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Entdecke die Möglichkeiten: „re-source“ vom 7.-15. Februar 2014 in Zagora/Marokko – ein Tagungsbericht

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Barbara Schmidt-Keller ist Lehrtherapeutin und Lehrende Supervisorin der Saarländischen Gesellschaft für Systemische Therapie und steuert immer wieder auch einmal etwas zum systemagazin bei. Im Februar hat sie an der ersten Trialogie-Tagung in Zagora/Marokko teilgenommen und für die aktuelle Ausgabe des Kontext einen Tagungsbericht verfasst, der die Atmosphäre dieser Woche am Rande der Wüste schön wiedergibt:

Barbara Schmidt-Keller, Merzig: Entdecke die Möglichkeiten

Riad Lamane

Riad Lamane

Im Februar 2014 fand in Zagora, Marokko, eine besondere Tagung statt. Die erste re-source-Tagung, organisiert von der „Trialogie“ Liane Stephan, Mohammed El Hachimi und Tom Levold, hatte sich zum Ziel gesetzt,  Professionellen aus unterschiedlichen Praxis-Kontexten (Beratung und Therapie, Supervision, Coaching, Personalentwicklung) einen Rahmen zu bieten, in dem ein Zugang zu den eigenen bekannten oder noch unentdeckten Kraftquellen und Ressourcen begünstigt und ermöglicht werden sollte.

Die Idee und Philosophie der Organisatoren: die Qualität und Tragfähigkeit der Beziehung zwischen Professionellen und Kunden gilt als wichtiger Wirkfaktor für einen gelingenden Veränderungsprozess. Neben der methodischen Kompetenz des Profis stellen dabei seine Persönlichkeit und sein intuitives und implizites Wissen die wesentliche Ressource dar, um komplexe Zusammenhänge zu erfassen und für das Initiieren von Veränderungsprozessen einen begünstigenden affektiven Rahmen zu schaffen. Entsprechend wurde als Fokus kein Lehrprogramm angeboten, es erfolgte keine Vermittlung von Theorien oder Tools. Stattdessen entstand Raum für die Begegnung mit sich selbst und das Teilhaben, Austauschen und Vernetzen mit anderen.

Zagora-2014-1671

Riad Lamane

Wir trafen am 8. Februar in Marrakesch am Flughafen ein. Einige Wartezeit bis zum gemeinsamen Transfer nach Zagora musste überbrückt werden. Dann brachte ein Kleinbus uns in 7 Stunden über die Passstrassen des Atlasgebirges nach Zagora.
Das war eine lange Anfahrt, von Ouarzarzate, dem alternativen Flughafen, wäre es näher gewesen, aber wir hätten auch auf die Fahrt durch grandiose Landschaften verzichtet. Im Nachhinein war ich froh, mich durch die mangelnde Beschäftigung mit der Art der Anfahrt nicht für die kürzere Anreise entschieden zu haben.
Im Riadlamane angekommen, der größere Teil der Gruppe war bereits da, wurden wir mit einem ersten Trommelkonzert und einer Tagine herzlich begrüßt. Ein Riad ist so etwas wie ein Landgasthof, „unser Riad” liegt am Rande der Wüstenstadt in der Oase. Der Riadlamane ist selbst eine Oase, ein geschütztes, von hohen Mauern umgebenes Anwesen mit Orangenbäumen, Palmen, blühenden Bougainvilleas, Oleander und was die Mitteleuropäerin sonst noch an südlicher Flora (im Februar!) in Andacht geraten lässt.

Mohammed El Hachimi, einer der Organisatoren der Tagung, hat zu Zagora eine besondere Verbindung. Sein Großvater hat die Karawanen nach Timbouktou begleitet und über diesen besonderen Bezug und Mohammeds Bekanntschaft mit Hassan, dessen Großvater im gleichen Karawanenbusiness war, hat sich ein marokkanisch-deutsches Projekt entwickelt.

Riadlamane

Der Riadlamane ist langsam gewachsen. Über die Initiierung von Bildungsprojekten und die Unterstützung von sozialen Selbsthilfeprojekten hat sich langsam ein sanfter und nachhaltiger Tourismus etabliert, der Arbeitsplätze geschaffen hat und sich an einer ethischen Grundhaltung orientiert, die von Interesse und Respekt getragen ist.

Riad Lamane

Riad Lamane

Wer im Riad arbeitet, verpflichtet sich, eine Sozialversicherung abzuschließen, und es gibt einen Verhaltenskodex für Angestellte und für Gäste, der verschiedenste Formen von Respektlosigkeit ahndet. Das alles erzeugt eine Atmosphäre von Vertrautheit, Aufgehobensein und Begegnung.

Wir wohnten zu zweit oder zu dritt in kleinen Häusern, teilweise in Zelten, jedes individuell gebaut und liebevoll marokkanisch ausgestattet, die Bäder in Tadelakt gearbeitet oder in Mosaiken gefliest.
Morgens frühstückten wir schon im Freien, obwohl die Luft noch frisch war und genossen auf der Dachterrasse die Sonnenstrahlen und mittags gab es ein marokkanisch-kontinentales Buffet. Am Abend speisten wir mit der gesamten Gruppe in einem prächtigen Zelt, ich glaube, es hat einen Preis als das schönste Zelt Marokkos bekommen.

