ideologie sowie die personellen Ressourcen hatte sich offenbar nicht viel verändert. „Die NS-Kinderlandverschickung bildet möglicherweise einen ideologischen Ursachenkomplex für die nachfolgend in der Kur-Erholungsheimverschickung durchgeführten rüden und brutalen »Kinderführungsformen« (…). Vom Jahrgang her waren es doch immerhin die damaligen HJ-Führer ebenso wie die BDM-Führerinnen, die während der NS-Kinderlandverschickung rund 2,8 Millionen Kinder (…) hauptamtlich zu »führen«, zu beschäftigen und zu beaufsichtigen hatten. Und das, obgleich sie meist nur zwei Jahre älter als die ihnen anvertrauten Jugendlichen waren (…). 1944, in der Zeit der »erweiterten Kinderlandverschickung«, in der beinahe alle Kinder aus den Ballungsgebieten in Kinderlager »verschickt« wurden, waren die BDM- und HJ-Führer selbst gerade einmal 18 Jahre alt. Das bedeutet, dass sie 1954 erst 28 und 1964 erst 38 Jahre alt waren“ (30). 

Sehr eindrucksvoll sind die ökonomischen Gegebenheiten der Verschickungsindustrie. Die Heime arbeiteten im Ganzjahresbetrieb. Die entsendenden Versicherungen, Krankenkassen oder Wohlfahrtsverbände hatten vertragliche Bindungen mit den Heimen und verpflichteten sich, eine bestimmte Anzahl von Kindern pro Jahr zu liefern und bei Nichterfüllung Schadenersatz zu leisten. „Die »Verschickungsempfehlung« war eine ärztliche Diagnose, die sehr beliebig war“ (31). Das kann ich nur bestätigen. Als ich selbst 1972 meinen Ersatzdienst beim Landesverband des DRK in Düsseldorf ableistete, gehörte das Ausfüllen von diagnostischen Tabellen für die Kinderschickung zu den Aufgaben von uns Zivis. Auf diesen Tabellen waren die persönlichen Daten der Kinder erfasst, das Feld für die Diagnose war jedoch freigelassen und wir konnten unserer Phantasie beim Ausfüllen freien Lauf lassen. Einen Arzt hatten die Kinder offensichtlich nicht gesehen. Da es sich um eine sehr stupide und langweilige Tätigkeit handelte und wir auch nicht allen Kindern ein Asthma angedeihen lassen wollten, begannen wir nach einiger Zeit, uns fiktive Krankheitsnamen auszudenken und in die Listen einzutragen. Dies blieb offensichtlich unbemerkt, weil diese Listen ohnehin nur pro forma geführt wurden. „Auf diese Art und Weise konnten weiterhin, so wie vor 1939 auch, völlig gesunde Kinder per Kassenzuzahlung verschickt werden“ (35). Die Gründung von Heimen war dementsprechend ein Bombengeschäft, wenn man den Zuwachs z.B. von 300 Heimen allein von 1956 bis 1964 bedenkt (33).

Diese Industrie stützte sich überall die gleichen Abläufe. Wichtig war, dem Problem des Heimwehs durch eine radikale Unterbindung des Kontaktes zu den Eltern zu begegnen: „Ab frühestem Alter ließ man die Kinder von den Eltern an einen Bahnhof bringen und von da an allein mit Zug oder Bus per Sammeltransport in die zum Teil Hunderte von Kilometern entfernten Kurorte fahren, auch Zwei- bis Vierjährige. Es gab keine gruppen- oder klassenmäßige Verschickung. Vertraute Erzieherinnen oder Lehrer kamen nicht mit, die Kinder fuhren allein. Zur Begleitung reisten lediglich »Fürsorgerinnen« mit, diese verblieben bei Ankunft meist in den Zügen. Die Betroffenen schildern dieses Prozedere in fast allen Berichten als traumatische Abschiedsszenen, bei denen die Eltern plötzlich verschwunden waren. Die Kinder waren über Stunden allein in den Zügen und weinten bitterlich, am Ende wurde ihnen oft auch noch zur Strafe ihr Brot weggenommen. In allen Erinnerungsberichten wiederholt sich das Bild: vollgestopfte Bahnsteige, plötzlich allein im Zug, Züge voller Kinder, Begleitpersonal nur durch die Gänge hastend“ (38). So erinnere ich es auch.

Im größten Abschnitt des Bandes werden einzelne Heime auf verschiedenen Nordseeinseln, aber auch in Bad Salzdetfurth, Bad Rothenfelde, Bad Sachsa, Berchtesgaden und Scheidegg anhand einiger historischer Daten und vor allem der Berichte von Betroffenen vorgestellt.

