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Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation

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Ulrike Mathias-Wiedemann, Diplom-Pädagogin, Psycho- und Leibtherapeutin HPG, Supervisorin und Lehrtherapeutin für Integrative Therapie aus Hamburg, beschäftigt sich in ihrem ausführlichen Rezensionsessay mit einem Forschungsband zu Wirksamkeit, Anwendungsfeldern und Innovationspotential der Supervision, der von Brigitte Schigl, Claudia Höfner, Noah A. Artner, Katja Eichinger, Claudia B. Hoch und Hilarion G. Petzold verfasst wurde und 2020 bei Springer erschienen ist. In ihrer Zusammenfassung heißt es:

„2003 legten Hilarion G. Petzold und Brigitte Schigl und Forscherteam einen ersten Bericht über die internationale Supervisionsforschung vor. 2019 kam ein Anschlussbericht zum Forschungsstand 2003 bis 2018. Beide Publikationen sind Meilensteine, wird mit ihnen doch eine longitudinale supervisorische Wissenschaftsforschung begründet, die die ganze Breite supervisorischer Forschungsaktivitäten dokumentiert. Hierzu ein kommentierender Bericht, der beide Studien berücksichtigt. Ein Problem sind die großen Unterschiede zwischen den angloamerikanischen und europäischen Supervisionsverständnissen, aber auch die Heterogenität der deutschsprachigen Ansätze. Ergebnis beider Forschungsberichte: ,Die Supervision als solche gibt es nicht, nur heterogene Praxelogien!’ Noch gravierender: ,Es gibt nur schwache Wirkungsnachweise für Supervision und für Wirkungen von Supervision auf PatientInnen und KlientInnen fehlen solide Nachweise überhaupt’. Die Forschungslage entzaubert den ,Mythos Supervision’. Wieder wird kritisch ein erheblicher Forschungsbedarf aufgewiesen, wenig sei weitergegangen. Risiken und Negativwirkungen von Supervision (Eberl 2018), wie in einer ersten Dunkelfeldstudie aufgezeigt (Erhardt, Petzold 2011) werden als ,weiterführende Kritik’ dokumentiert. Es werden aber auch die positiven Wirkfaktoren und Potentiale (Galas 2013) dargestellt. Um diese evidenzbasiert zu entwickeln, werden große Anstrengungen erforderlich: Ohne Forschung kein Weiterkommen! Deshalb gehört dieses Werk in die Hände aller, die sich mit Supervision befassen: SupervisorInnen, SupervisandInnen, Auftraggebern, WeiterbildungskandidatInnen in Supervision und Coaching.“

Ulrike Mathias-Wiedemann, Hamburg: Ohne Forschung kein Weiterkommen in der Supervision – zur kritischen Sichtung der internationalen Supervisionsforschung

Zusammenfassung: Ohne Forschung kein Weiterkommen in der Supervision

2003 legten Hilarion G. Petzold und Brigitte Schigl und Forscherteam einen ersten Bericht über die internationale Supervisionsforschung vor. 2019 kam ein Anschlussbericht zum Forschungsstand 2003 bis 2018. Beide Publikationen sind Meilensteine, wird mit ihnen doch eine longitudinale supervisorische Wissenschaftsforschung begründet, die die ganze Breite supervisorischer Forschungsaktivitäten dokumentiert. Hierzu ein kommentierender Bericht, der beide Studien berücksichtigt. Ein Problem sind die großen Unterschiede zwischen den angloamerikanischen und europäischen Supervisionsverständnissen, aber auch die Heterogenität der deutschsprachigen Ansätze. Ergebnis beider Forschungsberichte: „Die Supervision als solche gibt es nicht, nur heterogene Praxelogien!“ Noch gravierender: „Es gibt nur schwache Wirkungsnachweise für Supervision und für Wirkungen von Supervision auf PatientInnen und KlientInnen fehlen solide Nachweise überhaupt“. Die Forschungslage entzaubert den „Mythos Supervision“. Wieder wird kritisch ein erheblicher Forschungsbedarf aufgewiesen, wenig sei weitergegangen. Risiken und Negativwirkungen von Supervision (Eberl 2018), wie in einer ersten Dunkelfeldstudie aufgezeigt (Erhardt, Petzold 2011) werden als „weiterführende Kritik“ dokumentiert. Es werden aber auch die positiven Wirkfaktoren und Potentiale (Galas 2013) dargestellt. Um diese evidenzbasiert zu entwickeln, werden große Anstrengungen erforderlich: Ohne Forschung kein Weiterkommen! Deshalb gehört dieses Werk in die Hände aller, die sich mit Supervision befassen: SupervisorInnen, SupervisandInnen, Auftraggebern, WeiterbildungskandidatInnen in Supervision und Coaching.

Erste Überblicke zur internationalen Supervisionsforschung

Wenn in einem Bereich wissenschaftlicher Forschung ein bemerkenswertes Werk erscheint, das für eine spezifische Disziplin besondere Wichtigkeit hat oder gar eine disziplinübergreifende Bedeutung, dann ist es angezeigt, eine umfangreichere Besprechung oder überblicksartige, kommentierende Darstellung zu machen. Das soll hier unternommen werden für das Werk von:

B. Schigl, C. Höfner, N.A. Artner, K. Eichinger, C. B. Hoch, H. G. Petzold: Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation. Wiesbaden: Springer, 300 Seiten, Januar 2020.

