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Online-Journal für systemische Entwicklungen

2 Kommentare

  1. Allein schon das Wort läßt einem den Atem stocken: AUSCHWITZ. Sind doch der Name und der Ort Symbol für das Schrecklichste, was Menschen Menschen antun können: Auslöschung der Existenz, in der Regel unter schrecklichen Qualen, massenhaft, organisiert.
    So ist der 27. Januar als Tag der Befreiung für diejenigen, die überlebt haben, ein Feiertag. Ihre Qualen sind damit nicht zu Ende, denn schwere Traumatisierungen finden in der Seele kein Ende, sie dauern an. Die Feier des 27. Januar könnte damit zum Symbol der Hoffnung dafür werden, daß Freiheit und Gerechtigkeit siegen.
    Leider ist dies jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Parallel zu dieser partiellen Befreiung entstanden ab 1945 allein in Polen über 1.000 KZs, in denen deutsche Kriegsgefangene und Zivilisten Zwangsarbeit ableisten mußten, in denen sie grausam gequält und ermordet wurden, dies großenteils in den von den Nazi errichteten und „betriebenen“ Lagern. Um Opfer dieser massenweisen Verschleppung und Deportation zu werden war es ausreichend, Mitglied der deutschen Volkgruppe zu sein. Bereits im Februar 1945 wurden Teile des ehemaligen NS-KZs Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee und polnischen Organisationen „genutzt“, um bis 1948 mehrere Tausend Deutsche dorthin zu verschleppen. Das Lager diente der Internierung inkl. schwerer Folter und Mord, hauptsächlich aber als Auffanglager für die Deportation in die Konzentrationslager der Russen im Osten (Gulags).
    Der ehemalige Offizier der Roten Armee, der damals als Kameramann fungierte, wird in dem Video, behangen wie ein Pfingstochse, stellvertretend als Held der Befreiung präsentiert. Der andere Teil der Wahrheit ist, daß die Rote Armee und andere (para-) militärische Organisationen der damaligen Sowjetunion seit den 1920er Jahren an Massenmorden an Zivilbevölkerungen bzw. deren Vertreibung und Verschleppung beteiligt waren (u.a. Finnen, Esten, Ukrainer, Polen sowie 15 Mio Deutsche). Dazu gehören auch der sog. „Hungerholocaust“ an ca. 6 Mio Ukrainern 1932 und die gezielten und brutalen Vergewaltigungen von Frauen. Unter „Helden der Befreiung“ stelle ich mir persönlich charakterlich etwas anderes vor.

    Wer bereit ist, diesen Teil der Wahrheit anzuerkennen, wird schwerlich nur von Befreiung sprechen können. Es ist gut, daß die Opfer von Auschwitz gehört werden und daß wir ihr unermessliches Leid würdigen. Die Millionen der von den Russen Verschleppten, Gequälten, durch Gewalt und Zwangsarbeit Getöteten jedoch haben weder ein Mahnmal noch einen Gedenktag. Ihre Schreie und Wehklagen bleiben bis heute kaum gehört.
    Quelle ist u.a. die 8bändige Dokumentation über die Vertreibung der Deutschen der Bundesregierung.

  2. Lieber Tom,

    vielen Dank. Leider kann auch die beste Dokumentation nicht wiedergeben, was dort und in anderen Lagern geschah. Eines liegt am Rande meines beschaulichen Wohnortes, ein paar hundert Meter weiter zwischen Rhein und Reben. Im „7. Kreuz“ hat Anna Seghers seine Erinnerung unter anderem Namen bewahrt. Heute ein Gedenkstätte, fahren viele doch tagtäglich gedankenlos mit der Bahn unmittelbar daran vorbei auf dem Weg zur Arbeit oder wohin auch immer. Hier wurde interniert, getötet anderswo, heißt es.

    Bei meinem Besuch in Auschwitz vor über 25 Jahren wurde ich in der Exposition von den noch in Vitrinen und im Lagergelände erlebbaren Resten des Grauens leibhaftig erfasst und auf die Knie gezwungen. Ein gewaltiger Schmerz und Scham erfüllten mich, und ich verstand intuitiv auf einmal Willy Brandt für einen kurzem Moment, bis ein paar, die mir wie Flaneure vorkamen, mich in meinem Gedenken und Erschrecken vor dem Schrecken aufschreckten und durch die Berge von Überresten von Menschenleben hindurchzuwandern schienen wie durch ein Archiv.

    Es scheint, als sei es mit „Lernen“ nicht getan.
    Drawing a distinction heißt hier: nirgendwo und niemals mehr!

    Zuviel aber schleicht manchmal noch durch die Herzen und Köpfe von Zeitgenossen…, selbst die der vermeintlich guten und frommen… Opfer bringt man gerne – aber noch immer lieber an anderen… In der Tat.

    Noch einmal darum:
    vielen Dank!