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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Familiendynamik 2020

Heft 1

Funcke, Dorett, Christina Hunger-Schoppe & Arist von Schlippe (2020): Editorial: Geschwister. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 1-1. 

Abstract: Sich von einem Ehepartner zu trennen mag – und selbst das ist oft schwer – gelingen. Die Gesellschaft sieht für diesen Fall sogar formale Wege vor. Geschwistern dagegen bleibt man lebenslang verbunden, und auch wenn man sich von ihnen lossagt, bleiben sie Geschwister – es gibt kein Ritual für eine Auflösung dieser Verbindung. Geschwister bleiben aneinander gebunden, sei es im glücklichen Fall in Liebe, sei es unter weniger günstigen Umständen in Distanz oder gar Hass und Groll über alte Verletzungen. All dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass man mit seinen Geschwistern meist die prägenden Jahre seines Lebens in (oft auch körperlich) enger Bezogenheit verbracht hat. Dabei werden aus den unterschiedlichen Geschwisterkonstellationen heraus elementare soziale Umgangsformen erprobt und erlernt – helfen, verhandeln und teilen, Verantwortung übernehmen und streiten. Auch werden elementare Erfahrungen mit Gleichheitsanspruch und Konkurrenz gemacht. Vor allem aber werden Gefühle erlebt, meist in allen ambivalenten Varianten und Extremen kindlicher Affektivität – Liebe, Rivalität, Eifersucht, Wut, Neid, Freude, Angst und Schmerz. Wohl nicht zufällig erzählt die Bibel in einer ihrer frühesten Geschichten von einem tödlichen Streit zwischen Brüdern … Bereits vor über 100 Jahren wurde das Thema »Geschwister« von Alfred Adler in den Blick genommen, doch bis heute wurde ihm vielfach nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm eigentlich zukommt. Daher haben wir diesem Thema im vorliegenden Heft viel Raum gegeben.

Hildenbrand, Bruno (2020): Geschwisterkonstellationen in konventionellen Familien. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 4-10. 

Abstract: Abseits ausgetretener Pfade wird in diesem Beitrag das Thema Geschwisterkonstellationen unter Rückgriff auf die alttestamentarische Geschichte von Kain und Abel, die Soziologie Georg Simmels, die Triadentheorie und die biologische Anthropologie bearbeitet. Außerdem wird der Blick auf einen durch Genogrammarbeit erschlossenen Fall gerichtet.

Brock, Inés (2020): Stief- und Halbgeschwister – besondere Geschwisterkonstellationen in unkonventionellen Familien. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 12-22. 

Abstract: Die Vielfalt von Familienformen, die sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland etabliert hat, ist einerseits ein Zeichen von Flexibilität in Bezug auf Familiengründung und Familienleben, bedeutet aber andererseits eine Herausforderung nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder, was die Gestaltung des Alltags betrifft. In vielen Familien, die sich konventionellen Modellen entziehen, leben Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsfamilien und mit verschiedenen geschwisterlichen Verbindungen. Bisher hat sich die Familienforschung wenig mit Geschwistern und nur am Rande mit der Lebensrealität von Stief- und Halbgeschwistern beschäftigt. Auf diese besonderen Geschwisterkonstellationen und die spezielle Familiendynamik fokussiert dieser Beitrag. Dabei wird auch die Perspektive der Eltern in den Blick genommen.

Köhler, Annemaria (2020): Wie Geschwisterkon­stellationen die berufsbiografische Entwicklung beeinflussen. Das Beispiel einer Theater­therapeutin. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 24-36. 

Abstract: Im vorliegenden Beitrag soll der Zusammenhang von Geschwisterkonstellation und berufsbiografischer Entwicklung expliziert werden. Anhand eines Fallbeispiels wird exemplarisch gezeigt, inwiefern die spezifische Zusammensetzung des Geschwistersystems, das wiederum in weitere Einbettungsverhältnisse eingelassen ist, die Berufswahl prägt. Das komplexe Zusammenwirken biografischer Prägeprozesse wird mithilfe des methodischen Verfahrens der Genogramm­analyse erfasst. Wie die Fallanalyse zeigt, handelt es sich bei der Geschwisterkonstellation um eine wichtige sozialisatorische Ausgangsbedingung, die es zu berücksichtigen gilt, wenn es um die Frage geht, warum aus einer Menge an möglichen Alternativen ein bestimmter Beruf ausgewählt wird.