Es ist besonders interessant, weil es zwei Vorläuferpublikationen gibt von 1999 (Petzold, Ebert Sieper 1999/2001) und von 2003 (Petzold, Schigl et al. 2003), deren Forschungsstände man vergleichend beiziehen kann, um zu sehen: Was ist weitergegangen in zwanzig Jahren der Forschung und Praxis im internationalen supervisorischen Feld, zumal die Forschungslage seit langem beklagt wird? Jüngst noch kommt eine Übersichtsstudie zur Supervisionsforschung zu dem Schluss: „Although clinical supervision is considered to be a major component of the development and maintenance of psychotherapeutic competencies, and despite an increase in supervision research, the empirical evidence on the topic remains sparse“ (Kühne et al. 2019). Dazu gibt nun das unter der Ägide der SeniorautorInnen Prof. Dr. Brigitte Schigl und Prof. Dr. Hilarion G. Petzold mit ihrer Forschergruppe entstandene Buch einen umfassenden Überblick. Es ist das Fortsetzungswerk des gleichnamigen Band von 2003, der zum ersten Mal die internationale Supervisionsforschung für den Zeitraum 1980 bis 2002 aufgearbeitet hatte – eine bedeutende Grundlage für die Supervision als wissenschaftliche Disziplin. Es war eine Arbeit, der für die Supervision eine ähnliche Bedeutung zukommt, wie Klaus Grawes (et al. 1994) Aufarbeitung der internationalen Psychotherapieforschung. Jetzt wird die Entwicklung von 2003 bis 2018 vorgelegt. Eine Meilensteinpublikation! Grawe war eine solche Anschlusspublikation nicht vergönnt, aber sein Werk hat die europäische Welt der Psychotherapie verändert (Petzold 2005q). Es wurde eine der Entscheidungsgrundlagen dafür, welche Psychotherapieverfahren staatliche Anerkennung erhielten. Das Kriterium war, ob ein Verfahren solide evidenzbasierte Wirkungsnachweise über eine ausreichende Zahl von Studien mit guter wissenschaftlicher Qualität vorlegen konnte. Wo das nicht der Fall war, wurden diese Verfahren nicht anerkannt, mit gravierenden Folgen für ihre Entwicklung, ja ihre Existenz. Man kann und muss diese Entwicklung kritisch diskutieren, denn sie macht u.a. Neuentwicklungen jenseits von Mainstreams fast unmöglich. Mit all dem im Blick, bleibt jedoch unumkehrbar die Entscheidung der übergeordneten „scientific communities“ und der Strukturvorgaben im öffentlichen Gesundheitswesen, dass Interventionsmethoden in der Arbeit mit Menschen auf Wirkungen und eventuelle Nebenwirkungen evidenzbasiert untersucht sein müssen. Das kommt auch auf Bereiche wie Supervision oder Beratung, Soziotherapie zu. Supervision – vielfach als Instrument der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung betrachtet und von ihren Fachgesellschaften präsentiert – soll die Arbeit von evidenzbasierten Methoden begleiten, beraten, ggf. kontrollieren. Sie muss sich fragen lassen, wie es um ihre eigenen Wirksamkeitsnachweise bestellt ist, ihre Forschungs- und Qualitätskultur und um ihre evidenzbasierten Wirkungsnachweisen (efficacy, efficiency, vgl. Lutz, Grawe 2007; Petzold, Märtens 1999)! Bislang ist es für die Supervision um den Nachweis von „Wissenschaftlichkeit, Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Unbedenklichkeit“ (z. B. Ausschluss von Risiken und Nebenwirkungen, vgl. Märtens, Petzold 2002) überhaupt noch nicht gut bestellt. Das zeigt die hier vorgestellte Studie.

Aufbau des Projekts, Sichtung des Forschungsstandes, Schwerpunktbildung

Das vorliegende Werk ist komplex und es ist sehr differenziert aufgebaut – von der Datenerhebung über die Forschungsmethodik zu den Forschungsbereichen und -themen. Man könnte eine umfangreiche Arbeit allein dazu schreiben. Hier sei das Thema „Wissenschaftlichkeit und Wirksamkeit“ als das wohl wichtigste für die Bonität und Legitimation von Supervision, ihre Ansprüche und ihre Wirklichkeit fokussiert. Forschung soll eine Disziplin voranzubringen, Stärken, Schwächen, Defizite, Probleme, Irrtürmer, neue Wege aufzuzeigen und ggf. alte zu verlassen. Für jede wissenschaftliche Disziplin ist Forschung ein Spiegel ihrer Leistungsfähigkeit und Leitlinie ihrer Entwicklungsarbeit – ansonsten bleibt sie im vorwissenschaftlichen Raum oder fällt in ihn zurück. Petzold und Schigl konnten mit den Forschungsberichten eine longitudinale Tradition der Wissenschaftsforschung für die Supervision begründen und haben selbst eine Fülle eigener Studien vorgelegt, um ihre Disziplin „Supervision“ voran zu bringen, die allein schon bei der Definition vor dem Problem der Heterogenität steht und vielfache Definitionsversuche vorlegt, aus der ich destillierte:

