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Dörte Foertsch: Lieber Tom…

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lesen und schreiben in Deinem Adventskalender ist in diesem Jahr für mich eine besondere Herausforderung, also so eine Sache, weil ich mich zwar zu den gerne Lesenden zähle, aber nicht zu sehr zu den Schreibzugehörigen von Büchern oder Zeitschriften und Artikeln. Ich schreibe gerne Briefe, am liebsten noch mit Füller und auf büttenem Papier, wundere Dich bitte nicht über einen Adventskalenderbeitrag auf meine Art. Ich mag es, in Dialogen Ideen und Gedanken zu entwickeln, aber auch den Streit und den Widerspruch. Die großartigen Briefwechsel über Kunst, Politik, Kultur, z.B. Christa Wolf und Franz Fühmann, Clara Schumann mit Johannes Brahms, Goethe mit Bettina von Arnim, Heiner Müller und Alexander Kluge, Günter Gauss und Willi Brandt, diese Art der Dialoge sind wertvoll, weil sie sich im und durch das Gespräch entwickeln.
Wie könnten wir das in unserer Szene mehr initiieren?
Ich versuche einen bescheidenen Dialog mit Dir über Lesen und Schreiben.
Du liest schnell. Ich nehme beim Lesen jedes Wort beim Wort, damit komme ich nicht gut voran. Könntest Du mir beim Lesen helfen oder soll ich es wortwörtlich lassen? Ich glaube, ich habe ein zu therapeutisches Ohr beim Lesen, wie lässt sich das abstellen?
Viel schlimmer ist aber meine Schreibhemmung. Ich versuche ein anonymes Gegenüber zu erreichen und bin zu sehr auf eine anerkennende und neugierige Reaktion angewiesen um in einen Schreibschwung zu kommen. Sagst Du, das sei ein eklatanter Fehler? Sollte ich beim Schreiben mehr an mich denken?
Außerdem würde ich gerne mehr Lyrik in die Systemische Literatur bringen, die bleibt dann Phantasien überlassen und darf wie Kunst interpretierbar bleiben, nach dem Motto: ist das Kunst oder kann das weg?
Könnten wir uns einfach mehr erzählen, was wir so in der Begegnung mit fremden Menschen erleben, mit denen so vertrauenserfüllte Dialoge entstehen? Könnten wir uns mehr im Schreiben erstreiten und nicht nur Behauptungen aufstellen?
Lieber Tom, Dein Adventskalender ist für mich schon angefangene Therapie, ich lese jeden Tag hinter einem Türchen eine Idee, eine Geschichte und komme trotzdem morgens rechtzeitig zur Arbeit und habe das Lesen in meinem Tempo geschafft. Größer allerdings ist die Auswirkung auf  meine Schreibhemmung, ich traue mich einfach, für Deinen Adventskalender drauf los zu schreiben. Du und die anderen AutorInnen haben schon so eine Art Familienzugehörigkeit entwickelt und ich traue mich dabei zu sein.
Lieber Tom, vielen Dank für Deine Idee mit dem Adventskalender, den lese ich gerne und schreibe gerne dafür.
Aber es kommt noch besser, unsere Redaktionssitzungen für Kontext haben erheblich dazu beigetragen, mit meinen Problemen besser klar zu kommen. Ich trainiere das Lesen von Artikeln und schaue Dir insgeheim zu, nach welchen Kriterien Du sie liest und Rückmeldungen gibst. Das musste ich jetzt einmal verraten. Leider verstärkt das mein Problem mit dem Schreiben – obwohl ich weiß, wie sorgfältig und textsicher Du Menschen hilfst, gute Artikel zu schreiben.
Diese gemeinsame Redaktionsarbeit ist wohltuend, weil die Telefonkonferenzen sich in Grenzen halten und die persönlichen Begegnungen verbunden mit gutem Essen bei Dir inspirierender sind. Du bist ja so ein medialer freak, trotzdem ersetzt kein Medium die persönliche Begegnung.
Hab ich Dich jetzt wieder genervt?