Die Konfrontation mit den immergleichen Schilderungen von Folter, Quälereien, Demütigungen und Sadismen über alle Zeiten und Entfernungen hinweg ist deprimierend und kaum durchzuhalten – ich musste die Lektüre immer wieder unterbrechen.

Ein Heim will ich besonders hervorheben, nicht weil es andere Heime an Grausamkeit übertroffen hätte, sondern weil ich selbst im September 1962 dort sechs Wochen verbringen musste: Das Kinderheim Sancta Maria auf Borkum. Der Bericht einer Betroffenen wird folgendermaßen wiedergegeben: „Ich war im Dezember 1961 im Kinderhaus Sancta Maria in Borkum und kann nur bestätigen: Kinder wurden misshandelt, das Essen war ein Horror, und hatte jemand erbrochen, musste er so lange essen, bis der Teller leer war, egal, ob mit oder ohne Kotze. Nachts aufs Klo zu gehen war verboten, wer ins Bett pinkelte, musste nachts im Dunkeln auf der Treppe den Nonnen die Schuhe putzen und in der Küche arbeiten – als sechs- und siebenjährige Kinder!! Briefe an die Eltern wurden geöffnet und weggeschmissen. Nikolaus-Pakete verteilten die Nonnen unter sich!“ (92, siehe auch oben). Eine spannende Frage ist natürlich, wie geht eine solche Einrichtung mit ihrer eigenen Geschichte um? In Bezug auf die nationalsozialistische und antisemitische Vergangenheit Borkums, die auch die Kinderverschickungspraxis prägte, „verwundert es nicht, dass in den Geschichtsrückblicken des heutigen Nachfolgeheims auf Borkum, das Mutter-Kind-Kurheim Sancta Maria, der Faschismus vollkommen ausgelassen wird, verwunderlich ist aber doch, dass auch die Zeit danach nicht erwähnenswert erscheint, denn die Zeitspanne von 1918 bis 1979 ist ebenfalls ausgelassen worden, erst das Jahr 1979, in dem dann wohl die Mutter-Kind-Kuren »neben den Kindererholungen« begannen, wird wieder erwähnt“ (81). 

Das ist in der Tat verwunderlich. Bis in die 90er Jahre hinein hat mich meine Zeit in diesem Heim immer wieder beschäftigt, auch wenn mich das in dieser Zeit nicht mehr so gequält hat wie in den ersten 20 Jahren meines Lebens. Als ich 1994 erfuhr, dass das Kinderschickungsheim mittlerweile zum Mutter-Kind-Kurheim geworden war, beschloss ich, für eine Woche nach Borkum zu reisen, um das Haus noch einmal in Augenschein zu nehmen. Ich nahm ein Zimmer im schönsten Hotel der Insel, um mich ressourcenmäßig zu wappnen, fand das Haus auch nach wenigen Minuten – und traute mich dann geschlagene drei Tage nicht, das Haus zu betreten. Immerhin war ich schon in den Vierzigern, hatte diese Geschichte in meiner Psychoanalyse bearbeitet und war nicht wirklich auf diese Erfahrung von Altersregression vorbereitet. Am dritten Tag habe ich dann meinen Mut zusammengenommen (mit der Selbstaffirmation, dass ich als Erwachsener das Haus ja auf jeden Fall jederzeit selbst wieder verlassen könne) und trat ein. Der Schock traf mich tief, dass sich seit 1962 nichts an dem Haus geändert hatte: die gleichen Tapeten, Teppiche, Bilder an den Wänden, Möbel etc. – die einzige Änderung bestand darin, dass die Schlafsäle für 40 Kinder nun in kleinere Räume unterteilt worden waren. Das Haus war leer und ich lief durch die Räumlichkeiten, bis ich auf eine Nonne traf, die mich fragte, was ich dort wolle. Ihr erzählte ich meine Geschichte, die sie mit Anteilnahme anhörte. Sie selbst war von ihrem Orden in das Heim strafversetzt worden und erzählte mir, dass sie mir jedes Wort glaub – und dass die hochbetagte Oberin immer noch die gleiche sei wie in den 1960er Jahren! Auch wenn die persönliche Konfrontation an dieser Stelle für mich heilsam war, hat mich doch die Wiederbegegnung mit dem Ort meiner Quälerei gegruselt. Im Januar 2020 war ich übrigens noch einmal dort – mittlerweile in einem grundsanierten Haus mit einer ganz anderen Ausstrahlung. Die dunkle Wolke war für mich im Unterschied zu 1994 entgültig verschwunden. Auf der Website des Hauses findet sich bis heute kein einziges Wort über die schuldhafte Geschichte. Vergangenheitsbewältigung sieht anders aus.

