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Aufgewachsen in „eiserner Zeit“

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Barbara Stambolis (2014): Aufgewachsen in „eiserner Zeit“

Barbara Stambolis (2014):
Aufgewachsen in „eiserner Zeit“

In den letzten Jahren ist das Schicksal von Kindern, die vor dem oder im letzten Weltkrieg geboren worden sind, stärker in das Licht der Öffentlichkeit getreten. Interessant ist diese Perspektive nicht nur, um die Bedeutung des Erfahrenen für die Betroffenen selbst besser zu verstehen, sondern auch vor dem Hintergrund einer mehrgenerationalen Betrachtung. Welche Konsequenzen für den Aufbau und die Erhaltung von Beziehungen sowie für die Gründung von Familien und Erziehung der eigenen Kinder haben belastende oder gar traumatische Erfahrungen im eigenen (frühen) Kindesalter? Was davon ist erinner- und bearbeitbar, was wirkt im Dunkeln, ohne dass die damit verbundene Dynamik erkennbar würde? Das in diesem Jahr im psychosozial-Verlag erschienene Buch der Historikerin Barbara Stambolis (Professorin in Neuerer und Neuester Geschichte, Universität Paderborn) behandelt die Situation der Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise. Das liegt angesichts des 100jährigen Jahrestages des Ausbruch des 1. Weltkrieges und der damit verbundenen Publikationswelle nahe, eröffnet aber vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten „Kriegskinder-Literatur“ auch neue Blickwinkel. Barbara Stambolis macht in ihrer Einleitung darauf aufmerksam, dass es neben vielen Ähnlichkeiten zwischen den Kriegskindern des ersten und zweiten Weltkrieges eben auch Unterschiede gibt: „Zahlreiche Angehörige der Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkriegs stellen heute im Alter fest, dass ihre Eltern – zwischen

Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise aufgewachsen – vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie später ihre Kinder in und nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Spurensuche in privaten Unterlagen ist oft wenig ergiebig und auch in geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen finden sie nur wenige Anhaltspunkte. Diesem ›blinden Fleck‹ gilt in der vorliegenden Publikation die Aufmerksamkeit. Manche Leserinnen und Leser – zwischen 1930 und 1945 geboren – werden sich in den Kindern des Ersten Weltkriegs teilweise wiedererkennen, sie werden aber auch feststellen, dass sie in vielerlei Hinsicht unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind und dass ihre Lebensperspektiven sich von denen Heranwachsender nach 1918 grundlegend unterscheiden. Jüngere, nach 1945 Geborene, werden zum einen gängigen Perspektiven auf das 20. Jahrhundert einige neue Facetten hinzufügen und sich der Frage nach der Dauer mentaler und psychohistorischer Erbschaften zuwenden können. Es handelt sich im Folgenden um einen vorsichtigen historischen Brückenschlag zwischen Kindheits- und Jugenderfahrungen im bzw. nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, dem hoffentlich weitere, vor allem detailliertere Untersuchungen folgen werden.“ Hier ein auf Autorenwunsch anonym bleibende Rezension des Buches für systemagazin:

D. M.:

Findet der erste Krieg aufgrund des diesjährigen 100-jährigen Jubiläums heute wieder mehr Beachtung, so wurden meist nur die politischen Aspekte beleuchtet. In diesem Buch ist dies anders. Es legt den Fokus auf die Kinder, die diesen Krieg miterleben mussten. Barbara Stambolis dokumentiert hier sehr gut anhand der zeitlichen Folge, wie Kinder den 1. Weltkrieg erlebt haben, wie sie gesehen bzw. behandelt wurden und welche Auswirkungen dies auf sie hatte.