„Supervision ist eine praxeologische Methode angewandter Sozialwissenschaften, die interdisziplinär fundiert ist und zur Optimierung zwischenmenschlicher Kooperation in komplexen, interpersonalen und organisationalen Kontexten dient“. Das ist eine mögliche Definition, zu der man kommen kann, wenn man das im Januar 2020 erschienene Buch „Supervision auf dem Prüfstand, Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation“ (SAP 2) liest. Die Forschungen der Gruppen um die SeniorautorInnen Prof. Dr. Brigitte Schigl, DUK (Donau Universität Krems) und Prof. Dr. Hilarion G. Petzold; DUK und EAG (Europäische Akademie für biopsychosoziale Gesundheit) haben an den genannten Institutionen eine lange Tradition. 1999 wurde eine erste umfassende Feldanalyse des deutschsprachigen Supervisionsfeldes vorgelegt (Petzold et al. 1999/2001/2011), die die Basis für die internationale Übersichtsstudie von Petzold und Schigl aus dem Jahr 2003 bot und den Stand der Supervisionsforschung 1980 bis 2002 unter dem Titel „Supervision auf dem Prüfstand“ gesichtet und aufgearbeitet hat (Petzold, Schigl et al.2003, im Folgenden SAP 1) mit Referenz zum Übersichtswerk von Grawe (et al. 1994): Psychotherapie auf dem Prüfstand. SAP 2 stellt jetzt die internationale Supervisionsforschung der Jahre 2003 bis 2018 in sehr umfassender Art und Weise dar und vergleicht die beiden Forschungsstände, Entwicklungen, aber auch Stagnationen in allen untersuchten Themenbereichen, wobei jeweils „kurze Bewertungen des erhobenen Forschungsstandes“ gegeben werden.

Die Datenerhebung für diese Studie wurde hochkarätig, nämlich in Kooperation mit dem „Cochrane Collaboration Netzwerk“ (1) , durchgeführt – eine Premiere im Feld der Supervision, das in hohem Maße eine objektive und umfassende Aushebung von Daten gewährleistet. Diese Kooperation war eine kluge Entscheidung, weil es damit schwer wird, die Gewichtigkeit dieser Studie zu bagatellisieren oder zu übergehen. Die erste Studie SAP 1 von2003 wurde zwar gelobt, hatte aber kaum Konsequenzen. Sie wurde insgesamt im Feld der Supervision, vor allem in der Weiterbildung und von den LehrsupervisorInnen ausgeblendet. Bei SAP 2 erfolgt die Aufbereitung und Auswertung der Daten und die Darstellung der Ergebnisse jeweils insgesamt durch das ForscherInnenteam, in dem alle sechs Mitarbeitenden SupervisorInnen und PsychotherapeutInnen sind – fünf davon klinische und GesundheitspsychologInnen, darunter ein systemischer Psychotherapeut, ein personenzentrierter Psychotherapeutin, eine psychologische Tanztherapeutin. Alle sind keineswegs nur im Bereich der Psychotherapie tätig. Die drei Ordinarien in der Studie sind Integrative psychologische PsychotherapeutInnen und SupervisorInnen. Diese Diversität auf hohem Komptenzniveau hat eine Ausgewogenheit in der Gewichtung der untersuchten Studien gewährleistet.

Supervision ist höchst Heterogen, Wirkungsnachweise fehlen weitgehend

Ein übereinstimmendes und zugleich beunruhigendes Ergebnis von SAP 1 und jetzt wieder von SAP 2 ist: Eine „übergreifende Methode Supervision gibt es nicht!“ Man finde nur eine Vielfalt von zum Teil höchst heterogenen Methoden, die als gemeinsamen Nenner „Beratung von sozialen Situationen“ haben, ohne hinlängliche Übereinstimmung, was diese Beratung denn sei (Petzold, Schigl et al. 2003, SAP 1, 174). Das ist auch das Ergebnis von SAP 2. Supervision „in einem verallgemeinernden Sinne“ sei deshalb „nicht zu beforschen“ (SAP 1, 2003 174), weil von den theoretischen Ansätzen her zu disparat und von den methodischen Vorgehensweisen zu heterogen. SAP 1 2003 musste dann auch das praktisch vollständige „Fehlen von empirischen Wirkungsnachweisen“ für Einzel-, Gruppen-, Teamsupervision feststellen. Die neue Übersicht SAP 2 nach fast 20 Jahren berichtet jetzt, dass die Zahl der Studien exorbitant gestiegen ist und die Bereiche bzw. Felder der Forschungen breiter geworden sind, aber es muss auch heute konkludiert werden: Es gibt die Supervision nicht, sondern nur eine Vielzahl heterogener Ansätze (vgl. S.196 ff.) und deshalb fehlen übergreifende Wirkungsnachweise. Punktum!

Und weiterhin stellt SAP 2 fest: Es besteht nach wie vor ein tiefgreifender Unterschied in theoretischer und praktischer Hinsicht und auch im Grad der Güte der empirischen Studien zwischen dem Supervisions- und Supervisionsforschungsverständnis der angloamerikanischen (australischen, britischen etc.) Communities und dem der europäischen Supervisions-Communities. Die Europäischen Studien fallen, was Anzahl und empirische Güte anbelangt, in vielen Bereichen deutlich ab und sie beforschen kaum Wirksamkeit. In beiden Communities gibt es nur wenige Studien, die das faktische „Mehrebenensystem des Systems der Supervision“ (Petzold 1990o, Petzold et al.2001) insgesamt b e f o r s c h t haben, obwohl die Mehrzahl der SupervisorInnen strukturell in „multi systems setting“ arbeitet.

Supervision muss im „MehrebenenSystem“ beforscht werden

Aus theoretischen (strukturlogischen) und methodischen (praxeologischen) Erwägungen wurde den beiden Forschungsberichten SAP 1 und SAP 2 ein Mehrebenen-Ansatz zugrunde gelegt (S. 20):

Diagramm: Das Mehrebenensystem der Supervision von Petzold, hier aus SAP 2, S. 20.

2003 konnten in SAP I nur 201 Forschungsbeiträge, die den Inklusionskriterien entsprachen, ausgemacht und bearbeitet werden. 2018 in SAP 2 sind es 1629, die den Kriterien für empirische wissenschaftliche Studien entsprachen.

Die überwiegende Mehrzahl der Studien betrifft das SupervisorInnen-SupervisandInnensystem (letzteres umfasst z. B. Sozialberufe, BeraterInnen, TherapeutInnen, Pflegepersonal, LehrerInnen us. usw.).

