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Luhmanns Zettelkasten und die digitale Revolution in den Geisteswissenschaften: Chancen und Herausforderungen

Niklas Luhmanns Zettelkasten

Niklas Luhmanns Zettelkasten

Der Zettelkasten von Niklas Luhmann ist legendär. Von Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit an hat Luhmann seine Lektüre-Rezeption sowie Notizen zu all seinen wissenschaftlichen Projekten auf tausenden von Zetteln niedergelegt, die in einem besonderen System von Querverweisen miteinander vernetzt sind und damit eine unglaublich komplexe Hypertext-Struktur zur Generierung von Ideen und Zusammenhängen darstellen. In Bielefeld wird gegenwärtig daran gearbeitet, den kompletten Nachlass Luhmanns, zu dem neben dem Zettelkasten auch noch zahlreiche bislang unveröffentlichte Manuskripte und Vorlesungstexte gehören, zu digitalisieren. Einerseits ist das kein leichtes Unterfangen, andererseits lässt sich der Zettelkasten eigentlich als eine Art Vorwegnahme computergestützter Wissensdatenbanken verstehen. In einem Beitrag für die Zeitschrift soziale Systeme (2013/2014, Heft 19/1) beschreibt Johannes F. K. Schmidt vom Niklas-Luhmann-Archiv Bielefeld ausführlich die erste Sichtung des Nachlasses von Niklas Luhmann. Zum Zettelkasten schreibt er: „Durch das multiple storage-Prinzip und die an Hyperlinks erinnernde Verweisungstechnik simulierte Luhmann trotz der analogen Speichertechnik also schon seit den 1950/60er Jahren ein modernes, computergestütztes Datenbanksystem. Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Zettelkasten mit dem Erreichen einer kritischen Masse von Notizen Anfang/Mitte der 1970er Jahre zunehmend als eine Publikationsmaschine fungieren konnte. Darüber darf aber nicht übersehen werden, dass die Sammlung für Luhmann auch ein Denkwerkzeug war. Entsprechend wurde eben nicht (nur) gesichertes Wissen abgelegt, sondern auch ein Prozess der Theoriegenese dokumentiert, inklusive möglicher Irrtümer und Holzwege, die durch spätere Eintragungen revidiert, nicht aber eliminiert wurden, da die ursprünglichen Zettel immer im Kasten verblieben.“

Ein digitalisierter Nachbau des Zettelkasten ist also in Arbeit, der dann auch über das Internet zugänglich sein soll. Am 29.10.2016 findet am Nachmittag in Hannover eine Veranstaltung mit Vorträgen und Gesprächen zur Digitaltechnik in den Geisteswissenschaften statt, in denen Johannes Schmidt gemeinsam mit Martina Gödel und Sebastian Zimmer über diese Form der Digitalisierung sprechen wird.

Auf der Internetseite der Veranstaltung heißt es dazu: „Ziel dieses Prozesses ist eine Reproduktion der Sammlung, die die Möglichkeiten der modernen digitalen Technik nutzt, um sie lesbar und ihre Genese nachvollziehbar zu machen. Das Projekt ist aufgrund der Masse und der Heterogenität des Materials sowie des datenbanksimulierenden Ansatzes des Luhmannschen Zettelkastens nicht nur fachwissenschaftlich, sondern auch technisch eine Herausforderung.

Als Basis für die digitale Präsentation des Zettelkastens werden hochstrukturierte XML-Dateien erstellt, die die Möglichkeit bieten, den transkribierten Text mit Informationen anzureichern. Jeder Zettel wird semantisch als freie, einzelne Gedankeneinheit begriffen, die in Verbindung mit anderen Einheiten steht. Implizit enthaltene Informationen werden durch Zettel-IDs und Schlagwortregisterverlinkungen explizit gemacht. Darüber hinaus soll der Nutzer auch die Zettelreihungen nachvollziehen können und so z.B. Auffälligkeiten wie Konzentrationen, aber auch ‚schwarze Löcher‘ im Zettelbestand für ihn sichtbar werden. Das von Luhmann nicht im Detail und im Voraus geplante Wachstum der Sammlung wird so in seinem ganzen Ausmaß transparent und die Gedankenentwicklung nachvollziehbar. Neben einer Arbeitsoberfläche, die es Fachwissenschaftlern ohne tiefere Technologiekenntnisse erlaubt, weiterführend mit dem Zettelkasten zu arbeiten, werden die Daten im weiteren Verlauf der Nachlasserschließung im Projektportal veröffentlicht. Ziel des Vortrags ist, den Bestand und die Funktionalität des von Luhmann hinterlassenen Zettelkastens zu beschreiben, um dann in einem zweiten Schritt jenes Vorhaben der Digitalisierung genauer darzustellen.“

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