Wie wurden sie vor dem Krieg gesehen? Hat dieses Jahrhundert, das ja oftmals „Jahrhundert des Kindes“ genannt wurde, noch sehr hoffnungsvoll und aussichtsreich für die Kinder begonnen, folgt für sie ein absolutes Desaster: Sprichwörtlich eiserne Zeiten brechen an.
Was geschah mit den Kindern in der Zeit des Krieges? Es galt für sie genau wie für die Eltern ab Ausbruch des Kriegs ein zweifelhaftes Ideal: Der eiserne Wille ist vorrangig und wird persönlichen Bedürfnissen vorangestellt. „Zaghaftigkeit, Ängstlichkeit und Schmerz“ sollten unterdrückt werden, um stark zu sein, koste es, was es wolle. Nach dem Motto „Hurra, wir leben noch“ wird suggeriert, nicht über die eigene Verletztheit nachzudenken geschweige denn zu reden.

Abwesende bzw. traumatisierte Väter, die ständige Angst, dass er nicht wieder kehrt bzw. die Gewissheit, ihn verloren zu haben, überforderte und emotionslos wirkende Mütter, das mangelnde Zutrauen der Gesellschaft in die Erziehungsfähigkeiten der „übriggebliebenen“ Mütter und nagender Hunger (mit Sicherheit nicht nur physisch, sondern auch psychisch) hinterlassen Spuren auf den kleinen Seelen der Kinder.

Barbara Stambolis beschreibt anhand der Aufzeichnungen von Zeitzeugen diese Zeit zwischen Begeisterung und Ernüchterung und wie Kinder und Mütter damit fertig wurden. Auch die Sicht der damaligen Kinderärzte, Psychologen, Lehrer und Pädagogen wird von ihr dargelegt (Diagnose Nervosität).

Da aus dieser Zeit (anders als beim 2. Weltkrieg) leider keine/wenige Zeitzeugen mehr wertvolle Beiträge leisten können, wurde hier viel mit Literaturhinweisen in Klammern gearbeitet, was stellenweise etwas nerven kann. Sieht man darüber hinweg, ist dieses Buch ein wertvoller Beitrag zum Thema 1. Weltkrieg aus einer Perspektive, die bis jetzt einfach zu kurz gekommen ist.
Die eingeschobenen Absätze sowie Zeitdokumente wie z.B. Bilder, Postkarten und Zeitungsausschnitte, die von persönlichen Erfahrungen der Betroffenen handeln, habe ich als äußerst interessant und untermauernd empfunden, da sie persönliche Sichtweisen, Gefühle und Gedanken zeigen.

Wie waren die Auswirkungen nach dem 1. Weltkrieg?

Hier geht´s um die Kriegskinder als Kriegsopfer, welche Hilfsleistungen z.B. Waisen bekamen oder auch nicht, wie Kriegsschuld und Kriegsgedenken behandelt wurde und welche Stellung Kinder und Mütter als Hinterbliebene hatten.

Auch die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus sowie die Langzeitbelastungen des 1. und des 2. Weltkriegs, vor allem das psychohistorische Erbe werden behandelt.

Es stimmt schon nachdenklich, welche Auswirkungen dies auf die Kinder des 1. Weltkriegs gehabt haben muss, auf die Kinder des 2. Weltkriegs, die ja selbst schon traumatisierte Eltern hatten und so auch auf die nachfolgenden Generationen. Was für ein schweres Erbe!

Wie gut geht’s uns eigentlich und wissen wir das immer? Sollten wir auch mal die Scheuklappen ablegen und nach rechts und links schauen? Sehen, dass auch in der heutigen Zeit Kriege herrschen, Kinder betroffen sind und wir uns in unserem unendlichen Wohlstand über Flüchtlinge aufregen? Ich schweife ab, also zurück zum Buch bzw. zu weiterführenden Büchern.