Das Supervisionssystem (es umfasst z. B. Fachverbände, Weiterbildungseinrichtungen, Curricula, Lehrsupervision) wurde bislang nur wenig beforscht. So gibt es für die Wirkung „Standards“ der Verbände oder für die Lehrsupervision bis heute keinerlei Wirkungsnachweise. Zu Ausbildung finden sich nur wenige Studien – die ersten aus dem Bereich der Integrativen Supervision (Lindermann et al. 2018; Oeltze et al. 2003; Petzold, Schigl 1997; Schreyögg 1994). Zu „Feldentwicklungen“ gibt es nur wenige Ergebnisse (Petzold, Ebert, Sieper (1999/2001/2011) und in der Neupublikation dieses Textes 2011 konkludieren die Autoren, es sei 10 Jahre nichts weitergegangen. Das verlängert sich dann mit SAP 2 zum Jahr 2019.

Auf der Ebene des KlientInnen-/ PatientInnensystems stellt man in SAP 2 nämlich fest, dass in der deutschsprachigen Forschungsliteratur Wirkungsnachweise praktisch nicht existieren. Auch in der englischsprachigen Literatur finden sich nur sehr wenige Wirkungsnachweise, die zudem auf die europäischen Supervisionsmethoden nicht übertragbar sind.

Auch auf der Ebene des Auftraggebersystems gibt es kaum Studien. Das heißt, wir wissen nicht, was die großen Auftraggeber von Supervision aus dem öffentlichen Raum, die Sozialämter, die Jugendhilfe, die Pflegeeinrichtungen usw. von Supervision erwarten. Wollen sie fach- und feldkompetente Supervision mit Zentrierung auf Verbesserung fachkompetenter Hilfeleistungen oder wollen sie „Coaching“? Die Antwort: Natürlich wollen diese Auftraggeber Supervision mit Hilfeleistungsorientierung für ihre psychosozialen Einrichtungen und Dienste (S. 231ff.; vgl. auch Jansenberger 2019).

Auf der Ebene des „SupervisandInnensystems“ sieht die Studienlage in SAP 2 etwas besser aus als in SAP 1: BeraterInnen, TherapeutInnen, Pflegekräfte können von Supervision profitieren, allerdings ist nicht klar, von welchen Formen, mit welcher methodischen Ausrichtung und mit welchen Settings von Supervision. Denn es ist unstrittig: Nicht alle Anwendungsformen von Supervision wirken bzw. wirken gleich gut, wirken ohne negative Nebenwirkungen. Das liegt ähnlich wie es in der Psychotherapie die Psychotherapieforschung gezeigt hat.

„Es gilt derzeit noch immer, dass Ergebnisse von Supervisionsforschung nicht einfach von einem Feld in ein anderes übertragen werden können und die Heterogenität der Auffassungen, Ziele, Methoden und Settings eine genaue Beschreibung des jeweils untersuchten Supervisionsformats nötig macht (was in den untersuchten Texten nur teilweise der Fall war)“ (SAP 2, S.200). Hier ist in den 30 Jahren zwischen den drei Forschungsberichten 1999, 2003, 2020 nicht viel weitergegangen. Deshalb gibt es sehr viel zu tun, offen ist aber, von wem solide Forschungen kommen sollen? Auch von Seiten der SupervisandInnen wird deutlich gemacht, dass man nicht zufrieden ist. Bei über 20 Multicenterstudien in verschiedenen supervisionsrelevanten Feldern (Altenarbeit, Psychiatrie, Behindertenarbeit, Krankenhaus, S.67-84) sahen die befragten SupervisandInnen, d.h. die EmpfängerInnen von Supervision nur bei einem Drittel der SupervisorInnen eine zufriedenstellende Feld- und Fachkompetenz. Gute und sehr gute Supervisionsarbeit wurde nur knapp 30 % der SupervisorInnen zugemessen. Der größte Teil der Bewertungen benennt nur ein mittleres Wirkungsniveau (SAP 2, S. 246). Das ist für Supervision kein gutes Ergebnis. Hinzu kommt, dass zwischen 4 und 18% der Befragten in diesen Studien angaben, durch Supervision beschädigt worden zu sein. Kein schönes Resultat (ebenda)!

In vielen Studien wird aber auch deutlich, dass sich die Supervidierten, PraktikerInnen in unterschiedlichen Feldern, durch Supervision durchaus entlastet und gestärkt fühlen. Das kann als gesichert gelten, wobei dies allerdings als „Messungen von Kundenzufriedenheit“ zu sehen ist, nicht aber als durch objektive Messinstrumente erhobene Daten auf der Ebene objektivierender physiologischer und psychologischer Parameter – ein durchaus gemischtes Bild zu den Wirkungen auf der Ebene des SupervisandInnensystems und das bei Studien, die in der Mehrzahl methodisch nicht sehr anspruchsvoll sind. Kann man da von „wissenschaftlich gesicherter“ Wirksamkeit von Supervision sprechen? Wohl kaum. Man braucht dazu solide und mehrfach replizierte empirische Wirkungsnachweise, für die jeweilig spezifische Supervisionsmethodik.

Wirkt Supervision burnout-prophylaktisch?