Heinrichs, Nina & Markus Wenglorz (2020): Geschwisterbeziehungen von Kindern mit psychischen Auffälligkeiten. Wie nehmen Kinder mit psychi- schen Auffälligkeiten die Beziehung zu ihren Geschwistern wahr? In: Familiendynamik, 45 (1), S. 38-49. 

Abstract: In unserer Untersuchung haben wir die subjektiven Repräsentationen der Geschwisterbeziehungen – erhoben mit dem »Family Relations Test (FRT)« – aus Sicht von 90 Kindern angeschaut, die in einer Hochschulambulanz für Lehre und Forschung wegen psychischer Auffälligkeiten vorstellig wurden. In etwa einem Viertel der Fälle nehmen Geschwister bei diesen Kindern eine emotional hochbedeutsame Rolle ein. Sie sind damit in der Regel emotional wichtiger als der (leibliche) Vater. Auch wenn die Wichtigkeit noch nichts über die Valenz aussagt, lenkt sie die Aufmerksamkeit darauf, nicht nur Eltern in eine positive (oder zumindest nicht-dysfunktionale) Interaktion mit dem Indexkind zu bringen, sondern auch die Geschwister (stärker) zu berücksichtigen. Es zeigen sich überwiegend kleine Zusammenhänge zwischen den Beziehungsqualitäten (positiv / negativ) und psychischen Auffälligkeiten. Bei Kindern mit Störungen aus dem Spektrum des Sozialverhaltens und / oder der Hyperaktivität ist es vor allem ein Mangel an positiven und nicht ein Zuviel an negativen Gefühlen in den jeweiligen Beziehungen. Da positive und negative Beziehungsqualität nur in kleinem Ausmaß zusammenhing, könnte es hilfreich sein, gezielt an der Steigerung positiver (und nicht nur an der Verminderung negativer) Beziehungsqualität in der Psychotherapie zu arbeiten.

Funcke, Dorett & Sascha Bachmann (2020): Familie – eine riskante Angelegenheit? Gesellschaftliche Veränderungs­dynamiken und ihre Folgen. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 50-63. 

Abstract: Dieser Beitrag thematisiert den gesellschaftlichen Prozess der Meritokratisierung, wie er sich im Bildungssystem seit mehreren Jahren vollzieht, und dessen Konsequenzen für Familien heute. Die aktuelle Bildungsforschung ist primär darauf ausgerichtet, die Leistung und Bildungserfolge von Schülern zu steigern und Eltern zu diesem Zweck in (vor-)schulische Bildungsprozesse zu involvieren, um dem Arbeitsmarkt möglichst geeignetes Personal zur Verfügung zu stellen. Wir betrachten Familie hier hingegen als Ort, an welchem eine eigensinnige und für die individuelle Entwicklung wie die Familie höchst relevante Form von Bildung stattfindet. Hierfür wird eine soziologische Perspektive auf Familie vorgestellt sowie veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen und zeitdiagnostische Befunde zur Familie skizziert. Damit systemische Therapie Familien dabei unterstützen kann, Familienalltag mit Bildungs- und Leistungsansprüchen zu vereinbaren, werden im Beitrag relevante Praxisaspekte und Vorteile des systemischen Verfahrens reflektiert.

Heller, Ágnes (2020): Zum Gebrauch der ­Freiheit. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 64-67. 

