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Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie zu dem Dokumentarfilm „Elternschule“

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Köln, 2.11.2018

Im Folgenden nimmt die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) Stellung zu dem Film „Elternschule“ (2018), einer Dokumentation von Ralf Bücheler und Jörg Adolph, die in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen, Abteilung Pädiatrische Psychosomatik, Allergologie und Pneumologie, gedreht wurde.

Als größte systemische Fachgesellschaft fühlen wir uns zu einer Stellungnahme aufgefordert, da der verantwortliche Psychologe Dietmar Langer wie auch die Klinik selbst, sich darauf berufen, „auch systemisch“ zu arbeiten.

In dem gezeigten Einblick in die Arbeit des Gelsenkirchener Teams vermögen wir jedoch nichts Systemisches zu erkennen und distanzieren uns in aller Deutlichkeit von dem Vorgehen in der Psychosomatischen Abteilung der Kinderklinik. Die Stellungnahme des Deutschen Kinderschutzbundes zu diesem Film vom 26.10.2018 wird von Seiten der DGSF vollumfänglich unterstützt.

Ziel systemischen Handelns ist es, eine innere Haltung und Einstellung bei Eltern, Therapeutinnen und Therapeuten, Erzieherinnen und Erziehern anzuregen, aus denen heraus sinnvolles erzieherisches oder therapeutisches Handeln unter den einmaligen Bedingungen der jeweiligen Einzelsituation möglich wird (1).

Diese Haltung ist geprägt vom Respekt für die Wege und bisherigen Lösungsversuche der einzelnen Familien, von der Würdigung des Leidens dieser Familien und von der Zuversicht, dass diese auch unter extremen Bedingungen über eigene Ressourcen verfügen. Systemisches Arbeiten mit Familien bietet einen geschützten Rahmen, in dem diese neue Lösungen finden und Selbstwirksamkeit durch Wertschätzung erfahren können.

In den gefilmten Sequenzen der stationären Therapie in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen zeigt sich die systemische Haltung in keiner Weise. Es wird vielmehr das scheinbare Versagen der Eltern im „Kampf“ gegen die Kinder in den Vordergrund gestellt. Dabei wird den Eltern kein Raum geboten, eigene Vorstellungen von Lösungen zu entwickeln oder sich ihrer eigenen Ressourcen bewusst zu werden. Sie erhalten Frontalunterricht von Experten, die Ihnen aufzeigen, welche Fehler sie in der Vergangenheit machten und was sie stattdessen in Zukunft zu tun haben.

Systemische Therapie / Familientherapie hat den Kontext des gesamten Bindungssystems im Blick, statt sich auf reine Verhaltensmuster und kurzfristige Interaktionen zu fokussieren. Systemische Therapeutinnen und Therapeuten verstehen sich ab Beginn des therapeutischen Prozesses als Teil des Kontextes. Sie reflektieren ihr therapeutisches Handeln aus dem Selbstverständnis heraus, verantwortlich für die ermutigende Begleitung von Reflexions- und Veränderungsprozessen in Familien zu sein. Die Eltern werden in systemischer Therapie/ Familientherapie als Expertinnen und Experten für ihre Kinder gesehen. In geschützter Interaktion mit ihren Kindern durchlaufen und reflektieren sie Veränderungsprozesse.

In dem Film „Elternschule“ werden Familien eher dekontextualisiert, was einer systemischen Arbeitsweise vollkommen fremd ist. Die Mütter werden zu Zuschauerinnen gemacht, deren Aufgabe es ist, die therapeutischen Interventionen „auszuhalten“, um dann am Modell zu lernen. Ein Vater, der Bedenken äußert, wird vor die Wahl gestellt mitzumachen oder auszusteigen.

Der Vorstand der DGSF weist die Behauptung, dass derartige Vorgehensweisen „systemisch“ seien, in aller Deutlichkeit zurück.

