systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Angst und Methode

| Keine Kommentare

Angst und Methode in den VerhaltenswissenschaftenHeute vor 110 Jahren wurde der Pionier der Ethnopsychoanalyse Georges Devereux in Lugos, Ungarn, geboren. Sein methodologisches Hauptwerk „From anxiety to method in the behavioral sciences“ erschien 1967 auf Englisch, die deutsche Übersetzung „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ 1973 bei Hanser. Darin liefert Devereux eine Kritik der vorherrschenden verhaltenswissenschaftlichen Methodologie. Der Anthropologe Weston La Barre schreibt in seinem Vorwort zu diesem Buch (nachdem er auf die Entdeckung der Beobachterabhängigkeit aller Beobachtung in den Naturwissenschaften hingewiesen hat): „Mittlerweile fahren die sich selbst so nennenden »Sozialwissenschaften«, die seit dem 17. Jhdt. nach dem Prestige der exakten physikalischen Wissenschaften streben, mit erhabenem Ernst fort, sich nach dem mechanistischen Newtonschen Modell des 17. Jhdts. auszurichten, als hätten

Einstein und Heisenberg in der Zwischenzeit nicht die Physik revolutioniert. Es ist mehr als ironisch, daß ausgerechnet die am wenigsten exakte der Sozialwissenschaften, die hoffnungslos humanistisch-naturalistische Erforschung des Menschen aus der »Vogelperspektive«, zuerst die relativistisch-indeterministische anthropische Spitzfindigkeit erfassen sollte, daß der unsichtbare Mensch verzweifelt versucht, nicht dabei gesehen zu werden, wie er andere Menschen sieht, während die akademische Psychologie und Soziologie auf dem Königsweg Newtonscher Epistemologie sogar noch weiter zurückgeblieben sind. Einfältig »experimentell«-manipulativen Sozialwissenschaftlern mangelt es zu sehr an Demut wie auch an Witz, um

Georges Devereux (ca. 1932)

Georges Devereux (ca. 1932)

erkennen zu können, daß sie ihre Wahrheitsmaschinen mit vielfach von Menschen verunreinigten Daten füttern und – trotz zwanghaft exakter »Methodologie« – deshalb einzig die lokale zeitgenössische Folklore über unsere Gesellschaft umständlich, mühselig und vor allem unwissentlich neuentdecken“. Auch wenn Devereux die Beschäftigung der Forscher mit ihren Daten unter dem Aspekt von Übertragung und Gegenübertragung, also mit einem psychoanalytischen Vokabular untersucht, lässt sich dieses Werk auch als eine frühe Arbeit zur Theorie der Wissenschaft als subjektabhängige Beobachtung verstehen, die Devereux an zahllosen Fallbeispielen überwiegend aus Ethnologie und Psychiatrie, verdeutlicht. Dabei geht es ihm darum, dass verhaltenswissenschaftliche Daten regelmäßig angsterregend sind. Wird dies nicht bewusst, kommt es zu Gegenübertragungsreaktionen. In einer auf vermeintliche Objektivität orientierten Methodologie wird dies nicht nur nicht bemerkt, sondern die Methode selbst wird zum Mittel der Angstbewältigung.

Lobenswerterweise ist zum 110. Jahrestag dieses Buch im April in der Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse des Psychosozial-Verlags neu aufgelegt worden. Die Lektüre lohnt sich immer noch.

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar verfassen

Zur Werkzeugleiste springen