Abstract: Lassen Sie mich mit dem Modellfall beginnen: das Buch Exodus des Alten Testaments. Das Volk der Israeliten entkam aus Ägypten, wo sie in Knechtschaft leben mussten. Sie wurden aus ihrer Knechtschaft befreit, ohne für die Freiheit kämpfen zu müssen – sie erhielten ihre Freiheit als ein Geschenk. Als sie durch die Wüste zogen, verloren sie die Sicherheit, die mit der Knechtschaft einherging. Die Unsicherheit des Lebens in der Wüste weckte die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens, zurück zur Sicherheit ihrer Knechtschaft. Dann erhielten sie als göttliches Geschenk ein Grundgesetz in Form der zehn Gebote. Nachdem sie also aus der Sklaverei befreit wurden, erhielten sie nun auch die Möglichkeit, tatsächlich freie Menschen zu werden. Denn nur freie Menschen können über ein Grundgesetz verfügen, das die alleinige Garantie politischer Gleichheit ist. Solch ein Grundgesetz ist die Bedingung dafür, dass Grundrechte möglich werden, einschließlich des Grundrechtes auf Sicherheit. Und wie haben sie die Möglichkeit, als freie Menschen zu handeln, genutzt? Sie haben das goldene Kalb angebetet. Dieser symbolische Beispielfall hat sich oftmals in der Geschichte wiederholt. Zuletzt in der jüngeren Geschichte einiger osteuropäischer Länder – wie in meinem eigenen Land, in Ungarn –, wo die Menschen Freiheit als »Geburtstagsgeschenk« erhielten und nicht in der Lage waren, diese auch zu erhalten. Das hatte viele Gründe, und einer davon war, dass sie die Sicherheit der Knechtschaft gewohnt waren. Obwohl dieses biblische Beispiel der Spannung zwischen Freiheit und Sicherheit sich immer wieder in der menschlichen Geschichte wiederholte, rückte es doch nur selten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn für über zweitausend Jahre gab es nur ein begrenztes Angebot von politischen Institutionen, letztlich wurden alle Nationen von einem König oder von einigen aristokratischen Familien beherrscht. Aristoteles beschrieb die Situation so: Manche Menschen werden frei geboren, andere als Sklaven. Der Ort der Geburt bestimmt den Platz, den ein Mensch bis zu seinem Tod in der sozialen Hierarchie einnimmt, und dasselbe gilt für seine Nachkommen.

Dullenkopf, Anne (2020): »Ich bin ich«, Eine systemische und psychoanalytische Behandlung von Geschwisterrivalität. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 68-71. 

Abstract: Im Rahmen meiner Ausbildung zur analytischen und tiefenpsychologischen Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche durfte ich einen Teil der geforderten praktischen Tätigkeit im Familientherapeutischen Zentrum in Neckargemünd (FaTZ) absolvieren. Das FaTZ ist eine tagesklinische familienpsychiatrische Einrichtung, die Eltern mit ihren Kindern mithilfe verschiedener therapeutischer und pädagogischer Ansätze behandelt. Eine systemisch-wohlwollende Grundhaltung zieht sich durch den Klinikalltag und wird dadurch lebendig und spürbar. Durch ambulante Patientinnen und Patienten und meine früheren und aktuellen sozialpädagogischen Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen habe ich einige Erfahrung in der systemischen Arbeit mit Familien gesammelt. Mein besonderes Augenmerk fiel dabei häufig auf jene Kinder in einer Geschwisterreihe, die vermeintlich »unauffällig« waren und nicht im Fokus der elterlichen Aufmerksamkeit standen, weil sie vordergründig weniger oder keinen Anlass zur Sorge gaben. Selbst wenn diese elterliche Aufmerksamkeit für das Sorgenkind eher negativ besetzt ist, so ist doch damit der emotionale Raum, den die Eltern zur Verfügung haben, recht ausgefüllt. Was aber ist mit den Geschwistern von »Sorgenkindern«? Ist es nicht zwangsläufig so, dass sie selbst und deren Bedürfnisse weniger gesehen werden? Meiner Erfahrung nach ist das häufig der Fall und führt in der Folge dazu, dass diese Kinder ihre Bedürfnisse und Gefühle selbst entsprechend wenig wahrnehmen und ausdrücken können.

Averbeck, Birgit (2020): Die Kooperation von Jugendhilfe und Gesund- heitswesen / Psychiatrie: Polynesisches Segeln in unruhigen Gewässern. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 72-75. 

Abstract: When people have to deal with conflicts or opposing views they often refer to the term cooperation. But after lengthy discussions the question may be raised if it is more useful not to cooperate. The authors of this article analyse why cooperation is often called for but frequently fails. In this article key prerequisites for successful cooperation are described before the authors present their practical method of ‘sYpport’. ‘SYpport’ mostly refers to trans-institutional cooperation and focuses on the required attitude of those involved. The authors’ simple but crucial conclusion is that cooperation requires faith in others.