Das ist in diesem Zusammenhang eine wichtige Frage. Einige wenige Studien zeigen: „Supervision wird von den Befragten weitgehend als entlastend erlebt, wobei nach wie vor keine generelle burnout-prophylaktische Wirkung abgeleitet werden kann. Die Wirkung auf PatientInnen wird nur uneinheitlich belegt, Replikationen von Studien wären nötig, um die Ergebnisse zu sichern“, so SAP 2, S. 119. Studien im Kontrollgruppendesign, randomisierte gar, finden sich zum Thema nicht. Es gibt aber Hinweise, dass als „effizient wahrgenommene Supervision“ Arbeitszufriedenheit fördert und Burnout-Gefährdung zu senken scheint. Da muss man sich aber die Studien ansehen. Um welche Form und Methodik von Supervision für welche Zielgruppe und Problematik handelt es sich? Und gibt die Methodik der Studie eine solche Aussage überhaupt her? Was ist, wenn diese Supervisionsform als „nicht effizient“ wahrgenommen wird – und das geschieht doch recht häufig? Derartige Fragen müssen immer wieder gestellt werden. Will man begründet von einer generellen Evidenzbasierung sprechen, muss eine methodisch gute Studie mehrfach repliziert werden. Solche Studien konnten von SAP 1 und 2 nicht dokumentiert werden. Wirkt Supervision tatsächlich per se Burnoutgefährdungen entgegen? SAP 2 (S. VIII) konkludiert: „Wir wissen es nicht“, anders also als es meistens von VertreterInnen aus dem Bereich der Supervision behauptet wird.

Dem ForscherInnenteam muss man hoch anrechnen, dass es nicht aus wenigen und methodisch schwachen Studien, die auf Burnoutminderung bzw. -verhinderung hinzuweisen scheinen, eine gesicherte Wirkung macht. Dazu liegen nämlich keine soliden, kontrollierten und replizierten Studien vor. Das Burnout-Thema verdeutlicht, was für viele Geltungsbehauptungen im Bereich der Supervision gilt: man steht ohne Belege da.

Interessant sind hier Studien, wo man die Selbstwertung von SupervisorInnen zu ihrer Arbeit, den Bewertungen der SupervisandInnen gegenüberstellt: Exemplarisch sei eine methodisch aufwendige Studie von White und Winstanley (2010) zitiert: „Die SupervisorInnen selbst schätzten die Effizienz der Supervision hoch ein. Zudem zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang der wahrgenommenen Effizienz der Supervision mit niedrigen Burnout-Levels bei den SupervisorInnen. Im Gegensatz zu den SupervisorInnen schrieben die SupervisandInnen ihrer Supervision eine nur mäßige Effizienz zu und es konnten keine nennenswerten Zusammenhänge mit psychischer und physischer Gesundheit festgestellt werden. Dennoch gaben zwei Drittel der SupervisandInnen an, dass die Supervision ihren Erwartungen entsprochen hatte.“ (SAP 2, S. 148). Die so oft generalisiert vorgetragene Behauptung, Supervision verhindere Burn-Out, wird durch Forschung bislang n i c h t gestützt.

Wirkungen, Risiken und Nebenwirkungen

Die offenbar häufig implizierte Unterstellungen, Supervision sei als solche etwas besonders Gutes, muss an der Ergebnisrealität geeicht werden. Ich habe eine Studie zum „Nutzen von Supervision für Mitarbeitende in klinischen und sozialgerontologischen Alterseinrichtungen“ (Müller et al. 2003, Schweiz, aus SAP 1, S. 224) einmal aufgerufen mit immerhin 399 Befragten im Rücklauf – für die Schweiz ist das als repräsentativ anzusehen. Dort heißt es:

„Von durchschnittlich 37.8% der Befragten [n = 399] wird der Nutzen der Supervision als hoch eingeschätzt, alle anderen sehen ihn als mittel (durchschnittlich 35.1 %), gering (durchschn. 14%) oder nicht vorhanden (durchschn. 4.2%) an. [… ] bedenklich ist der Umstand, dass der patientenbezogene Nutzen deutlich am schwächsten eingeschätzt wird. Nur 31.6% schätzen ihn hoch ein, die Kategorie ,geringer Nutzen’ wird hier häufiger gewählt als bei den anderen Nutzensarten, ebenso die Kategorie ,kein Nutzen“ (S. 204).

Ich habe dann in SAP 2, die entsprechende Passage von 2003 mit den Studien bis 2008 verglichen, wo sich für drei Multicenter-Studien im Gerontobereich Folgendes findet:

„In der Zusammenschau der drei Studien stimmen die Ergebnisse (Fallzahlen in Österreich N = 119, in der Schweiz N = 155, in Deutschland N = 80) oftmals überein. Supervision wurde ein hoher persönlicher Nutzen von 31,1 % der SupervisandInnen in Österreich, 39,4 % in der Schweiz und 40,0 % in Deutschland bescheinigt. Ein Nutzen für die PatientInnen wurde in Österreich von 33,6 %, in der Schweiz von 31,6 % und in Deutschland von 21,3 % der SupervisandInnen gesehen. Die gerontologische Fach- und Feldkompetenz der SupervisorInnen wurde jedoch nur jeweils von einem Drittel positiv bewertet: 28,0 % in Österreich, 37,4 % in der Schweiz und 27,5 % in Deutschland. Uneingeschränkt positiv sahen in Österreich 74,8 %, in der Schweiz 74,2 % in Deutschland hingegen nur 48,8 % der MitarbeiterInnen die bisherigen Erfahrungen mit Supervision. Die AutorInnen kamen mit Blick auf die Ergebnisse ihrer Studien zur Konklusion, dass eine gute generelle Supervisionskompetenz und -performanz nicht ausreichen, und es für bestimmte Felder eine spezifische Fach- und Feldkompetenz brauchen würde“ (SAP 2, S. 78, Fettdruck die Autorin).