Wenn Kinder problematisches Verhalten zeigen, dann tun sie das aus einer Hilflosigkeit heraus, weil sie gerade keine anderen Möglichkeiten haben. Wenn es Eltern nicht gelingt, adäquate Lösungen zu finden, dann geschieht das ebenfalls aus einer Hilflosigkeit heraus. Im Gelsenkirchener Modell jedoch werden Kinder mit martialischer Sprache als strategisch ausgefeilte Täter dargestellt. Herr Langer bezeichnet die „demonstrative Hilflosigkeit“ der Eltern als das Ziel des kindlichen Handelns. Seine Frage nach dem „warum“ des kindlichen Verhaltens mündet in lineare Erklärungen, die den Eltern Schuld und „falsches“ Verhalten zuschreiben.

Systemische Therapie / Familientherapie fragt nach dem „wozu“ und blickt auf den „Tanz“ der Familie um das Symptom oder das problematische Verhalten. „Wer reagiert wann, wie auf wen oder was und welche kontextuellen Bedingungen verringern das Leid?“, sind z. B. handlungsleitende Fragen. Lineare Schuldzuschreibungen oder Bewertungen von Verhaltensweisen spielen in Systemischer Therapie / Familientherapie keine Rolle. Im Fokus stehen die familiären Beziehungen und die Ermutigung zur Entwicklung eigener, familiärer Veränderungskompetenzen.

In dem Film werden Kleinkinder gezeigt, die aufs heftigste gegen die Trennungen von den Müttern protestieren. Solche Trennungen werden von kleinen Kindern und Babys als existenzielle Not erlebt. Je weniger ein Kind mit den Notfallprogrammen Kampf und Flucht eine existenzielle Bedrohung meistern kann, umso mehr bleiben nur noch die Reaktionen der Erstarrung und Unterwerfung übrig, um emotional zu überleben. Ein solches Unterwerfen als pädagogischen Erfolg darzustellen, halten wir für zweifelhaft.

Die „Elternschule“, so, wie das Programm dargestellt wird, scheint Themen wie Achtsamkeit, Feinfühligkeit, Responsivität, Empathie, Zuwendung, Reflective Parenting, Mentalisierung usw. außer Acht zu lassen. Das ist bemerkenswert in einer Zeit, wo unter anderem die Bindungsforschung, die Kindertherapie, die Krippenpädagogik, die systemische Familientherapie sehr konsequent Wege finden, um Familien und Kindern bestmögliche Angebote zu machen, die familiäre Beziehungen stärken und Erfahrungen in elterlicher Selbstwirksamkeit vermitteln.

Befremdlich erscheint darüber hinaus, dass Kinder aus der Altersgruppe von null bis sechs Jahren scheinbar mit dem gleichen Programm behandelt werden. Auch gibt es im Film keinen Einblick in die im Vorfeld vorgenommene Diagnostik. Entwicklungsstadien, Traumatisierungen, Bindungsqualitäten oder andere psychische oder soziale Nöte bleiben unerwähnt. Im Film gezeigte kindliche Verhaltensweisen werden fachlich fragwürdig vereinheitlicht und als „Regulationsstörungen“ etikettiert. Die Kooperation von Gesundheitswesen und Jugendhilfe findet keinerlei Erwähnung, obwohl Familien in derart schwierigen Lebenssituationen, wie sie im Film dargestellt sind, sowohl einen Bedarf als auch einen gesetzlich geregelten Anspruch auf systemübergreifende Hilfen haben.

Auch wenn das Gelsenkirchener Team sich grundsätzlich an Leitlinien zu orientieren scheint, können wir uns nicht vorstellen, dass Kinder und Eltern dabei so vorgeführt werden müssen, wie es hier geschieht. Ist hier übersehen worden, dass die ethische Verantwortung für therapeutisches Handeln beim Behandelnden liegt?

