Die Differenzierung von Gemeinschaft und Gesellschaft ist ein altes Zentralthema der Soziologie. In der Zeitschrift „Theory and Society“ ist im Februar ein interessanter Text von Vitor Barros erschienen, einem brasilianischen Soziologen, der derzeit als Doktorand an der Abteilung für Demokratieforschung der Universität Bonn arbeitet. Sein Open Access-Artikel „Similarity: Outline of a Systems Theory of Community“, entwickelt eine systemtheoretische Grundlegung des Gemeinschaftsbegriffs.
Soziologische Theorien stehen vor einem anhaltenden konzeptionellen Dilemma im Umgang mit Gemeinschaften: Schwache Definitionen von Gemeinschaft vermeiden zwar „Groupismus“, also die problematische Annahme, Gemeinschaften seinen scharf voneinander abgegrenzte, intern homogene und extern geschlossene Gruppen, opfern aber dafür analytische Präzision. Starke Definitionen dagegen sind präziser, setzen aber soziale Schließung, Wertekohäsion und kollektive Handlungsfähigkeit voraus, was in komplexen modernen Gesellschaften empirisch nicht haltbar ist.
Barros identifiziert vier klassische Positionen der Soziologie zu diesem Problem:
1. „Gesellschaft gegen Gemeinschaft“ (Tönnies, Latour): Modernisierung als Verfall traditioneller Gemeinschaftsformen
2. „Gesellschaft als Gemeinschaft“ (Durkheim, Parsons, Habermas, Alexander): Wertgemeinschaften als Integrationskern moderner Gesellschaft
3. „Gesellschaft ohne Gemeinschaft“ (Bourdieu, Luhmann, Marx): Gemeinschaft als strukturelles Epiphänomen ohne eigenständige Erklärungskraft
4. „Gesellschaft und Gemeinschaft“ (Simmel, Weber, Elias): Gemeinschaft und Gesellschaft als eigenständige, wechselwirkende Phänomene – dieser Ansatz kommt dem Autor am nächsten, bleibt aber theoretisch unscharf.
Barros schlägt daher vor, die analytische Leitfrage zu verschieben: nicht mehr „Wer gehört dazu?“ (Frage der Mitgliedschaft), sondern „Was unterscheidet diese Kommunikationsform von anderen?“ (Frage der symbolischen Grenzziehung). Gemeinschaften werden konzipiert als soziale Systeme, die sich nicht als Ansammlungen von Menschen reproduzieren, sondern als rekursive Kommunikationsprozesse, die sich über ein geteiltes Ähnlichkeitsprinzip selbst organisieren.
Die Grundlage bildet die Luhmann’sche Systemtheorie, verstanden als Theorie doppelter Kontingenz: Kommunikation – bestehend aus Mitteilung, Information und Verstehen – ist das elementare Ereignis des Sozialen. Soziale Systeme entstehen, wenn solche Ereignisse rekursiv aneinander anschließen und dabei stabile Erwartungsstrukturen produzieren.
Barros erweitert die klassische Luhmann’sche Systemtypologie (Interaktion, Organisation, Soziale Bewegungen, Funktionssysteme) um eine fünfte Ebene: die Gemeinschaft als eigenständiger Systemtyp auf der Mesoebene.
Eine Gemeinschaft entsteht, wenn eine Form sozialer Ähnlichkeit nicht nur als flüchtige Distinktion in der Kommunikation erscheint, sondern zum autonomen Kommunikationsmedium wird, das soziale Identität erzeugt. Ähnlichkeit ist dabei kein ontologisches Merkmal, sondern ein kommunikatives Konstrukt: Sie wird vollzogen, beschrieben und relevant gesetzt.
Barros unterscheidet zwei Grundtypen von Ähnlichkeit, Customs und Marks. Customs (Gepflogenheiten): Ähnlichkeit bezieht sich auf gemeinsame verbindende Muster sozialer Praxis, die als solche kommuniziert werden (z. B. religiöse Rituale, Sprachgewohnheiten). Marks (Markierungen): Ähnlichkeit bezieht sich auf dauerhafte Eigenschaften oder Zustände, die als jenseits der Kontrolle der Betroffenen beschrieben (z. B. Hautfarbe, körperliche Zustände) und auch von außen zugeschrieben werden.
