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systemagazin Adventskalender: Wie ich mich einmal systemisch engagieren wollte, aber nicht wusste wie…

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Ewald Johannes Brunner, Stuttgart: Wie ich mich einmal systemisch engagieren wollte, aber nicht wußte wie

Es gibt „systemische Werte“, jeder Systemiker ist einer Ethik systemischen Handelns verpflichtet. Sie verfängt jedoch offenbar nicht in jedem Kontext, wie mir ein persönliches Erlebnis gezeigt hat.

Und das kam so: In der Volkshochschule wurde ein Kurs „Kraft- und Balance-Training im Alter“ ausgeschrieben. Nichts wie hin! Der Kursleiter, ein diplomierter Sportlehrer, macht seine Sache gut. Aber: Er lässt es zu, dass während der Übungen unendlich gequatscht wird. Diese Gespräche werden über die Köpfe hinweg in der Gesamtgruppe geführt.

Lieblingsthema: Die Asylanten belasten unser Volk! Nun wird ja in der Öffentlichkeit bereits laut darüber nachgedacht, wie man Gespräche mit Leuten, die heftig auf einen Nationalismus pochen, so gestalten kann, dass sie möglicherweise zu neuen Einsichten kommen können. So weit, so gut.

Ewald Johannes Brunner

In diesem Kurs zum  Kraft- und Balance-Training befinde ich mich aber in einer Gruppe älterer Mitbürger, die auf Geheiß des Gruppenleiters mit Armen in der Luft rudern oder auf einem Bein hüpfen und gleichzeitig vehement die neuesten Sauereien der Flüchtlingspolitik beklagen. Ständig ist vom unverschämten Auftreten der Flüchtlinge die Rede. Dieses nie endende und in jeder Trainings-Sitzung neu aufkommende Lamento lässt sich auch nicht durch ein von mir forsch vorgetragenes „Hört doch endlich auf damit!“ eindämmen. Und damit wird mir gleichzeitig bewusst, dass ich mit meinem systemischen Latein am Ende bin. Ich kapituliere und nehme nicht am Fortsetzungskurs teil.

Mein Entschluss mag dem einen oder anderen verständlich erscheinen; ich bin aber ehrlicherweise nicht zufrieden damit, dass mir in diesem Fall keine  systemisch vertretbare Handlungsalternative eingefallen ist.

2 Kommentare

  1. Pingback: systemagazin Adventskalender - Ich muss nicht, aber ich kann, wenn ich will: nach Möglichkeiten suchen - systemagazin

  2. Hm, bei der Beschreibung von der Kapitulation und dem am ende Sein mit dem systemischen Latein wurden bei mir Erinnerungen an meinen damaligen Lateinlehrer wach. Das war ein groß gewachsener, sportlicher, sehr disziplinierter, in den 80er Jahren kurz vor seiner Pensionierung stehender, großartiger Humanist der alten Schule. Zur Demonstration der richtigen Erwartungshaltung im menschlichen Umgang miteinander stieg er in Anzug und Krawatte gekleidet und mit korrekt geputzten Lederschuhen auf das Lehrerpult hinauf und erklärte eindrücklich, dass wir immer erst mit dem Größten und Erhabensden in unserem Gegenüber rechnen sollten. Erst durch die aktive Auseinandersetzung (passende Stichworte: Kraft und Balance) dürften und könnten wir die Größenverhältnisse verändern.

    Ich habe bei den Übersetzungen ins heutige Deutsche aber auch bald kapitulieren müssen und mich dann lebendigeren Sprachen zugewandt, weil mich die Menschen hinter den Worten einfach mehr interessiert haben. Den Wert des Gelernten im Lateinunterricht schätze ich deshalb aber nicht geringer.

    In diesem Sinne mit sportlichen Grüßen

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