Die therapeutische Erfolgsquote des Behandlungskonzeptes bei „den Schwierigsten der schwierigen Kinder und Jugendlichen“ soll bei 85 Prozent liegen. Gleichwohl wundert es umso mehr, dass es offensichtlich nicht gelungen ist, seit den neunziger Jahren Studien dazu durchzuführen und zu publizieren. Aus dieser Zeit stammen einige im Film gezeigte Videosequenzen. Hier wären vor allem Ergebnisse im Längsschnitt interessant, die Einblick in das spätere Bindungsverhalten und die sonstige psychische Befindlichkeit der behandelten Kinder und Jugendlichen geben könnten, die heute bereits junge Erwachsene sind.

Grundsätzlich gilt, dass Eltern, die sich an Beratungsstellen oder Kliniken wenden, um sich Hilfe in Überforderungen und Krisen zu holen, Unterstützung und Ermutigung, Respekt und Wertschätzung verdienen. Sie nehmen ihre Verantwortung als Eltern ernst und sind bereit, sich für eine gute Zukunft für ihre Kinder und sich selbst zu engagieren.

Für die künftigen Patientinnen, Patienten und deren Familien bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen für das Programm „Elternschule“ die von vielen Fachleuten vorgetragene Kritik ernst nehmen und intensiv reflektieren wie es dazu kommt, dass so viele Menschen das gezeigte Vorgehen als problematisch erleben.

Dr. Björn Enno Hermans, Diplom-Psychologe, DGSF-Vorsitzender (für den Vorstand der DGSF)
Dr. Filip Caby, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, stv. DGSF-Vorsitzender (für die DGSF-Fachgruppe Systemische Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychiatrie und den DGSF-Vorstand)
Anke Lingnau-Carduck, Diplom-Sozialpädagogin (für die DGSF-Fachgruppe Systemische Kinder- und Jugendhilfe)
Birgit Averbeck, Diplom-Sozialpädagogin (DGSF-Fachreferentin, Jugendhilfe/-politik und Soziale Arbeit)

(1) Wilhelm Rotthaus: Wozu erziehen, Entwurf einer systemischen Erziehung, Heidelberg 1998

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3 Kommentare

  1. DANKE für diese klaren und klärenden Worte, die mir als Systemische Beraterin aus dem Herzen sprechen.

  2. Auch wenn ich diesen Film nicht gesehen habe, gratuliere ich den Schreibenden zu dieser ausgezeichneten Stellungnahme, die deutlich macht, was Systemische Therapie (nicht) ist. DIe Vermutung liegt nahe, dass hier in Konsequenz des Medizinischen Modells nicht nur Kontextuelles ausgeblendet, sondern unter dem Siegel von Professionalität das Vertrauen in Kompetenzen der Betroffenen auf der Strecke bleiben.
    Martin Rufer

  3. Wo kann man sich diesen Film denn anschauen? Ich verspüre zwar nicht das Bedürfnis, ihn mir anzusehen, wüsste dann aber en detail wovon die Rede ist.
    Was mein Fachverband schreibt – wozu die Fachgruppe Systemische Seelsorge im Übrigen auch noch etwas hätte beitragen können – kann ich nur unterstützen! Ich beobachte mit Sorge bereits seit vielen Jahren, auch in meinen Arbeitskontexten, eine mich bedenklich stimmende Entwicklung. Menschen, zunehmend auch die jüngsten, werden zunehmend nach Effizienz- und Nützlichkeitskriterien „beurteilt“ und es wird Ihnen aufgrund dieser Kriterien „Wert“ beigemessen. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit, die ‚Bildung des Herzens’ was mich alarmiert, tritt in den Hintergrund. Menschen werden zunehmend nach funktionalen Gesichtspunkten kategorisiert. Aber Menschen sind eben nicht nur Auszubildende, Studierende, Arbeitskräfte, Transferleistungsempfänger und Träger sozialer Rollen und Funktionen, sie sind zuallererst Menschen mit unveräußerlicher Würde. Es ist Aufgabe des Staates und der Gesellschaft, diese Würde zu wahren. Und es ist Sufgabe von uns Systemiker*innen mindestens dass zu tun, was der DGSF Vorstand stellvertretend für uns alle dankenswerterweise getan hat.

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