Bachem-Böse, Gabriele, Michaela Herchenhan & Miee Park (2020): Systemische Haltung in Jugendhilfeeinrichtungen fördern und evaluieren – geht das? In: Familiendynamik, 45 (1), S. 76-79. 

Abstract: Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) hat ein Verfahren entwickelt, dass es Einrichtungen im psychosozialen Bereich ermöglicht, an einem Besuchsprojekt teilzunehmen und anschließend ein entsprechendes Siegel zu erhalten. Das Siegel (»DGSF-empfohlene Einrichtung«) ist für Einrichtungen gedacht, die eine systemisch-familienorientierte Arbeits- weise als verbindendes grundlegendes Konzept in ihrer Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Angehörigen, den Jugendämtern und weiteren Netzwerken umsetzen. Seit 2013 konnten rund 30 Organisationen auf diese Weise ausgezeichnet werden (Stand: Mai 2019).

Schlippe, Arist von (2020): Was sagt denn der Würfel dazu?. Zurück-Geschaut: Luke Rhinehart (2009): Der Würfler. Berlin (Moewig/Ullstein). In: Familiendynamik, 45 (1), S. 80-81. 

Klein, Rudolf (2020): Zum Tode von Hans Schindler (6. 7. 1952 – 8. 10. 2019). In: Familiendynamik, 45 (1), S. 82-82. 

Gosert, Julia (2020): Rezension – Dorett Funcke & Bruno Hildenbrand (2018): Ursprünge und Kontinuität der Kernfamilie – Einführung in die Familiensoziologie. Wiesbaden (Springer VS). In: Familiendynamik, 45 (1), S. 83-85. 

Stimpfle, Peter (2020): Rezension: Manfred Prior (2018): Punkt, Punkt, Komma, Strich – ­fertig ist die Lösungssicht. Eintägiger Workshop mit Demonstrationen und Übungen (DVDs). Kriftel (Prior Productions). In: Familiendynamik, 45 (1), S. 85-86. 

Schlippe, Arist von (2020): Über die Verwandlung der Empörung. In: Familiendynamik, 45 (1), S. 87-87. 


Heft 2

Fischer, Hans Rudi & Günther Emlein (2020): Editorial: Wiederkehr der Theorie oder: Wie die Kurve zurück zur Theorie kriegen? In: Familiendynamik, 45 (2), S. 89-89. 

Abstract: Nachdem der über zwei Jahrzehnte dauernde Kampf um die Anerkennung systemischer Therapie als wirksame psychotherapeutische Praxis erfolgreich zu Ende gegangen ist, scheint das Interesse an wohlbegründeter Fundierung therapeutischer Praxis wiederbelebt zu sein. Die Wiederkehr der Theorie, von der hier die Rede ist, ist nicht die eines ehemals Verdrängten, sondern eher eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, nämlich der anfangs abstrakten Theorie, um, von deren Quellen gestärkt, in die therapeutische Praxis zu kommen.

Gemäß dem Motto »Nichts ist praktischer als eine gute Theorie« wird das Heft von zwei Freunden der teoria herausgegeben. Hans Rudi Fischer als Philosoph und Günther Emlein als von der Systemtheorie überzeugter Theologe haben eine gemeinsame Geschichte.

Fischer, Hans Rudi, Ulrike Borst & Christina Hunger-Schoppe (2020): Für Arist von Schlippe zum Abschied. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 92-93. 

Abstract: Mit diesem Heft ist unser langjähriger Kollege, Arist von Schlippe, als Mit-Herausgeber der Familiendynamik von Bord gegangen. Zum Glück für die Zeitschrift wird er dem Editorial Board der Familiendynamik erhalten bleiben, seinen weiten Horizont und seine diskursive Kompetenz auch weiterhin in den Dienst unserer Fachzeitschrift stellen.

Kleve, Heiko (2020): Vorstellung des neuen Herausgebers: Heiko Kleve. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 93-93. 