Dieses Buch ist sehr empfehlenswert! Wen es interessiert, über die seelischen Auswirkungen des Kriegs auf die Kinder des 2. Weltkriegs und die nachfolgenden Generationen nachzulesen, dem empfehle ich auch das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ von Anne-Ev Ustorf und/oder „Die vergessene Generation: Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ von Sabine Bode. Hier werden auch psychologische Hintergründe näher erläutert und verständlich gemacht.

links

Inhaltsverzeichnis, Vorwort und Leseprobe als PDF

Zur website der Autorin

info

Barbara Stambolis: Aufgewachsen in »eiserner Zeit«. Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise

Psychosozial-Verlag 2014, Gießen

160 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm

Preis: 19,90 €
ISBN-13: 978-3-8379-2358-2

Verlagsinformationen

Welche Erfahrungen haben unsere Urgroßeltern oder Großeltern als Kleinkinder, Kinder oder Heranwachsende im Ersten Weltkrieg gemacht? Welchen seelischen Belastungen waren sie ausgesetzt? Viele von ihnen wuchsen ohne Väter und mit überlasteten Müttern auf, übernahmen früh Verantwortung und waren oft sich selbst überlassen. Auch die Nachkriegszeit brachte durch die Wirren von Revolution, Inflation und Weltwirtschaftskrise kein Ende der Not. In diesem Sinne hat die Lyrikerin Mascha Kaléko diese Generation treffend als »Kinder der eisernen Zeit« charakterisiert.

Viele der Betroffenen haben über ihre Kindheit und Jugend im Ersten Weltkrieg zeitlebens kaum etwas mitgeteilt. Erst seitdem Angehörige der Kriegskindergeneration des Zweiten Weltkriegs zu fragen beginnen, unter welchen Bedingungen ihre Eltern aufgewachsen sind, rücken die generationenübergreifenden Erfahrungen in den Fokus. Anhand von Zeitdokumenten und Selbstzeugnissen der Betroffenen rekonstruiert die Autorin ein eindrucksvolles Bild der Kindheit im Ersten Weltkrieg und deren Auswirkungen auf die folgenden Generationen.

Inhalt

Vorwort

1. Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs im Rückblick auf den Ersten Weltkrieg

2. Die janusköpfige Zeitheimat der Kinder des Ersten Weltkriegs

2.1 Aufbruch ins ›Jahrhundert des Kindes‹

2.2 Ein bürgerliches Kindheitsideal und sein bevölkerungspolitischer Schatten

2.3 Perspektivisches: ›Eiserne Zeiten‹

3. Kinder und Heranwachsende im Krieg

3.1 Zwischen Begeisterung und Ernüchterung

3.2 Hungerjahre an der Heimatfront

3.3 Abwesende Väter

3.4 Belastungen der Mütter

3.5 Diagnose: ›Nervosität‹

4. Kriegskinder als ›Kriegsopfer‹

4.1 Fakten und Fragen

4.2 Hilfsleistungen in großem Stil

4.3 Politische Debatten um Kriegsschuld und Kriegsgedenken

4.4 Kinder und Mütter als ›Kriegshinterbliebene‹

4.5 Kriegskinder kommen zu Wort

5. Zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus

5.1 Sozialer und politischer Sprengstoff: Eine junge Generation ohne Zukunft?

5.2 Der Siegeszug ›eiserner Zucht‹ in der NS-Zeit

6. Langzeitbelastungen: Erster und Zweiter Weltkrieg im Kontext

6.1 Vom Umgang mit ›eisernen Zeiten‹ nach 1945

6.2 Psychohistorisches Erbe des 20. Jahrhunderts

Zitierte Quellen und Literatur

Über die Autorin

Barbara Stambolis ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn. Sie forscht zur Kindheits-, Jugend- und Generationengeschichte im 20. Jahrhundert. Sie veröffentlichte unter anderem Töchter ohne Väter (2012), Vaterlosigkeit in vaterarmen Zeiten (Hg., 2012), Jugendbewegt geprägt. Essays zu autobiographischen Texten von Werner Heisenberg und vielen anderen (Hg., 2013) und ist Mitherausgeberin des Katalogs Aufbruch der Jugend (2013).

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