Das sind wirklich keine guten Zahlen. Die Erfahrungen mit Supervision werden einerseits „uneingeschränkt positiv“ gesehen, zugleich sind aber nur ein Drittel mit Feld- und Fachkompetenz der SupervisorInnen zufrieden. Nur 30-40% sehen einen hohen persönlichen Nutzen und für die PatientInnen wurde nur zwischen 20 und 30% ein Nutzen durch Supervision gesehen. In ganz vielen Feldern (Psychiatrie, Sucht, Krankenhaus) werden ähnlich mäßige Ergebnisse berichtet (SAP 2, 246) und überall wird der Mangel an Fachkompetenz (z. B. an gerontologischem oder psychiatrischem Fachwissen, das für „Fallsupervisionen“ unverzichtbar ist) und Feldkompetenz (z.B. Kenntnis des jeweiligen Feldes) beklagt. Das muss nachdenklich stimmen. Denn es liegt doch auf der Hand: Bei Halsschmerzen geht man nicht zum Orthopäden, und bei Steuerproblemen nicht zum Fachanwalt für Familienrecht. Spezialisierungen für die speziellen Erfordernisse besonderer Felder sind offenbar notwendig. Das sind Ergebnisse von SAT 1 und SAT 2. Die sind seit vielen Jahren bekannt, aber bisher haben die Fachverbände und Ausbildungsinstitute nicht auf diese Situation reagiert, sondern man erhält „Kompetenzansprüche“ aufrecht und reklamiert „Exzellenzansprüche“, so das kritische Nachwort zur Studie SAT 2 von H. Petzold (S. 235ff.).

Weil alles, was wirkt, auch Nebenwirkungen haben kann, muss man auf „riskante Supervision“ schauen. Das tut die Forschergruppe mit einen neu aufgenommen Forschungsschwerpunkt: „Bedarf und Risiken von Supervision“ (SAP 2, S. 116 ff.) und referiert 11 Studien zu Risiken und Negativeffekten, in denen fast 1000 befragte SupervisandInnen angeben, in Supervisionen durch Supervisionen negative, ja schädigende Erfahrungen gemacht zu haben (S.117 ff.). Hier findet sich eine ähnliche Situation wie im Bereich der Psychotherapie, wo man sich relativ spät erst „Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen“ zugewandt hatte. Der Seniorautor des Bandes hatte dazu die erste internationale Übersicht vorgelegt (Märtens, Petzold 2002).

Diese Ergebnisse müssen natürlich Konsequenzen für die Ausbildung von SupervisorInnen in den Curricula und für die Ausbildungsstandards der Fachverbände gewinnen, damit der „Mythos Supervision“ (Petzold, Oeltze, Ebert 2002/2011) auf den Boden von Realitäten gestellt wird. Nur so, das ist die Konklusion der AutorInnen, könne das positive Potential, das Supervision in psychosozialen Feldern durchaus hat – nämlich durch Reflexivität und Diskursivität die Arbeit mit Menschen zu fördern – mit dem Nachweis von Wirksamkeit „evidenzbasiert“ unterfangen werden. Der Forschungsbericht bietet dazu eine Fülle von Material: über das Verständnis von Supervision (S.27ff.) über „Wissenschaftlichkeit, Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Unbedenklichkeit“ von Supervision (S.32), über Anwendungsmodalitäten von Supervision in speziellen Feldern (S.88), über thematische Schwerpunkte „Ethnizität, Diversität, Gender“ usw. (S.94 ff.). Für all das finden auch Praktiker der Supervision in diesem Buch Anregungen und Hinweise, die eigenen Ansichten kritisch zu überprüfen.

Bei den Themen, wo dringend in die Verbesserung von Wirksamkeiten investiert werden muss, steht an erster Stelle das völlige Fehlen von Wirkungsnachweisen von Supervision auf das PatientInnen- bzw. KlientInnensystem, also auf die Menschen, mit denen die supervidierten BeraterInnen, SozialarbeiterInnen, Pflegekräfte, LehrerInnen etc. arbeiten. Dabei muss die Wirksamkeit einzelner Supervisionsmethoden spezifisch auf Stärken und Schwächen untersucht werden. Nur dann kann es zu Qualitätsverbesserungen kommen. Der Forschungsbericht SAP 1 von 2003 hatte dazu schon vielfältige Anregungen gegeben, die nach wie vor gültig sind. Sie sind, das zeigt SAP 2, aber weitgehend unbearbeitet geblieben und zugleich wird die Fortdauer der Probleme durch diesen neuen Bericht bestätigt.

Konklusionen und Konsequenzen: Wirksamkeitsnachweise – ein Muss für die Zukunft

Man kann sagen: Werden die Schwachstellen, die so deutlich von der internationalen Supervisionsforschung aufgezeigt werden, nicht beseitigt und werden die von der Forschung aufgezeigten Stärken nicht weiter umgesetzt und entwickelt, so sieht es für die Zukunft qualititätsvoller Supervision nicht gut aus, besonders nicht für ihre Rolle als Instrument der „Qualitässicherung“. Das ist auch das Fazit in der Auswertung zum vorliegenden Forschungsbericht (S.219-285), die kritisch ausfällt. Es wird der fehlenden Bezug auf Sozialpsychologie (Petzold, Mathias 1982), Social Neurosciences (Stefan, Petzold 2019) und auf die Beratungs- und klinische Psychotherapieforschung in der deutschsprachigen Supervisionsszene beklagt. Man müsse hier mehr „über den Zaun“ schauen (SAP 2, 294). „In den klinischen und sozialen Bereichen der Medizin, Psychotherapie, Beratung usw. beginnt sich der Standard evidenzbasierter Methoden (Lutz und Grawe 2001; Wampold et al. 2018) durchzusetzen. Man ist darum bemüht, nur Interventionen zu verwenden, deren Wirksamkeit empirisch nachgewiesen wurde und deren Risiko- und Nebenwirkungspotential aufgrund von Forschung als unbedenklich eingestuft werden kann“ (SAP 2, 64). Wie Grawe (2005) vertritt SAP 2, dass Psychotherapie, Soziotherapie, Beratung nur durch empirische Validierung ihrer Praxis und zugleich durch ideologie- und konzeptkritische, diskursive Problematisierung von Theorieständen, Praxishandeln und Forschung wirksamer werden können (Märtens, Petzold 2002). Damit wird ein einseitiges positivistisches Empirieverständnis durch metahermeneutische und politische Reflexionen aufgebrochen (Petzold 2017f; Petzold, Orth, Sieper 2014a), eine Haltung, die für Supervision unerlässlich scheint (Petzold, Ebert, Sieper 1999/2001/2011).