Duss-von Werdt, Joseph (2020): Anekdotisches zur Entstehung der Zeitschrift FAMILIENDYNAMIK. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 94-94. 

Abstract: 

Borst, Ulrike (2020): Systemische Therapietheorie und Fallkonzeption. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 96-106. 

Abstract: Nach einer Verortung der Systemischen Therapie in philosophischen und medizinisch-konzeptionellen Zusammenhängen wird zunächst ein kurzer Einblick in systemische Störungs- und Krankheitskonzepte, sodann ein Überblick über die theoretischen Überlegungen, die seit jeher die Grundlage und Begründung praktischen Handelns in der Systemischen Therapie bilden, gegeben. Daraus werden dann die Grundorientierungen der Systemischen Praxis abgeleitet. In einem nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Psychotherapieforschung auf ihre Passung zu den Überlegungen der vorhergehenden Abschnitte untersucht. Zum Schluss werden Leitfragen zur Fallkonzeption, Therapieplanung und Qualitätsssicherung in der Systemischen Therapie vorgestellt, um dann einige Hinweise zu Modellen der Integration zu geben.

Emlein, Günther (2020): Psychotherapie als poly­kontexturale Praxis. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 108-118. 

Abstract: Theoretische Überlegungen bilden den Rahmen für Psychotherapie und Beratung. Sie dienen einerseits dazu, diese Unterfangen jenseits der Alltagssprache zu interpretieren, andererseits wirken sie als Heuristik – sie legen neue Fährten, die für Gespräche nutzbar sein können. Der Beitrag entfaltet das Konzept der Polykontexturalität des Philosophen Gotthard Günther, wie es besonders von Niklas Luhmann gesellschaftstheoretisch verwendet worden ist, und zeigt dessen Nutzen für die Praxis. Als Analyseinstrument macht es spezifische Aspekte an Fällen sichtbar, als Heuristik ermöglicht es zusätzliche Optionen, die in Gesprächen originelle Wendungen einleiten können.

Fischer, Hans Rudi (2020): Wahrheiten aus der Welt alternativer Wahrheiten. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 120-130. 

Abstract: Was machen wir mit Sprache, und was macht Sprache mit uns? Was meinen wir eigentlich mit Worten wie »Wahrheit« oder »wahr«? Wozu gebrauchen wir diese Worte? Müssen wir meinen, was wir sagen, oder sagen, was wir meinen? Was unterscheidet Wahrheit von Irrtum und von Lüge? Der Wahrheitsbegriff ist ins Gerede gekommen und wir müssen fragen: Was ist uns (!) Wahrheit wert? Diese Frage führt ins Herz unseres Diskurses, weil mit ihr der Unterschied zur Lüge scharf gestellt werden muss und das, was das soziale Band der Gesellschaft ermöglicht: Vertrauen. Wann müssen wir Anspruch auf Wahrheit erheben und verteidigen, um der Verwahrlosung unseres Diskurses entgegenzuwirken und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewahren?Der Artikel versucht anhand aktueller Fälle – mit gelegentlichem Blick in den geistesgeschichtlichen Rückspiegel – zu zeigen, dass es veritable Formen gibt, über das zu sprechen, was der Fall ist, das, was wir meinen, wenn wir das Wort »wahr« im Zusammenhang von Aussagen in den Mund nehmen. Dabei kommen semantische Verwandte in den Fokus, deren Rolle und Funktion bedacht wird: Lüge, Bullshit und Wahrhaftigkeit.

Heller, Ágnes (2020): Beiträge zur Philosophie der autobiographischen Erinnerung. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 132-138. 