Nach einem Zwischenkapitel mit empirischen Daten zur Demografie und Trägeranalyse folgt noch ein ausführliches Kapitel mit Überlegungen zur Ursachensuche. Da es keine einzelnen Ursachen für dieses Massenphänomen geben kann, präsentiert Röhl ein mehrschichtiges Bedingungsgefüge, um zu erklären, „warum es in den Kindererholungsheimen und -heilstätten zu solchen Grausamkeiten gegen Klein- und Vorschulkinder gekommen ist“ (203), und benennt dabei auf sehr plausible Weise neun „Ursachenstränge“, die dazu beigetragen haben. Dazu zählt sie (1) die biografische Prägung der Erziehungspersonen während des Nationalsozialismus, (2) die Prägung durch NS-Schwesternschaft und den Pflegeberuf, (3) die aus dem Nationalsozialismus fortgeführte strafende Pädagogik, (4) die Dynamik »Totaler Institutionen« in den Heimen, (5) die Wurzeln in der NS-Geschichte der Kinderheilkunde, (6) die Wurzeln in der Balneologie sowie Klimaheilkunde und -therapie, (7) das Interesse medizinische Forschungen an den Kindern als Probanden, (8) Ökonomie und Renditeaspekte und (9) der Sadismus vieler Erziehungspersonen. Ein Plädoyer für eine empathische Pädagogik schließt das Buch ab.

 Die Autorin hat sich mit ihrer Arbeit und ihrer Veröffentlichung das große Verdienst erworben, auf einen völlig blinden Fleck in der jüngeren Geschichte der Kindheit aufmerksam gemacht zu haben. Dass die geschilderten Ereignisse und Erfahrungen lebenslang virulent bleiben können, zeigt sich in den zahllosen Berichten auf eindrückliche Art und Weise, auch wenn sie nicht von so langer Dauer waren wie die Unterbringungen in Erziehungsheimen. 

„Vorfälle von Demütigungen und Qualen innerhalb eines kurzen Ausschnitts von sechs bis zwölf Wochen im Leben von kleinen Kindern sind offenbar ebenso wichtig und bedeutsam wie Qualen über mehrere Jahre. Ein Unterschied ist, dass sie, da sie so anders als das sonstige Leben erlebt wurden, schneller vergessen wurden – aber offenbar nur scheinbar. Sie sinken zwar in die Tiefen des Unbewussten, weil Kinder sich schützen müssen, aber sie kommen hervor, wenn die Menschen Gehör finden und endlich nicht mehr glauben, sie seien die Einzigen gewesen, denen das geschehen ist, und das womöglich sogar »zu Recht« (14f.). Für dieses zu Gehör bringen gebührt der Autorin größter Dank!

Zur website verschickungsheime.de

Eine weitere Rezension von Peter-Ulrich Wendt für socialmagazin

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

Anja Röhl (2021): Das Elend der Verschickungskinder. Kindererholungsheime als Orte der Gewalt. Gießen (Psychosozial-Verlag)

305 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
ISBN-13: 978-3-8379-3053-5, Bestell-Nr.: 3053
DOI: https://doi.org/10.30820/9783837977646
Preis: 29,90 €

Verlagsinformation:

Zwischen den 1950er und 1990er Jahren wurden in Westdeutschland zwischen acht und zwölf Millionen Kinder im Alter von zwei bis zehn Jahren auf kinderärztliches Anraten und auf Kosten der Krankenkassen ohne Eltern zur »Erholung« verschickt. Während der meist sechswöchigen Aufenthalte an der See, im Mittelgebirgsraum oder im Hochgebirge sollten die Kinder »aufgepäppelt« werden. Tatsächlich erlebten sie dort jedoch oft Unfassbares: Die institutionelle Gewalt, die sich hinter verschlossenen Türen ereignete, reichte von Demütigungen über physische Gewalt bis hin zu sexuellem Missbrauch. Betroffene leiden noch heute an den Folgen der erlittenen Traumata. Anja Röhl gibt den Verschickungskindern eine Stimme und möchte die Träger ehemaliger Verschickungsheime in die Verantwortung nehmen. Sie zeigt, welches System hinter den Kinderkuren stand, und geht möglichen Ursachen für die dort herrschende Gewalt nach. Das Buch ist ein erster großer Schritt zur Aufarbeitung eines bisher unerforschten Bereichs westdeutscher Nachkriegsgeschichte und zur Anerkennung des Leids Betroffener.

Über die Autorin:

Anja Röhl, geboren 1955 in Hamburg, Tochter aus erster Ehe von Klaus Rainer Röhl. Erster Beruf: examinierte Krankenschwester, später Studium: Germanistik, Psychologie, Sonderpädagogik und Kunst. Arbeit als freie Dozentin und Theaterrezensentin für die junge Welt und Ossietzky, zahlreiche Veröffentlichungen. Drei Kinder.

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