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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Brauchen wir die Liebe noch?

Die Liebe ist ein heißes Eisen. In der Entwicklungsgeschichte der Ehe- und Paartherapie hat sie wechselnde Konjunkturen. In langen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts wurde der Schwerpunkt eher auf die partnerschaftliche Dimension von Zweierbeziehungen gelegt, d. h. es wurde eher auf die Dynamik von Geben und Nehmen, auf das Verhandeln  und auf gleichberechtigte Arbeitsteilung fokussiert als auf emotionale Liebes- und Glückserwartungen.  In den letzten Jahrzehnten hat sich das geändert und die Bedeutung der Liebe wurde zunehmend in der Praxis der Paartherapie beachtet und zum Thema gemacht. Immerhin waren die Glückserwartungen an Paarbeziehungen niemals so hoch wie heute. Frank Natho  hat sich in seinem 2014 erschienenen Buch „Brauchen wir die Liebe noch? wieder bemüht, dieses Beziehungsideal zu „entzaubern“. Hierzu holt er u.a. weit aus mit einer kleinen Kulturgeschichte der Liebe und stellt neuzeitliche Konstruktion der Liebe auf den Prüfstand. Eva Lohbusch und Hans-Georg Pflüger haben das Buch studiert.  Hier können Sie Ihre Rezensionen lesen:

Eva Lohbusch, Simmerath:

Vor einigen Jahren weckte bereits der Aufsatz »Liebe in der Partnerschaft – Grundgefühl oder Konstruktion« von Natho, dargestellt in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beartung (1/2011) meine Neugier. In diesem Aufsatz wurde die romantische Liebe als Gefühl zwischen Mann und Frau in Frage gestellt und eine Wende im Verständnis des Liebesbegriffes in der Partnerschaft angekündigt.

Diese Idee nimmt der Autor in seinem Buch »Brauchen wir die Liebe noch …« wieder auf. Nun aber geht er weiter und entzaubert die Liebe als Ideal für Partnerschaft und Ehe, indem er fragt: Welchen Einfluss nimmt es auf unsere Partnerschaft, wenn wir Liebe als dauerhaftes Gefühl erwarten und utopische Vorstellungen verwirklicht sehen wollen? Oder: Gibt es Die Liebe überhaupt oder verwechseln wir sie lediglich mit unserem grundlegenden Bedürfnis nach sozialer, emotionaler sowie körperlicher Nähe? Einer verlässlichen vertrauten Beziehung, aus der wir Sinn und Bedeutung schöpfen können. Ein Bedürfnis, das in seiner Intensität, Dauer und Gerichtetheit jedoch variiert. Wären Paare wirklich weniger glücklich, wenn es die Liebe nicht gäbe? Welche Chancen würden sich daraus ergeben?

Um diese Fragen zu beantworten, nimmt er sich auf über 200 Seiten Raum und untersucht die Bedeutung der Liebe in verschiedenen kulturellen Epochen. Er spannt einen weiten Bogen von der Antike über das Mittelalter bis in die Moderne. Soziale, gesellschaftliche und religiöse Umbrüche und Entwicklungen haben die Bedeutung der Liebe immer wieder verändert. Dabei relativiert der Autor das weit verbreitete moderne romantische Verständnis der Liebe als Voraussetzung für eine glückliche Beziehung.

Im Beitrag Konstruktion der Liebe im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert der Autor den Einfluss des Kapitalismus auf das Verständnis der Liebe. Seiner Meinung nach wird die Liebe in dieser Epoche zu einem »Konsumgut«, dessen Inhalt von gesellschaftlichen Verwertungsinteressen bestimmt wird. Die Liebe hält emotional nicht, was sie verspricht. Wie ein Konsumgut wird sie nach wenigen Jahren als verschlissen erlebt und auf der Jagd nach neuen emotionalen Sensationen bald gegen eine neue unverbrauchte Liebe ausgetauscht. Natho bezeichnet diesen Trend als »Plug and play Liebe« und begründet seine Idee unter anderem mit den anhaltend hohen Scheidungszahlen sowie der ungebrochenen Suche nach neuer Liebe in einer nächsten Beziehung.

Das Buch ist alles andere als ein Ratgeber für die Liebe. Es regt den Leser, die Leserin an, die eigenen Vorstellungen von Liebe in der Partnerschaft zu überprüfen. Man fragt sich, wie ist eigentlich meine Vorstellung von Liebe entstanden und welche Erwartungen verknüpfe ich damit. Auf jeden Fall ist es ein Buch, welches hilft, die Paarbeziehung weniger emotional verklärt, dafür aber realistischer zu sehen. Es erklärt unter anderem, warum es gut sein kann, eine Beziehung, die ihre emotionale Frische und Sensation im Laufe der Jahre verloren hat, nicht abzuwerten. Paare könnten auch ohne Liebe glücklich sein, wenn sie freundschaftlich verbunden sind, was auch Sexualität miteinander ohne Liebe nicht ausschließt, so eine Überlegung des Autors.

