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systemagazin Adventskalender – Muss überall draufstehen, was drin ist?

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Bruno Hildenbrand, Marburg: Muss überall draufstehen, was drin ist?

In seinem Aufruf, zum Adventskalender 2018 beizutragen, schreibt Tom Levold: „das Label ‚systemisch‘ ist überall zu finden, aber ist auch immer ,systemisch‘ drin, wenn ,systemisch‘ drauf steht?“

An dieser Frage will ich mit meinem Beitrag einsetzen. Für mich gilt, an die eigene Nase zu fassen. Als wir im Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung Meilen (heute: Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung Meilen/Zürich) 1996 mit einem eigenen Konzept an die Öffentlichkeit traten, nannten wir unser Buch „Systemische Therapie als Begegnung“. Auch noch die 4. Aufl. 2004 trug diesen Titel. Wider besseres Wissen, denn weder war in diesem Buch viel „Systemisches“ drin, noch traf der Titel unser Schlüsselkonzept. Dieses lautet: „Fallverstehen in der Begegnung“.
Ein Sprung auf das Trittbrett des „Systemischen“ musste damals sein, wollte man im Feld überhaupt wahrgenommen werden. Ich selber als der damals etatmäßige Schreibknecht bin ein von der Phänomenologie beeinflusster Soziologe, und außer Rosmarie Welter-Enderlin hat sich in der Projektgruppe niemand zu öffentlichen Glaubensbekenntnissen zur Systemtheorie hinreißen lassen, weder Robert Waeschle noch Reinhard Waeber noch ich. Ein schlechtes Gewissen ob dieser Trittbrettfahrerei hat mich persönlich immer wieder einmal beschlichen; es hätte sich später mitunter angeboten, eine Renegatenkarriere anzutreten. Stattdessen habe ich mich mit dem Gedanken getröstet, dass die systemtheoretische Orientierung einen Ausweg aus der Innerlichkeit gängiger therapeutischer Verfahren ermöglicht und den Blick auf den Kontext der Klienten eröffnet hat – dem Soziologen kommt das gerade recht.
Nun will Tom noch wissen, wie man die Zukunft der systemischen Therapie sieht. Mehr als die im vorigen Abschnitt erwähnte Blickrichtungsänderung, die vollmundig als „kopernikanische Wende“ etikettiert wurde (klein waren die Brötchen selten, die damals gebacken wurden) wird die nächsten zehn Jahre nicht überstehen.
Und überhaupt: Muss überall draufstehen, was drin ist? Wer in eine Mineralwasserflasche Lösungsmittel schüttet, ohne das zu markieren, kann unter Umständen großen Schaden anrichten. Ich kenne theoretische Soziologen, die angesichts eines an der Phänomenologie orientierten Soziologen, der sich mit Systemikern gemein macht, im günstigen Fall die Nase rümpfen, im schlimmsten Fall Zeter und Mordio schreien. Das sind dann besonders jene, die die Welt vor allem aus der Perspektive ihrer akademischen Überheblichkeit sehen. Die Handlungsperspektive ist für solche Leute irrelevant (ein Pamphlet wollte ich an dieser Stelle vermeiden, auch wenn Tom ausdrücklich dazu ermuntert hat). Ich jedoch halte dafür, dass es im therapeutischen Handeln nicht darauf ankommt, was draufsteht, sondern darauf, wie die Wirklichkeit dieses Handelns aussieht. Diesem Punkt haben wir in unserem Buch über „Systemische Therapie als Begegnung“ breiten Raum gewidmet: Die vierte Auflage enthält eine Zehnjahres-Katamnese therapeutischen Handelns bei einer „Multiproblem-Familie“ mit bäuerlichem Hintergrund. Andere hätten in diesem Zeitraum den Fall längst aus den Augen verloren.

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2 Kommentare

  1. Lieber Herr Hildenbrand,
    ich habe Ihren Beitrag sehr gerne und mit Vergnügen gelesen. Ermuntert er doch dazu, eine systemische Therapie jenseits der gängigen (i.e. Luhmannschen) Systemtheorie zu reklamieren. Er wirft die – mE nicht hinreichend geklärte – Frage auf: welche Systemtheorie? In systemischer Praxis (Therapie, Beratung) werden nach meiner subjektiven Beobachtung Vorgehensweisen angewandt, von denen zwar behauptet wird, sie seien aus der Systemtheorie abgeleitet, die in den überwiegenden Fällen aber humanistisch verankert sind. Wie soll ich einem Patienten, einer Klientin, einem Kunden begegnen ohne ein zumindest implizites Begegnungsmodell? Ich bin also ganz bei Ihnen: wo “systemisch” draufsteht, muss keine Mainstreamsystemtheorie drin sein. Und kleine Brötchen schmecken oft besser als die großen, weil letztere zu viele Lufteinschlüsse beinhalten.

  2. “Ich jedoch halte dafür, dass es im therapeutischen Handeln nicht darauf ankommt, was draufsteht, sondern darauf, wie die Wirklichkeit dieses Handelns aussieht.” Gut gebrüllt und aus einem offenen “Fensterchen”, alter Löwe Bruno!

    Mit liebem Gruss aus systemder Schweiz
    Martin

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