Abstract: Erinnerung war in der Philosophie von Anfang an eine der wesentlichsten Fragen. Es war immer klar, dass alles, was wir wissen, aus der Erinnerung stammt, und die Erinnerung aus der Erfahrung. Die Frage, die schon am Anfang gestellt wurde, betrifft die Quelle des Wissens, die Erfahrung selbst. Die ersten Philosophen experimentierten mit drei verschiedenen Hypothesen: Sokrates mit der Hypothese, dass alles, was wir wissen, schon in unserem Verstand gespeichert ist. So müssen wir uns bemühen, das gespeicherte Wissen mit Hilfe des Denkens aus unserem Verstand oder unserer Seele herauszuholen. Sokrates (wenn man Platons Bericht Glauben schenken darf ) identifizierte das Vermögen des Wissens, das Vermögen der Erfahrung, mit der Quelle des Wissens selbst. Alle Wahrheiten waren so Vernunftwahrheiten. Platon hat aber entdeckt, dass das Vermögen der Erinnerung selbst nicht das Erinnerte erschafft, dass dieses Vermögen die sogenannte Materie der Erinnerung nicht produziert, obwohl ohne dieses Vermögen überhaupt keine Erfahrung möglich ist. So experimentierte Platon mit der Idee, dass einige menschliche Seelen schon vor der Geburt etwas von der Wahrheit, das Licht des wahren Wissens, gesehen haben und sich später an das bereits Gesehene erinnern. Das heißt, er nahm eine Art von autobiographischer Erinnerung (der Seele) als Vorbedingung des wahren semantischen Wissens an.

Fischer, Hans Rudi (2020): In der Mitte der Welt. Zum Gedenken an Joseph Duss-von Werdt. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 140-144. 

Kurthen, Martin (2020): Lichtung des Neuro-­Nebels? Zum Streit um die Tragweite neurowissenschaftlicher Erkenntnisse. In: Familiendynamik, 45 (2), S. 146-162. 

Abstract: Die kognitive Neurowissenschaft ist in den letzten drei Jahrzehnten zu einer vermeintlichen neuen Leitwissenschaft stilisiert worden. Dieser »Neuro-Hype« rief einen in der Öffentlichkeitswirkung weniger spektakulären, aber inhaltlich dezidierten Gegen-Hype hervor, der allerdings zu einer überschießenden, pauschalen Herabwürdigung der Neurowissenschaft neigte. Erwartungsgemäß waren beide Hypes inhaltlich unbefriedigend, weil die den Kontroversen zugrunde liegende Fachliteratur, insbesondere im philosophischen Diskussionskontext, allenfalls oberflächlich rezipiert wurde. Eine detailliertere Erwägung legt eine versöhnliche Mittelposition nahe. Dies wird im Folgenden an konkreten Beispielen dargestellt, u. a. im Hinblick auf die neurowissenschaftliche Methodik, den neurowissenschaftlichen Lokalisationismus, die materialistische (Neuro-)Philosophie des Geistes, das Problem der Willensfreiheit und die Frage nach der Sinnhaftigkeit der sogenannten Neuro-Bindestrich-Disziplinen.

Conzen, Peter (2020): Rezension – Ulrike Hollick, Maria Lieb, Andreas Renger & Thorsten Ziebertz (2018): Personzentrierte Familientherapie und -beratung. München (Ernst Reinhardt). In: Familiendynamik, 45 (2), S. 164-165. 

Müller, Lutz (2020): Rezension – , Christian Roesler (2018): Paarprobleme und Paartherapie. Theorien, Methoden, Forschung – ein integratives Lehrbuch. Stuttgart (Kohlhammer). In: Familiendynamik, 45 (2), S. 165-167. 

Gardecki, Johanna (2020): Rezension – Andreas Eickhorst & Ansgar Röhrbein (2019): Systemische Methoden in Familienberatung und -therapie. Was passt in unterschiedlichen Lebensphasen und Kontexten? Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Familiendynamik, 45 (2), S. 167-168. 

Bruchhaus Steinert, Helke (2020): Rezension – Stefan Hammel (2019): Lebensmöglichkeiten entdecken. Veränderungen durch Therapeutisches Modellieren. Stuttgart (Klett-Cotta). In: Familiendynamik, 45 (2), S. 169-170. 

Hafaiedh, Jamila (2020): Rezension – Henri Guttmann, Uschi Scholles & Franz Scholles (2011): Familiengeflüster. Remagen (aktuell-spiele-verlag). In: Familiendynamik, 45 (2), S. 170-171. 

Lüscher, Kurt (2020): Kontrapunkt: Praxis zwischen Wissenschaftswissen und Alltagswissen? In: Familiendynamik, 45 (2), S. 175-175.

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