Neben der übersichtlichen kulturgeschichtlichen Darstellung der Liebe untersucht Natho auch Ansichten und Haltungen moderner Ratgeber in Sachen Liebe und deutet auf die Gefahr hin, daraus erneut Gütekriterien für eine »ideale Partnerschaft« abzuleiten und festzulegen. So werden Aussagen zur Liebe von Luhmann, Fromm, Retzer, Schmidbauer, Hüther, Precht und anderen Autoren diskutiert. Im letzten Kapitel untersucht Natho die Freundschaft und bietet damit eine alternative Sicht von Partnerschaft an. In dem Zusammenhang plädiert er dafür, das Wesen der Unvollkommenheit zu würdigen und auf eine höhere Stufe zu stellen als wir das vielleicht bisher in Paarbeziehungen tun. Obwohl es gewissenhaft kulturgeschichtliche Fakten zusammenträgt und interpretiert, ist es kein Fachbuch, wohl eher ein Sachbuch über die Liebe, welches neue Ideen darstellt.

(mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 4/2014).

Hans-Georg Pflüger, Bad Wimpfen:

Macht die Liebe bzw. das „romantische“ Bild davon die Menschen unglücklich, fordert die Liebe ein Zuviel an Treue, Langlebigkeit, sexueller Erfüllung und emotionalem Umsorgen? Ist es hilfreich, das Bild der Liebe nicht als Ideal zu konstruieren, sondern die Beziehung auf der Grundlage einer großen Zuneigung und Freundschaft zu gestalten? Ist es hilfreich, die genannten Begriffe mit den gesellschaftlichen Veränderungen nach Schnelllebigkeit, Ökonomisierung und Individualisierung auf Erfüllbarkeit und vor allem gegenseitige Erwartungen zu prüfen? So die Hypothesen und die Befürwortung als Fazit des Autors – auch mit der Empfehlung, das Unvollkommene zu würdigen.

Als Beleg spannt Natho den Bogen der „Liebesbilder“ von der Antike über das Mittelalter und die Romantik bis zur Moderne; er beschreibt die Veränderungen bzw. die Loslösung von Paarbeziehungen aus den starr-religiösen Bindungen, der Abweichung von der Schöpfung und Hinwendung zu menschlichen Werten, den zunehmenden Orientierungen an gesellschaftlich-ökonomischen Bezügen bis hin zu den aktuellen Prinzipien von Verhandlung und Individualisierung. Es geht auch um die Verabschiedung aus der Abhängigkeit, seien die Fesseln religiös, strukturell, gesellschaftlich oder ökonomisch begründet.

So gesehen endet Nathos Argumentation bei lllouz, die meint, dass jedes noch so banale Gefühl auch das aktuelle Gesellschaftssystem spiegelt. Er bezieht sich auf Retzer, der die Verabschiedung von Illusionen und Hinwendung des Blickes zur Realität fordert, und auf Luhmann, der Liebe als ein perfekt abgestimmtes Erwartungssystem sieht.

Therapeutisch gesehen richtig fordert uns der Autor auf, die individuellen Bilder von Liebe und die Erwartungen an das Gegenüber bei uns selbst und den Ratsuchenden zu erfragen und zu prüfen. Denn es geht nicht um die „Schmetterlinge im Bauch“, sondern um die Umsetzung in den Alltag – darüber hinaus gibt das Buch einen kurzen, dennoch übersichtlichen Einblick in die historischen Wandlungen von Paarbeziehungen und ihren Bindungsmustern.

(mit freundlicher Genehmigung aus systhema 3/2014)

 

 

Frank Natho (2014): Brauchen wir die Liebe noch? Die Entzauberung eines Beziehungsideals. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)

1. Auflage 2014
222 Seiten kartoniert
ISBN 978-3-525-40239-9
Preis: 20,00 €

Verlagsinformation

Die Liebe – in vielen Partnerschaften und Ehen ist sie die wichtigste Grundlage des Zusammenseins und einer erfüllten Sexualität. Sie soll ein ganz besonderes Gefühl sein, welches Menschen zueinander führt, aneinander bindet und die Partnerschaftszufriedenheit erhöht. Viele Paare glauben an dieses Gefühl, an dessen Kraft und magische Wirkung: Die Liebe wird zum Ideal. Doch Ideale haben auch Nachteile, sie setzen Maßstäbe, erhöhen die Erwartungen und verstärken die Sensibilität für das Vorhandensein von Liebe. Fehlt die Liebe, dann ist das oft ein Grund für Trennung, die wiederum emotionalen Stress bei allen Beteiligten, auch bei den Kindern eines Paares, auslöst. Wenn es die Liebe als Beziehungsideal nicht gäbe, könnten Paare sehr viel entspannter mit dem Verlust oder der zeitweisen Abwesenheit der Liebe umgehen. Der Ansatz, Liebe mehr als Konstrukt zu verstehen, hilft, dieses Gefühl in der Partnerschaft nicht zu überschätzen und andere beziehungsstiftende Elemente stärker wertzuschätzen.
Frank Natho nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise und diskutiert die Entstehung, die Hintergründe der Liebe in verschiedenen kulturellen Epochen: Antike, Mittelalter, Romantik und Moderne sind einige Stationen, die unsere Vorstellung von Liebe prägten. Er wirft die Frage auf, ob die romantische Liebe noch in die Gegenwart passt und ob sie nicht vielleicht mehr Paare unglücklich als glücklich macht. Warum Freundschaft ein nützlicheres Ideal für die Paarbeziehung ist, verrät Frank Natho am Schluss seines Buches über die Erfindung der Liebe.