Die Forschungsberichte SAP 1 und 2 wollen Supervision nicht diskreditieren, sondern zu ihrer Effizienz beitragen. Deshalb werden die vorhandenen Probleme aufgezeigt. Besonders die „LehrsupervisorInnen“ werden als Verantwortliche kritisch angesprochen. Gibt es doch bis heute für Lehrsupervision keine übergreifende Theorie – sondern nur hohe Heterogenität der Konzepte (Freitag-Becker et al. 2017) und für ihre Wirksamkeit gibt es keine empirischen Nachweise. Das wurde schon 1994 kritisch beanstandet (Petzold, Lemke, Rodriguez-Petzold 1994). Aufgrund der gefundenen Probleme wurde gewarnt: „Man muss sich im Feld der Supervision vor hypertrophen Kompetenzansprüchen hüten“ (Petzold 1998a, S.203). Exzellenzansprüche sind bei der vorhandenen Studienlage ein Unding. Sie können von Formen psychosozialer Intervention ohnehin nie erreicht werden, wie die Psychotherapieforschung deutlich gemacht hat (Castonguay, Hill 2017), immer gebe es 25% mäßig bis schlecht arbeitender Praktiker (trotz guter Ausbildung mit Verweis auf Wyl et al. 2016, 144ff.). Das sei bei Supervision wohl nicht anders, wie die in SAP 2 referierten Multicenterstudien zeigen. Schon gute Supervision sei nur mit Anstrengungen zu erreichen. Man kann das als Aufforderung lesen, einen „Mut zur Bescheidenheit“ zu gewinnen. SAP 2 macht deutlich, dass derzeit kein Ansatz der Supervision aufgrund der vorliegenden Forschungslage irgendeine Superiorität beanspruchen kann. Petzold stellt resümierend zu den aufgewiesenen Defiziten fest: „Ich schreibe das alles nicht gerne, denn Freunde mache ich mir damit bei einem Teil des Feldes nicht. Aber die Studienlage und die Forschungsdefizite sind wie sie sind.“ (SAP 2, S.258). Die Übersichtsstudie von Kühne et al. (2019) kam zu der Empfehlung:

„Supervision research would benefit from proper descriptions of how studies are conducted according to current guidelines, more methodologically rigorous empirical studies, the investigation of active supervision interventions, from taking diverse outcome domains into account, and from investigating supervision from a meta-theoretical perspective.“

1Genau das hat das vorliegende Werk geleistet. Es sollte deshalb von allen, die im Felde der Supervision engagiert sind zur Kenntnis genommen werden: LehrsupervisorInnen, SupervisorInnen, Supervisionsnehmer aller Berufsfelder, nicht zuletzt auch KlientInnen, deren BeraterInnen oder TherapeutInnen supervidiert werden. Es dokumentiert, wie es seiner Zeit Klaus Grawe (et al. 1994) für die Psychotherapie und die Psychotherapieforschung unternommen hatte, dass Supervision ein wichtiges „Praxisfeld“ psychosozialer Intervention „in Entwicklung“ ist. Stärken und Schwächen werden sichtbar und an beidem gilt es zu arbeiten. Was nicht geht, ist weiterhin die Forschungslage auszublenden. Dafür braucht es eine „forschungsfreundliche Kultur“. An der mangelt es offenbar im supervisorischen Feld immer noch beträchtlich, wie eine aktuelle Untersuchung u.a. bei DGSv und ÖVS-Mitgliedern aufgezeigt hat (Mittler, Petzold, Blumberg 2019). Die in diesem Band und in dem vorausgehenden zugänglich gemachten Studien stellen für weiterführende Schritte umfassende Materialien bereit. Man wird sehen, ob man es sich dennoch wieder leistet, wie schon bei SAP 1 seit 2003, die Forschungslage weiter zu ignorieren. Man kann dem Feld der Supervision nur wünschen, dass es die Anliegen der Forschungsberichte SAP 1 und SAP 2 bald umsetzen und verwirklichen wird, um die Geltungs- und Wirksamkeitsbehauptungen auch evidenzbasiert einzulösen.

Summary: No progress in supervision without research

In 2003, Hilarion G. Petzold and Brigitte Schigl and their research team presented a first research report on international supervision research. In 2019 Brigitte Schigl and Petzold have submitted a second report on international research between 2003 and 2018. Both publications are milestones for the discipline of supervision and establish a longitudinal supervisory scientific research that documents the field of supervision in the full range of research activities. A commentary report is given here, which takes both studies into account. The great difference between the Anglo-American and European understanding of supervision becomes clear, but also the diversity of the Germanlanguage approaches, so that one result of both research reports is: “Supervision as such does not exist, only heterogeneous praxeologies!” Even more serious: “There is only weak evidence of the effects of supervision and there is no solid evidence of the effects of supervision on patients and clients!” This is grim, bad news. The research situation disenchants the “supervision myth” and its claim to “excellence” and above all criticises teaching supervision and teaching supervisors for whose work there is still no research evidence. How then is quality to be assured? There is a critical need to research theories, methodology and effectiveness. The risks and negative side effects of supervision are also documented. But the positive potentials also become clear. In order to develop these potentials as research resp. evidence-based good practice, great efforts will have to be made. The supervisor community must not be too sure of their concepts and praxeologies. The good news:

there is considerable potential for development, only that theorists, researchers and practitioners have to tackle it. Without research there is no progress possible in supervision. That is why this book belongs in the hands of everyone who deals with supervision, including in the hands of supervisees, customers, and, above all, candidates for further training in supervision and coaching.