Als ich gefragt wurde, beim Kontext mitzuarbeiten, bin ich fast vom Hocker gefallen, denn ich hatte  außer meiner Diplomarbeit bis dahin nichts außer Briefen und Tagebuch geschrieben. Hinter dieser Anfrage, so wurde der Überredungsversuch erklärt, steckte der Wunsch, jemanden aus der praktischen Arbeit dabei zu haben, schließlich ist dies eine Zeitschrift für so viele Praktiker. Diese Leute aus der Systemischen Szene lassen nichts aus!
Mir scheint aber, außer mir gibt es noch mehr KollegInnen die womöglich ähnliche Probleme mit dem Schreiben haben. Lieber Tom, was sollten wir tun, eine schreibende Selbsthilfegruppe gründen?
Wie bekommst Du das eigentlich hin, wahrscheinlich brauchst Du weniger Schlaf und mehr Kaffee?
Ich habe mich in eine Nische gerettet, in der ich so rubrikartiges Zeug schreibe, aber manchmal komme ich mir da auch blöd und unseriös vor.
Aber ich möchte noch auf Deine Frage nach den prägenden Büchern eingehen.
Für meine Arbeit in Beratungen und Therapien gibt es ein ganz wichtiges Buch von Tom Andersen mit dem Titel „Das Reflektierende Team“. Mich hat die Idee überzeugt, unseren Klienten unsere Hintergedanken nahe zu bringen, die dann automatisch keine mehr sind. Die Idee der Reflektion in Gegenwart der Menschen um die es gerade geht fand ich revolutionär und gleichzeitig so einfach. Seither genieße ich es geradezu, mit Klienten einen sehr offenen und gleichberechtigten Austausch zu suchen, nichts von oben herab zu tun, den Dialog auf Augenhöhe zu führen. Und es ist kein Zufall, dass mir dieses Buch jetzt einfällt.
Die Tom`s haben es wohl in sich, das mit der Haltung, es soll keine Zufälle geben?
Ich habe Tom Andersen bei einer Tagung in Osnabrück erleben dürfen. Die Überschrift hieß   „Fragen über Fragen“. Während der zwei Tage gab es zwei Sitzungen in denen Tom Andersen ein Gespräch mit einer Familie und ihren Therapeuten führte. Mich hat dabei beeindruckt, wie ernsthaft er sich selbstkritisch unterbrach, wenn er als Fragender doch zu therapeutisch wurde und damit in Konkurrenz zu den Therapeuten geriet. Dieses Phänomen hatte er in dem Buch über das Reflektierende Team beschrieben, aber ich konnte ihn nun life miterleben und hatte seine Idee verstanden. Das reflektierende Team sollte nicht die besseren Ideen haben sondern im Sinne der kybernetischen Erkenntnisse das Beobachtete ohne Wertung in Worte fassen. Bücher sind also eine Sache, die Autoren zu erleben ist eine ganz andere.
Lieber Tom, noch eine andere Frage, würdest Du Bücher wegwerfen? Und wenn nach welchen Kriterien? Es gibt doch auch schlechte Literatur und überflüssige Fachbücher, wenn Du mal einen Adventskalender mit dieser Überschrift hättest wäre ich sicher wieder dabei.
Nun packe ich weiter die Bücherkisten für den erneuten Umzug und die letzte Frage versteht sich vielleicht von selbst.
Ich wünsche Dir einen prall gefüllten Adventskalender und dann eine ruhige Zeit.
Gibt es eigentlich systemische oder familientherapeutische Literatur zum Thema Weihnachten und familiäre oder betriebliche Bewältigungsstrategien von diesem eigenartig überladenen Thema diese Zeit möglichst harmonisch über die Bühne zu bringen obwohl das doch häufig ausartet und im Desaster enden kann? Warum bleibt diese Stimmung den Familien vorbehalten und bekommt so wenig Öffentlichkeit im systemagazin?
Liebe Grüße
Dörte

P.S. Literatur im weitesten Sinne handelt doch immer von Menschen, ihren Kommunikationen, Beziehungen, Missverständnissen und Lösungen, bisher hat meine Sachbearbeiterin beim Finanzamt alle Bücherquittungen als Fachbücher akzeptiert.

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