Inhalt

Vorwort 9

Das kann man ja auch mal so sehen 15
Liebe: Ein modernes Märchen? 20
Liebe: Plug and play? 23
Liebe: Auf- und Abwertung der Partnerschaft 26

Liebe:Grundgefühl versus Konstruktion 31
Liebe: Ein frühkindliches Bindungsmuster 36
Verliebtheit: Die Vorstufe zur Liebe? 41
Verliebtheit: Risiken und Nebenwirkungen einer Stressreaktion 44
Liebe im Jugendalter: Schmetterlinge im Bauch 49
Liebe im Lebensverlauf: Vertrautheit und Bindung 52

Kleine Kulturgeschichte der Liebe 57
Wie wir uns die Welt erklären: Wissenschaft , Kultur und Werte 59
Liebesgötter und Liebeskulte in der Antike 62
Paulus: Wegbereiter eines christlichen Verständnisses von Liebe 65
Die Liebe ist die Größte 65
Zucht und Ordnung 68
Liebe im Kontext von Endzeitstimmung 70
Kirche, Sexualität und Liebe im Mittelalter 73
Die Macht des Mönchtums 73
Die reine Liebe 74
Die Erfindung der Minne 75
Die Idealisierung der Minne 79
Vom Brauchtum zur Verschärfung des Sakraments 81
Die sexuelle Wende: Luthers Verständnis von Liebe und Ehe 86
Liebe, bis dass der Tod … 88
Liebe: Eine Frage des Erkennens 90
Die Erfindung der romantischen Liebe im 18. Jahrhundert 93
Das Anliegen der Romantik 94
Liebe zwischen Schicksal und Kontrolle 96
Romantik im Übergang zum Frühkapitalismus 100
Die Konstruktion der Liebe im 19. und 20. Jahrhundert 102
Konsumgut Liebe und Sexualität 102
Liebe im industriellen Frühkapitalismus 104
Liebe im fordistischen Kapitalismus 109
Liebe im neoliberalen Kapitalismus 120
Liebe im Sozialismus 123
Gefühlsstau oder eine Frage des Stils? Liebesdiskurse in Ost- und Westdeutschland 132

Neuzeitliche Konstruktionen der Liebe 137
Die Liebe im Visier der Humanisten: Sind Ganzheitlichkeit und Authentizität Auslaufmodelle? 139
Niklas Luhmann: Liebe ist Kommunikation und Erwartung 141
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens 149
Reife: Die Voraussetzung aktiver Liebe 152
Die höchste Form der Reife: Die »offene Ehe« 153
Beziehungsgütekriterien: Zu hohe Erwartungen? 154
Peter Lauster: Liebe krönt die Sexualität 157
Richard David Precht: Liebe, nur ein angenehmes Zufallsprodukt? 162
Gerald Hüther: Liebe und die zwei Hälften eines Ganzen 168
Arnold Retzer: Mehr Realismus in der Liebe 171
Wolfgang Schmidbauer: Die komische Seite der Liebe 173
Paul Bloom: Liebe und die Anbetung des Besonderen 176

Liebe heute: (Er-)Klärungsversuche 181
Liebe als überholte Vorstellung? Begehren, Verschmelzung, Selbstlosigkeit und Transzendenz 183
Liebe als Exklusivverhältnis? Treue und Treue zu sich selbst 187
Liebe als biologische Konstante? Bindung in kindlichen und Partnerschaftsbeziehungen 190
Liebe als Suche nach Anschluss? 194
Körperliche Anschlussfähigkeit: Sexuelle Kommunikation ohne Liebe? 194
Anschlussfähigkeit auf der Persönlichkeitsebene: Wann stimmt die Chemie? 197
Liebe: Vielleicht »nur« Freundschaft? 201
Freundschaft: Ein kinderleichtes Konzept 202
Was macht freundschaftliche Beziehungen erfolgreich? 205

Fazit: Vollkommene Freundschaft oder unvollkommeneLiebe? 217

Über den Autor:

Frank Natho, Religionspädagoge, evangelischer Theologe, Familien- und Lehrtherapeut, systemischer Supervisor und Lehrsupervisor, TZI-Trainer, ist Gründer und Leiter des Instituts für Fortbildung, Supervision und Familientherapie (FST) Halberstadt und in eigener Praxis tätig.

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