Keywords: supervision, international supervision research, lack of proof of effectiveness, quality assurance of supervision, integrative supervision

Brigitte Schigl, Claudia Höfner, Noah A. Artner, Katja Eichinger, Claudia B. Hoch und Hilarion G. Petzold

Anmerkungen:

(1) Mit „Cochrane Österreich“. – „Cochrane [ˈkɒkɹən], auch unter dem Namen Cochrane Collaboration bekannt, ist ein globales, unabhängiges Netzwerk [ … ] aus Wissenschaftlern, Ärzten, Angehörigen der Gesundheitsfachberufe, Patienten und weiteren an Gesundheitsfragen interessierten Personen. Cochrane setzt sich für dafür ein, dass Entscheidungen zu Gesundheitsfragen weltweit auf Basis hochwertiger, relevanter und aktueller wissenschaftlichen Evidenz getroffen werden und fördert die evidenzbasierte Entscheidungsfindung in Gesundheitsfragen durch die Erstellung und Verbreitung hochwertiger systematischer Übersichtsarbeiten und Metaanalysen sowie anderer Formate aufbereiteter Evidenz“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Cochrane_(Organisation)).

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Autorin:

Ulrike Mathias-Wiedemann, Dipl.-Päd., Psycho- und Leibtherapeutin HPG, Supervisorin und Lehrtherapeutin für Integrative Therapie, Hamburg.

Kurzbiographie:

Jhg.1951, Studium : Biologie, Sport, Pädagogik und Psychologie, Abschluss in Erziehungswissenschaften Dipl.Päd.; Ausbildung am FPI ab 1976 in Psychotherapie, Supervision; Körpertherapieausbildung am European I Institute of Organismic Psychotherapy, certificated; tätig als Lehrtherapeutin und Supervisorin (in Psychotherapie, Leibtherapie, Supervision und in Aus- und Weiterbildung) seit 1980 im In und Ausland.

E-Mail: mathias_wiedemann@hotmail.com


Brigitte Schigl, Claudia Höfner, Noah A. Artner, Katja Eichinger, Claudia B. Hoch und Hilarion G. Petzold (2020): Supervision auf dem Prüfstand. Wirksamkeit, Forschung, Anwendungsfelder, Innovation. Wiesbaden (Springer)

2. Aufl. 2020, XXVII, 299 S. 14 Abb.
ISBN: 978-3-658-27335-4
Preis: 49,99 €, ebook 39,99 €

Verlagsinformation:

Dieses Buch stellt eine Fortsetzung von „Supervision auf dem Prüfstand“ aus dem Jahr 2002 dar und bietet eine Analyse der internationalen Supervisionsforschung und ihrer Entwicklung ab dem Jahr 2003 bis 2016. Der Forschungsprozess orientierte sich am Vorgehen und den Themenclustern von „Supervision auf dem Prüfstand“ Teil 1 und basiert vor allem auf der Recherche von Publikationen zu empirischen Studien in Datenbanken und in zweiter Linie auf der direkten Recherche in Fachzeitschriften und Handbüchern. „Supervision auf dem Prüfstand“ Teil 2 ermöglicht einen Überblick über Designs und Ergebnisse in der internationalen empirischen Supervisionsforschung und untersucht die Evidenzbasierung innerhalb der Themengebiete. So werden die vor allem englischsprachigen empirischen Studien der deutschsprachigen SupervisorInnen- und Forschungscommunity zugänglich gemacht. 

Über die AutorInnen:

Brigitte Schigl, Prof.in Dr.in MSc. Klinische und Gesundheitspsychologin, leitet den Universitäts-Lehrgang Supervision & Coaching an der Donau Universität Krems. Sie arbeitet als Psychotherapeutin und Supervisorin und lehrt, forscht und publiziert seit 20 Jahren in diesen Kontexten.

Claudia Höfner, Univ.-Prof.in Mag.a Dr.in MSc ist Klinische und Gesundheitspsychologin, Soziologin, Psychotherapeutin und Supervisorin. Langjährige Forschungs- und Lehrtätigkeit im psychosozialen Bereich an verschiedenen Universitäten.

Noah A. Artner, MA, MSc ist als systemischer Psychotherapeut und Supervisor sowohl institutionell und freiberuflich tätig. Er ist Lehrbeauftragter an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien.

Katja Eichinger, Mag.a MSc ist als Klinische und Gesundheitspsychologin, Personzentrierte Psychotherapeutin sowie als Supervisorin sowohl institutionell als auch freiberuflich tätig.

Claudia B. Hoch Mag.a ist Klinische und Gesundheitspsychologin, Psychologische Tanztherapeutin in freier Praxis und freiberufliche wissenschaftliche Projektmitarbeiterin.

Hilarion G. Petzold, Dr.Dr.Dr., Univ.-Prof. (emer. für  Psychologie, FU Amsterdam), Psychologe, Psychotherapeut, Lehrsupervisor, lehrt Supervision an der Donau-Universität Krems. Begründer der „Integrativen Therapie“ und „Integrativen Supervision“.  Zahlreiche Buch- und Fachpublikationen.

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