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„Neuro-Bashing“ als Nachfolger des „Veganer-Bashings“ | Telepolis

Thomas Metzinger: Wenn man wissen will, was „Willensfreiheit“ bedeutet, muss man verstehen, was der „Wille“ eigentlich ist und was wir eigentlich mit „Freiheit“ meinen. Den Willen hat man noch nie gesehen, im Gehirn oder auch irgendwo sonst in der objektiven Welt findet man ihn nicht. Was es natürlich gibt ist, ist die Phänomenologie des bewussten Wollens, das subjektive Erleben der Kontrolle und des Initiierens einer willkürlichen Handlung. Diese Phänomenologie muss man ernst nehmen, sie besitzt zum Beispiel neuronale Korrelate, die man isolieren und wissenschaftlich erforschen kann und die man dann auch mathematisch und komputational modellieren kann.

Eine interessante Eigenschaft dieser Phänomenologie ist übrigens, dass sie „evasiv“ ist: Je genauer, sorgfältiger und intensiver Sie den Vorgang des Wollens in sich beobachten – zum Beispiel dann, wenn Sie absichtlich ihren Arm heben – desto subtiler und flüchtiger wird dabei das bewusste Erleben selbst. Wenn sie ehrlich sind und nicht einfach nur unkritisch kulturell überlieferte Sprachspiele nachplappern, dann wird bei der ernsthaften Erforschung ihres eigenen Geistes in der Introspektion nämlich immer unklarer was genau Sie da eigentlich erleben. Das Erleben ist eine Sache, die Art, wie wir es beschreiben, eine ganz andere.

Dann müssen wir natürlich verstehen, was „Freiheit“ bedeuten soll. Die meisten Fachleute sind sich einig, dass es das „Anderskönnen“ nicht gibt: Körperbewegungen werden durch Gehirnvorgänge ausgelöst und gesteuert, quantenmechanische Effekte mitteln sich in den relevanten Größenordnungen und bei einer Körpertemperatur von 37° aus. Wenn alle physikalischen Randbedingungen, also der Körper, die Konfiguration des Gehirns und die Umwelt identisch sind, dann wird es auch zu identischen Körperbewegungen und geistigen Abläufen kommen. Die eigentlich interessante Frage ist, ob es Formen von Freiheit in einem schwächeren und trotzdem philosophisch interessanten Sinn gibt, die in diesem Sinne mit dem wissenschaftlichen Weltbild in Einklang zu bringen sind.

Das ist eine zentrale Schwierigkeit. Ich selbst denke, dass auch physikalisch determinierte Systeme ganz unterschiedliche Grade von Autonomie besitzen können. Autonomie ist zum Beispiel der Grad an globaler Selbstkontrolle, die Anpassungsfähigkeit, die Flexibilität und die Kontextsensitivität, die ein Informationsverarbeitungssystem besitzen kann oder auch nicht. Willensfreiheit hätte dann mit den Fähigkeiten zu tun, die wir besitzen oder auch nicht. Eine wichtige, grundlegende Form von Autonomie ist „Veto-Autonomie“, also die Fähigkeit eine einmal begonnene Handlung noch abzubrechen, wobei das in ganz besonders interessanterweise für geistige Handlungen und Verhaltensmuster gilt, also für unseren ständig tagträumenden, vor sich hinplappernden und in Geschichten verlorenen Geist.

Eine höherstufige und auf dieser Fähigkeit aufbauende Eigenschaft besteht darin, dass ein System für Gründe, rationale Argumente und ethische Überlegungen empfänglich sein kann. Auch ein physikalisch determiniertes System könnte also einen hohen Grad an Autonomie besitzen, wenn es seinen eigenen inneren Vorgängen nicht einfach wie ein Träumer oder ein Flugzeug auf Autopilot ausgeliefert ist und wenn es sich selbst dann auf eine ganz bestimmte Weise als eine Ganzheit kontrollieren kann. Rationale Selbstkontrolle und die systematische Miteinbeziehung von Gruppeninteressen sind deshalb auch etwas, das uns frei machen kann – und diese Art von Freiheit ist etwas, das, so denke ich, auch ein physikalisch determiniertes System besitzen kann. Wenn das stimmt, ist Autonomie ein natürliches Phänomen, das in Abstufungen kommt – etwas, das man lernen und kultivieren kann, aber auch etwas, das man (wie alle andere Fähigkeiten auch) jederzeit wieder verlieren kann.

via „Neuro-Bashing“ als Nachfolger des „Veganer-Bashings“ | Telepolis.

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