An jedem Morgen versammelten wir uns in unserem Tagungszelt, hier wurden kurze, persönlich gehaltene Denkanstösse zu einem Thema präsentiert. Im Laufe der Woche waren das die Themen Mut, Angst, Scham und Macht.

Eigene Erfahrungen der jeweiligen Impulsgeber blieben dabei nicht außen vor und so entstand in kurzer Zeit eine Atmosphäre der Nachdenklichkeit, des Kontakts und der Begegnung. Im Anschluss daran wurde das Gehörte, Gefühlte und Erinnerte in Triaden gemeinsam reflektiert.

Workshops als kraftvolle Katalysatoren

Als kraftvolle Katalysatoren dieser Prozesse wirkten die Workshops.

Riad Lamane

Riad Lamane

„Querdenken“ lautete der Titel des Workshops „kreatives Schreiben“, der von Matthias Ohler moderiert wurde. Maria Amon und Sabina Schulte leiteten den Workshop Malerei. Steve Clorfeine baute, inszenierte und schuf Raum für Selbstreflexion und Begegnungen in der Theatergruppe. Und Uli Schlingensiepen schickte die Fotografen mit fokussierenden Fragestellungen auf die Piste, sammelte sie dann im Laufe des Tages wieder ein und trommelte zur gemeinsamen Schatzbesichtigung zusammen.

An jedem Tag war Jürgen Kriz in einer Workshop-Gruppe zu Gast. Beim nachmittäglichen Plenum schlug er den Bogen vom Thema des Morgens zu den Beobachtungen und Erfahrungen, die er in den Gruppen gemacht hatte und präsentierte daraus seine persönliche Essenz des Arbeitstages.

In den anschließenden Transfergruppen, welche sich quer durch alle Workshops zusammensetzten, gab es dann noch einmal die Gelegenheit zum Austausch.

Morgens und abends brachte Anke Böttcher uns mit ihren Musik- und Rhythmus – Angeboten auf die Beine und in Bewegung. Wenn es nötig gewesen wäre, uns in gute Laune zu versetzen, hätte sie auch das ganz locker geschafft …

Unvergesslicher Höhepunkt war am fünften Tag der Auszug der Tagungskarawane auf Kamelen oder Dromedaren in die Wüste.

Diese Tiere sind ziemlich hoch, wenn man neben ihnen steht, aber erst recht, wenn man obendrauf sitzt. Einige (wenn auch nicht alle) Tiere hatten eine solch gelassene Bewegungskompetenz, dass man aus dem Sattel sogar fotografieren konnte, ohne Angst um Knochen oder Ausrüstung zu haben.

Der Abend war angefüllt mit Tanz, wunderbaren Trommelkonzerten und gemischten Gesangseinlagen. Es gab Couscous und Obst. Wir schliefen in Zelten auf Feldbetten oder auf Matratzen unter dem Vollmondhimmel. Bei Sonnenaufgang wühlten sich etliche von uns durch den tiefen Sand die Dünen hoch.

Übernachtung in der Wüste

Übernachtung in der Wüste

Überhaupt der Sand: die Muster, die der Wind darauf zeichnet und die Spuren, die Menschen und Tiere darauf ziehen. Dass es in Wüsten jede Menge Sand gibt, ist ja bekannt, aber welche Wirkung das auf den Wüstenbesucher hat, kann ich noch heute nicht leicht in Worte fassen. Es könnte etwas mit Zeitlosigkeit zu tun haben, wahrscheinlich würden die Querdenker das besser beschreiben. Assoziativ verknüpft ist das für mich mit Joseph Campbells Definition von Ewigkeit: „Ewigkeit ist weder Zukunft noch Vergangenheit. Ewigkeit ist eine Dimension des Jetzt. Sie ist eine Dimension des menschlichen Geistes — der ewig ist.“

Nach unserer Rückkehr trafen sich die Workshopgruppen ein letztes Mal und bereiteten die für den Abend geplante Präsentation vor. Die Maler präsentierten ihre Bilder in ihrem luftigen Outdoor-Atelier. Die Fotografen präsentierten eine Auswahl ihrer Fotos auf Ipads und Laptop. Die Theatergruppe zeigte wortlose Sequenzen von Begegnung. Und die Querdenker lasen aus ihren Haikus, Gedichten, Aphorismen und Prosastücken. Wechselseitig waren wir staunende Gäste bei den jeweiligen Performern.

Eine auf geheimnisvolle Weise narzissmusfreie Zone

Mein Fazit dieser besonderen Tagung: Es war eine bereichernde und nachhaltige Erfahrung in einer auf geheimnisvolle Weise narzissmusfreien Zone, ohne angestrengtes name-dropping oder Profilierungsdiskurse.

Das Fotografieren ist mir geblieben und zu einem Alltagsritual geworden, meine persönliche Lichtpunkte – Achtsamkeits-Übung. Und mein Mann, der mich nach 29 Jahren scheinbar immer noch überraschen kann, hat im Nachgang 99 Strophen über die Europareise eines Dromedars für unsere Enkelinnen verfasst.

Antoine de Saint- Exupery hat eine Metapher zur Didaktik geprägt: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“ Auch in diesem Sinne habt Ihr, Liane, Mohammed und Tom, einen guten Job gemacht. Wir kommen wieder, nämlich 2015.

Wie und wo, kann man auf der website der trialogie erfahren: www.trialogie.com.

(Mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 3/2014, Fotos: Tom Levold)

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