Für die Entstehung einer Gemeinschaft sieht Barros drei Elemente an. Ein erstes ist Distinktion – Menschen gruppieren sich auf Basis einer Gemeinsamkeit, die sie von anderen unterscheidet. Zweitens werden die Gemeinsamkeiten von konkreten Trägern abstrahiert und generalisiert und gelten damit potenziell auch für Unbekannte auf der Basis formaler Merkmale. Nur so kann eine Gemeinschaft über persönliche Netzwerke hinauswachsen. Und schließlich werden die generalisierten Distinktionen zum Identitätsprinzip: Menschen beziehen sich in der Kommunikation explizit darauf, und es entstehen stabile, wechselseitig erwartbare Strukturen, die sich auf dieses Ähnlichkeitsprinzip stützen und ihrerseits wieder Erwartungen und Handeln strukturieren (Strukturation).
Als Beispiel dient Barros die Konstruktion von „Blackness“ im Kontext transatlantischer Sklaverei: Extern aufgezwungene Kategorisierung (Distinktion) wurde generalisiert und schließlich zu einem intern geformten Identitätsprinzip mit eigenen Erwartungsstrukturen und Deutungsrepertoires strukturiert.
Kategorien, Gruppen und Netzwerke unterscheiden sich von Gemeinschaften jeweils durch das Fehlen eines spezifischen konstitutiven Prozesses. Eine Kategorie vollzieht zwar eine Distinktion – sie beschreibt eine Differenz –, bleibt aber auf der Ebene bloßer Beschreibung stehen, ohne dass sich die Betroffenen in ihrer Kommunikation auf dieses Prinzip als Identitätsbasis beziehen. Eine Gruppe hingegen besitzt Strukturation, entbehrt aber der Generalisierung: Sie ist an die Ko-Präsenz bestimmter Personen gebunden und verändert sich fundamental, sobald einzelne Mitglieder hinzukommen oder wegfallen, weil sie keine abstrakten Erwartungsstrukturen jenseits konkreter Bekanntschaft ausbildet. Ein Netzwerk schließlich kartiert Beziehungsmuster und kann dabei durchaus Distinktionen und generalisierende Beschreibungen enthalten, verfügt jedoch über keine operative Schließung – keine selbst erzeugte symbolische Grenze, die die Kommunikation rekursiv auf ein gemeinsames Ähnlichkeitsprinzip zurückverweist. Erst eine Gemeinschaft vereint alle drei Prozesse: Sie unterscheidet, generalisiert und strukturiert – und reproduziert sich dadurch als eigenständiges soziales System, das weder von persönlicher Bekanntschaft noch von struktureller Position in einem Funktionssystem abhängt.
Gruppen sind demnach Sonderformen von Interaktionen – sie verändern sich, sobald einzelne Mitglieder hinzukommen oder wegfallen. Gemeinschaften dagegen tolerieren hohe interne Variation und Personalfluktuation, ohne zu kollabieren, weil ihre Reproduktionslogik nicht auf persönlicher Bekanntschaft, sondern auf generalisierten Ähnlichkeitsprinzipien beruht.
Barros’ Gemeinschaftskonzept versteht sich als nicht-essentialistisch: Gemeinschaften weisen weder notwendig hohe Solidarität noch klare Mitgliedschaftsgrenzen oder kollektive Handlungsfähigkeit auf – und dennoch lässt sich an ihnen zeigen, wie symbolische Distinktivität dauerhaft produziert und reproduziert wird. Das Konzept eignet sich damit auch für empirische Multi-Ebenen-Analysen, da es die Kopplung von Gemeinschaften mit anderen Systemtypen (Organisationen, Funktionssystemen, Interaktionen) theoretisierbar macht.
Der lesenswerte Artikel lässt sich damit als Beitrag zur Überwindung zweier klassischer soziologischer Fehler lesen: des makrosoziologischen Determinismus (Reduktion von Gemeinschaft auf Struktureffekte) und des mikrosoziologischen Reduktionismus (Auflösung in Interaktionen oder Netzwerke).






