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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Klinische Familienpsychologie. Familien verstehen und helfen

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Wolfgang Hantel-Quitmann ist Professor für Klinische Psychologie und Familienpsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. In den 1990er Jahren hat er mit seinem vierbändigen Arbeits- und Lesebuch „Beziehungsweise Familie“ auf sich aufmerksam gemacht und hat seitdem eine Reihe von praxisorientierten Büchern zu Paarbeziehungen und zu Familienpsychologie veröffentlicht. Mit dem nun vorliegenden Kompendium zur Klinischen Familienpsychologie schließt er daran an. 0999_HantelQuitmann_Basiswissen.inddDie Klinische Familienpsychologie habe „eine stürmische Entwicklung hinter sich“, heißt es im Vorwort. „Sie hat als Systemtheorie und als Familientherapie mit einem revolutionären Schwung begonnen. Die Systemtheorie musste einsehen, dass sich mit ihr nicht alles erklären, und die Familientherapie musste einsehen, dass sich mit ihr nicht alles behandeln lässt“ (S. 12). Hantel-Quitmann sieht jetzt ihren Platz innerhalb einer „integrativen Therapie-Theorie“. Im Vergleich zu den engagierten Debatten um ein umfassenderes Verständnis Systemischer Therapie erscheint das vorliegende Buch somit wie ein Gruß aus der Umwelt. Entsprechend wenig finden sich hier Bezüge zu explizit systemischen Konzeptionen. Dennoch erscheint mir die Lektüre des vorliegenden Bandes interessant und nützlich, vielleicht sogar gerade wegen dieser recht eindeutigen Position außerhalb des systemischen Debattengeschehens. Aus den vorzüglichen, teils ungemein spannenden Beschreibungen familiärer Verstörungen, Konfliktthemen und Leidenserfahrungen ergeben sich immer wieder Anregungen hinsichtlich des Zusammentreffens der eher formal-grammatikalisch ansetzenden spezifisch systemischen Praxisideen mit den Lebenswirklichkeiten von Ratsuchenden. Hier bordet Hantel-Quitmann geradezu über vor Erfahrungswissen und Forschungserkenntnissen zu den Fragen substanziell verstörten Familienlebens.

In neun inhaltlichen Kapiteln liefert Hantel-Quitmann Definitionen, familiäre Muster, weitere Kontextvariablen und Praxisanregungen zu Themen wie Gewalt in intimen Beziehungen, Psychosomatik, Essstörungen, Schizophrenie und Sucht. Des Weiteren diskutiert er in eigenen Kapiteln die Situation von Kindern psychisch kranker Eltern, Stress in Hochkonfliktfamilien, Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern sowie sexuellen Missbrauch in Familien. Eine Art übergreifende Perspektive nimmt das letzte Kapitel ein, in dem es um das „emotionale Familienklima“ geht, um „Gefühle in Beziehungen“. Bis auf dieses letztgenannte Kapitel beginnen alle anderen mit einer Fallskizze. Qhne Ausnahme entwickeln diese Skizzen ihren eigenen Sog, bringen die Thematik auf den Punkt und verdeutlichen die schmerzhafte Verbundenheit der Beteiligten auf dem Weg der jeweiligen, im Wortsinn an die Grenzen gehenden Symptomdynamik. Dass diese Skizzen auch die Erfahrung des Autors mit solchen Herausforderungen vermitteln, wirkt in der vorliegenden Form unaufdringlich und ermutigend. Dies nicht zuletzt dadurch, dass dabei auch deutlich wird, was geht und was nicht. Manchmal ist es „nur“ der lange Atem, das Unverdrossene, das Miteinander-aushalten-Können, was einen Spielraum für die ein oder andere Anregung schafft, die in der Dynamik des Geschehens eine Wendung anstoßen kann. Am Ende der inhaltlichen Diskussion folgt jeweils ein kleiner Epilog, eine Art Auflösung der in der Anfangsskizze aufgebauten Spannung. Das ist schon gut gemacht, über den Informationswert hinaus, der in Form von „Vertiefenden Fragen zum Thema“ gleich anschließend die Sorgfalt des Gelesenhabens auf die Probe stellt. Die Lücken, die beim Durchgehen der Fragen auftreten, regen an, sich manches noch einmal genauer anzuschauen.

Alles in allem eine anregende, hilfreiche Lektüre, nicht zuletzt durch den sprachlichen Schliff des Autors befördert, der sich auch nährt aus einer Fülle belletristischer Querverweise. Der Sog existenzieller Themen in Familienbeziehungen zeigt sich halt nicht nur in der Fachliteratur.

(mit freundlicher Genehmigung aus systeme 29(1), 2015, S. 75-76)

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Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

info

Wolfgang Hantel-Quitmann (2015): Klinische Familienpsychologie. Familien verstehen und helfen. Band 2. Stuttgart (Klett-Cotta)

Verlagsinformation:

Das Buch ermöglicht ein vertieftes Verständnis psychischer Störungen im Kontext der jeweiligen Familiendynamik und eröffnet Handlungsmöglichkeiten für den praktischen Umgang mit den betroffenen Personen und ihren Familien. Familienbeziehungen können die Gesundheit der Familienmitglieder stärken und sie können zur Entstehung, Entwicklung und Behandlung psychischer Störungen und Krankheiten beitragen. Entscheidend sind das emotionale Familienklima und der Umgang mit Konflikten. Dieses Buch erläutert diese Zusammenhänge und zeigt auf, welche Möglichkeiten der Hilfe, Beratung und Therapie bestehen. Das Buch behandelt auf dem aktuellen Wissensstand u. a. folgende Kernthemen der Klinischen Familienpsychologie: Gewalt in intimen Beziehungen, Kinderkrankheiten und Familienmuster, Essstörungen, Schizophrenie und Familie, Kinder psychisch kranker Eltern, Sucht, Familie und Kinder, Stress in Hochkonfliktfamilien, Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern, Sexueller Missbrauch in Familien, Das emotionale Familienklima, Dieses Buch richtet sich an: Alle, die den Beitrag der Familien an Entstehung, Verlauf und Behandlung psychischer Krankheiten erfahren wollen, Alle, die in der psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung mit PatientInnen, ihren Angehörigen und Familien arbeiten, Studierende der Psychologie, Medizin, Sozialarbeit.

Über den Autor:

Wolfgang Hantel-Quitmann, geboren 1950, ist Professor für Klinische Psychologie und Familienpsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

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