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Die Karte und das Territorium

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Eines der in der systemischen Szene am weitesten verbreiteten Sätze ist sicherlich der, dass„die Karte nicht das Territorium” sei. Durch Bateson und Heinz von Foerster bekannt geworden, dürften dennoch die wenigsten seinen Urheber kennen, nämlich Alfred Korzybski (Foto: Wikipedia). In einem interessanten Essay des Philosophen und (u.a.) Bateson-Übersetzers Hans-Günter Holl, der auf seiner website (im .doc-Format) heruntergeladen werden kann, setzt sich dieser 2007 mit dem Verhältnis von Bateson und Korzybski auseinander:„Dieser Essay dient offenkundig nicht der seit langem um Bateson und Korzybski betriebenen Hagiographie, sondern will andere, gewiss etwas befremdliche und unorthodoxe Perspektiven eröffnen. Kurz gefasst handelt er von einem Phänomen, das wir aus der „Kybernetik zweiter Ordnung“ kennen: dem Kontext eines Kontextes, namentlich dessen der kulturellen Assimilation. Der Begriff kulturell leitet sich dabei in der Tat von „Kult“ her, denn in ihrer Sonderstellung als Hellseher und Propheten zogen Bateson und Korzybski eine gleichsam kultische Verehrung auf sich, die eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Grundannahmen verhindert. Korzybski verurteilte zwar die „aristotelische“ Denkgewohnheit der simplen Identifikation, doch zunächst einmal identifizierte er selbst ein krudes Vorurteil über Aristoteles mit dem, was er angreifen wollte – etwa so, wie man ein Phantom jagt. In seiner Nachfolge übernahm Bateson das Konzept der „Karte-Territorium-Relation“, das sich nahtlos in seine Theorie des Geistes einfügte und der einzige Punkt blieb, den er je aus Korzybskis Schriften zitierte.
Als dessen Hauptwerk allerdings 1933 erschien, war die Bedeutung der doppelt akzentuierten Warnung, dass „eine Karte nicht das Territorium ist“ – zumal wenn man Korzybskis eigenen militärischen Hintergrund berücksichtigt –, erheblich dadurch mitgeprägt, dass geisteskranke Diktatoren längst planten, ihre Karten mit Waffengewalt auf Territorien zu übertragen.
Nach dem Krieg „repazifizierte“ Bateson die Karte-Territorium-Relation und nutzte sie, um komplexe Verhaltensmuster (wie Spiel oder schizophrene Kommunikation) zu erklären. Die in solchen Sequenzen sich abzeichnende endlose Skala von logischen Ebenen veranlasste ihn schließlich dazu, die Sphäre der streng kontextuell definierten und begrenzten Erkenntnis zu überschreiten und den Geist mit Gott gleichzusetzen. Der fast eine Generation jüngere Gourmet Paul Watzlawick wechselte – nicht das Paradigma, sondern die diesem zugrunde liegende Metaphorik. Statt vor der Identifikation von Karten mit Territorien zu warnen, empfahl er uns dringend, nicht „die Speisekarte anstelle des Menüs zu essen“. Wenn aber Feinschmeckern eine Speisekarte das Menü verheißt, so wie Kennern eine Partitur die Musik oder Invasoren eine Karte das Territorium, wäre Korzybskis Vorbehalt zu revidieren: Eine Karte ist noch nicht das Territorium“
Zum vollständigen Text…

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